EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Frans van Poppel / Michel Oris / James Lee (Hrsg.)
The Road to Independence
Leaving Home in Western and Eastern Societies, 16th–20th centuries
Bern, Berlin, Bruxelles u.a.: Verlag Peter Lang 2004
(450 S.; ISBN / ISSN 1660-604; 62,80 )
Mit dem Band von Frans van Poppel et al.: "The Road to Independence", wird eine englischsprachige Publikation vorgelegt, die ein erziehungs-, familien- und sozialhistorisch relevantes Thema behandelt: das Verlassen des Elternhauses durch Jugendliche und junge Erwachsene und damit das Verlassen des Lebenszusammenhangs der Herkunftsfamilie und der bisherigen Lebensführung. Dieser Schritt stelle, so die Herausgeber in der Einleitung, nicht selten "an initial or sometimes final farewell to youth" dar, bedeute eine neue Eltern-Kind-Beziehung und verändere auch die Lebensführung der Eltern nachhaltig (1).

Der Sammelband ist das Ergebnis eines workshops mit dem Titel "The leavers and stayers in the household in Eurasian societies". Dieser ist aus einem von der "European Science Foundation" unterstützten wissenschaftlichen Netzwerk hervorgegangen, das sich der Erarbeitung des Themas "Household and community dynamics: a EurAsian approach of mobility in past societies" verschrieben hat. In den Beiträgen wird sichtbar, dass es sich um langfristige Untersuchungsperspektiven handelt, deren Ergebnisse in diesem Band präsentiert werden. Konzentriert auf das 18.-20. Jahrhundert, analysieren die Beiträger das Thema im ersten Teil in Gesellschaften, deren Norm und grundlegende Familienstruktur die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) darstellt und im zweiten Teil in Gesellschaften, in denen die Stamm- oder Verwandtschaftsfamilie Orientierung und Lebensführung dominieren [1]. Im dritten Teil schließlich werden sozialstrukturelle, ökonomische, politische und kulturelle Hintergründe und Motive erläutert, die das Verlassen des Elternhauses durch Jugendliche und junge Erwachsene mitbestimmen.

Übergreifendes Ziel des Buches sei, so die Herausgeber in der Einleitung, differenziert aufzuklären über den historischen Prozess von Familienentwicklungen, über regional und national spezifische Muster der Lösung von der Herkunftsfamilie und eigener Haushalts- und Familiengründung (vgl. 6). Weiterführendes (und weitgestecktes) Bestreben ist darüber hinaus, mit Studien wie dieser familienpolitische Maßnahmen anzuleiten: "Myths about past behaviors might cloud our understanding of contemporary problems regarding the family. Attempts through legislation to affect and achieve changes in family behavior may be unsuccessful when policymakers have misguided presumptions of what family was in the past. A lack of historical insights might lead to a tendency to exaggerate changes in family forms and family formation [...]" (6).

Insgesamt werden sieben europäische Staaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Schweden) sowie die USA und Japan - z. T. komparativ - behandelt. Dabei werden sowohl quantitative wie qualitative Quellen und Methoden verwendet. Das Quellenmaterial der auf quantitativen Daten basierenden Analysen besteht zumeist aus staatlichen Steuerlisten, Bevölkerungs- und Haushaltserhebungen sowie Tauf-, Ehe- und Totenregistern der Kirchen. In qualitativer Hinsicht werden vor allem Autobiographien analysiert. Dabei überwiegen in dem Band die quantitativen Analysen deutlich. Neun der zwölf Abhandlungen beziehen sich überwiegend auf quantitatives Datenmaterial, zwei Abhandlungen kombinieren qualitative und quantitative Datenbestände und Methoden, eine Abhandlung (Mary Jo Maynes über den ‘leaving home process’ in europäischen Arbeiter-Autobiographien, 315ff.) arbeitet ausschließlich qualitativ.

