EWR 4 (2005), Nr. 3 (Mai/Juni 2005)

Lehren und Lernen unter soziokulturell heterogenen Bedingungen - Eine Sammelbesprechung

Britta Günther / Herbert Günther
Erstsprache und Zweitsprache
Einführung aus pädagogischer Sicht
Weinheim/Basel: Beltz 2004
(157 S.; ISBN 3-407-25343-5; 18,90 )
Paul Mecheril
Einführung indie Migrationspädagogik
Weinheim/Basel: Beltz 2004
(240 S.; ISBN 3-407-25352-4; 14,90 )
Nakiye Avdan Boyacigiller / Richard Alan Goodmann / Margaret E. Phillips
Crossing cultures: Insights from Master Teachers
New York/London: Routledge 2003
(331 S.; ISBN 0-415-30819-4)
Erstsprache und Zweitsprache Einführung indie Migrationspädagogik Crossing cultures: Insights from Master Teachers Eine der Sorgen von Universitätslehrenden ist das Finden von wissenschaftlichen Texten, die (abgesehen von Texten, die eine frühere Generation oder Epoche repräsentieren) zugleich in den neuesten Stand der Forschung einführen und aus Sicht der Studierenden lesbar und "brauchbar" sind – wobei der Begriff der Brauchbarkeit zu einer ganzen Reihe von Diskussionen Anlass geben könnte, die hier fehl am Platz wären.

Die zu besprechenden Bücher behandeln unterschiedliche Problemfelder aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln (Pädagogik, Sprachwissenschaft, Psycholinguistik und Sozialpsychologie) und haben doch eines gemeinsam: Sie befassen sich alle drei mit dem Lehren und Lernen unter soziokulturell und sprachlich heterogenen Bedingungen sowie mit dem Erwerb möglichst effektiver kommunikativer Kompetenzen.

Günther/Günther legen aus pädagogischer Sicht eine Einführung in die Thematik des Erwerbs der Erstsprache und der Zweitsprache vor. Das Thema des Erwerbs einer Zweitsprache (in Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz ist die deutsche Sprache für Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund keine Fremdsprache, sondern eine Zweitsprache) ist in deutschsprachigen Ländern seit Beginn der 1970-er Jahre Gegenstand von empirischen Untersuchungen, sprachdidaktischen Modellen und pädagogischen Diskussionen. Wie bei zahlreichen anderen Veröffentlichungen der letzten vier Jahre haben die Ergebnisse von PISA (Lesekompetenzstudie) zusätzliche Argumente geliefert, um sich erneut diesem Thema zu widmen. Im Lichte der PISA-Resultate, die deutlicher und öffentlichkeitswirksamer als je zuvor gezeigt haben, wie es um die sprachlichen Kompetenzen der 15-jährigen aus weniger privilegierten Familien (nicht nur aus Migrantenfamilien) steht, unternimmt diese Einführung den Versuch, die Beschreibung des linguistischen und pädagogischen Sachverhalts zu beschreiben und mit neuen Akzenten pädagogische und didaktische Wege aufzuzeigen. Die Autoren beziehen sich ausdrücklich auf die Empfehlungen der KMK von 1994 zur Arbeit in den Grundschulen. Darin geht es unter anderem um den Bildungsauftrag der Schule, alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen zu fördern.

Für die Autoren stehen strukturelle Reformen nicht im Vordergrund: "Wichtiger als formale und organisatorische Veränderungen sind eine intensive Sensibilisierung, eine mentale Wende und vor allem eine Kompetenzerweiterung aller pädagogisch Verantwortlichen hinsichtlich der Bedeutung der gesprochenen Sprache für das Erlernen von Lesen und Schreiben und dem Erwerb von fremden Sprachen" (9). Der Aufbau der Einführung folgt dem zu erwartenden Schema: Begriffliche Grundlagen; empirische Befunde; Erstsprache; Zweitsprache; Voraussetzungen zum Erwerb der Schriftsprache. Besonders erwähnenswert ist das kurze Kapitel "Empirische Befunde". Darin wird u.a. über die bisher nicht gerade zahlreichen empirischen Untersuchungen zum Erwerb der deutschen Sprache im Vergleich zwischen Schülern, die Deutsch als Erstsprache und solchen, die Deutsch als Zweitsprache haben, berichtet.

Die bisher angewandten Kriterien für das Testen der sprachlichen Kompetenzen werden von den Autoren als nicht immer angemessen beurteilt. Aus der Übersicht über die empirischen Befunde geht eindeutig hervor, dass sich hier eine gewaltige Forschungslücke auftut, die es zu füllen gilt. Geeignete Testinstrumente müssen entwickelt werden, um die gesamte sprachliche Kompetenz (einschließlich der Kompetenzen in der Erstsprache von zwei- oder mehrsprachigen Kindern) zu erfassen. Erstaunlich mutet an, dass die diesbezüglichen Arbeiten des Europarates, namentlich der Europäische Referenzrahmen und das Europäische Sprachenportfolio, das just die Komplexität der sprachlichen Kompetenzen zu erfassen ermöglicht, keine Erwähnung finden, obwohl die Fachliteratur nicht mehr darum herum kommt, diese sprachwissenschaftlich basierten Beurteilungsinstrumente einzubeziehen.

