EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Schulen im Nationalsozialismus – eine Doppelbesprechung:

Klaus Lindemann
Deutsch denken, reden, schreiben
Schule, Deutschunterricht und Abitur 1932-1940, dargestellt am Beispiel der Essener Gymnasien Borbeck und Bredeney
Frankfurt a.M. u.a.: Lang 2003
(211 S.; ISBN 3-631-50961-8; 22,80 )
Werner Heldmann
Musisches Gymnasium Frankfurt a.M. 1939-1945
Eine Schule im Spannungsfeld von pädagogischer Verantwortung, künstlerischer Freiheit und politischer Doktrin
Frankfurt a.M. u.a.: Lang 2004
(1045 S.; ISBN 3-631-51987-7; 98,00 )
In kurzem Abstand brachte der Lang-Verlag zwei Bücher heraus, die sich exemplarisch mit höheren Schulen im Nationalsozialismus beschäftigen und deren jeweiliger Autor einen biografischen Bezug zu den untersuchten Schule aufweist: Klaus Lindemann war Schüler der Nachfolgeschule des Realgymnasiums Bredeney und Lehrer am Gymnasium Borbeck, Werner Heldmann war Schüler am Musischen Gymnasium Frankfurt im Untersuchungszeitraum. Somit scheint eine ideale Basis für die gemeinsame Besprechung gegeben zu sein, doch zeigt sich bei der näheren Betrachtung beider Bücher, dass dieser Schein trügt.

Dies hat seinen einfachen Grund darin, dass die Darstellung von Lindemann im Gegensatz zu der von Heldmann beim besten Willen nicht als wissenschaftliche Arbeit bezeichnet werden kann. Diese Feststellung lässt sich schon allein durch die Tatsache begründen, dass der Autor auf die Wahrnehmung der einschlägigen Literatur zum Thema ‚Schule im Nationalsozialismus’ völlig verzichtet und auch sonst die Heranziehung wissenschaftlicher Literatur nicht für nötig hält: lediglich sieben als wissenschaftlich zu charakterisierende Veröffentlichungen werden in den Fußnoten benannt; ein Literaturverzeichnis fehlt dementsprechend völlig! Zusätzlich hätte die Lektüre anderer Fallstudien dem Autor hilfreiche Beispiele für einen differenzierteren Umgang mit Schulgeschichte in diesem sensiblen Zeitraum geben können.

Lindemann stützt sich in seiner Arbeit in erster Linie auf Festschriften und auf Quellenmaterial, das zumindest für das humanistische Gymnasium in Essen-Borbeck sehr umfangreich vorhanden ist. Da die gesamten Akten seit Gründung der Schule den Krieg unbeschadet überstanden haben, lässt sich in Verbindung mit den Jahresberichten und einer umfangreichen, vom jeweiligen Direktor der Anstalt geführten Chronik ein guter Einblick in die Geschichte der Schule gewinnen. Anders sieht dies für das Realgymnasium Bredeney aus. Hier existieren außer einzelnen Schriftstücken im Landeshauptarchiv Koblenz nur noch einzelne Festschriften und ähnliche zeitgenössische Schriftstücke. An Jahresberichten konnte Lindemann im Essener Stadtarchiv nur noch die Jahrgänge 1935/36 und 1938/39 finden. [1]

Nun lässt sich eine solche Quellenlage zwar bedauern, aber nicht ändern. Ärgerlich ist es dann allerdings, wenn der Autor sich dennoch anmaßt, beide Schulen gleichgewichtig zu charakterisieren. So interpretiert er das breite Material zu der Borbecker Schule stets dahingehend, dieser eine durch ihr katholisches und proletarisches Umfeld bedingte distanzierte Haltung zum Nationalsozialismus zu bescheinigen, während die wenigen Unterlagen zu der im bürgerlichen und protestantischen Bredeney liegenden Schule stets als Zeugen für deren unbedingte Zustimmung zum Regime gedeutet werden. Wenn auch diese milieubedingten Faktoren sowie die aktenkundige vollständige Mitgliedschaft des Bredeneyer Kollegiums in der NSDAP solche Schlüsse nahe legen, wäre dennoch eine die mangelhafte Quellenlage stärker berücksichtigende Betrachtung wünschenswert gewesen. Doch selbst das Fehlen der Bredeneyer Schulakten ist für Lindemann ein Indiz der Regimetreue der Schule, denn selbstverständlich hat der Schulleiter mit Kriegsende alle Akten vernichtet (26), eine Behauptung, für die er jeden Beweis schuldig bleibt. [2]