Als Ausgangspunkt der Fragestellung wird in der Einleitung eine in der Familienforschung insgesamt bekannte These zugrunde gelegt: diejenige vom ‚european marriage pattern’ (John Hajnal, 1965) [2]. Sie besagt, dass westlich einer imaginären Linie von Triest bis St. Petersburg ein relativ spätes Heiratsalter, eine damit verbundene späte eigene Haushaltsgründung und zugleich ein prozentual hoher Anteil von ledigen Personen die Regel war. Östlich dieser Linie dominieren dagegen ein frühes Heiratsalter, das Zusammenleben mit weiteren Verwandten gemeinsam mit der Kernfamilie in einem Haushalt und ein geringer Prozentanteil von Ledigen (vgl. 2). Peter Laslett hat diese Beobachtung ergänzt durch die Feststellung, dass im vorindustriellen Europa bis zu 75% der Jungen und 50% der Mädchen in der Jugend oder dem jungen Erwachsenenalter eine Phase als Dienstboten, Landarbeiter oder Lehrlinge durchliefen. Das ‚europäische Heiratsmuster’ und das frühe Alter bei Verlassen des elterlichen Haushalts hätten sich dabei in der Weise ergänzt, dass Angebot und Nachfrage nach Arbeit von in ökonomischer Hinsicht unterschiedlich ausgestatteten Haushalten ausbalanciert werden konnten (vgl. 2f.). David Reher hat Hajnals Beobachtung kürzlich nochmals differenziert und zu dessen vertikaler Linie eine bis in die Gegenwart wirkende horizontale Linie ergänzt: Er unterscheidet ein nordwestliches Europa (inkl. USA) von einem südlich-mediterranen Europa. Während in ersterem die individuelle Unabhängigkeit als Wert über der familialen Solidargemeinschaft rangiere, sei in zweiterem die Werteskala umgekehrt: Familiensolidarität und -verpflichtungen dominierten die individuelle Biographie (vgl. 3). Kinder leben in südeuropäischen Ländern länger im Haushalt der Eltern und verlassen es in der Regel erst mit der Heirat, während in Nord- und Mitteleuropa eine Phase des miteinander Lebens junger Leute sowie eine gewisse Zeit als Singles zwischen das Verlassen des Elternhauses und die eigene Familiengründung eingeschoben wird (vgl. 4). Vor dem Hintergrund dieser Ausgangsüberlegungen ist es ein Ziel des Bandes zu untersuchen, inwiefern der Übergang zum Erwachsenenstatus - bezogen auf den ‚leaving home process‘ - beeinflusst wird von vorherrschenden Familienstrukturen (Kernfamilie, Stammfamilie, Verwandtschaftsfamilie etc.). So wird z. B. in der Forschung argumentiert, dass Kernfamilien weniger Möglichkeiten besessen hätten, Kinder in ökonomisch prekären Situationen in der Familie zu behalten, da die ökonomischen Ressourcen begrenzter waren als in Stamm- und Verwandtschaftsfamilien (vgl. 9).

Die im ersten Teil untersuchten Gesellschaften, in denen die Kernfamilie Norm und grundlegende Familienstruktur darstellt, umfassen England und Wales (1850-1920), Schweden (eine ländliche Region Südschwedens 1829-1866), Belgien (eine verarmte ländliche Region in den Ardennen 1812-1899) und Norditalien am Beispiel der Stadt Venedig (1850-1869).

Anhand von englischen und walisischen Bevölkerungserhebungen zwischen 1850 und 1920 stellt Kevin Schürer fest, dass innerhalb dieses Zeitrahmens das Alter, in dem Kinder ihr Elternhaus verließen, für beide Geschlechter anstieg, für Jungen kontinuierlich, für Mädchen vor allem zwischen 1881 und 1901 (vgl. 57). Regional gab es große Unterschiede: Im Westen und Osten verließen Kinder das Elternhaus später als im Süden, im Norden gab es keinen klaren Trend. In Industrieregionen war ein späteres Verlassen des Elternhauses auszumachen, was mit den besseren Beschäftigungsmöglichkeiten am Ort zusammenhing. Generell, so Schürer, lasse sich das frühe 20. Jahrhundert als Zeitphase des Übergangs von traditionellen zu modernen Mustern ausmachen. Das Verlassen des Elternhauses geschehe später, das Leben Jugendlicher in fremden Haushalten gehe zurück, verbunden mit einer Abnahme temporärer Dienstboten- und Landarbeitertätigkeiten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (vgl. 79 f.).

