EWR 5 (2006), Nr. 4 (Juli/August 2006)

Alfred Schäfer
Kierkegaard
Eine Grenzbestimmung des Pädagogischen
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004
(131 S; ISBN 3-531-14315-8; 15,90 EUR)
Kierkegaard Alfred Schäfer zeigt in seinem Buch über Kierkegaard, dass sich mit diesem Autor einiges zum pädagogischen Diskurs beitragen lässt. Mit Hilfe des dänischen Autors könnten vor allem die Grenzen des pädagogischen Selbstverständnisses aufgezeigt werden. Pädagogische Ziele wie „Identität mit sich, vernünftige Autonomie und die Hoffnung auf eine künftige Besserung der Lebensverhältnisse [aufgrund] der Versöhnung von individueller und sozialer Vernunft“ (11) werden von Kierkegaard radikal als Illusionen aufgedeckt. Schäfer setzt in seiner Kierkegaard-Lektüre zwei pädagogisch relevante Schwerpunkte: das Verständnis von dezentrierter Subjektivität, die sich dennoch ihrer Verantwortung stellt und die (Un-)Möglichkeit der intersubjektiven Kommunikation. Erstere Denkfigur Kierkegaards wird mit dem strukturellen Muster der Initiation verglichen und die Beziehungen der singulären Existenzen werden mit post-strukturalistischer Ethik illustriert.

Der „Abgrund der Freiheit“ bildet den Ausgangspunkt der Darstellung von Kierkegaards Denkbewegung, die keiner Chronologie folgt, sondern jeweils einen systematischen Fokus anlegt. Jeder Akt der Freiheit, also ihre Wirklichkeit, könne – so Schäfer – weder logisch noch empirisch als notwendig gedacht werden und entzieht sich aufgrund dieser Kontingenz der Erkenntnis. Für Kierkegaard könne es keinen erkennbaren Grund geben für Freiheit – lediglich einen Anlass, der als notwendiger Zufall sich aber erst nachträglich bzw. mit der Freiheit als deren Voraussetzung zeigt. Schäfer illustriert dies mit Kierkegaard anhand des Sündenfalls: So wie das Verbot Gottes den Freiheitsakt Adams weder verursacht noch begründet, so kann kein Pädagoge Freiheit verursachen oder das Subjekt selbst seine Freiheit begründen. Eine erste Begrenzung lautet demnach, dass die pädagogisch bedeutsame Selbstkonstitution keine von sich aus souveräne Selbstschöpfung sei (22). Der Akt der Freiheit und Selbstkonstitution ist bei Kierkegaard ein Verhalten zu einem schon da gewesenen, was erst mit dem Verhalten dazu erscheint. Dieses Muster der Nachträglichkeit ist der formale Inhalt der „Strukturtheorie des Menschen“ (25), die Schäfer in den folgenden Kapiteln immer wieder aufgreift und variiert, wobei die Formalität den Verdacht einer Anthropologie nicht gänzlich zum Schweigen bringt. Das Strukturmoment lässt sich am Sündenfall so verdeutlichen, dass erst durch den Verlust der Unschuld diese als vorgängige Wirklichkeit konstituiert und erkannt wird.

