EWR 3 (2004), Nr. 5 (September/Oktober 2004)

Verena Zimmermann
Den neuen Menschen schaffen
Die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945-1990)
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2004
(435 Seiten; ISBN 3-412-12303-X; 39,90 )
Den neuen Menschen schaffen Im sozialistischen Staat galt der Jugend als "Hoffnungsträger der Partei" das besondere Augenmerk (3). Überwachung und Kontrolle, Erziehung und Umerziehung sollten sicherstellen, dass die Jugend die in sie gesetzten hohen Erwartungen auch erfüllte. Für diejenigen Jugendlichen, die diesen Ansprüchen nicht genügten und die den gesellschaftlich vorgegebenen Normen nicht entsprachen, die durch sozial abweichendes Verhalten oder durch Kriminalität auffielen, hielt der Staat ein ganzes Bündel an "erzieherischen Bemühungen und zwangsweisen Eingriffe[n]" bereit (4). Koordiniert und durchgeführt wurden die Maßnahmen zur Umerziehung und Disziplinierung von "Abweichlern" in erster Linie von der Jugendhilfe, aber auch andere staatliche Institutionen beteiligten sich daran. Insofern ist es nur konsequent, dass die Untersuchung von Verena Zimmermann den Blick nicht auf die "klassischen" Felder der Jugendhilfe beschränkt, sondern auch andere staatliche Maßnahmen gegen randständige und sozial auffällige Jugendliche mit einbezieht. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung ist ebenfalls breit angesetzt: Er erstreckt sich, beginnend mit den Jahren der sowjetischen Besatzungszone (1945-1949), über die gesamte Zeit der DDR (1949-1989/90).

In den Forschungen zur Geschichte der DDR finden sich mittlerweile etliche Arbeiten zu jugendspezifischen Themen. Vor allem die staatliche Jugendorganisation und die staatliche Jugendpolitik haben dabei Beachtung gefunden. Im Vergleich dazu sind deviantes und kriminelles Verhalten von Jugendlichen in der DDR sowie die Diskurse darüber und schließlich die staatlichen Maßnahmen zur Umerziehung und Disziplinierung dieser Jugendlichen eher randständige Themen geblieben. Arbeiten wie die von Verena Zimmermann, aber auch die von Carola Weise [1] über den Jugendstrafvollzug in Sachsen in den Jahren 1947 bis 1952, stecken in diesem Forschungsfeld wichtige Bereiche ab.

Verena Zimmermann breitet in ihrer Arbeit umfängliches Archivmaterial aus: Den Hauptquellenbestand bilden die Akten des Ministeriums für Volksbildung (Abteilung Jugendhilfe/Heimerziehung) aus den Jahren 1945-1989/90. Darin enthalten sind z.B. Protokolle von Arbeitsberatungen, An- und Verordnungen, Korrespondenzen des Ministeriums mit anderen Dienststellen und mit den Heimen selbst, Inspektionsberichte über Heimkontrollen, Eingaben Betroffener, statistische Übersichten über Heime der Jugendhilfe und über Jugendkriminalität. Darüber hinaus wurde Aktenmaterial anderer staatlicher Behörden herangezogen, u.a. des Ministeriums des Inneren (Abteilung Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei), des Justizministeriums, des Ministeriums für Gesundheitswesen und des Amtes für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR. Ebenfalls ausgewertet wurde die Zeitschrift "Jugendhilfe", "die als einziges Fachorgan in der DDR von der Abteilung Jugendhilfe/Heimerziehung im Ministerium für Volksbildung herausgegeben wurde" (11f.).

Dieses Quellenmaterial stellt einen ergiebigen Fundus dar. Es beschränkt aber gleichzeitig den Blick, indem es die Ereignisse nahezu ausschließlich aus der Perspektive der staatlichen Kontrolleure darstellt. Hierüber ist sich die Autorin allerdings durchaus im Klaren: "Eine Untersuchung, die wie diese vorwiegend auf Ministerial- und Verwaltungsakten beruht, ist naturgemäß ‚Geschichte von oben’. Sie beschreibt und analysiert die Ebene der Regierenden, wo Entscheidungen getroffen, Gesetze gemacht und Maßnahmen vollzogen werden" (12). Zwar fänden sich in den Akten auch vereinzelt Quellen, die die Perspektive der "Betroffenen" verdeutlichen könnten (z.B. Eingaben), hierauf wird in der gesamten Studie jedoch kaum Bezug genommen. Eine "Geschichte der ‚Erziehungsopfer’ der DDR zu schreiben", so Zimmermann, müsse "Gegenstand weiterer Forschungen sein" (13). – Ganz abgesehen davon, dass man über die Angemessenheit des Begriffs "Erziehungsopfer" geteilter Meinung sein kann, wird damit eine für das Thema wichtige Perspektive von vorn herein ausgeklammert.

