EWR 4 (2005), Nr. 3 (Mai/Juni 2005)

Jörg M. Fegert / Christian Schrapper (Hrsg.)
Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie
Interdisziplinäre Kooperation
Weinheim/München: Juventa 2004
(624 S.; ISBN 3-7799-0788-7; 48,00 )
Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie Seit es ein System öffentlicher Hilfen gibt, die sich mit auffälligem Verhalten von Kindern und Jugendlichen beschäftigen, seitdem gibt es auch ein mehr oder minder funktionierendes Zusammenspiel zwischen sozialpädagogischen und medizinischen Professionen. Deren disziplinärer Zugang war und ist nicht nur zwischen den jeweiligen Professionen, sondern auch innerhalb von Medizin und Sozialpädagogik in den verschiedenen Epochen höchst unterschiedlich gewesen (jeweiliger Vorrang von genetischen, tiefenpsychologischen oder soziologischen Deutungsmustern).

Mit dem vorliegenden Handbuch wird nun ein Versuch unternommen, die aktuelle Situation der beiden Hilfesysteme Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie einzufangen und in insgesamt 58 knappen Beiträgen zu einschlägigen Themen darzustellen. Im ersten Abschnitt wird unter Stichworten wie Jugendamt, Hilfeplanung, Entgeltvereinbarungen, Verfahrensrechte oder Tagesgruppenarbeit zunächst das System der Jugendhilfe vorgestellt, um dann im zweiten Teil den § 35a KJHG (seelische Behinderung) "als Schnittmenge" bzw. "Zwangskooperation" und dann im dritten Teil das System der Jugendpsychiatrie auszuführen. Letzteres geschieht unter Stichworten wie Behandlungs- und Interventionsformen, Diagnostik, Psychopharmaka, Maßregelvollzug, Patienteninformation oder Behandlungszufriedenheit. Zusätzlich werden (wie in medizinischen Lehrbüchern üblich) Fallbeispiele dargestellt.

Der vierte und letzte Abschnitt thematisiert Probleme und Perspektiven der Kooperation anhand von Zielgruppen (die "besonders Schwierigen", Migrantenkinder) wie von konkreten Kooperationsprojekten aus Rheinland-Pfalz, Dortmund, Bonn.

Die in dem Band versammelten Beiträge geben einen guten Überblick über professionelle Standards und Rahmenbedingungen der jeweiligen Hilfen und Interventionsformen (etwa Blandows Beitrag über Vollzeitpflege und Heimerziehung oder der von Ader/Schrapper über sozialpädagogische Diagnostik). Das Handbuch ist somit auch für Ausbildungszwecke besonders geeignet, da es in übersichtlicher Form zu Einzelthemenbereichen die wichtigsten Informationen nebst weiterführender Literatur zusammenträgt. Das Buch kann darüber hinaus – und das ist auch das Anliegen der beiden Herausgeber – dem jeweiligen Partner in Jugendhilfe und -psychiatrie die Handlungslogiken der medizinischen und sozialpädagogischen Institutionen und Professionen darstellen.

Allerdings lassen manche Beiträge auch erahnen, warum ein solches Werk besonders notwendig ist. Da ist zunächst die Sprache. Welcher Nicht-Mediziner versteht auf Anhieb die Konsequenz der Aussage: "Im EEG finden sich paroxysmale Auffälligkeiten fast immer im Temporallappenbereich ..." (267)? Dann sind es aber auch die unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten der beiden Systeme, an denen deutlich wird (in dem einen Abschnitt mal mehr in dem anderen weniger), wie sehr sich der jeweilige Blick auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen unterscheidet.

Auch die immer wieder angesprochene Hierarchie der Professionen wird konkret. Etwa wenn in einem Beitrag von Schmeck (251ff.) die Bezugsdisziplinen der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgelistet werden und neben ausführlichen Beschreibungen biologischer und psychologischer Wissensbestände die Pädagogik nur als Praxis der Alltagsbetreuung im Rahmen der Jugendpsychiatrie vorkommt, zudem als eine Praxis deren primäre Aufgabe es sei, klare Regeln und Grenzen zu vermitteln. Die Kooperation leide hier häufig – so der Autor –, wenn die "Pädagogen" z.B. Stimulanzienbehandlung ablehnten, weil der Erfolg der Verhaltensveränderung nicht durch sie bewirkt worden sei.

Deutlich wird hier ein gravierender Unterschied im Zugang und der Institutionenlogik von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie: Ärzte diagnostizieren nach vorliegenden Typologien von psychiatrischen Krankheitsbildern, wie sie das ICD - 10 (ein internationaler Klassifikationskatalog, siehe dazu Fegert, 265ff.) vorsehen. Sie entwerfen daraufhin eine passende Therapie und geben Anweisungen an das Pflegepersonal – auch das sozialpädagogische –, die diese umzusetzen haben. Sie haben die Erwartungshaltung, dass dieses auch im Hilfeplan der Jugendämter und in anschließenden Hilfen angemessen berücksichtigt wird.

In der Jugendhilfe gibt es dagegen die Tradition des ganzheitlichen Fallverstehens, die nicht entlang eines internationalen Handbuchs typischer Störungen verfährt, sondern das Verhalten auf der Grundlage der einzigartigen Lebenswelt des Kindes und seiner oft leidensvollen Biographie zu verstehen versucht (vgl. dazu eindrucksvoll die Beschreibung der Lebenssituation der "besonders Schwierigen" von Ader 437ff.).

Neben diesen verschiedenen Perspektiven lassen sich in dem Handbuch jedoch auch Beispiele für eine mögliche Entfaltung gemeinsamer Perspektiven erkennen – etwa in der Debatte um Partizipation und Beteiligung, da es da in beiden Bereichen offenbar ähnliche Entwicklungen gibt: in der Pädagogik die Debatte um die Kinderrechtskonvention und Partizipation in der Jugendhilfe (§ 8 KJHG). In der Medizin, gerade in der Psychiatrie, gibt es dazu parallel eine neuere Debatte um Patientenrechte, um die Bedeutung von Information und Einverständnis zur Behandlung. In der Jugendpsychiatrie – darauf weisen Libal/Fegert hin, spiele sich dies immer im Dreieck Eltern, Kind, Arzt ab und manche Eltern würden eine Therapie sogar als Strafe für ihre Kinder missbrauchen, sodass hier das Patientenrecht der Kinder gestärkt werden müsse (226).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass – hier sind sich alle AutorInnen einig - eine verbesserte Kooperation zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie nicht nur aufgrund von veränderten Rechts- und Finanzierungsgrundlagen unausweichlich ist, sondern, dass sie auch im Sinne der betroffenen Kinder wünschenswert ist. Denn manchmal entscheidet nur der Zufall (oder das Milieu), in welchem der Systeme ein Jugendlicher behandelt bzw. betreut wird.



Carola Kuhlmann (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carola Kuhlmann: Rezension von: Fegert, Jörg M. / Schrapper, Christian (Hg.): Handbuch Jugendhilfe - Jugendpsychiatrie, Interdisziplinäre Kooperation, Weinheim/München: Juventa 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 3 (Veröffentlicht am 20.05.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77990788.html