Am Beispiel von vier ländlichen Kirchspielen der Provinz Scania in Südschweden untersucht Martin Dribe im Zeitraum zwischen 1829 und 1866 die Frage, ob das Verlassen des elterlichen Haushalts Teil einer bewussten Familienstrategie in Zeiten wirtschaftlicher oder demographischer Unsicherheit war. Dribe bezieht seine Informationen aus Steuer- und Kirchenregistern und kommt zu dem Ergebnis, dass in dieser Region der Wegzug in die Stadt wegen besserer Arbeitsmöglichkeiten eine geringe Rolle spielte. Außerhalb des Adels und des vermögenden Bürgertums lag dem Verlassen des Elternhauses jedoch die Annahme einer Arbeitsstelle zugrunde, während die Heirat und die eigene Haushaltsgründung aufgeschoben wurde. Die meisten Kinder verließen das Elternhaus im Alter zwischen 15 und etwa 26 Jahren (vgl. 91 ff.). Insgesamt erscheint das Ergebnis jedoch sehr differenziert, so dass sich kaum übergreifende Aussagen treffen lassen: "The leaving home response to economic stress [...] not only differed between social groups, but also according to age and sex of the child" (112). Vermögende Bauern behielten ihre Kinder in Zeiten wirtschaftlicher Not als zusätzliche Arbeitskräfte unter Entlassung von Angestellten im Haus, während die Kinder von Pächtern in guten Erntezeiten im Elternhaus verblieben, da sie genug Arbeit auf den Gütern der Großgrundbesitzern fanden oder aber in schlechten Zeiten durch ihre zusätzliche Arbeit die Eltern, die auch eigenen Boden bewirtschafteten, unterstützten. In der Schicht der Landarbeiter und Tagelöhner ohne eigenen Grund und Boden verließ die Mehrzahl der Kinder dagegen generell mit etwa 15 Jahren das Elternhaus (vgl. 112f.).

Konzentriert auf eine arme Landkommune in den belgischen Ardennen (1812-1899) untersuchen George Alter und Catherine Capron das Spannungsverhältnis zwischen individueller Lebensplanung und familialen Verpflichtungen. Inwiefern verschoben oder opferten Personen die eigene Heirat und Haushaltsgründung, um ihre Eltern und Geschwister zu unterstützen (vgl. 117)? Im Alter von 30 Jahren lebten noch rund 29% der Kinder im elterlichen Haushalt, danach fiel der Prozentanteil steil ab, während diejenigen, die das elterliche Haus im Alter von 30 Jahren verlassen hatten, bei etwa 60% lag (vgl. 123). Im Ergebnis waren es vor allem die Familienbindungen, die Kinder davon abhielten, die Region zu verlassen. Diejenigen mit noch lebenden Eltern und vielen Geschwistern hatten zudem einer geringere Chance zu heiraten und eine größere Wahrscheinlichkeit, im Elternhaus zu verbleiben. Dies kann ökonomisch als Auswirkung eines auf viele Geschwister (später) zu verteilenden Erbes und/oder als kulturelle Norm, durch welche die Eltern auf Unterstützung durch einen Teil der Kinder bestanden, interpretiert werden (vgl. 138). Am Beispiel der Stadt Venedig (1850-1869) kommt Renzo Derosas schließlich zu dem Ergebnis, dass die Mobilität und das Arrangement des Zusammenlebens hier besonders stark durch die Heirat der Kinder geprägt wurde. Über 90% der Kinder, die das Elternhaus verließen, taten dies nicht aufgrund einer Arbeitsstelle, sondern um zu heiraten. Gleichzeitig gab es einen großen Anteil von nicht heiratenden Kindern, die im elterlichen Haushalt verblieben (vgl. 189ff.).

