EWR 6 (2007), Nr. 6 (November/Dezember 2007)

Johannes Christes / Richard Klein / Christoph Lüth (Hrsg.)
Handbuch der Bildung und Erziehung in der Antike
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006
(336 S.; ISBN 3-534-15887-3; 39,90 EUR)
Handbuch der Bildung und Erziehung in der Antike Das ‚Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike’ – in erster Linie auf die griechisch-römische Antike bezogen, aber auch in einem größeren Abschnitt (Kap. 3 ‚Erziehung und Bildung im antiken Israel und im frühen Judentum’; 183-222) mit Palästina befasst – ist ein sehr nützliches Kompendium zu den wesentlichen Fragen des antiken Bildungswesens.

Auf eine dreifache Einführung der Herausgeber zu den Bereichen ‚Griechenland’ (Christoph Lüth, 11-16), ‚Rom – Republik und Kaiserzeit’ (Johannes Christes, 17-22) und ‚Spätantike’ (Richard Klein, 23-27) folgt ein derselben Einteilung verpflichtetes Hauptkapitel. Es ist aber seinerseits grob in die Lebensphasen bzw. Bildungsschritte des Jugendlichen (‚2.1 Familie und Kindheit’ [29-57], ‚2.2 Jugend’ [59-88], ‚2.3 Schule: Elementar- und Grammatikunterricht’ [89-123], ‚2.4 Studium’ [125-155], ‚2.5 Ausbildung und Beruf’ [157-182]) gegliedert und subsumiert dabei die drei in der Einführung vorgestellten Epochen. Die Gliederung hat in der Tat den Vorteil, dass nicht ein genuin griechisches oder römisches Bildungswesen je für sich vollständig abgehandelt wird, sondern dass das Kind und der Heranwachsende in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

Im griechischen Kontext wird gelegentlich auf römische Verhältnisse hingewiesen und umgekehrt aus römischer Perspektive Griechisches angeführt, was sich bei dieser Konzeption nicht vermeiden lässt, aber keinesfalls störend wirkt. Die jeweilige Dreizahl der Autoren (Roland Baumgarten, Diana Bormann und Christiane Kunst bzw. Christa Krumeich in 2.1-2.3; Christoph Lüth, Konrad Vössing und Richard Klein in 2.4) trägt nicht minder zu einer Durchmischung und Mehrfachnennung bestimmter Aspekte bei. So erfährt man mehr als einmal, dass die römische Jugend zu Ausschweifungen neigte (75, 78, 82f.), sie wegen ihrer charakterlichen Labilität und mentalen Unreife bis zum 30. Lebensjahr als noch nicht amtsfähig galt oder dass der Einteilung in die Altersstufen pueritia, adulescentia, iuventus, senectus keine einheitliche antike Klassifizierung zugrunde liegt (74f., 86f.); doch die Autorinnen Bormann und Kunst haben es bestens verstanden, die historischen Sachverhalte in ihrem je anderen epochalen Zusammenhang herauszustellen.

In den Unterkapiteln informieren die Autoren durchweg sachkundig und eloquent über die z.T. recht vage bezeugte familiäre Erziehung und gesellschaftliche, schulische oder akademische Bildung. Hin und wieder werden instruktive Anekdoten erzählt: So musste etwa der große Stoiker Kleanthes sein Studium durch „nächtliche Bewässerung der Gärten“ finanzieren (131), weil ihm ein Stipendium verweigert wurde. Dies verdeutlicht, dass im hellenistischen Athen nicht nur finanziell gut gestellte Schüler eine akademische Ausbildung genießen konnten. Die großen Entwicklungen werden mit sicherer Hand skizziert: Ch. Lüth spricht über die Gründung der griechischen Philosophenschulen (125-129), K. Vössing behandelt die Rhetorikausbildung im spätrepublikanischen und kaiserzeitlichen Rom (137-140) und R. Klein legt die römische Hochschulpolitik seit Diokletian dar (146-155).

