EWR 2 (2003), Nr. 6 (November/Dezember 2003)

John Connelly / Michael Grüttner (Hrsg.)
Zwischen Autonomie und Anpassung
Universitäten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts
Paderborn u.a.: Schöningh 2003
(285 Seiten; ISBN 3-506-71941-6; 40,00 EUR)
Zwischen Autonomie und Anpassung International vergleichende Forschungen zur Hochschulgeschichte sind im deutschen Sprachraum bedauerlicherweise noch immer die Ausnahme. Um so mehr ist das Erscheinen des hier besprochenen Sammelbandes zu begrüßen, zumal er sich einem Schlüsselphänomen des zu Ende gegangenen Jahrhunderts zuwendet – den diktatorischen Systemen.

Die Beiträge gingen aus einer an der University of California in Berkeley stattgefundenen internationalen Konferenz hervor und widmen sich Hochschulen in Europa und, besonders bemerkenswert, in China. Erstmals sind hier Beiträge zur Hochschulpolitik dreier faschistischer Regimes (Deutschland, Italien und Spanien) versammelt, wenn auch die einzelnen Beiträge kaum auf die jeweils anderen Staaten Bezug nehmen. Weitere Länder mit faschistischen Herrschaftssystemen wie Portugal und Japan werden nicht behandelt.

Die in "westlichen" Publikationen gemeinhin vernachlässigte Hochschullandschaft Osteuropas ist mit vier eigenen Beiträgen (die Sowjetunion bis 1932, Ungarn, Tschechoslowakei, Polen) präsent. Etwas unverständlich bleibt, warum die Darstellung der Sowjetunion, immerhin der zentrale politische Gegenentwurf des 20. Jahrhunderts, bereits mit dem Jahr 1932 endet und sich die Darstellung zu Chinas lediglich auf die Jahre 1949-52 beschränkt. Ohnehin wäre für die kommunistischen Länder, soweit historisch begründet, ein gleicher Untersuchungszeitraum sinnvoll gewesen bzw. die Darstellung der Entwicklung bis 1989/91. Auch die Frage der Entstalinisierung bzw. Entfaschisierung verdiente Beachtung – zumindest in einem angedeuteten Ausblick, um erste Hinweise zur Transformation bzw. Re-Demokratisierung derartiger Hochschulsysteme in vergleichender Perspektive zu erhalten.

Neben der "Phasenverschiebung" erschwert die Binnenstruktur der einzelnen Beiträge eine tatsächlich komparative Sicht. Die Länderanalysen folgen keinem durchgängigen Gerüst von Themen und Fragen, wie sie auch seinerzeit für die Konferenz leitend gewesen waren und den Beiträgen von M. Grüttner und R. Jessen zu Grunde liegen – und von den Herausgebern intendiert waren, wie sie bekunden. So wechseln die Beiträge zwischen einem historisch-chronologischen und thematischen Aufbau. Parameter wie Expansion, Differenzierung, soziale Öffnung (gegenüber kleinbürgerlichen Schichten oder Frauen), Internationalisierung der Hochschulsysteme oder die grundsätzliche Frage nach Intentionen und (un)erwünschten Effekten hätten einen anregenden Vergleich ermöglicht, zumal ein ausgewiesen kompetenter Autorenkreis zur Verfügung stand.

Auch durchaus verfügbare quantitative Daten, z.B. zur Entwicklung der Studierenden und Lehrenden, zu den Ausgaben für Wissenschaft und Forschung fehlen weitgehend. Dabei wären solche Daten hilfreich, um Aufschlüsse über strukturelle Gemeinsamkeiten, Unterschiede oder "nationale Abweichungen" von einem "normalen" historischen Entwicklungsgang zu gewinnen. Und um damit auch einer Antwort auf die Frage näher zu kommen, ob die Hochschulen des 20. Jahrhunderts nicht ohnehin einer eigenen Entwicklungsdynamik folgten, die von politischen Rahmenbedingungen relativ unbeeinflusst und unbeeinflussbar blieb, solange nicht direkte, repressive Eingriffe in Struktur und Personal erfolgten. Solche Überlegungen laufen letztlich auf die unvermindert aktuelle Frage zu, wie und ob überhaupt sich Hochschule und Wissenschaft politisch steuern lassen.

