EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Gudrun Stenzel (Hrsg.)
Kinder lesen - Kinder leben
Kindheiten in der Kinderliteratur (16. Beiheft der Zeitschrift Beiträge Jugendliteratur und Medien)
Weinheim, München: Juventa 2005
(232 S.; ISBN 3-77990993-6; 19,50 EUR)
Kinder lesen - Kinder leben Kinder- und Jugendliteratur ist eine eigene Kunstform, die Wissen und Vorstellungen, Sprachgestus, Fantasie und Erfahrungswelten der Kinder aufnimmt. Sie ist längst nicht mehr nur „kleine Literatur“, in der die im Wachsen begriffenen und als erziehungsbedürfig wie -fähig geltenden Kinder in Spielwelten anzutreffen sind. Vielmehr hat die moderne Kinder- und Jugendliteratur die Begrenzungen des Bildes, das Erwachsene sich von Kindern gemacht haben, längst überwunden. Sie hat Anteil an der Themen- und Formenvielfalt der großen Welt. Dort ist die Heterogenität heutiger Kindheiten erfahrbar, sind Biographien, ihre Entwicklungskorridore, ihre Prägungen, ihre Brüche und Einschnitte zu erkennen. Es werden Kindergefühle – die einerseits groß, andererseits schutzlos sind, da weitergehende Erfahrungen, an denen sie gemessen und ausgelotet werden können, noch fehlen – literarisch aufgenommen und es finden sich darin mögliche Entwürfe von Verläufen des kindlichen Lebensbogens; dies freilich aus der Perspektive von erwachsenen Autorinnen und Autoren.

In Gudrun Stenzels systematisch angelegtem Buch „Kinder lesen – Kinder leben“ sollen Erkenntnisse im Feld der Kindheits- und Kinderliteraturforschung zusammengeführt werden und es sollen für diesen interdisziplinären Dialog kinderliterarische Kindheitsbilder in ihrer historischen und gesellschaftlichen Bedingtheit, aber auch in ihren literaturdidaktischen Konsequenzen für die Schule erschlossen werden. In dieser Bündelung verschiedener Perspektiven geht es darum, Vorstellungen über Kindheit und Kindsein im historischen Wandel aufzuzeigen. Diese verschiedenen „Kinderbilder“ werden in der Porträtierung kindlicher Figuren erkennbar, indem von einer Epocheneinteilung ausgegangen wird.

Für die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart zeigt sich ein vielschichtiges Bild: Es geht nun um die Individualität und Verschiedenheit der jungen Rezipientinnen und Rezipienten, die heute diese ihnen zugedachte Literatur lesen. Sie tun dies freilich nicht als zu belehrende Altersgruppe, sondern als Heranwachsende mit eigenen Lesebiographien. Dass eine solche Anerkennung der Kinder als eigenständige Leserinnen und Leser Konsequenzen für die Schule und ihren Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur hat, ist unübersehbar. Der Band verfolgt dieses Anliegen in vier großen Themensequenzen.

Erstens geht es darum, grundlegend nach der Bedeutung der Kinderliteratur für die Suche nach kindlichen Lebenswelten zu fragen. Daran anknüpfend werden aus sozialwissenschaftlicher Sicht Kinderbilder im Wandel beleuchtet, bevor ein Blick über die europäisch-westliche Literaturtradition hinaus in nordische und afrikanische Länder geworfen wird. Schließlich geht es um die Bedeutung und Wertschätzung kindlichen Lesens und damit auch um öffentliche Aufmerksamkeit für die Partizipation von Kindern, die Korridore bereithält für ein Gewahrwerden der Vielfalt kind- und jugendgerechter Weltkonstruktionen.

