EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

David R. Cole (Hrsg.)
Surviving Economic Crises through Education
Global Studies in Education, Vol. 11
New York u.a.: Peter Lang 2011
(267 S.; ISBN 978-1433114786; 26,20 EUR)
Surviving Economic Crises through Education Gegenwärtige Diskurse um Bildungspolitik und -reformen kreisen international um ähnlich gelagerte Allheilmittel, die als alternativlos zum Überleben in Wirtschaftskrisen verschrieben werden. Die Rezepte der bildungspolitischen Reformen beinhalten alle die inzwischen rund um den Globus bekannten bitteren Pillen der Kostenreduktion, Effizienzsteigerung und Marktförmigkeit. So unterschiedlich auch die Probleme und Herausforderungen moderner (und weniger moderner) Gesellschaften sind, so sehr werden sie mit derselben Panazee „Bildung“ überall begegnet.

Passend zur Metaphorik der Heilung und des Überlebens sowie den sich weltweit ausbreitenden „epidemischen“ Bildungspolitiken 1 wird der Umschlag des Sammelbands mit einem Bild des expressionistischen kalifornischen Künstlers Justin Bower mit dem Titel „Architecture of Infection“ illustriert. Das Bild steht sinnbildlich für die Art und Weise, wie gegenwärtige gesellschaftliche Tendenzen schleichend – gleichsam einer langsamen Infektion – optimale Lösungen im Bildungsbereich durch Konformismus und Kompromisse deplatzieren (1). Von der Philosophie Gilles Deleuze und Félix Guattaris (vgl. Kapitel 10 des Herausgebers) inspiriert, untersucht der Band das „Überleben von Wirtschaftskrisen mittels Bildung“ und thematisiert die „Brüche und Risse, durch die neue gesellschaftliche Tendenzen offen gelegt und sichtbar gemacht werden“ (2). Der Band stellt, so der Herausgeber, eine Suche dar nach ebendiesen „breaks and rupture points between economic crisis and education“ (7).

Die 267 Seiten des Sammelbandes sind auf 14 Kapitel verteilt; gerahmt werden sie von einem Vorwort von Stephen J. Ball „Foreword. Crisis and Attentiveness“, einer Einführung des Herausgebers sowie einem Nachwort des australischen Zukunftsforschers Marcus Bussey „Afterword. When No Crisis Is the Real Crisis! The Endless Vertigo of Capitalist Education“. Thematisch gegliedert in drei Teile behandeln die Beiträge Themen um die „Educational Responses to the Crisis“ (Teil 1), sie präsentieren auch drei interessante Fallstudien aus Argentinien (Teil 2), und schließlich diskutieren sie Fragen rund um „Educational Theory and Economic Crisis“ (Teil 3).

In die Thematik eingeleitet werden die Leserinnen von David R. Cole. In „Introduction to Surviving Economic Crises through Education“ führt er in das Thema der „survival narratives“ ein, die aus den Widersprüchen der Weltwirtschaftsordnung entstehen (3); diese seien, so der Autor, keinesfalls Teil einer natürlichen Ordnung. Bildung figuriert zentral, so Cole weiter, in solchen Narrativen seit der Antike. In der Gegenwart werden sie dazu genutzt, die passenden nützlichen Bürger und Kunden zu schaffen, die für die akzellerierte Weltwirtschaft gebraucht werden (5). Sich abwechselnde Phasen des wirtschaftlichen Auf- und Abschwungs haben nachhaltigen Einfluss auf Bildung, und Krisen produzieren Traumata, denn die „pädagogischen Konventionen, die oftmals während der Zeit starker Konjunktur konzipiert wurden, währen in Zeiten der Wirtschaftsabschwung weiter“; dies „wirkt als Schild und als rückschrittlicher Faktor hinsichtlich einer möglichen Anpassung in Bezug auf die aktuellen globalen Bedingungen, einschließlich des Aufbaus angemessener Bildungssysteme (6).

Vor diesem Hintergrund ist „die Aufgabe dieses Bandes“, so der Autor, „Wirtschaftskrisen mit Bildung in Verbindung zu bringen, ohne dass die durch Machtapparate entstandenen Masken, wie ‚der Bürger’ mit all seinen notwendigen Traumata, unser Verständnis der Arten und Weisen einschränken, wie Lehren und Lernen durch Krisen verändert werden“ (ebd.).