Wenn Lindemann außerdem die Entlassung von drei Lehrern der Borbecker Schule wegen ihrer Zugehörigkeit zur Zentrums-Partei infolge des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" als Widerstand deutet (16, 51), "freundliche Mitteilungen" von Zeitzeugen unhinterfragt und unkommentiert wiedergibt (64, 86), seine Einschätzung der Dinge häufig durch einen ironisierenden Sprachduktus zum Ausdruck bringt (42, 60, 63, 78, 80, 136) und gerne mal Fakten durch Vermutungen ersetzt (102, 110,115, 116, 135, 171), so sind damit viele weitere Ärgernisse und Fehler – z.B. wird der Kriegsbeginn auf den 1. August 1939 verlegt (117) – nur angedeutet. Und wer sich durch den Untertitel des Buches einen Aufschluss über Deutschunterricht und Deutschaufsätze im Nationalsozialismus erhofft, dem sei der Verzicht auf die zu kurz greifenden Interpretationen Lindemanns in Kapitel V (32 Seiten) und VI (10 Seiten) und statt dessen die Lektüre des Aufsatzes von Leschinsky/Herrmann [3] wärmstens empfohlen.

Positiv hervorheben lässt sich lediglich die relativ ausführliche Wiedergabe von interessantem Quellenmaterial (z.B. Abiturakten), die es dem kundigen Leser ermöglicht, sich ein eigenes, wenn auch eingeschränktes Bild von den Gegebenheiten an den beiden Schulen zu machen. Doch dies ist für einen Band, der in einer wissenschaftlichen Reihe erscheint, einfach zu wenig.

Mangelnde Wissenschaftlichkeit lässt sich dem Buch von Werner Heldmann über das Musische Gymnasium in Frankfurt am Main dagegen keineswegs nachsagen. In akribischer Arbeit gelingt es dem Autor, durch die Auswertung von Archivmaterialien und zeitgenössischen Schriftstücken unter steter Anbindung an die Forschungsliteratur die sechsjährige Geschichte dieser Schule in zahlreichen Facetten darzustellen. Dazu benötigt er allerdings in dem zweigeteilten Buch 555 eng bedruckte Seiten für die Darstellung, der ein beinahe 500-seitiger Anhang folgt, in dem sich ergänzende Betrachtungen sowie zahlreiche Quellen und Fotos finden. Wen diese umfangreiche Lektüre nicht abschreckt, der erhält einen äußerst detaillierten Einblick in eine neue Schulform und ihre Verstrickung in die nationalsozialistischen Vorstellungen von (musikalischer) Erziehung.

Der Leser wird in einem ersten Teil über die "Idee des Musischen Gymnasiums und ihre Verwirklichung" unterrichtet. Hier spielte der als Jude und Sozialist seit 1933 doppelt gefährdete Musiker und Referent im Preußischen Kultusministerium, Leo Kestenberg, eine tragende Rolle. Heldmann arbeitet dessen reformerische Ideen und Vorschläge für den Musikunterricht heraus und zeigt, dass Kestenberg bereits zu Beginn der 1920er Jahre den Plan zur Errichtung eines "Musikgymnasiums" formulierte. Seine Vorstellungen und Konzeptionen flossen, wie Heldmann zeigt, in die spätere Realisierung des Musischen Gymnasiums auch tatsächlich ein, wobei freilich sämtliche Bezüge zu dem rechtzeitig emigrierten Kestenberg sorgfältig getilgt wurden (49ff.). Dieser bedenkliche Umgang mit geistigem Eigentum fand seine Steigerung beim ‚Erwerb’ des Anwesens "Haus Buchenrode", wo die Schule ihr erstes Domizil fand. Dessen Besitzer Arthur von Weinberg wird zwar nicht enteignet, ist aber als Jude im Gefolge der Pogromnacht dazu gezwungen, seinen Besitz zu einem Spottpreis an die Stadt Frankfurt abzutreten. (137f.) Somit ist die Gründungsgeschichte des Musischen Gymnasiums gleich in zweierlei Hinsicht mit Unrecht belastet worden.

