EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Matthias Vonken
Handlung und Kompetenz
Theoretische Perspektiven für die Erwachsenen und Berufspädagogik
Wiesbaden: VS-Verlag 2005
(207 S.; ISBN 3-531-14573-8; 24,90 EUR)
Handlung und Kompetenz Der Kompetenzbegriff nimmt seit einigen Dekaden einen zentralen Stellenwert in der bildungspolitischen und wissenschaftlichen Diskussion ein. Matthias Vonken zeigt mit seiner Dissertation theoretisch-konzeptionelle Verortungsmöglichkeiten der Kompetenz in der Erwachsenen- und Berufspädagogik jenseits der politischen Rhetorik auf. Die steigende Popularität und der inflationärer Gebrauch machen eine theoretische Zäsur notwendig, denn wie vielen anderen Konzepten – wie etwa dem Lebenslangen Lernen oder den Schlüsselqualifikationen – ist auch dem Kompetenzbegriff eine diffuse Breite bei geringer theoretischer Dichte zueigen.

Im Wir-Stil führt uns der Autor durch die einzelnen Kapitel, die im ersten Teil von der konzeptionellen Entwicklung dominiert sind. Die Mannigfaltigkeit des Kompetenzbegriffs und die grundsätzlichen Abgrenzungsschwierigkeiten führen zu der Klarstellung, dass im erziehungswissenschaftlichen Sinn bei Kompetenz nicht von Berechtigung, sondern von Befähigung auszugehen ist. Die theoretischen Ankerpunkte werden bei den linguistisch-sprachwissenschaftlichen Ausführungen von Noam Chomsky und aus bildungstheoretischer Sicht bei Willhelm von Humboldt gesetzt. Daraus greift Matthias Vonken insbesondere die kommunikativen Aspekte heraus, wie beispielsweise die Fähigkeit, kommunikative Situationen erzeugen zu können (vgl. 21f.). Der Autor erläutert mögliche Theoriealternativen zu psychologisch-individualistischen Ansätzen und definiert Kompetenz als Befähigung zur Bewältigung von sozialen Situationen mit zusätzlicher Fähigkeit zu deren Erzeugung (vgl. 32).

Im Kapitel 2 und 3 folgen Perspektiven auf Kompetenz in der Erwachsenenbildung / Weiterbildung und der Berufspädagogik. Zunächst verortet Vonken den Kompetenzbegriff in der Weiterbildung und nimmt dabei vor allem Bezug auf die Kompetenzentwicklung mit dem Rückschluss, dass die begriffliche Handhabung diffus ist. Streiflichtartig erfährt der Leser in diesem Kapitel von der Erwachsenenbildungsgeschichte ausgehend vom Bildungsbegriff über die Ökonomisierung in der realistischen Wende bis hin zur Schlüsselqualifikation und Kompetenzentwicklung. Zudem kommt es bereits zur stärkeren Problematisierung des eigentlichen Kompetenzbegriffs und einer Abkehr von der Ableitung aus Tätigkeiten. Vonken spricht sich hingegen für Kompetenz im Singular aus. Der Tätigkeitsbezug wird vielmehr durch „kompetentes Handeln“ ausgedrückt.

Der Fokus in der Auseinandersetzung mit der Berufspädagogik in Kapitel 3 richtet sich auf Facharbeiterausbildung, Berufserziehung und Qualifikationsdiskussion. In der Berufspädagogik wird zudem häufig in Fach-, Sozial- und Methodenkompetenz unterschieden. Der Autor kommt daraufhin zu dem Schluss, dass neben den Problemen der theoretischen Verortung des Kompetenzbegriffs in der Berufspädagogik eine weitere Begriffsvermehrung hinzukommt, ohne dass eine Umsetzung in Entwicklungsziele zu beobachten sei (vgl. 67).