Insgesamt bietet das Bändchen von Günther/Günther eine sehr brauchbare und lesbare Einführung in die Hintergründe und Implikationen des Spracherwerbs unter mehrsprachigen Bedingungen. Es eignet sich sehr gut für Lehrveranstaltungen insbesondere der Lehramtsstudiengänge und für Prüfungsvorbereitungen; aber auch Lehrpersonen, die schon länger im Schuldienst sind, und nicht zuletzt Eltern können davon profitieren.

Seine Einführung in die Migrationspädagogik versteht Paul Mecheril als Ergänzung zu bereits länger bestehenden Standardwerken (Büchern und Aufsätzen) über interkulturelle Pädagogik, eine Richtung der Pädagogik, die in Westeuropa seit Mitte der 1970-er Jahre in der Diskussion ist. Nach Meinung des Verfassers gehe interkulturelle Pädagogik von einer Definition der kulturellen Vielfalt und Differenz aus, die ausschließlich migrationsbedingt sei. Um diese These zu belegen, führt er drei Zitate bekannter deutscher Autoren an (16). Diese Grundsatzthese hat einen Haken: Mecheril zitiert an dieser Stelle willkürlich drei Aussagen, zwei davon sind ältere Definitionen (Hohmann 1989 und Prengel 1993), eine ist lediglich die sachlich nicht unrichtige Feststellung, dass interkulturelle Pädagogik auf Folgen der Arbeitsmigration zurückgehe (Auernheimer 2003). Ganz außerhalb dieser Betrachtung bleiben Definitionen, Argumentationslinien und Autoren, die vor allem seit Beginn der 1990-er Jahre in Deutschland und nicht nur in Deutschland die verschiedenen Formen der soziokulturellen Pluralität (neben der Arbeitsmigration: europäische Integration, intrakulturelle, intranationale sowie internationale Pluralität, Mobilität, Globalisierung, kurz – alle Ursachen und Erscheinungsformen der soziokulturellen und sprachlichen Vielfalt, wie sie sich in der heutigen Welt zeigen) analysieren und die interkulturelle Pädagogik als notwendige pädagogische Erweiterung der allgemeinen Bildung definieren, die mit allen Manifestationen der Pluralität arbeitet. Kaum verständlich ist es, dass im Text und in der Literaturliste jeglicher Hinweis auf die Empfehlungen der KMK von 1996 zur interkulturellen Bildung und Erziehung fehlt. Ein solcher Hinweis wäre überaus wichtig, gerade, um zu zeigen, dass der neueste Stand der theoretischen Diskussion sich bildungspolitisch niederschlägt – nicht folgenlos bleibt. Diese anfängliche Schieflage ist des Verfassers Standpunkt, von dem aus er begründet, warum es notwendig ist, eine Pädagogik der Migration aufzubauen. Das Buch ist so aufgebaut, dass sieben Kernprobleme aufgegriffen und erörtert werden. Die inhaltlich anregenden Titel der Kapitel lauten: 1. Migrationspädagogik, 2. Grenze und Bewegung, 3. Die Ordnung des pädagogischen Diskurses über natio-ethno-kulturelle Andere, 4. Was ist "interkulturelle Kompetenz"? 5. Die Schlechter-Stellung Migrationsanderer, 6. Kritik der Fremdheit, 7. Anerkennung und Verschiebung von Zugehörigkeitsordnungen. Im Verlauf der Erörterung macht Mecheril die anfängliche Missachtung des neuesten Forschungsstandes wieder gut, indem er die theoretische Diskussion über den Stellenwert der sozial konstruierten kulturellen Differenz neben allen anderen Merkmalen der Vielfalt einbezieht und kommentiert (118, 122, 162). Als Ansätze einer Neuorientierung nennt er die Mehrsprachigkeit und die selbstreflexive Schule, worauf er ausführlicher eingeht (165ff.).

Mecherils Einführung in die Migrationspädagogik wirft relevante Fragen auf und bietet viele Möglichkeiten der angeregten Diskussion. Der Verfasser setzt eine Diskussion über die Pädagogik für/mit Migranten (nicht: Ausländerpädagogik) fort, die infolge des Postulats einer interkulturellen Bildung für alle etwas in den Hintergrund geraten war. Als Text für Studierende ist das Buch teilweise sehr geeignet, allerdings unter der Bedingung, dass ergänzend Texte, die den neuesten Stand der Debatte über interkulturelle Pädagogik und Pädagogik der Pluralität, der Diversität u. ä., herangezogen werden. Duktus und Stil sind ungleich und erwecken den Eindruck, dass das Manuskript eine längere Entstehungsgeschichte hat. Auf Studierende, die nicht die vertiefte und historische Kenntnis der Literatur und somit den Überblick der Spezialisten haben können, dürften manche Stellen kryptisch wirken. Der/die Lehrende muss an vielen Stellen einiges an Ergänzung und Erklärung bieten können.

