EWR 14 (2015), Nr. 6 (November/Dezember)

Adam Laats
The Other School Reformers
Conservative Activism in American Education
Cambridge (MA), USA: Harvard University Press 2015
(328 S.; ISBN 978-0674416710; 36,00 EUR)
The Other School Reformers Bildungspolitik ist – und da unterscheidet sie sich nicht von anderen Politikfeldern – immer eine Aushandlung von dem Beharren auf Althergebrachtem und dem Einführen von Neuem. In den USA ist jedoch das Thema der Bildungsreform stärker als in anderen Ländern mit Innovationen verknüpft, die alle einem bestimmten politischem Spektrum zuzuordnen sind. Bildungsreformen stehen für viele Amerikaner für Desegregation, Bürgerrechte, Affirmative Action, Religionsfreiheit und Meinungsvielfalt. Konservative Politiker tragen bis heute oftmals eine dezidiert bildungsskeptische Haltung vor sich her, um ihre in der Regel republikanische Anhängerschaft von sich zu überzeugen. George W. Bush konzentrierte sich in seinem Wahlkampf auf seine Zeit als Unternehmer und Baseball Club Besitzer, nicht auf seine Ausbildung an den Eliteuniversitäten Yale und Harvard. Donald Trump und Carly Fiorina pochen auf ihre Erfahrungen in der freien Wirtschaft. Rand Paul und Marco Rubio auf ihre Ausbildung an Universitäten der Südstaaten, weit weg von den liberalen Ostküsten-Elite-Universitäten.

Dieser Wahrnehmung von Bildung als liberalem Aktionsfeld setzt der Bildungshistoriker Adam Laats sein neues Buch entgegen, in dem er darlegt, dass „[...] a powerful tradition of educational conservatism has had a decisive role in shaping schools and culture“ (3). Er zeigt in einem Einleitungs-, einem Schluss- und fünf Hauptkapiteln, wie konservative Kräfte Einfluss auf die Bildungsideale und Bildungsinhalte an amerikanischen Schulen nahmen.

Im ersten Kapitel „What does Jesus Have to Do with Phonics?” widmet sich der Autor der Begriffsdefinition des „Educational Conservatism“, die darauffolgenden vier Kapitel durchmessen in chronologischer Reihenfolge das 20. Jahrhundert (7-24). Im zweiten Kapitel „Monkeys, Morality, and Modern America“ widmet er sich der wohl bekanntesten Kontroverse um schulpolitische Inhalte, dem im Jahr 1925 in Tennessee abgehaltenen Scopes Trial, in dem die Frage, ob Darwins Evolutionslehre in staatlichen Schulen unterrichtet werden dürfe, verhandelt wurde (25-72).

Neben Fragen der Religion sind es immer wieder Fragen des Demokratieverständnisses bzw. der Erziehung zur Demokratie, die konservative und progressive Reformer umtreiben. So auch in der im dritten Kapitel „Pulling the Rugg Out“ beschriebenen Debatte um die Sozialkunde-Bücher des Autors Harold Rugg. Seinen Publikationen wurde in den späten 1930ern und frühen 1940er mangelnder Patriotismus und die Verbreitung von kommunistischem und totalitärem Gedankengut vorgeworfen, da in seinen Büchern die USA mit anderen Nationen verglichen und ihre Einzigartigkeit und ihre allumfassende Vorbildfunktion in Frage gestellt wurde. Hier zeigt Laats, wie stark konservative Kritiker auf die Auswahl des Lehrmaterials Einfluss nehmen konnten und wie auch hier die progressive Bildungselite an den Universitäten (hier insbesondere der Columbia University) zum Hauptgegner der konservativen Akteure wurde (73-122).

In dem kalifornischen Pasadena angesiedelten vierten Kapitel „Rich, Republican, and Reactionary“ vermischt sich nun die Kommunismusfurcht der frühen 1950er Jahre mit Rassismus, der Wunsch nach Besitzstandswahrung der wohlhabenden Oberschicht mit der Furcht, das Wettrennen mit der Sowjetunion schon in den Schulen zu verlieren. Hier wird vor allem der Einfluss von Frauenorganisationen wie den Daughters of the American Revolution deutlich, die mit Zeit, Geld und Verbindungen gegen progressive Schulreformer wie den Superintendenten Willard Goslin und den Professor William Heard Kilpatrick vorgehen konnten (123-185).

Wie sehr sich die Konflikte zwischen konservativen und progressiven Kräften im Laufe des 20. Jahrhunderts verhärteten, zeigt das fünfte Kapitel „Save the Children“. Wurden Kritiker und Kritisierte in früheren Kontroversen entlassen oder traten selbst zurück, sah sich Superintendent Kenneth Underwood in West Virginia Mitte der 1970er nun mit Morddrohungen und Schießereien konfrontiert. Auch bei dieser Debatte ging es um die Inhalte von Schulbüchern. Wieder wollten konservative Bürgerinnen und Bürger ihre Kinder vor schädlichem Gedankengut schützen. Das Kapitel zeigt auch die gesteigerte Professionalisierung und das gewachsene Netzwerk, auf das konservative Kräfte bei ihren Protesten zurückgreifen konnten (186-236).