Im zweiten Kapitel, ‘‘Knowledge Economy, Economic Crisis and Cognitive Capitalism: Public Education and the Promise of Open Science“, diskutiert Michael A. Peters die Beziehungen zwischen der Wissensökonomie und Bildung in Zeiten des kognitiven Kapitalismus. Peters plädiert für eine Wiederaneignung und Entwicklung einer globalen Wissensallmende (global knowledge commons) als eine Möglichkeit des Überlebens von Wirtschaftskrisen durch Bildung. Peters erörtert die Theorie des kognitiven Kapitalismus um Fragen der immateriellen Arbeit zu rahmen, und so eine kritische Annäherung an das Überleben von Wirtschaftskrisen durch Bildung zu versuchen. Der Autor diskutiert die Idee einer offenen Wissenschaft (open science) als Versuch einer Wiederaneignung des Öffentlichen im Bildungsbereich. Open science lässt sich jedoch nicht nur als Mittel zur Wiederaneignung der globalen Wissensallmende verstehen, sondern ist auch ein Verbindungsglied zur Transformation öffentlicher Bildung. Sie spiele keine gegensätzliche, sondern eine komplementäre Rolle im transnationalen Wissenschaftsmarkt, so Peters (38).

Jim Crowther und Mae Shaw’s Beitrag (Kap. 3) – „Education for Resilience and Resistance in the ‚Big Society‘“ – argumentiert, dass es notwendig ist, die wirklichen Ursachen der gegenwärtigen Krise in den Fokus der Aufmerksamkeit zu bringen. Sie machen zwei verschiedene und dennoch miteinander verbundene Diskurse aus, welche dabei sind die Beziehung zwischen Staat, Markt und Bürger nachhaltig zu transformieren: einen moralisierenden Diskurs und einen unternehmerischen Diskurs. Die Autoren betonen, dass „resilience“ und „resistance“ am besten als kollektive Prozesse mit persönlichen und politischen Dimensionen verstanden werden. Bildung spiele, so Crowther und Shaw, eine gewichtige Rolle für das Engagement einer Gemeinschaft, Widerstand gegen diese mächtigen, aber entmachtenden Diskurse zu leisten.

Im vierten Kapitel, „Capitalist Crisis and Fascism: Issues for Educational Practice“, argumentiert Mike Cole, dass in Zeiten wirtschaftlicher Krisen Rassismus und rechte Ideologie an Boden gewinnen und diskutiert dies am Beispiel der British National Party; er zeigt wie nach der Wirtschaftskrise 2008 in Großbritannien ein starker politischer Ruck nach rechts möglich wurde. Vor dem Hintergrund des Konzepts einer inhärenten „Krise des Kapitalismus“ diskutiert Cole verschiedene für ihn notwendige Themenvorschläge für die Bildungspraxis: antikapitalistische, antifaschistische und sozialistische Bildung. Damit schließt der Autor an verschiedene Diskussionen und Entwicklungen eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ an, die vor allem seit der letzten Wirtschaftskrise nicht nur in Lateinamerika prominent wurde.

Das heilsversprechende Programm des „Teach for America“ [2] nehmen Gustavo E. Fischman und Victor H. Diaz in „Teach for What America? Beginning Teachers’ Reflections about Their Professional Choices and the Economic Crisis” (Kap. 5) unter die Lupe. Von den Arbeiten von Thomas S. Popkewitz inspiriert diskutieren die Autoren, dass obwohl in den Vereinigten Staaten von Amerika die Schwachstellen und Widersprüche neoliberaler Politik mit der Krise 2008 deutlich sichtbar wurden, die Antworten der Lehrerbildungsinstitutionen immer noch von einem managerialen, neoliberalen Paradigma gerahmt werden (81). Die Ergebnisse einer Untersuchung von 37 angehenden Lehrpersonen, die sich im Rahmen des Programms „Teach for America“ qualifizieren, zeigen, dass diese weiter an einer „Erlösungsnarrative“ (redemptive narrative, Popkewitz) festhalten, auch wenn sichtbar wird, dass durch die Wirtschaftskrise das Versprechen von Aufstieg durch Bildung für die meisten nicht eingelöst werden kann.

Patrick Carmichael und Kate Litherland’s Kapitel 6, „Transversality and Innovation: Prospects for Technology-Enhanced Learning in Times of Crisis“ erörtert alternative Möglichkeiten dafür, wie technologische und pädagogische Innovationen initiiert werden können, woher Expertise in Anspruch genommen werden kann und schließlich wie Technologie mit pädagogischen Umfeldern, Tätigkeiten und Ergebnisse zusammenhängt. Die Autoren diskutieren die Frage, ob und wie ein solches Neudenken von Lerntechnologie zu einer Innovation des Lernens in der Hochschulbildung führen kann. Hochschulbildung hat in den vergangenen Jahren sehr deutlich die Folgen der wirtschaftlichen Krise und fiskalischer Austerität gespürt und stellt einen der Bildungsbereiche mit den meisten Veränderungen dar. Die Autoren schlagen eine Verschiebung des Fokus von Innovation vor; Lerntechnologien sollen nicht als Mittel für Zusammenarbeit, sondern als Gegenstand von Bildungsanstrengungen gesehen werden. Die Grundlage hierfür bildet Pädagogik an sich.

