EWR 2 (2003), Nr. 2 (März/April 2003)

Richard DeGrandpre
Die Ritalin-Gesellschaft
ADS: eine Generation wird krankgeschrieben
Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2003
(253 Seiten; ISBN 3-407-85796-9; 19,00 EUR)
Die Ritalin-Gesellschaft DeGrandpre hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben. Es ist ein Buch über Verlierer der Modernisierung, über die Schwierigkeiten des Lebens vor allem von Kindern in der postmodernen Existenz. Aber dabei will er es nicht belassen. Sein Ansatz ist weiter. Er gehört nicht zu den Affirmatoren der gegenwärtigen Entwicklung, der "beschleunigten Entwicklung" und der "Kultur der Vernachlässigung", der "Schnellfeuer-Kultur", wie er sie bezeichnet. Sein Ansatz ist ein zivilisationskritischer. DeGrandpre fragt danach, wie wir in der Erziehung mit dem Wandel und den Verlusten von bergenden Kulturen, von Gemeinschaften wie der Familie umgehen, in denen die Heranwachsenden einen gewissen Schonraum genossen. Die moderne Zivilisation hat, um mit Emile Durkheim, auf den der Autor verweist, zu sprechen, den Sinn für die Priorität der Gemeinschaft verloren, wie nämlich die Gemeinschaft als sozialer Ort, wo aus dauerhaften sozialen Umgangsformen und Traditionen Bedeutung und Wert erwachsen, unsere jeweilige Individualität prägt. Wie gehen wir also mit der "inneren Unbehaustheit" des modernen Individuums um (133).

Vielleicht wäre der Titel der amerikanischen Originalausgabe aussagekräftiger für dieses Buch gewesen: "Ritalin Nation. Rapid-Fire-Culture and the Transformation of the Human Consciousness". Denn der konkrete Gegenstand der Untersuchung ist die US-Nation und Probleme des Aufwachsens in dieser. Ihr kultureller Zustand wird mit dem starken Begriff der "Schnellfeuer-Kultur" charakterisiert. Und eben diese Kultur, so der Autor, indiziere eine Veränderung des menschlichen Bewusstseins, die heute in der Öffentlichkeit als "Krankheit" ADS bezeichnet wird. Als Hauptsymptome gelten Konzentrationsmangel, Impulsivität und ein hoher Aktivitätsgrad. Bevorzugt behandelt wird dieses Verhalten mit Ritalin, einem Psychopharmakon, welches bei hyperkinetischen Verhaltensstörungen angewendet wird, wie die "Rote Liste", das Arzneimittelverzeichnis für Deutschland, ausweist. In den USA werden 80% der Weltproduktion verbraucht und 15% der amerikanischen Kinder werden damit medikamentös versorgt. Dies nimmt DeGrandpre zum Anlass nachzufragen, ob hier nicht mehr im Spiel ist, als ein biologisch-medizinisches Phänomen. Denn die Zahl der Konsumenten sei steigend. Letztere Wahrnehmung entspricht auch den deutschen Verhältnissen.

Die Schrift ist in vier Kapitel gegliedert. Im ersten Teil wird - auch an sehr prägnanten Beispielen aus dem Alltagsleben, wie dem Computer, der Wählscheibe des Telefons oder auch der Entwicklung des Waschbeckens (beginnend mit dem System von zwei Wasserhähnen für warm und kalt) - gezeigt, wie sich das moderne Leben beschleunigt, wie sich eine "Beschleunigungskultur" entwickelt. Damit korrespondiere auf der Ebene der Familie und der Kindererziehung eine "Kultur der Vernachlässigung". Urie Bronfenbrenners Familienforschungen ("von außen kommender Stress" zerstört auch starke Familien) und auch David Elkinds ("Ties that stress: The new family imbalance") These von der postmodernen "durchlässigen Familie", die den Verlust des häuslichen Lebens als "Freistatt und Zufluchtsort vor den Anforderungen der Welt" repräsentiert (62ff.) werden zum Beleg herangezogen. Eltern sind sich nicht mehr über den Platz im Klaren, welchen die Kindererziehung innerhalb ihrer Prioritäten einnimmt. Die Familie sei damit immer weniger der Ort, an dem das Kind Strukturen der Selbstorganisation und Selbstkontrolle in sich ausbilden kann (67). Soweit auch der Forschungsstand.