Nicht alle Beiträge sind jedoch von der soeben apostrophierten Qualität. In dem Abschnitt über „Ausbildung und ‚Beruf’“ braucht man einige Zeit, um den roten Faden zu entdecken. Neben begrifflichen Schwächen – Arbeit sei eine „Quelle des Lebenserwerbes“ (157), Tiberius soll, indem er den Erfinder von unzerbrechlichem Glas töten ließ, die „Sozialisierungsfunktion“ der Arbeit „zur Verhinderung von Verbrechen und Armut ... pervertiert“ haben (159), die Göttin Athene wird nicht als Patronin des Handwerks, sondern als „Handwerkerin“ bezeichnet (162) – findet sich Widersprüchliches: „Das Ansehen der handwerklichen Arbeit in der Antike [!]“ wurde Dreyer zufolge von den Philosophen des 5. und 4. Jahrhunderts in Athen geprägt und ebenso negativ bewertet wie das demokratische System, welches der arbeitenden Bevölkerungsschicht einigen politischen Einfluss gewährte (157); daneben wird kommentarlos die traditionelle (!) Ablehnung des Handwerks in Sparta und andernorts erwähnt (159). Es gab somit erhebliche lokale Unterschiede: In Athen nahm man das Handwerk offenbar anders wahr als in Sparta. Dies findet sich denn auch von R. Baumgarten (69-71) oder von Dreyer selbst (225f.) in anderen Zusammenhängen entsprechend dargestellt. Des Weiteren wird oft nicht deutlich, dass Römer über die körperliche Arbeit grundsätzlich anders dachten als Griechen.

Mehr Stringenz und Informationsdichte weisen Dreyers Ausführungen zur Wirtschaftsgeschichte des Mittelmeerraums sowie der mit dem Thema des Buchs enger verknüpfte Abschnitt über ‚Die Ausbildung’ auf (175-182). Das vom selben Autor verfasste Abschlusskapitel über die Medien in der griechischen, der römischen und der jüdischen Gesellschaft der Antike (‚4. Medien für Erziehung, Bildung und Ausbildung in der Antike’, 223-250) kann gleichfalls als eine klar aufgebaute Einführung angesehen werden; nicht nur die Materialien der Kommunikation, etwa Schreibtafeln und Bücher, sondern auch die medialen Aspekte von Bühne und Rhetorik (238-241) sind einbezogen.

Besonders hervorhebenswert erscheint der Beitrag von Ingrid Lohmann zur ‚Erziehung und Bildung im antiken Israel’ (183-222). Sie vertritt die These, „ein ausgebreitetes Schulwesen“ habe es „im antiken Israel nicht“ gegeben (186): Die hebräische Bibel kenne den Begriff „Schule“ noch nicht (209), erst in nachexilischer Zeit könne man von einem Schulbetrieb im eigentlichen Sinne sprechen (217ff.). Die meisten Lebensbereiche des Judentums sind offenbar ohne die Fähigkeit zu schreiben und zu lesen ausgekommen (197f.). Familiäre und gesellschaftliche Erziehung geschahen hauptsächlich über mündliche Impulse: Belehrung, nicht Bildung prägte die antike Welt Palästinas.

Dem in den letzten Jahren stark behandelten Thema der Mädchenbildung in der Antike geht das vorliegende Buch in allen Bereichen nach. Dass bei der mittlerweile stark angewachsenen Literatur nicht jeder Titel herangezogen wurde, ist verständlich [1]. Dennoch sei abschließend nochmals mit Nachdruck vermerkt: Das ‚Handbuch der Erziehung und Bildung der Antike’ ist ein lehrreiches und lesenswertes Werk.

[1] Hier sei besonders auf die folgende mit Gewinn zu lesende Publikation hingewiesen: Vazaki, Anna (2003): Mousike Gyne. Die musisch-literarische Erziehung und Bildung von Frauen im Athen der klassischen Zeit. Möhnesee: Bibliopolis.
Peter Riemer (Saarbrücken)
Zur Zitierweise der Rezension:
Peter Riemer: Rezension von: Christes, Johannes / Klein, Richard / Lüth, Christoph (Hg.): Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/53415887.html