EWR 5 (2006), Nr. 3 (Mai/Juni 2006)

Birte Tost
Moderne und Modernisierung in der Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik
(Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien; Bd. 35)
Frankfurt: Peter Lang 2005
(376 S.; ISBN 3-631-53479-5; 56,50 EUR)
Birte Tost betrachtet in ihrer Dissertation die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik aus einer interessanten und ungewöhnlichen Perspektive, indem sie danach fragt, wie die zeitgenössischen aktuellen „modernen“ Errungenschaften und Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur aufgegriffen, verarbeitet und präsentiert werden. Dabei versteht sie die von ihr herausgegriffenen und exemplarisch analysierten Literaturbeispiele selbst „als Teil der Moderne und als Ausdruck der allgemeinen Modernisierungsprozesse“ (313).

Zunächst werden die Entwicklungslinien der Kinder- und Jugendliteratur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts betrachtet. Mit einem Überblick über die Forschungslage zu dem kulturell, gesellschaftlich und politisch besonders dynamischen Zeitraum der Weimarer Republik begründet die Autorin die Notwendigkeit der Fragestellungen und inhaltlichen Auseinandersetzungen in dieser Arbeit. Diese beschäftigt sich zunächst mit den Begriffen Moderne und Modernisierung, wobei sie hier sowohl die gesellschaftlichen Entwicklungen als auch den Bereich der Literatur mit einbezieht. Dabei werden Aspekte des Modernisierungsprozesses herausgearbeitet, die auch als Themenbereiche moderner Kinder- und Jugendliteratur nahe liegen und literarisch verarbeitet werden (können). Für die Autorin ergeben sich als Bereiche für die Analyse der literarischen Beispiele: die Großstadt als Lebensraum für Kinder und Jugendliche, die Generationsrollen bzw. der Umgang mit Autorität, Formen der Selbstorganisation in kindlichen und jugendlichen Peer-Groups, Mädchenrollen bzw. das „Neue Mädchen“. Der große Themenumfang des Vorhabens ist hiermit umrissen.

Vor der eigentlichen Analyse der einzelnen Werke stellt die Autorin in Teil I ausführlich die neuen jugendliterarischen Trends der Weimarer Republik dar. Sie weist auf den starken Einfluss hin, den die Jugendschriftenausschüsse und ihre Organe auf das gesamte System der Kinder- und Jugendliteratur hatten und umreißt die Entwicklungen auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt zwischen 1919 und 1932, wobei bis zum Jahr 1927 die Anzahl der Neuerscheinungen deutlich anstieg, was „eine Veränderung des literarischen Geschmacks in diesem Bereich vermuten lässt“ (42). Zunehmend kommen auch aus anderen Sprachen übersetzte Kinder- und Jugendbücher dazu und erhöhen so die Vielfalt, auch der verarbeiteten Motive und Themen.

Die Autorin zeigt Erich Kästner und Wolf Durian als die Pioniere auf dem Gebiet des zeitgenössischen Realismus in der Kinderliteratur der 20er Jahre, die das „Modernisierungsprinzip Sachlichkeit“ (51) in einigen ihrer Erzählungen beispielgebend für andere literarisch umsetzen. Sehr ausführlich geht Birte Tost dann auf einige aus ihrer Sicht einflussreiche Schriftsteller und Schriftstellerinnen ein, deren Werke im zweiten Teil intensiv zur Analyse herangezogen werden. Zunächst stellt sie deren Werk und seine Rezeption im Überblick dar, wobei durch Hinweise auf die jeweilige Lebensgeschichte und -situation gleichzeitig auch der zeitgeschichtliche Hintergrund in den Blick genommen wird. Sie arbeitet dabei die Einflüsse allgemeiner, aber auch spezifischer Art der einzelnen Literaten auf den Kinder- und Jugendliteraturbereich heraus.