Diese kulturelle Problemlage, so DeGrandpre im zweiten Teil, schlägt in psychologische Probleme um. Denn dieser Entwicklung korrespondiere ein menschliches Verhalten, welches er als die "Sucht nach Sinnesreizen" bezeichnet. Das menschliche, insbesondere kindliche Bewusstsein kann sich mit seinem Rhythmus und seiner Struktur den Stimuli der vielfältigen Reize nicht widersetzen. Es sei vielmehr "adaptiv", d.h., das jeweilige Erleben von Raum und Zeit findet relativ zu den Erfahrungen statt. Die moderne Kultur verändere sowohl das Verhalten des Menschen als auch seine Physiologie (38ff.). Auf einer breiten Untersuchungsbasis stellt er die Schwächen der vorliegenden Studien zu ADS heraus, die eben nicht schlüssig zeigen können, dass ADS eine wesentlich biologische Basis habe. Niemand habe, so wird u.a. die Sozialpädagogin Kathrine Tyson zitiert, je eine neurologische Funktionsstörung identifiziert, die für hyperaktiv eingestufte Kinder spezifisch wäre (86). Wenn man sich auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse berufe, so legen diese nahe, dass sich das kindliche Gehirn wesentlich erst nach der Geburt entwickele. Es brauche Wirklichkeitserfahrungen, um sein eigenes Wachstum zu steuern. Die in der "Schnellfeuer-Kultur" unablässig produzierten Reize transformieren das menschliche Bewusstsein so zu einer Reizabhängigkeit (111). Unsere Lebensbedingungen verändern "gleichzeitig unsere Hirnchemie und unser Verhalten" (97). Die Grundthesen DeGrandpres lauten daher: Die kulturellen Einflüsse erzeugen ADS und diese ist als eine Entwicklungsstörung einzustufen (105). Die medizinischen, "rein individuumsbezogene Lösungen", greifen zu kurz und seien der falsche Ansatz (97). Das Individuum ist in seinem Bezug zum Sozialen, zu der es umgebenden Kultur zu betrachten.

Am Rande sei bemerkt; dass es in Amerika auch eine national-genetische Erklärung gibt: Angesichts der hohen Zahl von ADS-Diagnosen in den USA sprechen Hallowell und Ratey in "Driven to Distraction" davon, dass der Genpool der USA schwer mit ADS belastet sei, da die Menschen, die dieses Land gründeten, genau dem Typus entsprachen, der ADS gehabt haben könnte. Sie saßen nur ungern still (116).

Das dritte Kapitel ist mit "Eine Generation wird krankgeschrieben" betitelt. Es verfolgt die Ausweitung des Ritalingebrauchs seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA, wo sein Gebrauch heute fünfmal höher ist, als in jeder anderen Nation - in Schweden ist es übrigens seit dieser Zeit verboten (133). In seinen Wirkungen Amphetamin und Kokain ähnlich, ist es heute auch zur Droge geworden, was DeGrandpre ausführlich dokumentiert (144ff.). Während die einen die medizinische Lösung durch das stimulierende Psychopharmakon Ritalin als "einen der überwältigenden Erfolge in der Psychiatrie" feiern, sieht DeGrandpre eine "Abwärtsspirale fruchtloser Behandlung in Gang, die den Patienten zu einem leidvollen und behinderten Leben verdammt" (171). Es habe durchaus etwas Groteskes, "wenn Millionen von amerikanischen Schulkindern aus dem `Keine Macht den Drogen` - Unterricht kommen, um sich für die Mittagsdosis Amphetamin bei der Schulkrankenschwester anzustellen" (141).

Ritalin bewirke, so die These, als Stimulantium eine Reizanpassung, ersetzt somit eine äußere Stimulationsquelle. Die Symptome für eine ADS-Diagnose gleichen, so die vom Autor herangezogenen Belege, jemandem, der erhöhte Reizbedürfnisse entwickelt hat und sich ihnen zu entziehen sucht, entweder, indem er sich auf sich selbst zurückzieht oder sie ausagiert.

Im abschließenden Kapitel schlägt DeGrandpre erzieherische Wege aus der kulturell indizierten Krankheit ADS vor. Diese sind allerdings so neu nicht, wohl aber durch seine Argumentation in ein bedeutsameres Licht gerückt: (1) Schaffen Sie als Familie einen langsameren Lebensrhythmus (197); (2) "Zweifeln sie am ökonomistischen Gesichtspunkt. ... nehmen Sie Ihre Elternrolle öfter und besser wahr" (205); (3) "Entscheiden Sie sich bewusst für eine größere Qualität der Erfahrung statt für die größere Quantität ... Wenn dies gelungen ist, werden die Isolation und die Einsamkeit in Ihrem Leben und im Leben Ihrer Kinder nachlassen ..." (211); (4) Unter Verweis auf die bildende Wirkung der "Dinge", wie sie Rousseau im "Emile" beschreibt, sollen Primärerfahrungen gefördert werden: "Lösen Sie die Reizabhängigkeit Ihrer Kinder - und verhindern Sie sie vor allem! -, indem Sie die Wichtigkeit täglicher Erfahrungen ... in den Mittelpunkt stellen." (218).

In der Schrift geht es nicht um die Lösung eines Streites zwischen Ritalingegnern und -befürwortern. Der Autor zeigt mit der Aufarbeitung zahlreicher empirischer Studien seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fundiert, dass Medikamentierung als individualisierte Lösung eines sich ausweitenden Problems der falsche Weg ist - ohne eine genetische und auch biologische Komponente gänzlich ausschließen zu wollen (193) - und verweist auf die soziale Dimension kindlichen Verhaltens. Der oft kognitiven und emotionalen Überforderung der Kinder insbesondere in ihrem ersten Lebensjahrzehnt wäre mit mehr Strukturiertheit in ihrem Alltagsleben zu begegnen und ein langsamer, regelmäßiger Plan zugrunde zu legen, der hochintensive, passive, künstliche Erfahrungen auf ein Mindestmaß beschränkt und elterlicher Fürsorge eine höhere Priorität g
Gernot Barth (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gernot Barth: Rezension von: DeGrandpre, Richard: Die Ritalin-Gesellschaft, ADS: eine Generation wird krankgeschrieben, Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 2 (Veröffentlicht am 01.04.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/40785796.html