Der erste Teil des Bandes, der sich mit dem ‘leaving home process’ in Ländern mit Kernfamilienstrukturen befasst, ist ausführlicher besprochen worden, da diese für die Entwicklungen in Deutschland eine größere Bedeutung besitzen als die Entwicklung in Ländern mit Stamm- und Verwandtschaftsfamilienstrukturen. Auch für den zweiten Teil des Buches lässt sich sagen, dass die Ergebnisse der einzelnen Fallstudien sehr unterschiedlich ausfallen. Am Beispiel einer Region in den französischen Pyrenäen von 1800-1900 zeigt Antoinette Fauve-Chamoux, dass es für die jüngeren Geschwister schwierig war zu heiraten, weil nur der älteste Sohn den Hof erbte. Dieser lebte mit seiner Familie im elterlichen Haus, während jüngere Geschwister entweder als Alleinstehende im Elternhaus verblieben oder es als Landarbeiter verließen. Aufgrund der geringen Aussicht, Wohlstand und Heirat am Heimatort verwirklichen zu können, verließen Kinder das elterliche Haus äußerst früh, oftmals im Alter von unter 15 Jahren. Gleichzeitig blieb das familiale Unterstützungssystem am Ort erhalten, die zusammenlebende Stamm- und Verwandtschaftsfamilie bildete einen ökonomischen und sozialen Verbund (vgl. 217f.). Zwei weitere Beiträge behandeln die Frage des ‘leaving home process’ in Japan. Satomi Kurosu fragt, wer den elterlichen Haushalt verließ und warum, besonders in geschlechtsspezifischer Perspektive, am Beispiel zweier nordöstlicher japanischer Dörfer 1716-1870, und Mary Louise Nagata untersucht Gründe und Verläufe von Arbeitsmigration in zwei nordöstlichen japanischen Dörfern und einem zentraljapanischen Dorf im 18. und 19. Jahrhundert.

Schließlich werden im dritten Teil soziopolitische, ökonomische und kulturelle Hintergründe und Motive erläutert, die das Verlassen des Elternhauses durch Jugendliche und junge Erwachsene mitbestimmten. In einem deutsch-französischen Vergleich untersucht Mary Jo Maynes den Verlauf und die individuelle Bewertung des ‘leaving home process’ in Arbeiter-Autobiographien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Während politisch radikale Arbeiter diesen Prozess häufig in eine politische Deutung - ökonomischer Notstand der Familie, politisches Erwachen, Übernahme politischer Aufgaben in Organisationen - überführten, ohne dass dies zu einem Bruch mit den Herkunftsfamilien führen musste (vgl. 329ff.), beschrieben Autoren, die diesen Prozess als Beginn eines sozialen Aufstiegs erlebt hatten, oftmals einen Bruch mit ihren Herkunftsfamilien (vgl. 325) oder erlebten sich retrospektiv bereits als Außenseiter in ihren Herkunftsfamilien. In den deutschen Autobiographien ließen sich zudem deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen ausmachen: Während für die Männer das Verlassen des Elternhauses in der Regel einen turning point darstellte, ab dem sie sich zu anderen Personen entwickelten als ihre Eltern gewesen waren, gab es in den Frauen-Autobiographien kein solches klares Muster: "[...] women’s life stories [...] are notable for their lack of clear expectations or standards against which to measure the author’s actual accomplishments" (334).

Tamara K. Hareven und Kathleen Adams untersuchen am Beispiel von drei Kohorten von Fabrikarbeitern in Manchester, New Hampshire - die erste vor 1910 geboren, die zweite zwischen 1910 und 1919, die dritte zwischen 1920 und 1929 geboren - die individuelle und familiale Planung des ‘leaving home process’. Während die erste Kohorte selbst ihre Elternhäuser verlassen hatte, um in Neuengland in den Textilfabriken zu arbeiten, erwartete sie von ihren Kindern, dass sie im Familienzusammenhang blieben und Arbeit am Ort suchten. Die beiden nachfolgenden Kohorten dagegen forderten ihre Freiheit ein, bessere Arbeit auch an entfernteren Orten anzunehmen. Während die erste Kohorte familiale Solidarität sehr hoch einschätzte, war die Autonomie des Ehepaares außerhalb des Familienverbandes für die nachfolgenden Kohorten ein höherer Wert. Für alle drei Kohorten war das Verlassen des Elternhaus kein Ereignis von eigener Bedeutung, sondern immer gekoppelt an wichtigere Begebenheiten wie Arbeitssuche oder Heirat (vgl. 362 ff.).