Im ersten, etwa 220 Seiten umfassenden Teil der Studie befasst sich Verena Zimmermann zunächst mit den verschiedenen Formen des abweichenden Verhaltens von Jugendlichen in der DDR. Unter den Begriff "abweichendes Verhalten" wurden in der DDR so differente Phänomene wie "jugendliche Subkultur, Schwererziehbarkeit, Jugendkriminalität oder ‚Asozialität’" subsumiert (79). Einen breiten Raum nimmt die Beschreibung jugendlicher Subkulturen ein, angefangen von den "Eckenstehern" und "Rowdys" der 50er Jahre, über die "Hippies" und "Gammler" der 60er und 70er Jahre bis hin zu den "Punks" und "Skinheads" der 80er Jahre. Es war in erster Linie "das autonome und individuelle Freizeitverhalten" außerhalb des staatlichen Jugendverbandes, das von den Funktionären "als ‚anarchistisches, eigenbrödlerisches Leben nach der Arbeitszeit’ und als ‚sinnloses und zügelloses Verbringen der Freizeit’" verurteilt wurde. "Von der Staatsjugend wurde erwartet, dass sie am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnahm und nicht die Freizeit nach eigenem Gutdünken verbrachte" (154). Von der subkulturellen Jugendszene der DDR, so resümiert die Autorin, "gingen ‚Störmomente’ aus, die sich in der ‚Verletzung der Strafrechtsordnung [...], in unkonventioneller Lebensweise und in politischem Radikalismus’ äußerten" (19). Eine Systemgefährdung sei aber zu keinem Zeitpunkt von der Jugendszene in der DDR ausgegangen. Gleichwohl: auf die Autonomiebestrebungen der Jugendlichen reagierte die Staatsmacht – von vereinzelten liberalen Phasen abgesehen – mit hartem Durchgreifen.

Aber auch gegen jugendliche Kriminelle und insbesondere gegen das "Rowdytum" – gemeint waren hiermit jugendliche Randalierer – gingen Polizei und Justiz konsequent vor. Auch "asoziale Lebensweise" wie zum Beispiel Prostitution, das Nicht-Arbeiten und die sogenannte Arbeitsbummelei waren dem sozialistischen Staat ein Dorn im Auge und wurden unter Strafe gestellt. Sowohl bei ihrem Vorgehen gegen "Arbeitsscheue" und "Asoziale" als auch gegen randalierende und provokante Jugendliche konnte sich die Staatsmacht in Einklang mit weiten Teilen der Bevölkerung wissen.

Auch die Diskussionen um die Ursachen von Devianz und Kriminalität werden in der Arbeit von Verena Zimmermann dargestellt. Zwar gab es in den verschiedenen Phasen der DDR unterschiedliche Erklärungsansätze, durchgängig bleibt aber, dass die Hauptursachen für Schwererziehbarkeit, Kriminalität, "Arbeitsscheu" und "Asozialität" dem Einfluss des Klassenfeindes im Westen, vor allem aber dem erzieherischen Versagen der Familie zugeschrieben wurden (vgl. 143). Soziale Fehlentwicklungen, so die mehrheitliche Meinung unter Fachleuten, beruhten letztlich auf Erziehungsfehlern, die mit pädagogischen Mitteln und durch "richtige" Erziehung wieder korrigiert werden könnten. Das Vorbild "richtiger Erziehung", an deren Ende der "neue Mensch" oder anders ausgedrückt: die "sozialistische Persönlichkeit" stehen sollte, lieferte "die Sowjetunion und ihr einflussreichster Pädagoge, Anton Semjonowitsch Makarenko" (49). Ihm und seinem Konzept der Arbeits- und Kollektiverziehung widmet Verena Zimmermann ebenfalls ein Kapitel in ihrer Studie – nicht zuletzt deshalb, weil Makarenkos Konzept auch für die Heimerziehung leitend war.