Der Verfasser verlässt die deskriptive, begriffsgeschichtliche Perspektive in Kapitel 4, um die Frage zu stellen, warum sich verschiedene wissenschaftliche Bereiche seit einigen Dekaden mit Kompetenzen beschäftigen. Eine mögliche Antwort begründet sich in der Bedeutung und der Veränderung der Arbeit und den damit verbundenen Konzepten. In einem Exkurs stellt der Autor die Rolle der Arbeit von der Antike bis heute vor, in dem die Definition allgemein als eine engagiert ausgeführte Tätigkeit verstanden werden kann. Die Veränderungen, die von Arbeit hervorgerufen wurden, äußern sich in Komplexität, Verantwortung, Identifikation, Leistung und Belastung. In diesem Sinne ist Kompetenz als Handlung zur Reduzierung von Komplexität zu verstehen (vgl. 97). Die Rolle der Selbstorganisation ist sowohl in der gesellschaftlichen Entwicklung von Arbeit, als auch von Organisation gestiegen. Der Betrieb als eine mögliche Form der Organisation stellt einen wesentlichen Bezug zur Kompetenz dar. Die Entwicklung in den einzelnen Organisationsformen macht Kompetenz notwendig, da es sich nicht mehr um die Ausführung von Befehlen, sondern zunehmend um autoritäre und schließlich um selbst erzeugte Situationen handelt. Damit ist wiederum ein Anschlusspunkt an die Definition von Kompetenz auch als „Erzeugung von Situationen“ gegeben. Die Notwendigkeit von externer Kontrolle wird dabei im Betrieb von „selbst erzeugtem Gehorsam“ ersetzt.

In Kapitel 6 geht es schließlich um die handlungstheoretischen Aspekte von kompetentem Handeln und Kompetenz. Hier knüpft der Autor an die philosophische Handlungstheorie im Sinne von sozialem Handeln an. Diese Definitionen sind nicht nur auf Performanz bezogen, sondern auf eine Handlungstheorie. Matthias Vonken macht dies an einigen praktischen, jedoch nicht empirisch erhobenen Beispielen deutlich und beurteilt kompetentes Handeln anhand von Kriterien. Allerdings wird den erlebten Handlungen keine Kompetenz zugeschrieben, d. h. die Ableitung erfolgt nicht aus den Tätigkeiten. Die Quintessenz liegt demnach in der wiederholten Definition von Kompetenz im Singular und der Unterscheidung von kompetentem Handeln als selbstständiges, selbstverantwortliches, kreatives und flexibles Treffen von Entscheidungen zur Reduktion von Komplexität (vgl. 178). Die Begünstigung kompetenten Handelns stößt damit an die Grenze der jeweils individuellen vorhandenen Kompetenz, ohne dass sie zu deren Entfaltung essentiell beträgt.

Matthias Vonken macht in seinem Buch deutlich, wie wichtig es ist, eine theoretische Alternative für das politisch beladene Kompetenzkonzept zu formulieren. Dies geschieht begriffsgeschichtlich ausführlich anhand der Erwachsenpädagogik und etwas knapper für die Berufspädagogik in Kombination mit den Konzepten Arbeit und Organisation. Die Herleitung über Konzepte lässt den Leser Kontexte in den Blick nehmen, die eine theoretische Anschlussfähigkeit gewährleisten und eine handlungstheoretische Durchdringung der Kompetenz ermöglichen. Die Aktualität der Kompetenzdiskussion tritt dadurch deutlich hervor, auch und wahrscheinlich gerade weil der Begriff bereits seit den 1970er Jahren im politischen Kontext gebraucht wird. Die historischen Rückbezüge werden teilweise durch Originalzitate wie Chomsky und Luhmann, teilweise mit Sekundärliteratur wie bei Spranger und Kerschensteiner geleistet. Das gesamte Buch stellt eine willkommene Konzeptionalisierungsalternative für die Kompetenzdiskussion in der Erwachsenen- und Berufspädagogik dar.
Markus Weil (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Markus Weil: Rezension von: Vonken, Matthias: Handlung und Kompetenz, Theoretische Perspektiven für die Erwachsenen und Berufspädagogik. Wiesbaden: VS-Verlag 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/53114573.html