Im Kern zentrieren sich die Beiträge des Sammelbandes um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, um die Frage der Autonomie von Wissenschaft und Hochschule und damit um die Frage, in wie weit die Hochschulen auch unter repressiven Verhältnissen Akteure oder Objekte waren bzw. sein können. Dabei nehmen die Beiträge zumeist (wissenschafts)politische Weichenstellungen, strukturelle Veränderungen und personalpolitische Strategien in den Blick. Eher marginal bleibt dagegen die Darstellung der Politisierung von Wissenschaft. An ihr würde sich vermutlich am besten zeigen, wie und ob die von den jeweiligen Machthabern intendierten Ziele erreicht wurden oder ob eine von oben dekretierte Politisierung zwangsläufig scheitern muss. Der Prozess der Selbstpolitisierung von Studierenden und Lehrenden scheint zumindest effektiver zu sein. Daneben wäre näher zu bestimmen, was jeweils politisierte Wissenschaft bedeuten, wie weit sie die Inhalte von Wissenschaft und das Bewusstsein der in diesem Feld Handelnden tatsächlich verändern könnte. Die vorgelegten Beispiele zeigen eher eine Geschichte des Scheiterns. Letztlich setzte sich – gleich unter welchen gesellschaftlichen Prämissen – eine für das jeweilige politische Herrschaftssystem funktionale Wissenschaft durch. Und dies ungeachtet aller ideologischen Aufrüstung und vordergründiger "Revolutionierung" (zumeist Militarisierung) von Hochschule und Wissenschaft. Erinnert sei an das Schicksal der "deutschen Physik" oder des Lyssenkoismus in der Sowjetunion.

Die in diesem Band präsentierten Beiträge machen, wenn auch oft nur implizit, die Unterschiede z.B. zwischen deutschem, italienischem und spanischem Faschismus im Bereich der Hochschulpolitik sichtbar: quantitative Strangulierung vs. quantitative Expansion, Unterschiede in der Ausprägung und Militanz der politischen Repression, des Antisemitismus etc. Aus einer solchen Erkenntnis, die nur durch komparative Studien ermöglicht wird, ergeben sich Rückschlüsse auf den möglicherweise unerkannt spezifischen Charakter nationaler Hochschulsysteme, der in der vorherrschenden Theoriebildung unzulässigerweise generalisiert wurde. So stützte J. Alber die Einschätzung fehlender Modernisierungseffekte des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft für den Bereich der Hochschulen u.a. auf den zwischen 1933 und 1939 zurückgehenden Frauenanteil an den Studierenden. Dabei wies der Anteil von Studentinnen während des Zweiten Weltkrieges einen erst in den neunziger Jahren wieder erreichtes Maß auf.

Zumindest wird inzwischen die lange Zeit weithin geteilte Meinung (mehr war es in Wahrheit nicht) in Frage gestellt, es habe – bedingt durch Ämterchaos, Konzeptlosigkeit und Inkompetenz der politischen Eliten – gar keine nationalsozialistische Hochschulpolitik gegeben.

Ein strukturelles Problem nicht nur der zeithistorischen Forschung wird in einer scheinbaren Marginalie, der angeschlossenen Auswahlbibliografie zu den einzelnen Ländern, deutlich: die oftmals fehlende oder nur unzureichende Rezeption fremdsprachiger Forschung. So fehlen z.B. in Ben-Ghiats Beitrag über die Hochschulen im italienischen Faschismus Bezugnahmen oder lediglich Verweise auf die wenn auch spärliche deutschsprachige Literatur zum Thema, z.B. zu oppositionellen Hochschullehrern, den so genannten "Eidverweigerern". Analog finden sich in den Auswahlbibliografien zu den italienischen und spanischen Hochschulen kaum oder nur wenige englischsprachige Studien, obwohl diese vorliegen. Deutlich wird dabei, dass die Reflexion über Hochschulen auch in Zeiten der Globalisierung noch immer im Wesentlichen in nationalen Diskursen stattfindet.

In der Auswahlbibliografie zu den deutschen Hochschulen im Nationalsozialismus fehlen die Pionierstudien US-amerikanischer Historiker wie K. Jarausch, G. Giles, M. Kater (jeweils zu Studenten im Nationalsozialismus), F. Ringer (Professoren) oder R. Kelly (NS-Hochschulpolitik), aber auch jüngere Publikationen wie die von K. Macrakis (Forschung im Nationalsozialismus). Auch Standardwerke deutscher Autoren wie A. Faust (zum NSD-Studentenbund) oder M. Heinemann (NS-Hochschulpolitik) erscheinen nicht in der Basisbibliografie, sondern lediglich in Fußnoten oder gar nicht. In einem solchen Verfahren drückt sich keine Belanglosigkeit aus, sondern ein Stück "Geschichtspolitik".

Trotz der skizzierten Defizite bieten die fundierten Beiträge wertvolle, durch vielfältige Quellen gestützte Einblicke auch in die Hochschulsysteme von Ländern, über die hierzulande wenig Kenntnis vorausgesetzt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Studien zu den Hochschulsystemen der in diesem Band nicht behandelten Staaten, z.B. zu den diktatorischen bzw. faschistischen Regimes in Ost- und Südosteuropa, an anderer Stelle folgen. Die hier zu gewinnenden Ergebnisse wären schließlich in einen umfassenden historischen Vergleich von Hochschule und Wissenschaft in demokratischen und diktatorischen Systemen des 20. Jahrhunderts einzubringen.
Peter Chroust (Gießen / Frankfurt a.M.)
Zur Zitierweise der Rezension:
Peter Chroust: Rezension von: Connelly, John / Grüttner, Michael (Hg.): Zwischen Autonomie und Anpassung, Universitäten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Paderborn u.a.: Schöningh 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/50671941.html