EWR 6 (2007), Nr. 1 (Januar/Februar 2007)

Susanne Weber / Susanne Maurer (Hrsg.)
Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft
Wissen - Macht - Transformation
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
(326 S.; ISBN 3-531-14861-3; 32,90 EUR)
Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft Susanne Weber und Susanne Maurer präsentieren unter Mitwirkung von insgesamt 18 AutorInnen mit dem vorliegenden Sammelband einen breit gefächerten Beleg für eine zusehends intensiver werdende Rezeption Michel Foucaults (nicht nur) in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft. Die Herausgeberinnen intendieren, den von Foucault erst spät entwickelten Ansatz der Gouvernementalität als Perspektive für die Erziehungswissenschaft zu eröffnen – und ihr damit gleichzeitig ein Instrument zur Thematisierung aktueller sozio-politischer Transformationen zu erschließen.

Die „innovative Kraft des Begriffs“ ‚Gouvernementalité‘ liege in seiner „Scharnierfunktion“, die Politik und Wissen einander nicht gegenüberstellt, sondern „ein politisches Wissen artikuliert“, indem „auf das den Praktiken immanente Wissen, die Systematisierung und ‚Rationalisierung‘ einer Pragmatik der Führung“ rekurriert werde und damit die „Verbindungen zwischen Regierungspraktiken, Normalisierung und Subjektivierung“ als Ausdrucksformen von Machtverhältnissen freigelegt würden (9ff.). Die alten Dichotomien von Freiheit und Zwang oder Konsens und Gewalt werden durch einen reflexiven Begriff von Regierung, mit Foucault gefasst als „Führung der Führungen“ ersetzt, „um die spezifischen Rationalitäten der [historischen oder aktuell wirkmächtigen Weisen von, Anm. RK] Regierung zu identifizieren“ (11), zu analysieren – und zu kritisieren.

Die Beiträge des Bandes gruppieren sich entsprechend der Foucault’schen Kernbegriffe methodisch angelegter Analysen um die vier Achsen Rationalitäten und Typen des Regierens, Strategien des Regierens, Praktiken des Regierens und des Sich-Nicht-Regieren-Lassens sowie Subjektkonstitutionen und Subjektivierungen. Der Band ist gleichermaßen für EinsteigerInnen wie für SpezialistInnen interessant: Die umfangreichen Literaturverweise erschließen ebenso leicht den Zugang zur mittlerweile schwer überschaubaren Foucault-Rezeption wie sie auch den Bezug zu aktuellen erziehungswissenschaftlichen Fragen bzw. Diskussionen aufrufen.

Die Gliederungsachsen des Sammelbandes zeugen jedoch nicht von dem Versuch, eine starre Architektonik im Sinne einer erziehungswissenschaftlichen Elementarlehre gouvernementaler Perspektiven einzuziehen. Durch den übergreifenden Anspruch der Herausgeberinnen, einer Stärkung des Potenzials von erziehungswissenschaftlicher Kritik zuzuarbeiten, bilden sie vielmehr ein bewegliches Koordinatensystem, in dem aktuelle gesellschaftliche Transformationen gemäß unterschiedlicher Breiten- und Tiefendimensionen in den Blick kommen können. Maurer und Weber fragen in ihrem Eröffnungsbeitrag Die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden nach Möglichkeiten der Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse und Entwicklungen. Der Gouvernementalitätsansatz diene sowohl zur Aufdeckung der potentiellen Machtvergessenheit der Erziehungswissenschaft selbst als auch der kritischen Thematisierung der gegenwärtig hegemonialen Diskursformation des Neoliberalismus: ja, die Denkungsart oder Haltung der Kritik figuriere als Gegenstück zu den verschiedenen Arten des Regierens: „Kritik als Kunst der ,reflektierten Unfügsamkeit‘ und der ,freiwilligen Unknechtschaft‘ in den Spielen der Wahrheitspolitiken hat also die Funktion der Entunterwerfung (…). Sie knüpft an das Verständnis der Aufklärung an, die gegen Unmündigkeit, einen Mangel an Entschlossenheit und Mut antritt“ (13). Dies jedoch nicht mehr im Sinne einer emphatischen Richterposition über Wahrheit und Ideologie, sondern als (reflexive) Strategie der Ermöglichung von Verschiebungen „im beweglichen Feld der Auseinandersetzungen und diskursiven Kämpfe“ (15). Mit dem vorliegenden Band dokumentieren sie das Anliegen, „das polyphone Ensemble der Kritik zur Sprache zu bringen“ (17). Die erkenntnisleitende Bestimmung des Gouvernementalitätsansatzes im Sinne einer Unterscheidung von Analyse und Kritik wird dabei durch eine verstärkt performative Lesart suspendiert.

