EWR 3 (2004), Nr. 2 (März/April 2004)

Thomas Gabriel / Michael Winkler (Hrsg.)
Heimerziehung
Kontexte und Perspektiven
München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2003
(258 Seiten; ISBN 3-497-01672-1; 29,80 EUR)
Heimerziehung Brauchen wir denn noch ein Buch über Heimerziehung? – So könnte man angesichts der ohnehin schon exorbitanten Literaturauswahl zu diesem Thema polemisierend fragen. Allerdings will der Band keine weitere relativ allgemeine Abhandlung über Heimerziehung sein, sondern er verspricht eine Fokussierung von Kontexten und Perspektiven der Heimerziehung – wodurch er die Aufmerksamkeit dann doch wieder auf sich zieht.

Der Band – angeregt durch den 60. Geburtstag von Herbert E. Colla – verfolgt das Ziel, Heimerziehung im Kontext von Armut, sozialer Ungleichheit und vorenthaltenen Bildungschancen zu diskutieren. Dies wird v.a. im ersten Abschnitt "Historische Erfahrungen und sozialpolitische Kontexte" erreicht. Im zweiten Teil "Voraussetzungen und Bedingungen" finden sich Texte zum erzieherischen Personal sowie zur pädagogischen Bedeutung von Architektur und Raumgestaltung. Der dritte Abschnitt liefert Anregungen zu "Fragen der Qualitätsentwicklung": er beleuchtet Instrumente des Qualitätsmanagements genauso wie das Verhältnis zwischen Heimerziehung und Schule. Mit übersehenen Forschungsaufgaben und dem Leistungspotential der Heimerziehung beschäftigt sich der Abschnitt "Forschung und Evaluation". Das abschließende Kapitel "Reflexionen" beinhaltet eher grundlegende als unmittelbar auf die Heimerziehung bezogene Überlegungen zu den Bereichen kollektive Erziehung, Grenzensetzen und Einfluss von Forschung auf Politik und Praxis.

Zur formalen Ausstattung des Bandes: er verfügt über neun Abbildungen und sieben Tabellen; darüber hinaus bietet er neben einem AutorInnenverzeichnis auch ein Sachregister.

Doch zurück zum Inhalt: Wenn etwas mehr Systematik innerhalb der Abschnitte dem Band auch gut getan hätte, so ist als Verdienst sicherlich herauszustellen, dass v.a. auch bisher etwas stiefmütterlich behandelte Themengebiete im Kontext der Heimerziehung, so z.B. räumlich-architektonische Aspekte des Vertrauens, aufgegriffen werden und dass auch der Blickwinkel anderer Disziplinen in die Darstellung einbezogen wird (nicht alle Texte machen allerdings den Bezug zur Heimerziehung explizit – ihn herzustellen bleibt z.T. den LeserInnen überlassen).

Auf einige Beiträge soll im folgenden exemplarisch näher eingegangen werden: Ulrich Bürger stellt in "Heimerziehung im Kontext sozialer Ungleichheit" – ausgehend von einer zunehmenden Inanspruchnahme der stationären Hilfen, die neben einem gleichzeitigen Ausbau der ambulanten Maßnahmen zu verzeichnen ist und die aber auch von einem Bundesland zum anderen und von einem Kreis zum anderen erheblich variiert – die Frage nach der Bedeutung sozialstruktureller Belastungsfaktoren, die er als Indikatoren für soziale Ungleichheit heranzieht, für die Inanspruchnahme von Heimerziehung. Er stellt die These auf, dass eine Belastung in sozialstruktureller Hinsicht Hilfebedarf generiert und konstatiert eine positive Korrelation zwischen dem Ausmaß der Belastung und der Inanspruchnahme von Heimerziehung, die in Zukunft angesichts der erwartbaren sozioökonomischen Entwicklungen eher noch zunehmen wird. Immerhin sei es originäre Aufgabe der Heimerziehung, Kindern und Jugendlichen verlässliche Orte und Kontinuität zu bieten – eine Aufgabe, die im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.

Ina Stanulla geht in ihrer Skizze über "die Bedeutung von Vertrauen in der Heimerziehung" der Frage nach dem Stellenwert des architektonischen Raums für den Vertrauensaufbau nach. Der architektonische Raum biete Schutz und Geborgenheit und könne so gleichzeitig die Funktion erfüllen, sowohl die Fachkräfte als auch die Kinder und Jugendlichen von einer "andauernden Kommunikationserwartung" zu entlasten. Dadurch, dass der Raum Halt bieten und ein gestaltbares Zuhause sein kann, stellt er eine potentielle und für viele junge Menschen in der Heimerziehung notwendige Rückzugsmöglichkeit dar, die das Wagnis einer Vertrauenshandlung u.U. überhaupt erst ermöglicht. Er kann damit für den Vertrauensaufbau eine noch wichtigere Funktion übernehmen als das sozialpädagogische Personal.

