EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Birgit Schreiber
Versteckt: Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach
Interpretationen biographischer Interviews
(Reihe "Biographie- und Lebensweltforschung" des Interuniversitären Netzwerkes Biographie- und Lebensweltforschung [INBL], Bd. 3)
Frankfurt, New York: Campus Verlag 2005
(454 S.; ISBN 3-593-37746-2; 39,90 EUR)
Versteckt: Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach Birgit Schreiber wendet sich mit ihrer Untersuchung über versteckte jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland einer bisher von der Forschung vernachlässigten und spezifischen Gruppe von Holocaustüberlebenden zu. Von besonderem Interesse sind die Lebensthemen der im Versteck überlebenden Kinder, ihre spezifischen Verfolgungserfahrungen und ihr Leben danach. Die Studie kennzeichnet zudem eine für die qualitative Forschung innovative Verknüpfung zweier Methoden, indem das narrationsstrukturelle Erhebungs- und Auswertungsverfahren mit einer psychoanalytisch orientierten Auswertungsstrategie kombiniert wird.

Nach einem kurzen Vorwort von Kurt Grünberg (Sigmund-Freud-Institut Frankfurt) beginnt Birgit Schreiber mit einer Einleitung (Kapitel 1), in der die Untersuchungsgruppe skizziert, das Ziel der Studie dargelegt, der Wert individueller Lebensgeschichten diskutiert und der Zeitpunkt der Untersuchung thematisiert wird. Darauf folgt eine Einführung in das Thema ‚Versteckt in Deutschland’ (Kapitel 2), in dem sowohl der Forschungstand und die Datenlage vorgestellt als auch für die Untersuchung relevante Begriffe definiert werden, wie beispielsweise ‚Versteck’. Auch wird in diesem Kapitel nicht einzig auf die Gruppe der Versteckten eingegangen, sondern ebenso auf diejenigen, die ein Verstecken ermöglichten, die so genannten RetterInnen. Eingebettet sind diese Ausführungen stellenweise in einen gesellschaftspolitischen Diskurs, der unter dem Schlagwort ‚Vergangenheitsbewältigung in Deutschland’ zusammengefasst werden kann.

In Kapitel 3 steht die Thematik ‚Traumatisierungen‘ im Mittelpunkt. Der Begriff ‚Trauma‘ wird zunächst bestimmt und als komplexes Konzept vorgestellt. Mögliche Folgen von Traumatisierungen werden benannt. Nach den zu diesem Thema eher allgemeinen Ausführungen von Traumata im Kontext von Sozialisation erfolgt im weiteren Verlauf eine Hinwendung zu Traumatisierungsprozessen von so genannten ‚child survivors’. Hier finden ausgewählte Studien Erwähnung, die als Folgeerscheinungen von Traumatisierungen u.a. Überlebensschuld und Trennungsschuld bei den Betroffenen thematisieren.

Im Kapitel 4 nähert sich die Autorin der Situation des Erzählens einer Lebensgeschichte an. Betitelt mit „Die ‚Krisen des Zeugnisgebens’“ wird auf das Konzept des Zeugnisgebens in Verbindung mit dem Erzählen von traumatischen Erfahrungen Bezug genommen. Im Gegensatz zu der oft angenommenen Sprachlosigkeit basiert dieses Konzept auf der Annahme, dass der Wunsch nach Mitteilung bei Betroffenen sehr wohl vorhanden, die Umsetzung aber mit Schwierigkeiten verbunden ist. Die Erzählung über das eigene Leben wird dann zum Zeugnis, „wenn sie die Geschichte über ihre individuelle Bedeutung hinaus zu einem historischen Dokument macht, das […] besondere Würdigung verdient“ (81). Anzumerken ist, dass es der Autorin insgesamt ein Anliegen ist, eine Forschungshaltung einzunehmen, die Interviews mit Verfolgten gelingen lässt und eine potenzielle Retraumatisierung verhindern soll. Das Konzept ‚Krise des Zeugnisgebens’ sowie Überlegungen zur Lösung dieser Krisen bilden hierfür den Ausgangspunkt.