Den ersten Abschnitt des Bandes, der sich den unterschiedlichen Rationalitäten und Typen des Regierens widmet, eröffnet Michael Peters, der unter Rückgriff auf Foucaults Arbeiten zur Entstehung der Biopolitik die Rationalität neoliberalen Regierens als Regierung durch den Markt in gegenwärtigen wissensbasierten Ökonomien konturiert und – wie übrigens alle englischsprachigen Beiträge in diesem Band – besonders deutliche wie drängende Worte findet, um die sozial(politisch)en Herausforderungen angesichts neoliberaler Ordnungen darzustellen: “In an age of consumerism, a fundamental question is to what extent, if at all, the ‘citizen-consumer‘ – a market-democracy hybrid of the subject – can shape privately funded public services in ways other than through their acts of consumption and whether acts of consumption can genuinely enhance the social dimensions of the market (…)“ (47). Unter Bezug auf Peters nutzt Robert Doherty die Gouvernementalitätsperspektive für eine Kritik an bildungspolitischen Programmatiken unter der Ägide eines neoliberalen Kapitalismusverständnisses, das er nach Peters als „globale große Erzählung" am Beginn des 21. Jahrhunderts begreift (58). Als dessen korrespondierende Rationalität des Regierens identifiziert Doherty das Konzept der „Policy“, “it becomes the theatre par excellence from which to view the living, breathing, evolving drama of government’s understanding of governing” (56) – als Aktivierungsstrategie nicht zuletzt auch in der Bildungspolitik.

Fabian Kessl nimmt Soziale Arbeit als (eine Art der) Regierung in den Blick, nachdem er eine mögliche Engführung in der Interpretation von Gouvernementalitätsstudien im Sinne machttheoretischer Rekonstruktionen um die Ebene machtanalytischer Sichtweisen erweitert, worin „Macht als produktives Element verstanden“ (68) wird: „Macht wird damit nicht (mehr) als substantielles Gegenüber von Unterdrückung oder Ohnmacht gefasst, wie es machttheoretische Annahmen (noch) unterstellen. […] Nicht ein ,Jenseits der Macht‘ kann das Ziel sozialpädagogischer Interventionen darstellen, sondern Verschiebungen im Diesseits der Machtverhältnisse, der historisch-spezifischen Regierungsweisen des Sozialen“ (68ff.). Susanne Webers genealogische Untersuchung zu partizipativen pädagogischen Lernarrangements und der ihnen zugrunde liegenden Rationalität des Demokratie-Dispositivs schließt den ersten Themenbereich ab.

Die Strategien des Regierens nimmt der zweite Abschnitt des Bandes in den Blick. Neoliberalismus light vermutet Agnieszka Dzierzbicka angesichts des programmatischen Entwurfes der Europäischen Union für bildungspolitische Maßnahmen und untersucht die „Lissabon-Strategie“ als Paradebeispiel für die Kunst des Regierens in wissensbasierten Wirtschaftsräumen. Sie kommt nach einem präzisen Durchgang durch die Entwicklung der unterschiedlichen Gouvernementalitäten des Liberalismus (regulierte Ökonomie als bestimmende Vernunft) aus dem Geist der Staatsraison (Politik als bestimmende Vernunft) und des Neoliberalismus (Markt als bestimmende Vernunft, nach Foucault Ausdruck für die Krise des Regierens) zu dem Ergebnis, dass sich die EU hinsichtlich ihrer bildungspolitischen Programmatik wohl einem globalisierten (wie gleichzeitig urbanisierten) Wettbewerb verschreibt, einer umfassenden Deregulierung aber mit dem Bekenntnis zu steuernden und gestaltenden Eingriffen eine Absage erteilt: „Jedenfalls lässt sich feststellen, dass in jenem Jahr, in dem Bologna, Lissabon und ,PISA‘ im bildungspolitischen Diskurs fest verankert wurden, Europa die Suche nach einer europäischen Identität einläutete“ (117).