Das größte Verdienst dieses Buches liegt tatsächlich in der Umkehrung des Blicks auf Schulreformen in den USA. So offensichtlich es ist, dass dort, wo progressive Kräfte am Werk sind, sich konservativer Widerstand manifestiert, so sehr fehlt es doch an Literatur, die diese Geschehnisse aus Sicht der konservativen Kräfte schreiben und verschiedene Strömungen über Jahrzehnte hinweg in Zusammenhang bringen. Geschuldet ist dies sicherlich auch der Tatsache, dass den Übertreibungen und Zuspitzung republikanischer Politiker Wahrheit inne wohnt: die amerikanische Geschichtswissenschaft wird von progressiven Denkern dominiert. Laats selbst verortet sich zu Beginn seines Buches als progressiver Denker und Didaktiker (1), plädiert aber dafür, konservative Kräfte nicht als „Punch-and-Judy heroes or villains“ zu behandeln, sondern in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Zielen und Strategien konservativer Aktivisten zu treten (3). Ein Ziel, das in Zeiten sich verhärtender politischer Fronten in den USA auch im Feld der Wissenschaft selten und umso stärker zu würdigen ist.

Ein weiteres Verdienst des Buches liegt darin, eine Lücke in der Forschung zum American Conservatism aufzuzeigen. Die vier Fallbeispiele, die Laats vorstellt, sind schon an andere Stelle ausführlich besprochen worden, wie er selbst schreibt (4). Sie haben aber keinen Eingang in die einschlägigen Werke zur Geschichte des Konservatismus in den USA gefunden (9f). Ein erstaunlicher Befund und zentraler Grund für die Bedeutung dieses Buches, da wie oben angedeutet, Bildung seit vielen Jahrzehnten zu einem der Kampfbegriffe amerikanischer Wahlkämpfe zählt.

Die vom Autor betonte Bedeutung des Buches für die Erforschung des American Conservatism führt jedoch auch zu einer seiner zentralen Schwächen: Der Autor kann sich nur zu einer Minimaldefinition des Begriffs „conservative“ durchringen: „Educational conservatism has been the tradition of defending tradition itself“ (13). Alle anderen Charakteristika wie Anti-Kommunismus, Ablehnung von Desegregation oder Skepsis gegenüber staatlicher Einmischung definiert er zurecht als zeitlich begrenzte aber nicht allgemein gültige Elemente konservativen Denkens. Seiner Minimaldefinition fehlt es aber an Abgrenzung zu progressiven Reformbewegungen, denn auch diese berufen sich auf amerikanische Traditionen, z.B. der Freiheit und Gleichheit, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Auch bleibt sein Gebrauch des Wortes „progressive“ – an sich und in Abgrenzung zu Begriffen wie „liberal“ – völlig unkommentiert. Hier hätte das Buch durch eine stärkere Thematisierung des Wandels im konservativen Selbstverständnis an Überzeugungskraft gewonnen, um die Motive hinter den konservativen Aktionsbündnissen zu begreifen und in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen.

Dies führt mich zu meinem zweiten Kritikpunkt: Laats versäumt es, seine Beispiele in den jeweiligen historischen Kontext einzuordnen. Im Fall des Scopes Trials in den 1920ern erfährt der Leser nur in Nebensätzen vom Aufkommen neuer Wissenschaften wie der Evolutionslehre oder Eugenik (34, 50). Das Engagement des Ku Klux Klan wird nicht in den weiteren Kontext von Amerikanisierungsbemühungen, Anti-Immigrations-Gesetzgebung und nationalen Selbstfindungsprozessen eingeordnet (53-55). Die Furcht, dass „evolution education would lead to a breakdown in social morality“, wird zwar postuliert, es wird aber nicht erklärt, wie es zu dieser Angst kam (44). Im Fall der Textbücher von Harold Rugg muss sich der Leser die Ursprünge des Anti-Kommunismus in dieser Phase selbst erschließen (74, 77, 81). Wieso die Angst vor Jugendkriminalität, Sozialismus und Bildungsabstieg gerade in einer wohlhabenden Gemeinde wie Passadena Fuß fassen konnte, bleibt ebenfalls unerklärt (185). Im letzten Kapitel verortet er den Protest in West Virginia als Teil des konservativen „national trends“, erklärt jedoch nicht, woraus dieser Trend besteht (189). Auch eine Abgrenzung bzw. ein Inbeziehungsetzen der konservativen Strömungen zur politischen Parteienlandschaft umgeht er weitgehend (240f). Hinter diesen Auslassungen mag der Wunsch stehen, die rote Linie der konservativen Reformbewegungen zu betonen und herauszuarbeiten. Sie nehmen dem Buch jedoch an Überzeugungskraft und machen es schwer zugänglich für jene, die nicht in der amerikanischen Geschichte zu Hause sind.

Alles in allem liegt mit Laats „The Other School Reformers“ ein Buch vor, das endlich geschrieben werden musste und anderen Historikern hoffentlich Motivation und Anregung bietet, das Thema der „conservative reformers“ weiter zu verfolgen.
Anne Overbeck (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Overbeck: Rezension von: Laats, Adam: The Other School Reformers, Conservative Activism in American Education. Cambridge (MA), USA: Harvard University Press 2015. In: EWR 14 (2015), Nr. 6 (Veröffentlicht am 02.12.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/0674416710.html