EWR 2 (2003), Nr. 2 (März/April 2003)

Hans Eberwein/Sabine Knauer (Hrsg.)
Integrationspädagogik
Kinder mit und ohne Beeinträchtigung lernen gemeinsam
Weinheim/Basel: Beltz Verlag 2002
(534 Seiten; ISBN 3-407-83152-8; 38,00 EUR)
Integrationspädagogik Die bildungs- und schulpolitischen Veränderungen sowie die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten zehn bis fünfzehn Jahre im Bereich der Integrationspädagogik ließen eine vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuauflage des 1988 erstmals erschienen Handbuchs "Integrationspädagogik. Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen lernen gemeinsam" notwendig werden. In der nun vorliegenden 6. Auflage wurden neben einer grundlegenden Überarbeitung der Beiträge zwölf neue Beiträge hinzugefügt und einige ältere nicht mehr aufgenommen.

Das Handbuch, herausgegeben von Hans Eberwein und Sabine Knauer, möchte in Form eines Nachschlagewerkes allen, die sich mit Integration beschäftigen, grundlegende Informationen zu verschiedenen Aspekten schulischer und sozialer Integration liefern. In 45 Beiträgen zu 8 Themenfeldern der Integrationspädagogik werden von Fachleuten aus Theorie und Praxis die im In- und Ausland gesammelten Erfahrungen und Forschungsergebnisse bei der Verwirklichung von Integration zusammengetragen.

Im einleitenden Beitrag von H. Eberwein und S. Knauer zur Frage nach "Integrationspädagogik als Ansatz zur Überwindung pädagogischer Kategorisierungen und schulischer Systeme" werden Probleme der Entwicklung und Legitimation "sonder"-pädagogischen Handelns, der Institution Sonderschule sowie einer behinderungsspezifischen Terminologie und Theorie diskutiert und die Notwendigkeit eines integrationspädagogischen Paradigmas sowie einer veränderten Lehrerbildung deutlich gemacht. Mit dieser Form des Überblicks über die thematischen Problemfelder wird es dem Leser ermöglicht, in kurzer und verständlicher Form eine Vorstellung von Konzeption und Inhalt der folgenden Beiträge zu gewinnen.

Zunächst werden Zusammenhänge zwischen der Integration von Menschen mit Behinderungen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen sowie ethisch-moralischen Orientierungen thematisiert. Die Problematik einer auch im Bildungssystem wachsenden Ökonomisierungstendenz beschreibt H. Deppe-Wolfinger zu Beginn ihres Beitrags mit der brisanten Frage nach den Chancen für eine Schule ohne Aussonderung angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen, die Desintegration weiter befördern als Gemeinsamkeit und Solidarität. Der Beitrag von G. Iben macht diese Problematik anschaulich mit der Beschreibung, dass Schulversagen zu einem großen Teil ein Versagen bzw. eine Schwäche der allgemeinen Schule darstellt und dass der Erfolg der allgemeinen Schule nicht an der erfolgreichen Förderung der schwachen Schüler fest gemacht wird, sondern eher an der "Trennschärfe der Selektionsmechanismen".

Neben kritischen Analysen der Geschichte der Integration bzw. Aussonderung findet der Leser in einem zweiten Themenkomplex sowohl ein- als auch weiterführende Diskussionen um die Terminologie "Behinderung": A. Sander zeichnet zunächst die umfassende Begriffsdebatte knapp und sehr übersichtlich nach, ohne dabei die wichtigsten Aspekte unberücksichtigt zu lassen. Mit divergierenden Behinderungsbegriffen setzt sich J. Schöler in ihrem Beitrag auseinander. Sie konzentriert sich insbesondere auf ein verändertes Verständnis von Behinderung, wie es bei einem Zusammenleben ohne Aussonderung notwendig wird und liefert damit interessante Überlegungen zur theoriesystematischen Auseinandersetzung um die Kategorie Behinderung.

Nach der Darstellung des komplexen und ambivalenten Zusammenhangs zwischen "Erziehungswissenschaftlichen Grundpositionen und Integrationspädagogik" findet der Leser wichtige grundlegende Informationen zu den schulrechtlichen Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf integrationspädagogische Trends.