Kontrolliert autonom bildet nach Andrea Liesner die paradoxale Chiffre für die in Umsetzung begriffene Architektur des Europäischen Hochschulraumes, der sie attestiert: „Dass die Hochschulen in vielerlei Hinsicht verbesserungswürdig sind, wird heute auch institutionsintern kaum bestritten. (…) Die kalkulierende Denkungsart jedoch, zu der Hochschulangehörige als lokale MitgestalterInnen des Europäischen Hochschulraumes und als künftige BürgerInnen des ,wissensbasierten Wirtschaftsraums‘ Europa animiert werden, erscheint vor allem deshalb problematisch, weil sie ein verkürztes Verständnis dessen, was als ökonomisch gilt, mit einem universalen Geltungsanspruch präsentiert“ (129). Die homogenisierende und vermeintlich universalisierende Freisetzung, Modularisierung und erhöhte Disponibilität von (disziplinären) Wissensbeständen und -strukturen gemäß einer auf Dauer gestellten Anpassungsleistung an die Markt- und Wettbewerbslogik habe zu Folge, dass „Wissen nur noch im Hinblick auf seine Funktionalität interessant [ist], nicht mehr aber in Bezug auf seine systematische und historische Legitimität“ (131) berücksichtigt werde.

Ein zweiter Beitrag Susanne Webers thematisiert pädagogisches MachtWissen in den Formen des Regierens anhand der Organisationsentwicklung und Frauenförderung bzw. an der Verhandlung der beiden Subjektpositionen „Intrapreneur“ und „Mutter“ – und zeigt damit machtanalytische Bruchlinien auf, die die Grenzen disziplinär-pädagogischer und neoliberal-ökonomischer Rationalität verschwimmen lassen: „In der pädagogischen Rede des ,Förderns und Entwickelns‘ werden Subjekt und Organisation als ,educational organization‘ zum pädagogischen Subjekt und pädagogischen Ort der Steigerung der Leistungsfähigkeit […] [D]er Intrapreneur und das Kind sind die Humanressourcen, die es zu ,fördern und zu entwickeln‘ gilt […] und zwar im Modus der Ermöglichung, Aktivierung und Optimierung“ (157).

Eberhard Raithelhuber identifiziert in seinem Beitrag Netzwerke „als ein zentrales Element der neoliberalen Programmgestaltung“ und als „eine Art und Weise des Regierens, die darauf zielt, das Verhalten von Individuen und Organisationen zu steuern und diese dazu zu befähigen, sich selbst in politisches Regieren einzubinden“ (163f.). Netzwerke dienen, so Raithelhuber, als Instrumente der Kapazitätssteigerung einer Regierung, die – besonders in gemischter Form von öffentlichen und privaten AkteurInnen – in Bereichen mit erhöhtem Innovationsbedarf zur Lösung gesellschaftlicher Probleme Einsatz finden. Die darin enthaltenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse ließen sich beleuchten, wenn die zur Netzwerkbildung und Funktion erforderlichen Regierungstechnologien – „Technologien der Agency und der Performanz“ (175, Stichwort: Vereinbarungskultur) untersucht würden. Sie alle dienen dazu, potentielle AkteurInnen ganz im Sinne des zuvor bei Weber präsentierten Modus des Aktivierens und Ermöglichens zur Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen zu bewegen: „Politisches Regieren nimmt damit nicht ab oder löst sich auf, sondern ,rutscht‘ unter das hinunter, was bisher als ,politisch‘ definiert wurde“ (176).