Der zweite, etwa 170 Seiten umfassende Hauptteil der Untersuchung befasst sich mit der "Praxis der Umerziehung Jugendlicher in den Heimen der Jugendhilfe". In der Heimerziehung war Anfang der 1950er Jahre mit der Trennung in Normal- und Spezialheime ein einheitliches System eingeführt worden, das "in seinen Grundzügen bis zum Ende der DDR erhalten" blieb (243). Normalheime waren für "elternlose und entwicklungsgefährdete Kinder und Jugendliche gedacht", während die Spezialheime zur "Umerziehung von schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen" bestimmt waren (ebd.). Innerhalb der Spezialheime gab es wiederum verschiedene Einrichtungen, so z.B. "Durchgangs- und Aufnahmeheime", "Spezialkinderheime" und die "Jugendwerkhöfe" (ebd.).

In die Jugendwerkhöfe, die bei Zimmermann im Zentrum der Betrachtung stehen, wurde die Mehrzahl der als schwererziehbar und sozial auffällig eingestuften Jugendlichen eingewiesen. Im Jahr 1985 standen in 29 Jugendwerkhöfen insgesamt 3.178 Plätze zur Verfügung (276). Auf über 100 Seiten schildert die Autorin die "Praxis" der Umerziehung in den Jugendwerkhöfen, angefangen von der Arbeits- und der Kollektiverziehung, der politisch-ideologischen Schulung, über den Tagesablauf, die Strafmaßnahmen bis hin zur Personalsituation.

Der Name Jugendwerkhof steht für die zentrale Rolle, die der "Erziehung zur Arbeit" und der beruflichen Ausbildung im Rahmen der "Umerziehung" der Jugendlichen zugeschrieben wurde. Daneben hatte "die ‚politisch-ideologische Einwirkung’ auf die Jugendlichen" einen enormen Stellenwert, schließlich galt es auch hier den "neuen" Menschen zu erziehen. Somit gehörten das tägliche "Abhören der Nachrichten" oder die "Zeitungsschau" zum Pflichtprogramm in den Jugendwerkhöfen (315). Die Disziplinierung der Zöglinge wollte man mit vormilitärischer Ertüchtigung erreichen. Diesem Ziel dienten auch der stark reglementierte Tages- und Wochenablauf, die insgesamt straffe Organisation des Lernens und Arbeitens, die Betonung von Ordnung und Sauberkeit.

Am Schluss ihrer Untersuchung der "Jugendwerkhöfe als Stätten der Umerziehung für Jugendliche" resümiert Verena Zimmermann: "Der Glaube an die Macht der Umerziehung war zumindest in den Anfangsjahren der DDR ungebrochen, die ‚allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit’ erschien wie eine Verheißung. Durch die permanente Kontrolle, Disziplinierung und Einpassung ins Kollektiv wurden aber keine ‚neuen Menschen’ erzogen, sondern Opportunisten" (372). Immer wieder kam es in den Jugendwerkhöfen gleichwohl zu Widersetzlichkeiten und auch zu politischen Provokationen. Ein immenses Problem stellte nicht zuletzt die hohe Zahl der Entweichungen aus der Heimerziehung dar.