Die Theorieansätze der gemeinsamen Erziehung sowie die Reflexion von Praxiserfahrungen in den verschiedenen Institutionen des Bildungswesens sind im Kapitel "Integration im Kindergarten, in der Schule und in der beruflichen Bildung" nachzulesen. Hier wird deutlich, welche unterschiedlichen Integrationserfahrungen in den verschiedenen Stufen des Bildungssystems möglich sind - von häufig sehr erfolgreichen Integrationsmaßnahmen im Elementar- und Primarbereich bis hin zu den noch oftmals beschränkten Möglichkeiten einer Nichtaussonderung in der beruflichen Bildung und in der Weiterbildung behinderter Menschen. Die Aktualität dieser Beiträge zeigt sich insbesondere in der Berücksichtigung neuerer integrativer Angebote wie beispielsweise der Integrationsfachdienste und der Arbeitsassistenz.

Hieran anschließend werden differenzierte organisatorische, didaktische und diagnostische Konzepte zum gemeinsamen Lernen diskutiert. Verschiedene Theorieansätze wie die Theorie des gemeinsamen Lerngegenstandes und der entwicklungslogischen Didaktik (G. Feuser) sowie der ökosystemische Ansatz (A. Hildeschmidt/A. Sander) werden neben Möglichkeiten der Förderdiagnostik (H. Eberwein) und den Vorzügen die Montessori - Pädagogik für die Integration (T. Hellbrügge) übersichtlich dargestellt.

Empirische Ergebnisse zu integrativem Unterricht finden in einem siebten Themenkomplex - differenziert nach speziellen Problemfeldern – Berücksichtigung. So diskutiert H. Reiser die Nichtaussonderung von Kindern mit Verhaltensschwierigkeiten, R. Maikowski sowie W. Podlesch beschreiben Rahmenbedingungen und Chancen der Integration von Schülern mit geistiger Behinderung; auf die Integration lernbehinderter Schüler bezieht sich der Beitrag von J. Mand, und R. Hetzner und W. Podlesch beschreiben den Unterricht mit schwerstmehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen. Die Beiträge von K. Merz-Atalik und H. Quittmann geben durch die Betrachtung des integrativen Unterrichts mit Kindern nicht deutscher Muttersprache sowie mit hochbegabten Kindern eine höchst interessante, die übliche Sichtweise ergänzende Perspektive. Gerade im Kontext der Diskussionen um die Konsequenzen der PISA-Ergebnisse, in denen einerseits die stärkere Förderung von begabten Schülern verlangt und anderseits die zu starke Vernachlässigung und Aussonderung von schwachen Schülern wie auch von Migrantenkindern beklagt wird, erlangen die hier genannten Beiträge eine besondere Aktualität.

In einem abschließenden Komplex finden sich Informationen zu "Ergebnissen der Integrationsforschung"; zur "schulische(n) Integration und verschiedenen regionalen und nationalen Bedingungen". Insbesondere U. Preuss-Lausitz gibt in seinem Beitrag einen gut strukturierten und umfassenden Einblick in die Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven der Integrationsforschung, der es meiner Einschätzung nach vor allem "Novizen" der Integrationspädagogik ermöglicht, die Entwicklungszusammenhänge der Integrationspädagogik und -forschung nachzuvollziehen.

Insgesamt liefert das Handbuch "Integrationspädagogik" einen umfassenden Einblick in das Theorie- und Praxisfeld der Integrationspädagogik. In kohärenter Weise bauen die Herausgeber die verschiedenen Themenschwerpunkte auf und schaffen so eine logische Gliederung der unterschiedlichen Kapitel. Die einzelnen Beiträge sind kurz und übersichtlich, aber nie oberflächlich, so dass die einzelnen Beiträge sowohl als Übersichtsliteratur wie auch als Anregung für eine weiterführende Auseinandersetzung sehr gut geeignet scheinen. Die Literaturhinweise am Ende der jeweiligen Beiträge erleichtern dem interessierten Leser die weiterführende Recherche zu den einzelnen Themen. Das umfangreiche Stichwortverzeichnis gestattet es, diesen Band, wie von den Herausgebern gewünscht, tatsächlich als Handbuch zu verwenden.

Das Ziel der Herausgeber, eine systematische Dokumentation der im In- und Ausland gesammelten Erfahrungen und Forschungsergebnisse zum gemeinsamen Unterricht und zu schulischer Integration für alle vorzulegen, die sich für Integration interessieren oder selbst an integrativen Prozessen mitwirken, ist meines Erachtens eindrucksvoll gelungen.
Andrea Reibert (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andrea Reibert: Rezension von: Eberwein, Hans / Knauer, Sabine (Hg.): Integrationspädagogik, Kinder mit und ohne Beeinträchtigung lernen gemeinsam, Weinheim/Basel: Beltz Verlag 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 2 (Veröffentlicht am 01.04.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/40783152.html