EWR 3 (2004), Nr. 1 (Januar/Februar 2004)

Wolfgang Brezinka
Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel
München: Ernst Reinhardt Verlag 2003
(208 Seiten; ISBN 3-497-01628-4; 33,00 EUR)
Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel Wolfgang Brezinka (Jahrgang 1928) gilt weithin als klassischer Autor von Werken zur Erziehungswissenschaft, zur praktischen Pädagogik und zur Philosophie der Erziehung. Der Ernst Reinhardt Verlag kann als Stammverlag für diese Werke bezeichnet werden, von denen die wichtigsten Bücher in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind, so ins Italienische und Japanische. Die Reihe "Gesammelte Schriften" zählt derzeit insgesamt zehn Bände.

Der hier vorliegende sechste Band enthält 13 Kapitel. Alle Kapitel sind in sich abgeschlossen und beruhen auf eigenständigen Artikeln oder Vorträgen des Verfassers. Zwei Beiträge davon sind bislang unveröffentlicht. So liegt für den Leser ein Buch vor, in dem wesentliche Aspekte des erziehungswissenschaftlichen Ansatzes von Brezinka kumulativ zusammengestellt sind – im Unterschied zu einem "normalen" Lehrbuch, das zumeist sukzessiv gegliedert ist. Dem mit diesem Ansatz vertrauten Leser begegnen dabei bekannte Ansichten in neuen thematischen Zusammenhängen. Für Studenten (bzw. nicht Eingeweihte) mag sich der Band als eine Art Lesebuch eröffnen. Das Personen-/Sachregister erweist sich hierbei als sinnvoll.

"Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel" ist die große Überschrift, unter der alle Artikel vereint sind. Ein schneller Kulturwandel vollziehe sich derzeit in den modernen Gesellschaften. Von diesem Wandel sind nicht allein die Wissenschaften, Technik und Wirtschaft betroffen, sondern ebenso die normgebenden Kulturgüter: Religion, Weltanschauung, Geschichtsbild, Moral, Recht, Sitte und Kunst.

Der schnelle äußere Wandel in Politik, Arbeits- und Freizeitwelt, in Familien, Schulwesen und Massenmedien bedinge auch einen inneren Mentalitätswandel. Dieser gehe in Richtung Bindungsarmut, Flexibilität, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, Skepsis gegen Institutionen, Traditionen und Autoritäten. Diese Orientierungsunsicherheit stelle zugleich eine Herausforderung an die Erziehungswissenschaft dar. Brezinkas Grundfrage lautet dementsprechend "Was kann in dieser Lage getan werden, um negativen Folgen zu begegnen und Chancen zu nutzen?" Seine Ausführungen auf diese große Frage hin versteht Brezinka als "Orientierungshilfe".

Diese Hilfe zeigt sich in der kritischen Hinterfragung von Begriffen, die inzwischen zu pädagogischen "Schlagworten" verkommen sind, zum Beispiel Tradition, Werte-Erziehung und Allgemeinbildung. Brezinka analysiert und diskutiert ebenso die Beziehungen zwischen Erziehung und Tradition, Gewalt, Staat und Erziehung sowie Geisteswissenschaft und Bildung.

Der Autor offenbart kein einheitliches Resümee, sondern gibt viele Antworten und Hinweise. So ermutigt er wiederholt zu Wertbindungen und zu einer wertgebundenen Erziehung. Dieser Mut fehle heute vielen Menschen, weil sie falsche Vorstellungen von Toleranz hätten: "Sie verwechseln Toleranz mit Gleichgültigkeit und Bindungslosigkeit mit Unentschiedenheit und Gesinnungslosigkeit in religiösen, weltanschaulichen und moralischen Angelegenheiten mit unkritischem Gewährenlassen. Dieses populäre Missverständnis lähmt das Selbstvertrauen, den Glauben an die eigenen Ideale und die Widerstandskraft gegen falsche Ideen und schlechte Einflüsse. ‚Tolerant sein!’ ist eine wichtige Norm für den praktischen Umgang mit andersdenkenden Menschen, aber keine Norm für die Festsetzung der Orientierungsgüter, nach denen wir leben und erziehen wollen. Eine gute Lebensordnung in Familien und Schulen lässt sich nur sichern, wenn nicht toleriert wird, was an Versuchungen und Ablenkungen, an Dummheiten und Verrücktheiten auf Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler einstürmt" (61).

Im zweiten Teil des Buches mehren sich die kritischen Äußerungen über das eigene Fach. Die wissenschaftliche Pädagogik, so heißt es hier, stehe heute quantitativ gesehen zwar glänzend da. Die Expansion in den letzten 20 Jahren sei enorm. Der qualitative Eindruck aber, gemessen an ihrer ‚Außenakzeptanz’, zeige ein anderes Bild: "Zersplitterung statt Blüte, Lebensfremdheit statt Wirklichkeitsnähe, nebuloser Imponierjargon statt klarer Begriffe, theoretische Armut statt Erkenntnisgewinn, viel Bluff und wenig Substanz, Krisenbewusstsein statt berechtigter Stolz auf das Erreichte" (127).

Den Eindruck, dass die Pädagogik für die Erziehungspraxis unbrauchbar und daher möglicherweise überflüssig sei, ergibt sich für Brezinka in erster Linie aus dem Missverhältnis zwischen den Erwartungen der Erziehungspraktiker und den Leistungen der Erziehungstheoretiker. Die pädagogische Textlandschaft biete alles, was möglich ist "zwischen Meisterwerken und Geschwätz" (148).

Die Pädagogik sei derzeit noch kein Fach, auf das man stolz sein könne, so Brezinka an anderer Stelle. Und weiter: "Wer das Ideal streng wissenschaftlicher Erkenntnis vor Augen hat, muss an der Pädagogik leiden. Das gilt allerdings auch für manches andere Universitätsfach. Die Pädagogik ist jedoch heutzutage ein unentbehrliches Fach, weil es in modernen Gesellschaften ein kompliziertes Erziehungssystem gibt, für das Erziehungspersonal auf wissenschaftlicher Grundlage ausgebildet werden muss. Die Qualität der wissenschaftlichen Pädagogik beeinflusst die Qualität der pädagogischen Berufsausbildung und damit auch die Qualität der Erziehungspraxis. Es ist notwendig und auch möglich, die Qualität der Pädagogik zu verbessern. Das sollte man jedoch nicht allein den Pädagogikern überlassen. Es braucht dazu auch Anstöße und Hilfen von außen" (143).

Vielen Aussagen von Brezinka ist ohne Zweifel zuzustimmen. Es offenbart sich darin sein absolutes Eintreten für das, was ihm wesentlich und wichtig ist. Kritisch hinterfragt er den Zeitgeist und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Erziehungswissenschaft. Brezinkas Äußerungen über die Verwissenschaftlichung der Pädagogik regen zum Nachdenken an. Umfassend hat Brezinka im vorliegenden Buch Thesen formuliert. Gerade hier zeigt sich ein sinnvoller Gebrauchswert des Buches: es bietet gute Anregungen für grundlegende Diskussionen über Bedeutung und Aufgaben der Pädagogik, so im Rahmen der Ausbildung von Lehrern und Erziehern.
René Börrnert (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
René Börrnert: Rezension von: Brezinka, Wolfgang: Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel, München: Ernst Reinhardt Verlag 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/49701628.html