Der zweite Teil des Bandes umfasst drei Fallstudien zu einem von Wirtschaftskrisen stark betroffenem Land: Argentinien. Die erste Fallstudie, von Silvina Gvirtz und Ana Laura Barudi verfasst (Kap. 7), beschreibt und analysiert die Auswirkungen der Krise auf drei Dimensionen des argentinischen Bildungssystems. In „When the Sun Does not Shine after the Rain: The Effects of the 2001 Crisis on the Education System of Argentina“ fokussieren die Autorinnen zum einen interne Effizienzparameter des Systems, zum anderen Schülerleistungen und schließlich untersuchen sie Unterschiede in den Bedingungen von Lehren und Lernen. Ihre Hypothese ist, dass sich durch die 2001-Krise diese drei Dimensionen verschlechtert haben. Während der wirtschaftliche Aufschwung sich relativ schnell wieder einstellte, ließen die Zeichen der Erholung im Bildungsbereich wesentlich länger auf sich warten (130).
Kapitel 8 von Ana Inés Heras – “Struggle for Agency in Contemporary Argentinean Schools” – argumentiert, dass die Logik der Gleichsetzung von Familien mit Verbrauchern und die Rahmung Bildung als Ware in einem Bildungsmarkt mit dem Diskurs über die Vorteile der Globalisierung verbunden ist, welcher in Argentinien offen in den 1990er Jahren aufgegriffen wurde und heute immer noch vorherrscht. Die Krise des Jahres 2001 hat diese Sichtweise auf Bildung verstärkt und die Kluft zwischen der Vorstellung von Bildung als „commodity“ und als Recht des Individuums breiter gemacht. Wie die Ergebnisse ihrer Aktionsforschung im Nordwesten Argentiniens zeigen, bleibt die Handlungsfähigkeit von Familien zwischen diesen beiden gefangen, ohne dass sie für Veränderungen sorgen könnten. Heras resümiert, dass das Überleben von Wirtschaftskrisen davon abhängt, wie diese zwei Positionen überbrückt werden können.

Silvia Grinberg und Eduardo Langer’s Kapitel 9, “Education and Governmentality in Degraded Urban Territories: From the Sedimented to the Experience of the Actual”, präsentiert ein Projekt in den Favelas in der Region Buenos Aires. Von Foucault, Deleuze und Guattari inspiriert diskutieren die Autoren wie – in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krise – Schülerinnen und Schüler die Schule als Ort der Hoffnung und Begehren für sich beanspruchen. Die Autoren resümieren: wo Krise zur Norm wird, stellt die Schule vielerorts trotz der vielen Widersprüche und Spannungen die stabilste Institution dar.

Den dritten Teil des Sammelbandes eröffnet David R. Cole mit dem Beitrag “Doing Work as a Reflection of the Other: Notes on the Educational Materialism of Deleuze and Guattari” (Kap. 10). In diesem Kapitel analysiert Cole die jüngsten Wirtschaftskrisen durch eine philosophische Brille, die – Deleuze und Guattari aufgreifend – einen Fokus auf gegenwärtige dominante „Arbeitsregimes“ (die er im „Accelerated Schizophrenic Capitalism“ ausmacht) und die Implikationen derselben auf Bildung als Praxis ermöglicht. Diese Arbeitsregime werden zunehmend durch die Mechanik eines deterritorialisierenden, postindustriellen globalen Kapitalismus bearbeitet, so der Autor, und sein Einfluss erstreckt sich über den subjektivierenden Kern dessen, was es bedeutet, im Arbeitsregime zu existieren ggf. diesem zu entkommen bis hin zu der Möglichkeit, innerhalb dieser Regime Fragen nach Freiheit zu formulieren und zu stützen.

Im elften Kapitel – „The Crisis of Mutative Capitalism: Holey Spaces, Creative Struggle and Educative Innovations“ – thematisieren Robert Haworth und Abraham P. DeLeon die mutierenden Charakteristika des Kapitalismus und die Demontage des Öffentlichen in der Wirtschaftskrise. In einem Versuch, den dominanten politischen Narrativen der Privatisierung und der freien Märkte zu entkommen, entwerfen sie Subjektpositionen – Nomade, Vagabund und Schmied – die das Potential haben, aus dieser dominanten Realität auszubrechen und ein Neudenken von Lebens- und Lernbedingungen aufkeimen zu lassen.

