EWR 5 (2006), Nr. 2 (März/April 2006)

Gudrun Wansing
Teilhabe an der Gesellschaft
Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
(233 S.; ISBN 3-531-14439-1; 24,50 EUR)
Teilhabe an der Gesellschaft Bei der Untersuchung Gudrun Wansings zur sozialen Teilhabe behinderter Menschen handelt es sich um ihre Dissertation, die an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund 2004 eingereicht wurde. Gudrun Wansing zeigt vor dem Hintergrund systemtheoretischer Überlegungen auf, inwiefern Exklusionsprozesse in den Bildungs- und Sozialsystemen für Menschen mit Behinderungen erfolgen können. Dazu wird zunächst recht grundlegend Luhmanns Systemverständnis dargelegt, und in diesem Sinne Inklusion als soziale Teilhabe entlang ‚themenspezifischer Kommunikation‘ bestimmt und dabei zugleich auf die bekannte Problematik verwiesen, dass Luhmanns Inklusionsbegriff für eine Erfassung sozialer Ungleichheit unzureichend ist. Von daher schlägt Wansing vor, die Ebene sozialer Lebenslagen hinzuzuziehen, um das Konzept funktionaler Differenzierung für die Perspektive individueller Lebensläufe zu öffnen (vgl. 53). Entlang der Fokussierung auf soziale Organisationen, die im Eigentlichen in modernen Gesellschaften für Exklusionsprozesse sorgen, werden vielfältigste Formen sozialer Ausschließung ausgemacht, die sich u.U. auch gegenseitig verstärken und so auf ökonomischer, sozialer und kultureller Ebene nur knappe Ressourcenbildungen zulassen.

Auf diesem differenzierten theoretischen Hintergrund wird nun das ‚Exklusionsrisiko Behinderung‘ untersucht. Hier wird einleitend zu Recht auf die Schwachstelle der Sonderpädagogik verwiesen, die das Problem Behinderung auf der Ebene der Ungleichheitsforschung nur unzureichend thematisiere aufgrund ihrer langen Tradition einer „individualisierenden Sicht auf Behinderung“ (78). Vorgeschlagen wird stattdessen, Behinderung als „unzureichende Passung zwischen einer Person und den Umweltfaktoren“ zu begreifen (79). Im Folgenden wird dann das Phänomen Behinderung entlang verschiedener statistischer Untersuchungen in seinen ökonomischen, sozialen und kulturellen Dimensionen aufgefächert.

Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Aufgaben des Wohlfahrtstaates, dessen Grundproblematik in seiner Reparatur- (und nicht Vermeidungs-)funktion sozialer Exklusionen liege. Entlang der Zusammenstellung staatlicher Rehabilitationsaufgaben zeigt Gudrun Wansing allerdings auf, dass inzwischen auch ein Perspektivwechsel hinsichtlich der Exklusionsvermeidung beobachtbar ist, ablesbar am Gleichstellungsgesetz und den Hilfen zur Eingliederung. Daran schließt sich ein Katalog von Zielen sozialer Dienstleister an, die diesen Zielen entsprechen sollen, wie Lebensweltorientierung, Normalisierung, Selbstbestimmung. Auch hier wird mit den Angeboten von offenen und ambulanten Hilfen auf ein inzwischen verändertes Selbstverständnis sozialer Dienste verwiesen, das jedoch das Problem der Exklusion nach wie vor durch seine Orientierung am individuellen Hilfebedarf personalisiert.

Im vierten Kapitel wird daher noch einmal problematisiert, dass soziale Dienste kaum in der Lage sind, Exklusionen prinzipiell zu vermeiden, sondern vielmehr stellvertretend Inklusionen vollziehen – und dies zum Teil sogar dauerhaft (185). Verlangt wird daher im abschließenden Fazit, die Exklusionsproblematik für Menschen mit Behinderung in den Diskurs um eine Bürgergesellschaft aufzunehmen.

Die Untersuchung von Wansing hat ihre Stärken einerseits in der theoretischen Aufbereitung des Exklusionsproblems und andererseits in der hierauf bezogenen Zusammenstellung vielfach verstreuten statistischen Materials und kann daher als solide aktuelle sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme des Phänomens Behinderung gelten. Sie ist aufgrund ihrer klaren Argumentation und guten Lesbarkeit auch Studierenden als Grundlagenwerk zu empfehlen – und bereichert die Sonderpädagogik um eine gründliche soziologische Studie.
Vera Moser (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Vera Moser: Rezension von: Wansing, Gudrun: Teilhabe an der Gesellschaft, Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 2 (Veröffentlicht am 04.04.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/53114439.html