Der zweite Teil berichtet umfassend über die "Gestalt des Musischen Gymnasiums" und geht dabei derart detailliert auf die Zusammensetzung von Lehrerkollegium und Schülerschaft, den Unterricht, die Konzerttätigkeit und den Internatsbetrieb mit seinen Erziehungsprinzipien ein, dass man sich zuweilen mehr Konzentration auf entscheidende Bereiche wünscht. So ist es zwar recht unterhaltsam, etwas über die (erfolgreiche) Aufnahmeprüfung des bekannten Entertainers Paul Kuhn zu lesen, wirklich relevant ist diese Episode indes nicht. (188) Hingegen hätte man sich bei der Betrachtung der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft mehr Genauigkeit und Ausführlichkeit gewünscht. (191f.)

Eine zentrale Stellung nimmt der dritte Teil der Darstellung ein, der über die "Gratwanderung des Musischen Gymnasium(s) zwischen pädagogischer Verantwortung, künstlerischer Freiheit und politischer Doktrin" informiert. Dabei entsteht das durchaus ambivalente Bild einer Schule, die auf der einen Seite der Musikpflege verpflichtet war, auf der anderen Seite aber auch zu den nationalsozialistischen Ausleseschulen gezählt wurde. Den Wunsch Hitlers nach einer Förderung der musikalischen Fähigkeiten der Jugend aufgreifend, wurde im Rustschen Ministerium seit 1936 intensiv an der Realisierung eines "Musik-Gymnasiums" gearbeitet, was schließlich 1939 zur Gründung des Musischen Gymnasiums in Frankfurt führte (73ff.). Der dazu ergehende Erlass des Reichsministers listet zahlreiche Bestimmungen auf, die denen der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten durchaus ähnlich sind. Folglich – so fasst Heldmann bereits an früherer Stelle zusammen – erwartete man auf Seiten der Machthaber von dieser Schulneugründung, "mittels der Musikerziehung ein Gemeinschaftsbewusstsein zu wecken und zu stabilisieren, in dem der einzelne als Person aufgeht", während es gleichzeitig darauf ankomme, "die deutsche Musikkultur als Ausweis der rassischen Überlegenheit des deutschen Volkes festzuschreiben." (67) Diese Anforderung findet ihren Ausdruck auch darin, dass die Schüler des Musischen Gymnasiums zwar nicht im schulischen Alltag (ausgenommen HJ-Dienst und Montagmorgenappell), dafür aber bei allen Auftritten und Konzerten die HJ-Uniform tragen mussten (72).

Obwohl sich Heldmann seiner alten Schule nach wie vor offensichtlich sehr verbunden fühlt, versucht er keineswegs, sich der Auseinandersetzung mit diesem Zwiespalt zu entziehen. Dies zeigt sich nicht nur in den zusammenfassenden "Abschließenden Überlegungen", die in großer Ausführlichkeit eine Beurteilung der Arbeit des Musischen Gymnasiums unter den Bedingungen eines totalitären Systems vornehmen und dazu einen umfassenden Blick auf den Forschungsstand zur Thematik ‚Pädagogik im Nationalsozialismus’ werfen. Es zeigt sich auch in der intensiven Beschäftigung mit Professor Kurt Thomas, dem bekannten Komponisten, Dirigenten und Schulleiter des Musischen Gymnasiums. Dessen musikalische und pädagogische Fähigkeiten sowie seine Widerspenstigkeit gegenüber den politischen Anforderungen der Behörden an seine Schule schildert er ebenso ausführlich wie seine nicht zu leugnende Anpassung an das System: Thomas war seit 1940 Mitglied der NSDAP und äußerte sich in seinen offiziellen Reden in zum Teil bedenklicher Art und Weise. Wenn Heldmann trotzdem eine Lanze für Thomas bricht und sein Handeln damit erklärt, dass ihm "das Gedeihen der Schule und die Verantwortung für die Schüler wichtig" waren (537), dann zieht er dafür wiederum aussagekräftige Quellen heran und verweist auf ähnlich gelagerte, von der Forschung untersuchte Fälle. [4] Thomas wurde 1947 in einem Spruchkammerverfahren als Mitläufer eingestuft (393ff.), eine von der Stadt Frankfurt geplante Ehrung seiner Person anlässlich seines 100. Geburtstages im Mai 2004 scheiterte jedoch an Bürgerprotesten. [5]