In „The Current Dynamics of Professional Expertise: The Movable Ethos, Pathos, and Logos of Four Norwegian Professions“ thematisiert Torill Strand in Kapitel 12 die Transformationen von Professions(wissen) von Lehrern und Krankenschwestern, Auditoren und Computeringenieuren in globalen Wissensökonomien. Entlang soziologischer (Ethos), diskursiver (Pathos) und semiotischer (Logos) Perspektiven diskutiert die Autorin die Dynamiken dieser Transformationen.

R. Scott Webster stellt in seinem Kapitel – „Educating the Person for Democratic Participation“ – die Rationalität für die Vergesellschaftung von Kindern und jungen Menschen und deren Eingliederung in moderne Gesellschaften in den Vordergrund. Gegenwärtig stellt ökonomische Integration über den Arbeitsmarkt die primäre Begründung hierfür, oder wie Webster schreibt: „the ontology of such societies […] encourages them to primarily seek entry into the economic world.“ (213) In seinem Kapitel knüpft Webster an die Arbeiten von John Dewey an um zu untersuchen, wie ein Fokus auf die Ontologie von Bildung, das heißt, welche Art von Persönlichkeiten durch pädagogische Erfahrungen gefördert werden, einen Beitrag zur Prävention solcher Krisen leisten könnte.

Jason J. Wallin schließt den dritten Teil des Buches mit Kapitel 14, „Remachining Educational Desire: Bankrupting Freire’s Banking Model of Education in an Age of Schizo-Capitalism“. Felix Guattaris „Plan for the Planet“ und Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“ bilden den Ausgangspunkt für Wallins Überlegungen dazu, wie Bildung (hier in der Bankier-Konzeption) selbst als Barriere für freiheitliche und befreiende Bildungserfahrungen wirken kann. Der Autor argumentiert, dass im Kontext der gegenwärtigen Wirtschaftskrise Freires Konzeptualisierungen nicht länger ausreichend sind um die komplexen Kräfte der integrierten globalen Wirtschaft zu verstehen.

Marcus Bussey’s “Afterword. When No Crisis Is the Real Crisis! The Endless Vertigo of Capitalist Education“ rundet den Band ab. Er weist auf die Parallelität von Wirtschafts- und Bildungskrise und die permanente Angst und Unruhe, die das für Bildungssysteme bedeutet. Für die kapitalistische Moderne ist, so Bussey, ein sozioökonomisches Gefüge begründet, für das die Unruhe der rastlosen Kapitalformationen die Regel darstellt. In diesen, so der Autor weiter, wird der Mensch ständig von einem auf andere Teile des Systems verschoben, um das Schwindelgefühl beizubehalten, welche seine Erhaltung erst ermöglicht. Aus dieser Perspektive wäre die echte Krise, dass es überhaupt keine Krise gibt (253).

Sammelbände leiden oftmals an den Qualitätsunterschieden ihrer Beiträge; dies ist auch hier der Fall. Auch ist das Buch für Studienanfänger oder als Seminarlektüre meines Erachtens nicht geeignet, da die Themen und Diskussionen des Bandes fundierte Kenntnisse der philosophischen/theoretischen Referenzen der Beiträge – Foucault, Deleuze, Guattari – voraussetzen.

Was an dem Band überzeugt, ist die konsequente Perspektive auf Bildung und Wirtschaftskrise außerhalb des Mainstreams erziehungswissenschaftlicher Forschung, die Kerngedanken aus anderen Disziplinen aufnimmt und für die Diskussion pädagogischer und erziehungswissenschaftlicher Fragen fruchtbar macht. Das Buch irritiert und regt zum Denken an und leistet so einen wichtigen Beitrag für die gegenwärtige akademische Debatte um die Transformationen im Bildungsbereich in der International Vergleichenden Erziehungswissenschaft. Bildung – so eine Lesart des Bandes – muss nicht zwingend nur Teil einer defensiven Haltung und Strategie sein, sondern birgt ein konstruktives – und warum nicht, subversives – Potential für das Überleben von Wirtschaftskrisen.

[1] vgl. Levin, B. (1995): An Epidemic of Education Policy: (what) can we learn from each other? In: Comparative Education, Vol. 34, Nr. 2, 131-141.
[2] siehe die Webseite der Initiative „Teach for America“ Online unter: http://www.teachforamerica.org/ [zuletzt 25. 03. 13].
Marcelo Parreira do Amaral (Frankfurt am Main)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marcelo Parreira do Amaral: Rezension von: Cole, David R. (Hg.): Surviving Economic Crises through Education, Global Studies in Education, Vol. 11. New York u.a.: Peter Lang 2011. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/1433114786.html