Der „Abgrund der Freiheit“ impliziert auch, dass mit dem Gebrauch der Freiheit eine Differenz zwischen der Herkunft und dem Selbstgesetzten entsteht, eine Differenz, die nicht mehr zu schließen ist. Der Abgrund schließt damit eine Zerrissenheit des Menschen ein, die notwendig mit seiner Selbstkonstitution einhergeht, indem er sich selbst als eine Differenz setzt und sich von dieser noch einmal unterscheidet. Dabei ist es Schäfers Anliegen, das Strukturmodell des menschlichen Freiheitsvollzugs von der inhaltlich bestimmten Problematik von Schuld und Sünde zu lösen: Anhand archaischer Umgangsformen und Subjektvorstellungen wird gezeigt, wie die „Dialektik des Ursprungs“ nicht notwendigerweise wie bei Kierkegaard zur Verzweiflung führt. In der Initiation werde den Selbstverständlichkeiten des geltenden sozialen Kontextes der sie stützende Boden entzogen. Aufgrund der entstehenden Distanz zur sozialen Identität werde im Individuum die schon von Kierkegaard bekannte Differenz gesetzt, die nicht mehr zu schließen sei. Das bilde insofern keinen Sündenfall, weil keine Differenz zu einer Vollkommenheit geschaffen wird; denn weder die soziale Ordnung noch die „transzendenten Wesen“, die in der Initiation wirken, würden als vollkommen gedacht. Die in der Initiation erfolgte Begegnung mit dem Anderen gebe somit keine Vollkommenheitsvorstellung (Ebenbild Gottes) vor, der zu entsprechen wäre und die verfehlt werden könnte. Zum Scheitern komme es nur dann, wenn der Anspruch auf selbst gegründete Identität gestellt werde. Schäfer will damit zeigen, dass die von Kierkegaard erarbeiteten Strukturen dezentrierter Subjektivität (Unmöglichkeit versöhnter Identität, abgründige Freiheit und notwendige Selbstverfehlung) auch ohne folgende Verzweiflung, Schuldhaftigkeit und Sprung in den Glauben denkbar sind. Nach der vertiefenden Explikation dieses Anliegens bildet die zentrale Annahme einer bleibenden Unverfügbarkeit, die die Bedeutung der Handlung für einen selbst und andere erst nachträglich offenbart, den Grund für die Grenzbestimmung des Pädagogischen.

Im zweiten Kapitel „Die Grenzen von Reflexion und Bewusstsein“ wird die Figur der Nachträglichkeit auf die Möglichkeit von Erkenntnis bezogen. Die unmittelbare Wirklichkeit – das Sein – müsse zwar der Erkenntnis – dem Bewusstsein – vorausgesetzt werden, jedoch als ausgeschlossenes Gegenteil, was sich erst durch seine Unverfügbarkeit zeige. Das Bild, welches Kierkegaard dabei heran zieht, ist der Traum: Im Erwachen erkennt man, dass es ein Traum war. Entsprechend erkenne man im Bewusstsein, dass es Sein war. Die Angewiesenheit des Bewusstseins auf sprachliche Vermittlung bei der Erkenntnis der unmittelbaren Wirklichkeit verhindere den unmittelbaren Zugang zu dieser (44). Richtet sich die Erkenntnis auf das Subjekt selbst, entsteht die für Kierkegaard typische Verdopplung der Differenz (bzw. des Verhältnisses): Selbstbewusstsein ist das Bewusstsein der Differenz zu jener Differenz von Bewusstsein und Sein. In dieser Differenz wiederholt sich die Unmöglichkeit des unmittelbaren Zugangs zu sich selbst. Die nicht vollständig zu erlangende Selbsttransparenz leitet über zum Selbstvollzug als einer unbegründeten Wahl des eigenen Selbst, der „Selbstwahl des Nichtidentischen“ (Kap. 3).

Den Grund, warum die Identitätstheorie der Moderne mit einer gewissen Notwendigkeit in die ästhetische Indifferenz führt, sieht Schäfer in der Formalität des Identitätsmodells. Mit radikaler Freiheit versehen sieht das Subjekt nur das Ziel einer Übereinstimmung mit sich, worin kein Grund zu finden ist, sich sozialen Regeln unterzuordnen. Während bei Rousseau und Humboldt das Problem erst im Zusammenleben der Identitäten entsteht, wie Schäfer kurz andeutet, so bestreitet Kierkegaard schon die Möglichkeit der singulären Übereinstimmung mit sich selbst. Bei einem Leben in ästhetischer Indifferenz z.B. wird die Identität lediglich an der Oberfläche inszeniert und dies mit dem Glauben an die souveräne Selbsturheberschaft. Der Vorwurf des Ethikers in der Schrift „Entweder - Oder“, lautet in seiner höchsten Form, dass eine solche Existenz sich dem Abgrund der Freiheit und der Wahl des Selbst als eines in sich differenten Wesens nicht stellt. In seiner vermeintlichen Macht über die Gestaltung seiner selbst und den Beziehungen zu anderen täuscht sich der Ästhetiker über die Unverfügbarkeit seiner selbst hinweg. In diesem Sinne ist die ästhetische Existenz eine mögliche Form des Umgangs mit dem Problem der abgründigen Freiheit. Und da die ernsthafte Wahl des Ethikers auch in keine begründete Identität führt, bleibt es für den Ästhetiker uninteressant sich der Wahl und seiner vom Ethiker diagnostizierten Verzweiflung zu stellen. Die Ausweglosigkeit der Versöhnung bei der Identitätssuche vertieft Schäfer in einer detailreichen Analyse der Stadien der Verzweiflung in der Schrift „Die Krankheit zum Tode“ und zeigt an deren Ende, wie schon erwähnt, dass die Selbstwahl des Nichtidentischen auch ohne Verzweiflung und Sprung in den Glauben gedacht werden kann.