Aufgezeigt wird dann aber vor allem auch das Gemeinsame dieser modernen Kinder- und Jugendbuchautorinnen
und -autoren. Dies sieht Birte Tost vor allem im eigenen Erleben der Autorinnen und Autorinnen, in deren aktiven Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Fragen und Entwicklungen sowie dem Bemühen um eine adres-satenadäquate Umsetzung in Kinder- und Jugendliteratur. Der Unterschied zu traditioneller Literatur besteht insbesondere in der Entwicklung neuer Formen, in einer gewandelten Sprache und in veränderten Figurendarstellungen. Bemerkenswert ist hier der Versuch der Autorin, durch die Analyse und Interpretation einzelner biografischer Aspekte und Lebenskontexte dieser Autoren und Autorinnen das Besondere und Neuartige an ihrem literarischen Werk zu verdeutlichen und zu erklären. Ausführlich dargestellt werden Lotte Arnheim, Grete Berges, Clara Hohrath, Wilhelm Matthießen, Tami Oelfken, Friedrich Schnack, Wilhelm Speyer und Kadidja Wedekind, verwiesen wird aber auch vielfach auf andere wichtige und moderne Schriftsteller der Weimarer Zeit, allen voran Erich Kästner und Lisa Tetzner.

Der umfangreiche Teil II des Buchs mit der Überschrift „Moderne Literatur für junge Leser“ umfasst ca. zwei Drittel des Gesamtwerks. Die schon genannten thematischen Analysebereiche werden zunächst differenziert dargestellt, wobei bereits auf Beispiele der Verarbeitung in der Kinder- und Jugendliteratur hingewiesen wird. Unterteilt – denn operationalisiert wäre zu viel gesagt – wird das große Analysethema dann in verschiedene anschauliche und „handhabbare“ Unterthemen. Diese heißen beispielsweise bei „Leben in der Großstadt“: „Das Übertreten der Schwelle: Einzug in die Großstadt“, „Großstädtische Dynamik“, „Ohne Aufsicht! Urbane Spiel- und Freiräume“ – weiter unterteilt in ,,Großstädtische Peer-Groups“ und „Großstadtvagabun-den“ – ,,Mädchen erobern die große Stadt“, „Tempo, Tempo! Fahrt durch die große Stadt“, „Moderne Kommunikations- und Informationsmittel“, „’Die Kiste mit den wilden Weibern!’: Erlebniswelt Kaufhaus“, „Der Hotelboy“, „Sport“, „’Wir wohnen in Marokko’: Modernes Wohnen“.

Hierzu werden dann jeweils einige Kinder- und Jugendbücher der genannten Auto-rinnen und Autoren exemplarisch analysiert. Eine kritische Betrachtung bzw. Diskussion solcher Darstellungen mit Verweis auf andere – als positiv oder negativ eingeschätzte – Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur wird außerdem vorgenommen. So werden nicht etwa die Großstadt und das Leben in ihr als rundum nur positiv und „modern“ darstellbar und im Gegensatz dazu die ländliche Umgebung als durchweg veraltet bzw. „konservativ“ und das moderne Leben ignorierend gesehen. Die Reformbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrer Betonung der Bedeutung der natürlichen, gerade großstadtfernen Umgebung für die Entwicklung der Person wirken ja ebenfalls weiter – in der Pädagogik und der Kinder- und Jugendliteratur. Eine kritische Diskussion erfolgt hierzu an einigen Beispielen (z.B. Wilhelm Speyer: „Der Kampf der Tertia“) zwar knapp, aber durchaus differenziert.

Mit den weiteren großen Analysethemen („Vom neuen Umgang mit Autoritäten“, „Von kleinen Detektiven, großen Herrschern und Abenteurern“, „Nesthäkchens freche Schwestern“) wird in ähnlicher Weise verfahren. Sie werden in inhaltliche Aspekte zerlegt, zu denen dann die einzelnen Kinder- und Jugendbücher betrachtet werden. Abgeschlossen wird das Buch mit einem kurzen „Ausblick auf die Zeit nach 1933“. Enthalten sind sehr umfangreiche Literaturangaben (auf ca. 70 Seiten), die sich in Primär- und Forschungsliteratur gliedern. Ein Stichwortverzeichnis oder Register fehlt leider.