Ausführungen über Methodologie und Methoden finden sich im Kapitel 5, in dem der Rahmen der Untersuchung skizziert wird, die Auswertungsmethoden erläutert und die Auswertungsschritte dargelegt werden. Zur Begründung für die Wahl der Auswertungsmethoden (narrationsstrukturelles und psychoanalytisches Vorgehen) wird der spezifische Charakter der Lebensgeschichten von Überlebenden, die durch Traumatisierungen gekennzeichnet sind, angeführt. Die Autorin nimmt an, dass die gängigen Methoden der Biographieforschung die traumatischen Erfahrungen nicht erfassen können, da sie sich der verbalen Ebene entziehen. Der psychoanalytische Ansatz hingegen beinhaltet die Möglichkeit der Gegenübertragungsanalyse, bei der die Reaktionen der ForscherInnen auf die Interviewten reflektiert und (mit)interpretiert werden. Auf diesem Weg lassen sich latent vorhandene Empfindungen, Haltungen oder Strategien erfassen.
Die Kapitel 6 bis 10 beinhalten die Interpretationen von fünf biographischen Interviews mit damals versteckten Kindern. Jede Interviewinterpretation beginnt mit der Darstellung der Kontaktaufnahme sowie mit einer detaillierten Beschreibung der Rahmenbedingungen des Interviews. Diese Informationen fließen in die Interpretation ein bzw. stellen ihren Beginn und Ausgangspunkt dar. Neben einer jeweiligen Kurzbiographie finden sich die Interpretationen der Interviews, die teilweise durch ausgewählte Szenen vertieft und durch einen im Weiteren eingenommenen Fokus auf spezifische Lebensthemen ergänzt werden. Bis auf diese Aspekte existiert eine einheitliche Gliederung der Darstellung nicht, sondern es wird sich an Struktur und Inhalt des jeweiligen Interviews orientiert. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass ein über die jeweilige Interviewinterpretation hinausgehender Vergleich mit dem Ziel einer Verallgemeinerung nicht explizit angestrebt wird; die Interpretationen stehen sozusagen für sich. Dementsprechend schließt sich in Kapitel 11 eine Reflexion der Erfahrungen mit den Methoden und den ‚Krisen des Zeugnisgebens’ im Forschungsprozess an, also eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsdesign und den damit verbundenen Grundannahmen.

In Kapitel 12 werden dann die ‚gefundenen’ Lebensthemen einst versteckter Kinder diskutiert. Diesbezüglich schreibt die Autorin: „Das Überleben durch Untertauchen bleibt eine individuelle, nicht verallgemeinerbare Erfahrung […], auch wenn es gemeinsame Bearbeitungsformen und übergreifende Themen der in Deutschland versteckten jüdischen Kinder gibt“ (391). Diese Themen sind u.a.: widerstreitende Loyalitäten und Ambivalenzen hinsichtlich der Heimatgebundenheit oder Sehnsucht nach Anerkennung des erfahrenen Schicksals bei gleichzeitiger Tendenz, sich vor den damit in Verbindung stehenden, schmerzhaften Erinnerungen schützen zu wollen. Das Buch endet mit einem Nachwort von Dan Bar-On.

Auffallend ist, dass sich in der Einleitung keine Erläuterungen finden, die den Aufbau der Studie erklären. Die Einleitung beinhaltet zwar eine Einführung in die Thematik, diese lässt die Leserin bzw. den Leser jedoch eher in das Thema ‚stolpern’, als dass sie eine Anleitung bietet. Auch finden sich keine Hinführungen zu Beginn der jeweiligen Kapitel. Demzufolge ist die Struktur für die Leserschaft schwer nachzuvollziehen und – und dies ist der eigentliche Kritikpunkt – die thematischen Setzungen und theoretischen Rahmungen werden nicht ausdrücklich durch den Strukturaufbau der Studie begründet. Insbesondere der thematische Bezug zu Traumatisierungen lässt die Frage unbeantwortet, inwieweit hier eine Vorannahme gesetzt wird, die zumindest begründungspflichtig ist, da sie weit reichende Konsequenzen für das Forschungsdesign nach sich zieht. Sowohl der Bezug zu dem Ansatz ‚Krisen des Zeugnisgebens’ als auch die Integration psychoanalytischer Perspektiven beruhen auf der Annahme vorhandener Erfahrungen der Traumatisierung.

Die Autorin ist sich sehr bewusst, dass sie sich mit ihrer Untersuchung auf einem sensiblen Forschungsterrain bewegt. Dieses Bewusstsein kommt auf der einen Seite in einigen Abschnitten der Interviewinterpretationen zum Ausdruck, in denen mit Fingerspitzengefühl und Empathie Deutungen der Interviewten nachgezeichnet werden. Auf der anderen Seite finden sich Äußerungen, die eher an eine Haltung der ‚Besserwissenden’ denken lassen. So wird beispielsweise eine humorvolle Erinnerung eines Interviewpartners als Ausdruck klassifiziert, der „leicht über die tatsächlichen Gefahren eines Lebens mit falscher Identität hinwegtäuschen“ (41) kann. Als ein weiteres Beispiel sei erwähnt, dass sich eine Interviewpartnerin gegen eine Anonymisierung ausgesprochen hat, Birgit Schreiber sie aber dennoch beibehält. Zur Begründung schreibt sie: „Ich habe über ihren Wunsch lange nachgedacht und beschlossen, ihre Geschichte zu ihrem Schutz zu codieren – um alle InterviewpartnerInnen gleich zu behandeln und um sie vor neuen antisemitischen Anfeindungen zu schützen“ (16).

