EWR 15 (2016), Nr. 4 (Juli/August)

Bernd Ahrbeck / Stephan Ellinger / Oliver Hechler / Katja Koch / Gerhard Schad
Evidenzbasierte Pädagogik
Sonderpädagogische Einwände
Stuttgart: Kohlhammer 2016
(143 S.; ISBN 3-17-030778-0; 26,00 EUR)
Evidenzbasierte Pädagogik Während im internationalen Fachdiskurs und vor allem im angloamerikanischen Raum die Idee einer evidenzbasierten Praxis bereits seit längerem die Forschungsdebatten dominiert, ist das Thema im deutschsprachigen Raum vergleichsweise spät und dabei zugleich merklich unkritisch aufgegriffen worden. Der bis dato einzige Versuch einer umfassenden kritischen Reflexion aus erziehungswissenschaftlicher Sicht von Johannes Bellmann und Thomas Müller stammt aus dem Jahr 2011 [1].

Gerade in der Sonderpädagogik nimmt die für die Disziplin konstitutive Frage nach der Wirksamkeit spezieller Fördermaßnahmen seit jeher einen prominenten Stellenwert in der Diskussion ein, wobei mittlerweile auch hier der Evidenzbegriff Einzug gehalten hat [2]. Trotz einiger kritischer Stimmen fehlt es allerdings bis dato an einer systematischen fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung im Kontext der Sonder- und Inklusionspädagogik. In diese Lücke stößt also das vorliegende Werk vor, das eine Kritik an der evidenzbasierten Pädagogik aus sonderpädagogischer Sicht formulieren möchte. In der Einleitung wird angekündigt, die Angemessenheit des evidenzbasierten Paradigmas für die Theorie und Praxis der Erziehung zu hinterfragen und einen „pädagogisch begründeten Gegenentwurf zu formulieren. Gewagt wird somit die Wiederaneignung der Sache der Pädagogik durch die Pädagogik selbst“ (7). – Dieses Anliegen, soviel kann vorweggenommen werden, gelingt mit dem vorliegenden Werk sehr überzeugend.

Der Band enthält insgesamt fünf Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch mit der Frage der Evidenzbasierung in der Pädagogik auseinandersetzen. Dabei nehmen die ersten beiden Beiträge mit gut 80 Seiten einen erheblichen Raum ein und umfassen mehr als die Hälfte des vorliegenden Werkes.

Im ersten Beitrag bietet Katja Koch einen profunden Überblick zur thematischen Einführung. Die Autorin skizziert das Programm einer evidenzbasierten Pädagogik und die zunehmende Adaption von evidenzbasierter Forschung und Praxis in der akademischen Sonderpädagogik. Allerdings sei festzustellen, dass sich aus dem sonderpädagogischen Fachdiskurs kein „konsistentes oder gar eigenständiges sonderpädagogisches Verständnis von Evidenz“ (23) ableiten ließe. Insbesondere die die zunehmende Verflechtung der Politik wird kritisch in den Blick genommen und die Folgen für das Verhältnis von Forschung und Praxis der Sonderpädagogik kritisch hinterfragt.

Im Mittelpunkt des Beitrags von Oliver Hechler steht die theoretische Entwicklung und Begründung der pädagogischen Profession. Die Überlegungen reflektieren kritisch das naturwissenschaftlich orientierte Verständnis von Empirie und Wissenschaft, das dem evidenzbasierten Ansatz unterliegt. Die erkenntnis- und konstitutionstheoretische Argumentation führt schließlich zu einem Gegenentwurf, der Pädagogik als Erziehungskunst dem evidenzbasierten Technologieverständnis entgegenstellt.

Bernd Ahrbeck exemplifiziert im dritten Beitrag die Dominanz evidenzbasierter Ansätze anhand der Therapie bei Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen. Der sich auf evidenzbasierter Wirksamkeitsforschung gründende multimodale Therapieansatz stelle einen „Reparaturgedanken“ (87) in den Vordergrund, der auf eine standardisierte Symptombehandlung fokussiere und dabei „die pädagogische Komplexität in hohem Maße reduziert“ (92). Gleichzeitig erscheint der „Absolutheitsanspruch“, mit dem der Ansatz vertreten wird, durchaus fragwürdig, nicht zuletzt, da das zugrundeliegende ätiologische Modell erhebliche Inkonsistenzen aufweise und auch der empirische Forschungsstand keine Überlegenheit des multimodalen Verfahrens zu belegen vermag.

In folgenden Beitrag geht Stephan Ellinger von der Kernthese aus, dass die gegenwärtige Politik der Inklusion bei gleichzeitig zunehmender Ökonomisierung der Bildung zur nachteiligen Entwicklungen an den Schulen und Hochschulen führe. Der Autor entlarvt eine Reihe der gegenwärtigen Ideologien, die dem akademischen Betrieb unterliegen und dabei nicht nur weite Bereiche der wissenschaftlichen Forschung dominieren, sondern gerade auch das Verständnis der modernen Lehrerbildung. Die zunehmende Ausrichtung der Sonderpädagogik am evidenzbasierten Paradigma erweise sich dabei geradezu als kontraindiziert, da sie einseitig formale gegenüber inhaltlichen Aspekten betone. Als inhaltliche Bezugspunkte der sonderpädagogischen Förderung sozial benachteiligter Kinder verweist der Autor auf die „Beziehungsarbeit und emotionale Entwicklungshilfe“ (117). Die damit zugleich implizierte Schulung und Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen seitens der Fachkräfte finde in den Lehramtsstudiengängen bis dato kaum hinreichende Berücksichtigung. Als Ziel der modernen Lehrerbildung wird daher die Entwicklung und Reflexion einer pädagogischen Grundhaltung formuliert. So wird gewissermaßen ein Gegenmodell entworfen zu einer zunehmend fachwissenschaftlich ausgerichteten Lehrerbildung in der Gegenwart.