Zweitens werden epochale Kindheitsbilder und ihre literarische Präsenz bspw. in der Weimarer Republik, in der Zeit des Nationalsozialismus und während der Zeit der DDR betrachtet. Anerkennung, Abwertung von Kindheit und Hinwendung zum Kindsein sind hierbei Motive, die in den Kindheitsbildern der Kinderliteratur aufscheinen. Es geht sowohl um die Suche nach einem neuen intergenerativen Verhältnis, als auch um die Marginalisierung von Kindheit, es geht um die Frage von Fürsorge von Staat und Gesellschaft für das Kind und darum, Katastrophen der Erwachsenenwelt in den Folgen für die Kinder – Verfolgung, Flucht und Exil bspw. in der jüdischen Kinderliteratur – anzusprechen.

Drittens wird die Differenzierung von Kindheit aus aktueller Perspektive aufgegriffen: In der Kinderliteratur treten Entwicklungsaufgaben und Bewältigungsstrategien angesichts sich wandelnder familiärer Konstellationen hervor, wird das Kind – das nun selbst mögliche Krisen bewältigen muss – zum Mittelpunkt. Dies ist Ausdruck belastender Folgen der Moderne für Entwicklungsverläufe einzelner Kindheiten. Doch werden auch klassische Kinderfiguren wie z.B. Peter Pan gerade wegen ihrer Ambivalenz und Spannung im Verhältnis der Generationen auf ihre heutige Bedeutung hin befragt. Schließlich geht es auch darum, zu klären, welche Möglichkeiten die Kinder- und Jugendliteratur hat, um trotz des gegenwärtigen Einflusses der neuen Medien, die die kindliche Neugier und Aufmerksamkeit vereinnahmen, ja geradezu bedrohen, Texte und Bilder zu schaffen, die Erzählfreude und Erzählkunst herausfordern.

Viertens wird an ausgesuchten Beispielen der Kinder- und Jugendliteratur nach praktischer Erfahrung und Realisierbarkeit im Unterricht gefragt. Dabei wird erkennbar, dass bei der Beschäftigung mit Kinderliteratur ein Appell an den Möglichkeitssinn, an die Imagination mitwirkt. So kommen die schöpferischen Fähigkeiten, die Individualität und die Bedingungen ihres Aufwachsens deutlicher in den Blick. Deshalb sollte die Schule die Form kindlichen Vorstellungsvermögens, die durch Kinder- und Jugendliteratur angesprochen wird, und mithin diese Literatur selbst intensiv nutzen. Kinderliteratur spricht mit ihren Themen, Entwicklungsaufgaben und Erfahrungen die Heranwachsenden an, bietet ihnen Identitätserlebnisse und scheint geradezu prädestiniert dafür zu sein, literarische Enkulturation zu betreiben, also das Interesse am Lesen an der Literatur und dadurch letztlich auch Leseerfahrung und Lesekompetenz zu fördern. Hier stellt sich der Schule eine didaktisch variantenreiche Aufgabe.

Alle diese Überlegungen sprechen in hohem Maße für eine Pluralisierung des Lernangebotes und eine Individualisierung im Umgang mit dieser Literatur. Das eröffnet zugleich die Möglichkeit, einerseits ein didaktisch vielfältiges Lernen in der Schule zu gestalten, andererseits das Vorstellungsvermögen und die Verstehenstiefe zu fördern. Das vorliegende Buch ist nicht nur für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sozial- und Geisteswissenschaften ein Gewinn, sondern gerade auch für all jene, die Kinder in ihrem Aufwachsen begleiten, die das Lesen der Kinder begünstigen wollen, nach deren Einschätzung, Urteil und Weltsicht fragen und deren Leben vor allem auch aus ihrer Perspektive ergründen möchten. Es ist eine Hilfe und Herausforderung für den Aufbau und Umgang mit Schulbibliotheken ebenso wie für einen nahe an den Kindern und ihren Lebenswelten stehenden Deutsch- und Literaturunterricht.
Silvia-Iris Beutel (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Silvia-Iris Beutel: Rezension von: Stenzel, Gudrun (Hg.): Kinder lesen - Kinder leben, Kindheiten in der Kinderliteratur (16. Beiheft der Zeitschrift Beiträge Jugendliteratur und Medien). Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/779909936.html