Die aufgeworfene Ausformung von Regierung in der neoliberalen Gouvernementalität als zunehmender Selbst-Regierung wird von Tina Besley zu Beginn des Abschnittes über die Praktiken des Regierens am Beispiel der neuseeländischen Professionaliserungsstrategien bezüglich School Counselling – namentlich anhand der Entwicklung von spezialisierten und zertifizierten Beratungsorganisationen wie der New Zealand Association of Counsellors (NZAC) – weiterverfolgt. Die Wahl zwischen beruflicher Marginalisierung oder erhöhtem Professionalisierungsdruck fällt nach ihrem (entwaffnend-entunterwerfenden) Resümee nicht leicht: “If one assumes that counsellors are generally on the political left, supporting issues of social justice, it may seem somewhat incongruous that they would embrace the sort of training and membership criteria that characterize right-wing, neoliberal values and economics“ (194).

Wenn gegenwärtig von Beratung und Professionalisierung die Rede ist, ist auch der Begriff der Evaluation nicht mehr weit. So widmet sich Thomas Höhne der Evaluation als Mittel der Exklusion und zeichnet die Entwicklung des Evaluationsdiskurses vom Taylorismus, dem Scientific Management und dem Fordismus der 1920er und 1930er Jahre über den Sputnik-Schock und die dadurch initiierte Weiterbildungsexpansion bis zu seiner Etablierung mit der gesellschaftlichen Durchsetzung der neoliberalen Programmatiken in der Gegenwart nach. Höhne weist im evaluationsimmanenten Anspruch auf Wirkungs- und Leistungskontrolle, also „die gezielte Einflussnahme auf die Selbststeuerungsfähigkeiten der Subjekte“ (208), ein Indiz für ein Machtregime auf, das wohl nicht länger hierarchische Steuerungsverhältnisse unterstellt, demgegenüber aber – und nicht weniger wirkungsvoll – ein „reflexives, heterarchisches“ (209) etabliert. Die Wirksamkeit dieses Regimes exemplifizieren anschließend Hermann Forneck und Julia Franz am Beispiel des drohenden Verschwindens des (erwachsenenbildnerischen) Weiterbildungskonzepts durch den ökonomischen Qualitätssicherungsdiskurs, der Subjekte ausschließlich als Subjekte des Marktes konstituiert. Eine willkommene Reflexion potentieller Widerstandspraktiken hingegen vollzieht Susanne Maurer abschließend in ihrem Beitrag Gouvernementalität ,von unten her‘ denken, in dem sie Soziale Arbeit und Soziale Bewegungen (insbesondere die Frauenbewegung) als kollektive Akteure beweglicher Ordnungen begreift, die, gestützt auf Geschichte, Erfahrung und Gedächtnis der Konflikte und der daraus resultierten „Sensibilität für Machtgeschehen“ (244), möglicherweise je lokalen Widerstand und diskursive Alternativen zur dominanten Art des Regierens bereithalten könnten.

Der vierte und letzte Abschnitt widmet sich den Subjektkonstitutionen und Subjektivierungen, wie sie mit dem pädagogischen MachtWissen selbst einhergehen. Thomas Coelen richtet in seinem Beitrag den gouvernementalen Blick auf die pädagogisch-disziplinäre Binnenperspektive und unterstreicht anhand der letzten Texte Foucaults nicht nur dessen erziehungswissenschaftliche Relevanz, sondern skizziert anhand seiner Analyse des Meister-Schüler-Verhältnisses in der griechisch-römischen Antike „den Ausblick auf ein (wenn auch nicht macht-, wohl aber) herrschaftsfreies pädagogisches Miteinander“ (262). Thomas Hollerbach zeigt mit dem historischen Rückgriff auf die Gouvernementalität der Ertüchtigung nach Turnvater Jahn, dass Menschenregierungsprogramme weder unfehlbar „noch in sich vollkommen geschlossen, vielmehr potentiell ambivalent und widersprüchlich“ (266) verfasst sind und – aus dem geduldigen Blickwinkel der Geschichte – nicht selten der Ironie ihrer Erfüllung ausgeliefert werden.