Diese wenigen Hinweise können die Fülle der von Heldmann betrachteten Themen nur grob andeuten und lediglich eine ebenfalls grobe Orientierung über die Inhalte dieses umfangreichen Buches geben. Wenn auch ein detailliertes Inhalts- sowie ein ausführliches Personenverzeichnis die Erstorientierung ermöglichen, sei zum Abschluss doch noch kritisch gefragt, ob eine komprimiertere Darstellung dieser Schule, die nur sechs Jahre lang existierte, nicht hilfreicher und zudem auch handhabbarer gewesen wäre. Es ist nämlich bei einem Anschaffungspreis von 98 Euro nicht davon auszugehen, dass die Darstellung Heldmanns eine allzu große Verbreitung finden wird, und dies wiederum erschwert wünschenswerte vergleichende Betrachtungen von NS-Ausleseschulen. Sicherlich ist dies ein weiteres Anzeichen dafür, dass die gesunde Distanz zum Forschungsobjekt und eine damit einhergehende Konzentration auf zentrale Fragestellungen allemal besser ist als das Schreiben mit allzu viel Herzblut. Im Vergleich zu der Veröffentlichung von Lindemann, und das sei abschließend noch einmal ausdrücklich betont, lässt sich die bei Heldmann zu kritisierende überzogene Liebe zum Detail jedoch verschmerzen.



Anmerkungen:

[1] Ob er seine Suche auf die relativ vollständigen Bestände in der Berliner Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung ausgedehnt hat, muss offen bleiben.

[2] Außerdem unterlässt es Lindemann tunlichst, einen Zusammenhang zu der von ihm auf S. 17 aufgestellten, ebenfalls nicht belegten Behauptung herzustellen, dass "auf Anordnung der Sieger" alle "NS-Unterlagen" vernichtet werden mussten.

[3] Leschinsky, Achim/Herrmann, Jan-Christoph: "Hitler und Goethe, ein Schulaufsatz" Zu den Deutschthemen im Abitur zwischen 1930 und 1940. In: Die Deutsche Schule 4/2000. S. 503-517.

[4] Hier verweist er insbesondere auf die Untersuchungen von Harald Scholtz (Gymnasium zum Grauen Kloster 1874-1974. Bewährungsproben einer Berliner Gymnasialtradition in ihrem vierten Jahrhundert. Weinheim 1998) und Jörg-W. Link (Reformpädagogik zwischen Weimar, Weltkrieg und Wirtschaftswunder. Politische Ambivalenzen des Landschulreformers Wilhelm Kircher. Hildesheim 1999).

[5] http://antifa.frankfurt.org/nachrichten/...;>http://antifa.frankfurt.org/nachrichten/...
Rüdiger Loeffelmeier (Hamburg/Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Heldmann, Werner: Musisches Gymnasium Frankfurt a.M. 1939-1945, Eine Schule im Spannungsfeld von pädagogischer Verantwortung, künstlerischer Freiheit und politischer Doktrin, Frankfurt a.M. u.a.: Lang 2004. Lindemann, Klaus: Deutsch denken, reden, schreiben, Schule, Deutschunterricht und Abitur 1932-1940, dargestellt am Beispiel der Essener Gymnasien Borbeck und Bredeney, Frankfurt a.M. u.a.: Lang 2003. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/63150961.html