Der vorliegende Band schließt ab mit einigen aphoristischen Betrachtungen („Miniaturen“, wie sie der Autor selbst nennt), in denen Gerhard Schad die gegenwärtige Diskussion um Evidenzbasierung von Forschung und Praxis als Ausdruck allgemeiner zeitgenössischer Signaturen der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung betrachtet, wobei sich das Thema der Ökonomisierung der Gesellschaft wie ein Grundmuster durch den Text zieht und schließlich zu der Erkenntnis führt, dass die evidenzbasierte Pädagogik eine der wesentlichen Fragen nicht beantworten kann, nämlich jene nach den Inhalten und Zielen von Erziehung und Bildung.

Das Buch liest sich wie ein eindringliches Mahnwort gegen zeitgenössische Fehlentwicklungen, in denen die Ökonomisierung längst auch das Erziehungs- und Bildungssystem der Gesellschaft durchdrungen hat und die pädagogische Praxis unter marktwirtschaftlichen Vorzeichen zunehmend deformiert. Überzeugend gelingt es, dem gegenwärtigen Mainstream der Sonderpädagogik eine genuin pädagogische Argumentation entgegenzusetzen, die auf den Kern der pädagogischen Sache rückverweist und diesen gegenüber der zunehmenden Deformation durch Ökonomisierung und auch gegenüber den Übergriffigkeiten anderer Disziplinen sowie simplen technologischen Ableitungen verteidigt. Getragen werden die vorliegenden Beiträge durch eine gemeinsame grundlegende Kritik am evidenzbasierten Paradigma, die sich aus der Inadäquatheit des Modells für die Erziehungs- und Förderpraxis herleitet. Die notwendige Komplexitätsreduktion, auf die sich die standardisierten und technologischen Methoden einer evidenzbasierten Pädagogik gründen, kann der Überkomplexität von Erziehungs- und Bildungsprozessen nicht gerecht werden. Damit geraten zugleich das positivistische Wissenschaftsverständnis sowie das zugrundeliegende Menschenbild des evidenzbasierten Paradigmas in die Kritik, das Menschen „mehr oder weniger als triviale Ursache-Wirkungs-Maschine(n)“ (6) betrachtet.

Die Kritik am evidenzbasierten Ansatz wird in den Einzelbeiträgen aus einer klaren pädagogischen Positionierung heraus formuliert. Dabei wird es allerdings versäumt, das evidenzbasierte Paradigma vor dem Hintergrund des inklusiven Erziehungs- und Bildungsauftrags zu reflektieren. Die entscheidende Frage, inwieweit evidenzbasierte Fördermaßnahmen tatsächlich als inklusive Fördermaßnahmen zu betrachten sind [3], wird nicht vertieft, obschon aus kritischer Betrachtung genau hieran erhebliche Zweifel angemeldet werden können [4]. Hier wäre es sicherlich auch reizvoll, dem in erster Linie methodologisch argumentierenden evidenzbasierten Forschungsparadigma auch auf der gleichen Argumentationsebene zu begegnen, indem zum Beispiel die konkrete Frage nach der Methodik einer inklusionsorientierten Forschung [5] zu diskutieren wäre.

Das vorliegende Werk ist sehr wichtig und längst überfällig, denn es setzt ein deutliches, wenn auch verspätetes Signal zur kritischen Reflexion und Selbsthinterfragung gegenwärtiger Forschungspraktiken. Dabei steht sehr viel mehr auf dem Spiel als der rein akademische Wettbewerb um die Deutungshoheit für die „richtigen“ oder „wirksamsten“ Fördermaßnahmen; es geht zugleich um die Autonomie der Wissenschaft, deren Freiheit in Forschung und Lehre infolge steuerungspolitischer Übergriffigkeiten mehr denn gefährdet erscheint.

[1] Bellmann, J. / Müller, T. (Hrsg.): Wissen, was wirkt: Kritik evidenzbasierter Pädagogik. Wiesbaden: VS Sozialwissenschaften, 2011.

[2] vgl. exemplarisch: Odom, S. L. / Brantlinger, E. / Gersten, R. / Horner, R. H. / Thompson, B. /Harris, K. R. (2005): Research in Special Education: Scientific Methods and Evidence-Based Practices. In: Exceptional Children 71 (2), 137-148.

Cook, B. G. / Schirmer, B. R. (Eds.): What Is Special about Special Education?: Examining the Role of Evidence-Based Practices. Austin: pro-Ed, 2006.

[3] Huber, C. / Grosche, M.: Das response-to-intervention-Modell als Grundlage für einen inklusiven Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik. Zeitschrift für Heilpädagogik, 63 (2012) 8, 312-322.

[4] Ferri, B. A.: Undermining inclusion? A critical reading of response to intervention (RTI). In: International Journal of Inclusive Education, 16 (2012) 8, 863-880.
Rödler, P.: RTI – ein Konzept der Entkulturierung von Lernen. In: Amrhein, B. (Hrsg.), Diagnostik im Kontext inklusiver Bildung. Theorien, Ambivalenzen, Akteure, Konzepte. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 232-242.

[5] Buchner, T. / Koenig, O. / Schuppener, S. (Hrsg.): Inklusive Forschung: Gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten forschen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2016.
Marc Willmann (Linz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marc Willmann: Rezension von: Ahrbeck, Bernd / Ellinger, Stephan / Hechler, Oliver / Koch, Katja / Schad, Gerhard: Evidenzbasierte Pädagogik, Sonderpädagogische Einwände. Stuttgart: Kohlhammer 2016. In: EWR 15 (2016), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2016), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/17030778.html