EWR 4 (2005), Nr. 4 (Juli/August 2005)

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (Hrsg.)
Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung
Beteiligung und Motivation
Bielefeld: W. Bertelsmann, Heft 3 / 2004
(96 S.; ISBN 3-7639-1891-4; 9,90 EUR)
Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung Der dritte Band des Literatur- und Forschungsreports Weiterbildung 2004 stellt unter dem Titel „Beteiligung und Motivation“ mit Hilfe von ausgewählten Beiträgen das Forschungsfeld der Bildungsbeteiligung und Bildungsmotivation vor und beschäftigt sich somit mit einem nicht neuen, aber doch „klassischen Thema der Erwachsenenbildung“. Dabei setzen die Autoren einen neuen und sehr aktuellen Akzent in der Diskussion um Teilnahmestruktur, Teilnahmevoraussetzungen und Bildungsmotivation. Bislang wurde schwerpunktmäßig der problemorientierten Frage nach der Zielgruppenarbeit zur Erhöhung der Bildungsbeteiligung nachgegangen und die Weiterbildungsbeteiligungsforschung war didaktisch motiviert. Die Beiträge des Reports gehen weit darüber hinaus: Vor dem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen – wie etwa hinsichtlich des Arbeitsmarktes und des globalen Wettbewerbs – fokussieren sie den Aspekt der gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen der fehlenden Motivation zur Bildungsbeteiligung, welche durch die bisherige Weiterbildungsforschung aufgedeckt wurde. Bereits einleitend konstatieren Nuissl, Schiersmann und Siebert, dass es zunehmend wichtiger wird, über einen verbesserten Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen einen Ausschluss aus dem Bildungsprozess zu verhindern und damit die beruflichen Chancen der Menschen zu verbessern. Gesamtgesellschaftlich gesehen geht es demzufolge in der aktuellen Teilnahmeforschung darum, Mittel und Wege für die Bildungspolitik und Weiterbildungspraxis zu finden, welche die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen verringern und soziale Ausgrenzung verhindern.

Der REPORT 3/2004 bietet in gewohnt prägnanter und übersichtlicher Art und Weise einen Einblick in entsprechende Ansätze und Ergebnisse der Teilnahme- und Motivationsforschung in der Weiterbildung. Die jeweiligen Beiträge erzeugen durch ihre unterschiedliche Schwerpunktsetzung einen breit gefächerten Kanon zur Thematik:

So bietet beispielsweise Horst Siebert einen Überblick von der geschichtlichen Entwicklung der bildungssoziologischen Erwachsenenbildungsforschung über ausgewählte Leitstudien der Vergangenheit bis hin zu aktuellen Ergebnissen einer Studie, in welcher verschiedene Lerntypen bzw. Typen der Weiterbildungsbeteiligung und Lernaktivität aus bildungsbiographischer Sicht formuliert werden. Dabei werden bisherige Erkenntnisse der Bildungsforschung zum Teil revidiert, wie beispielsweise die Abhängigkeit der Weiterbildungsbeteiligung von der Schulbildung, deren bisher angenommener linearer Zusammenhang in der Studie nur selten festgestellt wurde. Auf Basis dieser Untersuchungsergebnisse gibt Siebert neue gedankliche Anregungen für die strukturelle und politische Weiterbildungsdiskussion.

Hieran anschließend erfolgt eine systematische Darstellung der aktuellen Entwicklungen hinsichtlich der Weiterbildungsbeteiligung durch Rolf Dobischat und Ruth Roß. Auf Basis der Ergebnisse des Berichtssystems Weiterbildung VIII arbeiten die Autoren bedeutende Auffälligkeiten zur veränderten Weiterbildungsteilnahme heraus. Vorgenommen wird zum Beispiel eine differenzierende Analyse der Entwicklungen der Weiterbildungsteilnahme nach allgemeiner und beruflicher Weiterbildung, aber auch nach soziodemographischen Faktoren wie unter anderem Alter, Schulabschluss oder Erwerbstätigkeit.

Der Beitrag von Peter Faulstich thematisiert Umbrüche in den Erwerbsstrukturen und die damit zum Teil verbundene soziale Erosion und greift gesellschaftspolitische Hintergründe und Auswirkungen auf. Am Beispiel der „Selbst-Instrumentalität“, des „Selbst-Management“ und des „Selbst-Marketing“ erörtert Faulstich die vermeintlichen Anforderungen an das Individuum sowie die Folgen für die Weiterbildung. Einen sehr aufschlussreichen Beitrag bietet zudem Christoph Ehrmann mit seinem Bericht über Weiterbildung für Personen ohne Schul- und Berufsschulabschluss, der auf einer Studie der OECD basiert und den dramatischen Rückgang des Qualifikationsniveaus in der jüngeren Bevölkerung vor Augen führt. Durch die differenzierte Darstellung der Entwicklungen und Hintergründe wird die wachsende Dringlichkeit zur Nachqualifizierung dieser Personengruppe deutlich gemacht.

Heide von Felden rückt durch ihren Artikel „Von der Frauenbildung über das Gender Mainstreaming zur Genderkompetenz“ die geschlechterspezifischen Unterschiede sowie die damit verbundenen Besonderheiten in der Bildungsarbeit – wie etwa die unterschiedliche Motivation von Frauen und Männern hinsichtlich ihrer Weiterbildungsbeteiligung – in den Blickpunkt der Bildungsforschung.

Im Beitrag von Rudolf Tippelt, Jutta Reich und Sylva Panyr wird die Bildungsbeteiligung im Hinblick auf die Milieuzugehörigkeit analysiert. Differenziert werden insbesondere milieuspezifische Teilnahmequoten nach verschiedenen Faktoren, die Aufschluss über entsprechende Weiterbildungsinteressen, aber auch Weiterbildungsbarrieren geben. Christiane Schiersmann erweitert die Diskussion der Bildungsbeteiligung um den Gedanken der Selbststeuerung von Lernprozessen. Auf Basis einer Systematisierung des Konstruktes „Selbststeuerung“ stellt sie Ergebnisse einer empirischen Studie zum Weiterbildungsverhalten der Bevölkerung und den entsprechenden Einstellungen vor. So werden beispielsweise die Einflüsse von familialer Förderung und Bildungsabschluss auf die Selbststeuerung untersucht.

Neben diesen Beiträgen zum Schwerpunktthema enthält der REPORT einen interessanten Artikel von John Erpenbeck und Johannes Weinberg zur Differenzierung der Konstrukte Bildung und Kompetenz sowie deren praktischer Bedeutung für die Weiterbildungspraxis. Darüber hinaus werden – wie in jeder Ausgabe – aktuelle Veröffentlichungen rezensiert, wie beispielsweise Knut Illeris’ „The Three Dimensions of Learning“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Band positive Impulse für die Diskussion um Bildungsbeteiligung und -motivation gibt und den Fokus der Teilnahmeforschung in eine neue Richtung lenkt. Er stellt somit eine wertvolle Ergänzung der Literatur zur Bildungsforschung dar. Durch die überblickartige Darstellungsweise der Beiträge eignet sich der Band nicht nur für ForscherInnen und PraktikerInnen aus dem Bereich der Weiterbildung, sondern ist insbesondere auch als studiumsbegleitende Literatur für Studierende sehr empfehlenswert.

Andrea Thiele (Duisburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andrea Thiele: Rezension von: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, (Hg.): Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, Beteiligung und Motivation, Bielefeld: W. Bertelsmann Heft. In: EWR 4 (2005), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/76391891.html