Einen ganz anderen Zuschnitt hat die Buchpublikation von Boyacigiller/Goodman/Phillips. Die Autoren sind bekannte Forscher/innen auf dem Gebiet der interkulturellen Psychologie und Kommunikation. Der Sammelband enthält 27 Beiträge von insgesamt 28 Autorinnen aus den Vereinigten Staaten (mehrheitlich), Kanada, China, der Türkei, Deutschland und der Schweiz, deren gemeinsames Anliegen es ist, den theoretischen Rahmen zum Themenkomplex Kultur / kulturelle Differenz / interkulturelle Kommunikation / interkulturelle Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung zu aktualisieren und offen zu legen sowie offene Fragen und neue Aufgabe für Forschung und Lehre aufzuzeigen. Selbst wenn das Buch bereits 2003 erschienen ist, lohnt sich die Auseinandersetzung damit. In der deutschen Diskussion und Forschung über interkulturelle Bildung, interkulturelle Kompetenz und Lehrerbildung kann der Forschungsstand so resümiert werden: Es liegt ein Korpus theoretischer und empirischer Forschungen (in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich in Umfang und Qualität) vor.

Die Bildungspolitik hat in den meisten Bundesländern und auf KMK-Ebene die Idee rezipiert, dass die Fähigkeit, produktiv mit Interkulturalität zu interagieren zu den prominenten Zielen der allgemeinen Bildung und zum Bildungsauftrag der Bildungsinstitutionen gehört. Aber es fehlt in deutschsprachigen Ländern – mit wenigen Ausnahmen - an einem differenzierten Korpus von Literatur zum Thema der Didaktik der interkulturellen Kompetenz sowohl für schulische als auch für außerschulische Lernsituationen. Lehrpläne sind begrifflich und hinsichtlich der Zielsetzungen interkulturell angereichert, aber nirgendwo steht, wie die Umsetzung erfolgen kann. Das von Boyacigiller und Kollegen herausgegebene Buch wirkt aus deutscher Perspektive auf der theoretischen Ebene erfrischend, weil die Terminologie und der Stil angelsächsischen Pragmatismus (der aber nie oberflächlich ist) versprühen.

Der hier vertretene Kulturbegriff geht aus einer Analyse der gesellschaftlichen Realität hervor, die breit und komplex ist. Neben den bekannten Phänomenen der Migration, der Minderheiten, der allgemeinen gesellschaftlichen Hybridität und den mehrfach zusammengesetzten Identitäten wird hier auch die Welt der geschäftlichen interkulturellen Beziehungen und der damit verbundenen kommunikativen und Bildungsaufgaben in den Blick genommen. Die vorgestellten Beispiele von Lehreinheiten sind jeweils mit Angaben über das Zielpublikum versehen. Detaillierte Angaben über die Durchführung und selbstkritische Anmerkungen gehören dazu. Die Modelle gehen über das hinaus, was unter "Interkulturelles Training" verstanden und oft zu Recht kritisiert wird, weil zu plakativ und zu wenig reflektiert (vgl. etwa Mecheril 2004, 108ff.). Das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an, zum Beispiel Fachleute, die in der betrieblichen Weiterbildung tätig sind. Es eignet sich jedoch bestens auch für Lehrveranstaltungen an Universitäten und Fachhochschulen. Denkbar ist der Einsatz in Lehramtsstudiengängen sowie in Magister-, Diplom- und Masterstudiengängen des Typs "Interkulturelle Kommunikation und Bildung". Der/die Lehrenden können daraus viele theoretische Anregungen schöpfen sowie Ideen für Übungen und Diskussionen verwenden. Einzelne Kapitel eignen sich als Text, den Studierende selbstständig bearbeiten, um auf dieser Grundlage eine Sitzung zu gestalten. Last but not least sticht hervor, dass die Herausgeber sich wünschen, den Kreis der Kolleginnen, die in ihrem Sinne forschen und lehren, noch internationaler zu gestalten. Eine solche interkulturelle und internationale Öffnung (oder zumindest das Streben danach) würde man sich bei mancher deutschsprachigen, einschlägigen Publikation wünschen.



Zur Zitierweise der Rezension:

Cristina Allemann-Ghionda: Lehren und Lernen unter soziokulturell heterogenen Bedingungen – Eine Sammelbesprechung: Günther, Britta/Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache: Einführung aus pädagogischer Sicht. Weinheim/Basel: Beltz 2004; Mecheril, Paul: Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim/Basel: Beltz 2004 (Beltz Studium); Boyacigiller, Nakiye Avdan/Goodman, Richard Alan/Phillips, Margaret E. (Hrsg.): Crossing Cultures: Insights from Master Teachers. New York/London: Routledge 2003. In: Erziehungswissenschaftliche Revue 4 (2005). Nr. 3 (Veröffentlicht am 03.06.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/40725343.ht...


Cristina Allemann-Ghionda (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Cristina Allemann-Ghionda: Rezension von: Günther, Britta / Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache, Einführung aus pädagogischer Sicht, Weinheim/Basel: Beltz 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 3 (Veröffentlicht am 20.05.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/40725343.html