Ein wichtiges Verdienst dieser Forschungsarbeit liegt in der Ausdifferenzierung der Begriffe Moderne und Modernisierung und ihrer inhaltlichen Bestimmung für die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sowie in der Verknüpfung mit dem kinder- und jugendliterarischen Schaffen einiger Autoren und Autorinnen. Eine Erweiterung der vorliegenden Forschungen erreicht Birte Tost dadurch, dass sie einige mittlerweile fast vergessene Schriftstellerinnen und Schriftsteller bzw. einige beinahe in Vergessenheit geratene Werke für ihre Untersuchung heranzieht. Dabei wählt sie solche aus, die in besonders typischer Weise für die Modernisierungsphänomene, die sie nachweisen will, stehen. Für Fachleute und Studierende, die sich für diesen Zeitraum und für Phänomene der Moderne interessieren, kann die Beschäftigung mit diesem Werk daher neue Perspektiven eröffnen und eine inhaltliche Bereicherung darstellen. Einige Aspekte oder literarische Motive werden dabei vertieft, andere eher gestreift – anders ist dies ja bei dem großen Themenumfang, der behandelt werden soll, auch gar nicht denkbar.

Lust auf das Lesen der Primärliteratur – auch wenn diese kaum noch erworben wer-den kann, allenfalls zu hohen Preisen in Antiquariaten – wird außerdem dadurch ge-weckt, dass mit sehr vielen gut gewählten und ausführlichen Zitaten ein Einblick in die einzelnen Werke, in deren Sprache und Stil ermöglicht wird.

Birte Tost hat in ihrer Forschungsarbeit eine Möglichkeit der Analyse von Kinder- und Jugendbüchern im Hinblick auf bestimmte thematische Aspekte entwickelt, die sich für ihr Vorhaben sicher auch als sinnvoll und ertragreich erwiesen hat. Inwiefern diese Herangehensweise aber auch für ähnlich gelagerte Vorhaben brauchbar sein könnte, wie sie dies im „Ausblick“ andeutet, muss in Frage gestellt werden, da die Themenabhängigkeit doch sehr deutlich ist. Die Analyse bleibt letztlich auch auf die ausgewählten Werke beschränkt, wobei die Kriterien für die Auswahl an keiner Stelle präzise benannt werden. Ein systematischer Überblick über den Zeitraum insgesamt wird nicht gegeben. So bleibt die Frage letztlich offen, in wie vielen anderen Werken die Moderne bzw. Modernisierungsphänomene in welcher Art und Weise aufgegriffen worden sind – oder eben auch nicht.

Stellenweise wäre ein stringenterer Aufbau denkbar gewesen. Eine Begründung für die von der Autorin gewählte Abfolge hätte dem Leser bzw. der Leserin das Nach-vollziehen der Gedankengänge der Autorin erleichtert. Die Bezüge zwischen den verschiedenen Teilen der Arbeit bzw. ihre Verknüpfungen sind nicht durchgängig gut gelungen, auch kommt es zu Wiederholungen, insbesondere bei der Verwendung von Zitaten; hier hätte man durch Verweise den Umfang der Arbeit insgesamt etwas knapper halten können. Das könnte aber auch darauf hindeuten, dass die verschie-denen Textteile zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und eine Gesamtabstim-mung nicht mehr ausreichend stattgefunden hat.

Vermisst habe ich ein zusammenfassendes Fazit der Autorin nach den durchgeführ-ten Analysen der Bücher sowie eine selbstkritische Einschätzung des Vorgehens. Dies bleibt somit allein dem Leser bzw. der Leserin überlassen. Wünschenswert wä-re weiterhin eine sorgfältigere Redaktion des Buches gewesen. Es fallen viele Schreibfehler und grammatikalische Unkorrektheiten sowie einige drucktechnische Unsauberkeiten (z.B. Doppelungen bei Seitenumbrüchen) auf, die den Lesefluss stö-ren (können) und auch einfach immer wieder den Leser oder die Leserin ärgerlich machen.
Martha Bergler (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martha Bergler: Rezension von: Tost, Birte: Moderne und Modernisierung in der Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik, Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien; Bd. 35. Frankfurt: Peter Lang 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 3 (Veröffentlicht am 30.05.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/63153479.html