Im vierten und letzten Kapitel geht es um die „Kommunikation des Nicht-Identischen“ in Form der „indirekten Mitteilung“. Die pädagogisch interessante Frage lautet, wie es möglich sei „als mit sich nicht identisches Wesen den Anderen als ebenfalls mit sich selbst nicht identisches Wesen zu erreichen“ (114). Der traditionellen Intention der Pädagogik begegnet Kierkegaard mit der Provokation bzw. Aufforderung, die sozial akzeptierten Sinnbestimmungen aufzulösen, da sie nur Brücken über den Abgrund der Freiheit sind, mit dessen Konfrontation erst die Unmöglichkeit der begründeten Identität bewusst wird. Es geht damit um eine Befreiung von der symbolischen Ordnung, die aber nur mit den Mitteln der symbolischen Ordnung kommunizierbar ist. Eine Form, den Anderen an den Rand des Abgrundes der Freiheit zu bringen, ist die sokratische Ironie, die fragend keine Antworten intendiert, sondern in die Leere führt (119). Der sokratischen Ironie entzieht Kierkegaard noch den Glauben, dass über die Gewissheit der Ungewissheit und die Suche nach Wahrheit diese zu finden sei. Über die Irritation hinaus kann lediglich eine „indirekte Mitteilung“ aufgrund der in ihr enthaltenen entgegen gesetzten Verständnismöglichkeiten den Lernenden darauf aufmerksam machen, dass und wie er versteht und urteilt – nämlich grundlos. Eine Mitteilung, die nichts mitteilt, sondern aufmerksam macht auf das Unsagbare ist die äußerste Möglichkeit pädagogischer Interaktion mit den Ziel, die Differenz zwischen sozialer Identität in und freier Singularität außerhalb der symbolischen Ordnung aus- und offen zu halten.

Abgesehen von der Grenzbestimmung überschreitet Schäfer in seinem Buch die klassischen Bildungstheorien, indem er nicht nur die Vorgänge thematisiert, die in der Macht des Erziehenden stehen, sondern auch die, die seiner Verfügung entzogen sind, aber dennoch im erzieherischen Umgang Beachtung fordern. Wer nach der Grenzbestimmung des Pädagogischen dann doch gerne einen Ausblick auf spätmoderne Pädagogik hätte, dem seien die Ausführungen zur nicht-souveränen Erziehung und Bildung von Roland Reichenbach in seinem Buch „Demokratisches Selbst und dilettantisches Subjekt“ (2001) empfohlen, die sehr gut an das von Schäfer thematisierte Problem anknüpfen.

Das Buch von Schäfer ist keine leichte Lektüre zur Einführung in Kierkegaard, sondern eine im Ausgangpunkt pädagogisch orientierte Vertiefung in sein Denken. Die prägnante Knappheit (131 Seiten) und der fokussierte Blick auf Kierkegaard belassen die Vergleiche und Illustrationen zu den Subjektvorstellungen der traditionellen Gesellschaften und vor allem der post-strukturalistischen Ethik in abstrakten Andeutungen, die viel Verständnis beim Leser voraussetzen. Mit Schäfers Buch ist die Kierkegaard-Rezeption in der Pädagogik auf hohem Niveau wieder aufgenommen und erweitert worden. Der Verknüpfung von Kierkegaards Fragen mit spätmodernem Denken ist eine weitere erziehungs- bzw. bildungsphilosophische Auseinandersetzung zu wünschen; vor allem im Bereich Pädagogik und Religion wären die von Schäfer angeschnittenen Anregungen Kierkegaards aufzunehmen.
Gabriele Weiß (Potsdam)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gabriele Weiß: Rezension von: Schäfer, Alfred: Kierkegaard, Eine Grenzbestimmung des Pädagogischen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004. In: EWR 5 (2006), Nr. 4 (Veröffentlicht am 27.07.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/53114315.html