Schließlich untersuchen Hilde Bras und Jan Kok am Beispiel der Niederlande zwischen 1850 und 1940 die beeinflussenden Faktoren des ‚leaving home process‘. Während im Arbeitermilieu die Eltern die Entscheidung trafen, welches Kind mit welchem Ziel den Haushalt verlassen sollte, blieben Kinder im bäuerlichen Milieu als Arbeitskräfte länger im elterlichen Haushalt. In Bürgertum und Adel dagegen war das Verlassen des elterlichen Haushalts Teil des Bildungs- und Ausbildungsprozesses. Die Geschwisterzahl hatte ebenfalls Einfluss auf das Verlassen des Elternhauses: Je höher die Anzahl der jüngeren Geschwister, um so eher verließen die älteren Geschwister das Elternhaus. Schließlich ließ sich feststellen, dass die Ansprüche der Herkunftsfamilie und demographische Entwicklungen als bestimmende Faktoren im 20. Jahrhundert abnahmen, während die individuellen Ziele und Fähigkeiten der Kinder mehr Gewicht erhielten (vgl. 446).

Positiv hervorzuheben ist, dass fast jeder Beitrag genaue Auskunft gibt über Qualität und Problematik des verwendeten Datenmaterials und über die angewendeten Methoden. Kritisch anzumerken ist, dass das Thema im vorliegenden Band an Fallstudien entfaltet wird, deren Aussagekraft nicht deutlich wird. Es ergibt sich ein hochdifferenziertes Bild aus regionalen Bedingungsgefügen und Besonderheiten, ohne dass sich zusammenfassende Muster ausmachen ließen. Dies ist einerseits der übergreifenden Fragestellung nach dem ‚leaving home process‘ geschuldet, der in historischer Perspektive bisher noch keiner umfassenden Analyse unterzogen worden ist. Andererseits differiert die konkrete Fragestellung der einzelnen Beiträge zu stark, so dass sich die Ergebnisse nicht in Beziehung setzen lassen. Hier wäre eine peniblere Koordination der Frageperspektiven nötig gewesen, damit Thesen hätten entwickelt werden können, die an weiteren Fallstudien prüfbar gewesen wären. Auf diese Weise hätte sich für die Zukunft ein konstruktives Forschungsfeld ergeben, das den ‚leaving home process‘ umfassend untersucht und zu differenzierten, aber generalisierbaren Thesen gelangt. Es bleibt in dem besprochenen Band daher bei Einzelergebnissen, die zwar Impulse für weitere Forschungsfragen geben können (vgl. 25 f.), jedoch keine kohärente Forschungsperspektive entwickeln.

Es zeigt sich an dem Band aber auch eine Problematik der Familienforschung generell. Während z.B. die historische Entwicklung des deutschen oder englischen Bildungssystems trotz regionaler Besonderheiten für das Gesamtssystem aussagekräftig beschrieben werden kann, sind Forschungsprojekte wie das vorliegende mit dem Problem konfrontiert, einerseits regionale Besonderheiten der Familienentwicklung zu berücksichtigen, die den kulturellen und ökonomischen Bedingungen geschuldet sind, andererseits aber auch standes- und schichtspezifische Besonderheiten und Entwicklungen einzubeziehen. Die Kombination beider Faktoren erschwert die Generalisierung von Aussagen erheblich und erfordert als Bedingungsgefüge von Familienforschung eine weitaus größere Anzahl an mikrohistorischen, milieu- und regionalspezifischen Untersuchungen als sie bisher vorliegen.