Auflehnung und Flucht waren denn auch die Hauptgründe für die Einweisung eines Jugendlichen in den geschlossenen Werkhof Torgau. Hier brachte man die Jugendlichen unter, "die sich in den Jugendwerkhöfen ‚offen und provokatorisch allen erzieherischen Einwirkungen und Forderungen widersetzten’" (386). 1964 auf dem Gelände eines ehemaligen Gefängnisses errichtet, war Torgau der einzige geschlossene Jugendwerkhof in der DDR. Er wurde als strafvollzugsähnliche Disziplinierungseinrichtung geführt. Das Erziehungskonzept des geschlossenen Werkhofes Torgau "bestand aus eiserner Disziplin und orientierte sich an den ‚Normen der NVA’, im Heim herrschte ein ‚System der straffen Ordnung’. Auf ‚militärische Formen’ glaubten die Pädagogen nicht verzichten zu können" (387f.). Der Tages- und Wochenablauf war hier strengstens durchorganisiert und bestanden aus Arbeit, Unterricht, gelenkter Freizeit und militärischem Drill. "Insgesamt mussten sich ca. 5000 Mädchen und Jungen von 1964 bis 1989 der Disziplinierung in Torgau unterziehen, nicht wenige sogar mehrfach" (409). Der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau wurde in der Zeit seiner Existenz mehrere Male durch Delegationen des Ministeriums für Volksbildung inspiziert. Dabei seien "die Mängel des dort vertretenen Erziehungssystems" "durchaus deutlich" benannt worden, irgendwelche Konsequenzen habe diese Kritik jedoch nicht gehabt. Im Gegenteil: "Meist überwog eine positive Bilanz des geschlossenen Jugendwerkhofs" (406).

Die Arbeit von Verena Zimmermann bietet einen breitgefächerten, facettenreichen Einblick in die verschiedenen Dimensionen des Umgangs mit schwererziehbaren und kriminellen Jugendlichen in der DDR. Es ist eine materialreiche Arbeit, die gleichermaßen anschaulich und informativ ist.

Die Untersuchung weist allerdings auch Schwächen auf: So vermittelt sie dem Leser bzw. der Leserin den Eindruck, die DDR habe in punkto Devianz und Kriminalität von Jugendlichen gleichsam bei Null angefangen. Dies ist aber mitnichten der Fall – weder im Hinblick auf die Phänomene, noch auf die Diskurse und die von staatlicher Seite ergriffenen Maßnahmen. Auf all diesen Ebenen ließen sich Kontinuitäten ins "Dritte Reich", aber auch Brüche aufzeigen. Damit fällt die Studie in diesem Punkt hinter die Geschichtsschreibung über Devianz und Kriminalität von Jugendlichen in den westdeutschen Besatzungszonen zurück. Hier werden, z.B. von Alfons Kenkmann [2], aber auch von Frank Kebbedies [3], die Kontinuitäten zwischen der Jugendkriminalpolitik der NS-Zeit und der Nachkriegszeit herausgearbeitet. Beide Autoren betonen die Durchlässigkeit der Epochengrenze 1945.

Ein weiteres Problem der Studie ist, dass ihre thematische Breite auf Kosten inhaltlicher Tiefenschärfe geht. So hat beispielsweise der Ansatz, die Praxis in allen Jugendwerkhöfen in den Blick nehmen zu wollen, zur Folge, dass kein Jugendwerkhof wirklich an Kontur gewinnt – ganz abgesehen davon, dass es "die" Praxis in "den" Heimen gar nicht geben kann und hier zunächst einmal regionale und lokale Unterschiede zu beachten wären. Somit bleibt die Darstellung der Erziehungspraxis in den Jugendwerkhöfen schematisch und schemenhaft zugleich; Erzieher und jugendliche Heiminsassen bleiben gesichtslos, sie treten nicht als Akteure in Erscheinung. Die Beschränkung auf ministerielles Aktenmaterial erweist sich gerade für die Darstellung der Erziehungspraxis als Manko. Hier wären andere Aktenbestände, so zum Beispiel die Verwaltungs- und Personalakten einzelner Jugendwerkhöfe einschlägig. Im Hinblick auf den Alltag in den Jugendwerkhöfen bedarf es weiterer, vor allem lokaler bzw. regionaler Studien.



[1] Weise, Carola: Von der Kriminalisierung zur Pädagogisierung? Zum Reformversuch des Jugendstrafvollzugs in Sachsen von 1947-1952. Hamburg 2000.

[2] Kenkmann, Alfons: Wilde Jugend. Lebenswelt großstädtischer Jugendlicher zwischen Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Währungsreform. Essen 1996.

[3] Kebbedies, Frank: Außer Kontrolle. Jugendkriminalpolitik in der NS-Zeit und der frühen Nachkriegszeit. Essen 2000.
Petra Götte (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Petra Götte: Rezension von: Zimmermann, Verena: Den neuen Menschen schaffen, Die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945-1990), Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2004. In: EWR 3 (2004), Nr. 5 (Veröffentlicht am 05.10.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/41212303.html