Karl Späth geht mit einem Verweis auf die Jule-Studie davon aus, dass Fachlichkeit und Professionalität in der Heimerziehung unzureichend sind und thematisiert die (oftmals suggerierte) Eignung von Leistungsvereinbarungen und Kontraktmanagement zur (notwendigen) Qualifizierung von Heimerziehung. Der von ihm geschilderte Fall "Timo" macht deutlich, dass gescheiterte Heimunterbringungen, mangelhafte Zusammenarbeit zwischen Einrichtung und AdressatInnen, mangelnde Verantwortungsübernahme durch kommunales und Landesjugendamt, Gefängnisaufenthalte "zwecks erzieherischer Einwirkung", Nichtwahrung der Persönlichkeitsrechte von Kindern und Jugendlichen im Heim Problembereiche sind, die durchaus vorkommen und die zu beheben vorrangig ist. Dies sei aber sicherlich nicht mittels Leistungsvereinbarungen und Kontraktmanagement möglich, die in erster Linie dem wirtschaftlichen Interessensabgleich zwischen Kosten- und Einrichtungsträgern dienen.

Thomas Gabriel beantwortet die Frage, wie denn die Qualitätsentwicklung in der deutschen Jugendhilfe vorangetrieben werden kann, mit einem Blick auf die englische "Looking-after-Children-Initiative", ein fall- wie auch maßnahmebezogenes System zur Planung, Entscheidungsreflexion und Selbstevaluation, das Aussagen über die Effektivität von Jugendhilfemaßnahmen erlaubt und die Entwicklungsfortschritte der Kinder und Jugendlichen in den Vordergrund stellt – und damit den Maßstab für die Qualität der Jugendhilfe bei der fachlichen und bedarfsgerechten Gestaltung des Hilfeprozesses ansiedelt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient meines Erachtens der Artikel von Michael Winkler "Übersehene Aufgaben der Heimerziehungsforschung", in dem er zunächst feststellt, dass es kaum empirische Forschungsarbeiten zur Heimerziehung gibt, die den Standards von wissenschaftstheoretisch begründeter Methodologie entsprechen; er favorisiert einen liberalen und weiten Forschungsbegriff, der "das gesamte Spektrum an Texten zum Thema Heimerziehung als Forschungsleistung einbezieht" (151) und begründet dessen Notwendigkeit u.a. mit der Vielzahl der zu berücksichtigenden Variablen. Desiderate in der Heimerziehungsforschung bestehen seiner Meinung nach in einer ganzen Reihe von einzelnen Feldern, v.a. aber beklagt er den mangelhaften Informationsaustausch in der Heimerziehungsforschung in nationaler, systematischer wie auch disziplinärer Hinsicht, der auf strukturelle Defizite in der Jugendhilfeforschung schlechthin verweist; so plädiert er für den Aufbau einer internationalen Dokumentation der Heimerziehungsforschung, ihrer Forschungsvorhaben und -ergebnisse. Schließlich bleibe die Entwicklung einer pädagogischen Theorie der Heimerziehung durch die Verknüpfung von historischen, gesellschafts- und erziehungstheoretischen Zugängen der Heimerziehungsforschung anheim gestellt. Als drängendste Aufgabe aber sieht er den Entwurf einer praktischen Philosophie der Heimerziehung, um überhaupt Beurteilungsmaßstäbe für Heimerziehung zu erhalten.

Insgesamt ist es weniger das Anliegen der beiden Herausgeber, einen Einstieg in das Themenfeld zu ermöglichen, als vielmehr grundlagentheoretische Überlegungen mit konkreter Erfahrung zu verknüpfen, durch einen interdisziplinären Blick neue Perspektiven aufzuzeigen und gegenstandsbezogene Selbstvergewisserung anzuregen sowie aktuelle Herausforderungen zu benennen.

Meines Erachtens stellt der Band – um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen – insbesondere durch die dargestellten Kontexte sowie den Abschnitt "Forschung und Evaluation" eine wertvolle Ergänzung zur bisherigen Literatur über Heimerziehung dar und wird seinen an sich selbst gestellten Ansprüchen durchaus gerecht.
Katrin Brandhorst (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Katrin Brandhorst: Rezension von: Gabriel, Thomas / Winkler, Michael (Hg.): Heimerziehung, Kontexte und Perspektiven, München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 2 (Veröffentlicht am 31.03.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/49701672.html