Der Band wendet sich an Fachkolleginnen und -kollegen, die im Rahmen der Sozialgeschichte und der Familiengeschichte lehren und forschen. Er setzt zumindest Grundkenntnisse über die Entwicklung der Familie und der Sozialgeschichte der jeweils behandelten Ländern voraus. Da es sich durchweg um die Präsentation von kleineren und größeren Forschungsprojekten handelt, ohne dass jeweils kontextuierende Erklärungen mitgeliefert werden, kann der Band nur für Studierende mit einer höheren Semesterzahl empfohlen werden, die sich im Bereich der historischen Bildungsforschung qualifizieren und sich bereits mit Grundlagen und Grundergebnissen historischer Familien- und Sozialisationsforschung befasst haben. Für Erziehungswissenschaftler ist der Band insofern interessant, als er Problemstellungen behandelt, die für Fragen der historischen Jugend- und Familienforschung von Bedeutung sind, z.B. die Frage nach den Kriterien des Statusübergangs vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Hier ist die Perspektive des Verlassens des elterlichen Hauses als Kriterium bisher wenig berücksichtigt worden. Auch bezogen auf die Entwicklung der Generationsbeziehungen – Eltern-Kind, Großeltern-Eltern, Großeltern-Enkel – ist die Frage des gemeinsam oder getrennt Lebens relevant.

Es scheint nicht zufällig, dass deutschsprachige Beiträger in dem Band ebenso fehlen wie Beiträge, die sich dezidiert auf den deutschsprachigen Raum beziehen. Es steht zu vermuten, dass dies mit der noch geringen Etablierung familienhistorischer Forschung sowohl in der historischen Bildungsforschung im Rahmen der Erziehungswissenschaft als auch in der Geschichtswissenschaft allgemein zusammenhängt. Während z.B. angelsächsische Publikationen, die einen Überblick über eine Epoche geben möchten und häufig für den sogenannten ‚interessierten Laien‘ geschrieben sind, in der Regel eigene Kapitel oder in den Zusammenhang von sozialstrukturellen Analysen integrierte Darstellungen von standes- oder schichtspezifischen Familienformen und internen Familienbeziehungen enthalten [3], finden sich solche Darstellungen in deutschsprachigen Überblickswerken deutlich seltener [4]. Nicht zuletzt scheint dies an der langen Tradition der wissenschaftlichen Biographik im angelsächsischen Raum zu liegen.



Anmerkungen:

[1] Stammfamilien bezeichnen das Zusammenleben von mindestens zwei verheirateten Generationen, also Eltern und Kindern mit deren Ehepartnern und eventuell deren Kindern, mit oder ohne weitere Verwandte. Verwandtschaftsfamilien können viele Formen besitzen: Kernfamilien mit weiteren unverheirateten Verwandten im Haus, Haushalte mit mehreren verwandten Ehepaaren oder verwandten Eltern-Kind-Gruppen etc. Die Begriffe werden in der Forschung jedoch häufig nicht trennscharf verwendet.

[2] John Hajnal: European Marriage Patterns in Perspective. In: D. V. Glass/D. E. C. Eversley (Hrsg): Population in History: Essays in Historical Demography. London 1965, 101-143.

[3] Exemplarisch Jeremy Black: An Illustrated History of Eighteenth-Century Britain, 1688-1793. Manchester University Press and New York 1996, dessen Kapitel "Society" mit einer langen Darstellung über "Women and Families" beginnt (50-72), bevor "The Orders of Society" dargestellt werden (72-89).

[4] Exemplarisch Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd.1, Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära: 1700-1815. München 3. Aufl. 1996. Im Sachregister kommt das Stichwort "Familie" nicht vor, in den einschlägigen Kapiteln über Adel, Bauern und Bürgertum fehlen Darstellungen zu Familienformen und Familienentwicklung (140 ff.). Anders in Thomas Nipperdeys Geschichte des 19. Jahrhunderts: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 2. Aufl. 1984 (114 ff.); Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. 1, Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990 (43 ff.).
Carola Groppe (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carola Groppe: Rezension von: Poppel, Frans van / Oris, Michel / Lee, James (Hg.): The Road to Independence, Leaving Home in Western and Eastern Societies, 16th–20th centuries, Bern, Berlin, Bruxelles u.a.: Verlag Peter Lang 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/6043.html