Ein originelles Stück zeitgenössischer Diskursanalyse, die Karl Kraus und seiner Sprachkritik zur Ehre gereicht, tragen Antje Langer, Marion Ott und Daniel Wrana bei, indem sie das entsprechend der Marktlogik zur Ressource geronnene und konstitutiv verknappte Selbst im Wege von Bedarfsermittlung in Stellenanzeigen (als einer gouvernementalen Praxis) untersuchen und feststellen: „In Bezug auf den Einzelnen wird das Selbst zu einem Kapital, in Bezug auf den Markt aber zu einem knappen Gut; und wie durch jedes knappe Gut entsteht so ein Markt der Selbste, auf dem die Subjekte sich zu positionieren haben, und auf dem sie konkurrieren“ (297). Der abschließende Beitrag des Bandes von Ute Karl befasst sich mit einer gouvernementalen Analyse gerontologischer Alter(n)sdiskurse. Sie weist auf, dass die neoliberale Ökonomisierung aller Bereiche des Sozialen auch vor dem Alter(n) nicht halt macht, sondern sich in der Rede von erfolgreichem, aktivem und produktivem Alter(n) fortsetzt (304): „Dass dabei jeweils nur unterschiedliche Spielarten der Seite des ,gesunden Alters‘ thematisiert und die vielfältigen und komplexen Lebenslagen des Alters ignoriert werden, ist das eine; ethisch weitaus problematischer ist die damit verbundene implizite Thematisierung eines passiven, gescheiterten oder unproduktiven, womöglich unnützen Alter(n)s“ (316). Spätestens an dieser Stelle tritt deutlich – wenn auch an den Grenzen der Artikulierbarkeit – hervor, welchem Zynismus im Verbund mit der neoliberalen Gouvernementalität zu begegnen ist.

Die Frage nach der systematischen Bedeutung bzw. nach den Entwicklungsmöglichkeiten und auch nach den Grenzen einer gouvernementalitätssensiblen Erziehungswissenschaft – wie sie vielleicht durch den Titel des Bandes nahe gelegt wird – erscheint nach dem Durchgang durch die einzelnen Beiträge nur vage beantwortbar zu sein – zu divers(ifizerend) sind dafür die eingeschlagenen Foucaultschen Interpretationswege, zu vielstimmig das „polyphone Ensemble der Kritik“. Vielleicht ist sie aber auch falsch gestellt. Der sozio-politische Kontext, dessen zahlreiche und unterschiedliche Facetten durch die Einzelbeiträge jeweils beleuchtet werden, gibt eher Grund zu der Annahme, dass (kritisch-reflektierende) Erziehungswissenschaft gut beraten wäre, Gouvernementalität nicht als potentielles neues Paradigma zur Selbstbeschreibung heranzuziehen, sondern ihre Perspektive als wirksames Instrument zur Beschreibung und Analyse vorfindlicher sozialer, also auch disziplinärer (Macht-)Verhältnisse heranzuziehen. In einem vielleicht auf dauerhafte Vorläufigkeit gestellten zweiten Schritt ermöglicht diese Perspektive die Wahrung, Verteidigung und Durchsetzung kritischer Ansprüche, die ebenso Transformationen unterworfen sind wie ihr Gegenstandsbereich selbst. Was den Rezeptionsstand Foucaults in der Erziehungswissenschaft betrifft, so kann vor dem Hintergrund von Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft jedenfalls festgehalten werden: Noch in den 80er und frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts kam die Bezugnahme auf Foucault und seinen genealogisch-diskursanalytischen Studien zum MachtWissen eher einer Gratwanderung zwischen avantgardistischem Nonkonformismus einerseits – der den Blick über den Tellerrand reiner, also von Aspekten der Macht und Herrschaft gelöster Epistemologie ermöglichte – und diversen partiellen Eingemeindungsversuchen andererseits, die hauptsächlich die historische Bedeutung seiner Arbeiten in den gesellschaftlich normierenden und damit Pädagogik-affinen Bereichen Sexualität, Psychiatrie, Schule oder Gefängnis hervorhoben, gleich. Heute scheint Foucault endgültig im Stadium großer diskursiver Aufmerksamkeit angelangt zu sein – und dies nicht zum Nachteil für die Erziehungswissenschaft.
Richard Kubac (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Richard Kubac: Rezension von: Weber, Susanne / Maurer, Susanne (Hg.): Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft, Wissen - Macht - Transformation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 1 (Veröffentlicht am 30.01.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/53114861.html