Wie bereits erwähnt, findet sich in der Studie eine Verknüpfung zweier Auswertungsmethoden: der narrationstrukturelle wird mir einem psychoanalytischen Ansatz verbunden. Die Entscheidung für die Methoden ist ausgehend von Forschungsfeld und -fragen entwickelt worden, ein Vorgehen, das der Logik qualitativer Forschung ausdrücklich entspricht. Darüber hinaus ist die Kombination dieser Verfahren selten in der Biographieforschung zu finden, so dass mit der vorliegenden Studie ein innovativer Beitrag vorliegt. Die Anwendung der Methoden im Rahmen der fünf Interviewinterpretationen ist überzeugend. Insbesondere die spezifischen ‚Krisen des Zeugnisgebens’ der jeweiligen Interviewbegegnung geben einen aussagekräftigen Einblick sowohl bezogen auf die Biographie als auch auf die Interviewsituation selbst. Das Konzept ist meines Erachtens interessant für die Biographieforschung, unabhängig von dem gesetzten Fokus auf Traumatisierungen. Auch die Gegenübertragungsanalyse überzeugt an den Stellen, an denen sie Schritt für Schritt dargelegt und gedeutet wird. Sicherlich bleibt dieser Ansatz punktuell diskussionswürdig, da sich die Frage aufdrängt, inwieweit diese Deutungen zu stark von der Interviewerin abhängig sind; auch bliebe zu klären, in welchem Verhältnis sie zu gängigen Gütekriterien wissenschaftlicher Forschung stehen. Dennoch kann festgehalten werden, dass die Autorin sich ein ungewöhnliches Forschungsdesign gewählt hat, das sie überzeugend vertritt und anwendet. Darüber hinaus finden sich aber auch Interpretationen, die weder mit der einen noch mit der anderen Methode verbunden werden können und die über einen spekulativen Charakter verfügen. Beispielsweise verlässt die Rekonstruktion den Rahmen der gewählten Methoden, wenn gedeutet wird, dass jemand mit dem Beruf des Lehrers „vielleicht stellvertretend die Träume der Mutter“ (142) verwirklichen möchte. Diese Art von Interpretation findet sich gehäuft und wird oftmals mit einem Eindruck, den ‚man‘ gewonnen hat, begründet. Infolgedessen aber verlieren die Interpretationen teilweise ihre Stringenz und der Nachvollzug der Erfahrungen sowie deren Deutungen werden erschwert.
Die Interpretationen der Interviews stellen das ‚Herzstück’ der Studie dar, eine Schwerpunktsetzung, die von der Autorin intendiert ist. Hierdurch wird betont, dass die Erfahrungen der ehemals Versteckten nicht verallgemeinerbar sind. Dementsprechend wendet sich das Buch insbesondere an die LeserInnen, die sich für die individuelle Verarbeitung von Widerfahrenem und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Biographie in einem spezifisch historischen Kontext interessieren. Entsprechend stehen individuelle Überlebensstrategien – verflochten mit den entwickelten Lebensthemen im Kontext von biographischer Arbeit – im Mittelpunkt. Anzumerken ist, dass die Studie nicht in der Vergangenheit verbleibt, sondern aktuelle Bezüge aufgreift. Viele der InterviewpartnerInnen leben in Deutschland und sie thematisieren u.a das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in diesem Land, ein Aspekt, der von der Autorin aufgegriffen und vertieft wird.

Insgesamt ist die Studie von Birgit Schreiber ein mit Sicherheit diskussionswürdiges und lesenswertes Buch. Trotz der genannten Kritikpunkte gelingt es ihr – und dies gilt nicht für alle Untersuchungen im Bereich der Biographieforschung – in den Interviewinterpretationen eindeutig über das offensichtlich Gesagte hinauszugehen. In diesem Rahmen ermöglicht sie Einblicke in eine Welt, die tendenziell eher durch Schweigen gekennzeichnet ist.
Sylke Bartmann (Mainz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sylke Bartmann: Rezension von: Schreiber, Birgit: Versteckt: Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach, Interpretationen biographischer Interviews (Reihe "Biographie- und Lebensweltforschung" des Interuniversitären Netzwerkes Biographie- und Lebensweltforschung (INBL), Bd. 3). Frankfurt, New York: Campus Verlag 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/59337746.html