EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Maria Bitzan / Eberhard Bolay / Hans Thiersch (Hrsg.)
Die Stimme der Adressaten
Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe
Weinheim, München: Juventa 2006
(292 S.; ISBN 3-7799-1222-8; 21,00 EUR)
Die Stimme der Adressaten Der Titel des vorliegenden Buches verweist auf die besondere Perspektive dieser Aufsatzsammlung: Nicht die Organisationsentwicklungen oder die Strategien der Professionalisierung Sozialer Arbeit markieren den Fokus der Ausführungen. Es sind die AdressatInnen, die in ihrer Selbstthematisierung interessieren. Die Selbstsichten, die subjektiven Konstruktionen und Erfahrungszusammenhänge mit den Institutionen der Sozialpädagogik bilden den Schwerpunkt der Erörterungen. Damit steht der vorliegende Band in der „Tradition“ einer AdressatInnen- und NutzerInnenforschung. Ein Sachverhalt der programmatisch immer wieder eingefordert wird, bei genauerem Hinsehen allerdings dadurch auffällt, dass die AdressatInnen im Vergleich zu anderen Aspekten Sozialer Arbeit wenig (empirische) Aufmerksamkeit erhalten haben. Insofern füllt dieses Buch eine notwendig zu schließende Lücke.

Die Ausführungen basieren auf einer Fachtagung im Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen im Februar 2004. Zwei Spezifika sind dabei hervorzuheben: Zum einen steht der Aspekt der Forschung im Vordergrund und zum anderen beziehen sich die empirischen und theoretischen Erörterungen vor allem auf den Bereich der Jugendhilfe. Bei der Präsentation der Ergebnisse der Fachtagung haben die HerausgeberInnen bei der Strukturierung der Beitragsfolge der 14 Aufsätze einen ungewohnten Weg gewählt. Dem Titel, „Stimmen der Adressaten“ folgend, wird in einem ersten Teil die Mehrzahl der empirischen bzw. feldbezogenen Beiträge vorangestellt, um so durch die Konkretheit subjektiver Wirklichkeiten zur Theorie „aufzusteigen“. Ein Top-Down Modell vom Allgemeinen zum Konkreten, von der Theorie zur Praxis wird somit umgegangen. Erst in dem zweiten Teil werden jene Beiträge lanciert, die „übergeordnete“ Perspektiven einnehmen. Mit diesem Gliederungsformat wird nicht nur der Bedeutung der AdressatInnenperspektive Rechnung getragen, es bleibt ein gewisser Prozesscharakter des Themas erhalten. Der vorliegende Band intendiert weniger eine lehrbuchartige Stoffsammlung vorzustellen, vielmehr will er sich ein längst überfälliges Thema entlang der „Stimme der AdressatInnen“ suchend und gleichzeitig pointiert entwickeln.

Der erste Teil enthält neun empirische wie empirienahe Beiträge. Franz Hamburger und Heinz Müller werfen in ihrem eher feldbezogenen Aufsatz die Frage auf, welche Konsequenzen eine ernst genommene AdressatInnenorientierung für eine sozialräumliche Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung haben. Eine Umstrukturierung der Dienstleitungen wird aus der Sicht der Autoren nur dann gelingen, wenn die Nachfrageseite von Sozialen Diensten und Einrichtungen zum Ausgangspunkt von Organisations-, Qualifizierungs- und Qualitätsentwicklungsprozessen wird. An diese Grundfrage des Verhältnisses zwischen AdressatInnen und Dienstleistungsorganisation knüpfen die sich anschließenden drei Beiträge von Margarete Finkel, Maren Zeller und Birgit Hofgesang an. Anhand biographischer Analysen aus verschiedenen Forschungs- und Evaluationsprojekten in der Jugendhilfe wird das skizzierte Spannungsverhältnis zwischen AdressatInnenperspektive und institutionellen Unterstützungsangeboten belegt.

Der Beitrag von Gerd Stecklina und Steve Stiehler zum Status von Mädchen und Jungen in stationären Hilfen fordert anhand programmatischer Überlegungen bei der Partizipation von Mädchen und Jungen an den Hilfeprozessen systematisch den zivilgesellschaftlichen Status von Kindern und Jugendlichen herauszuarbeiten. Gabriele Stumpp wendet sich stärker dem Gesundheitsbereich zu und analysiert anhand einer ausführlichen biographischen Fallvorstellung das Thema der Beziehung lebensgeschichtlicher Erfahrungen in Bezug zur Konstitution von Gesundheit und Gesundheitskonzepten. Die letzten drei Beiträge des ersten Teils greifen erneut das Thema der Kindheit und Jugend vor dem Hintergrund unterschiedlicher institutioneller Perspektiven auf. Gisela Braun erörtert anhand von Lebensthemen junger Menschen, welche Bedeutung alltagsbegleitende Hilfen für die Strukturierung von Übergangsprozessen haben können. Sandra Menk und Vanessa Schneider dokumentieren auf der Grundlage einer Evaluationsstudie eines sozialpädagogischen Kriseninterventionszentrums unterschiedliche Bewältigungsstrategien junger Menschen in geschlossener Unterbringung. Abschließend stellen Carola Flad und Eberhard Bolay am Beispiel eines Forschungsprojekts zur Schulsozialarbeit sehr systematisch dar, wie differenziert fachliche Arrangements durch die NutzerInnen in Anspruch genommen werden und darin die Chance eines niedrigschwelligen Angebots der Schulsozialarbeit liegen kann. Die empirischen Vorstellungen vermitteln keine einheitliche Perspektive, sondern verweisen auf die Differenziertheit sozialer wie biographischer Praxis und die Unterschiedlichkeit im methodischen Zugang zu den Stimmen der AdressatInnen. Dennoch kann ein bedeutsamer und alle Beiträge durchziehender Fokus genannt werden: die wechselseitige Bezugnahme und Abhängigkeit sinnvoller sozialpädagogischer Konzepte von der Subjektivität ihrer NutzerInnen.

Im zweiten Teil werden in fünf Beiträgen eher theoretische Überlegungen zum Thema vorgestellt. Rainer Treptow eröffnet mit seinen Ausführungen zum Verstehen von Betroffenen eine auslotende wie kritische Position zu diesen subjektbezogenen Ansätzen. Überkomplexität und die Gefahr falsch verstandener Fremddeutungen können als Beispiele der vorliegenden thematischen Auslotung genannt werden. In dem Beitrag von Gertrud Oelerich und Andreas Schaarschuch werden „Konturen einer sozialpädagogischen Nutzerforschung“ elaboriert. In einer gewissen Abgrenzung zur AdressatInnenforschung geht es im Konzept der NutzerInnenforschung stärker um die Gebrauchswertstruktur von sozialpädagogischen Dienstleistungen. Welche Formen von Nutzen und Nutzungen beobachten werden können, werden in einer systematischen Perspektive entfaltet. Werner Schefold wiederum fokussiert in seinen Erörterungen Erfahrungen mit biographieanalytischen Ansätzen in der Kinder- und Jugendhilfeforschung. Es ist der einzig methodisch orientierte Beitrag, der erfahrungsgesättigt nicht nur auf die Möglichkeiten, sondern gerade auf Grenzen und Probleme biographieorientierter Forschungszugänge verweist. Barbara Stauber und Gerrit Kaschuba erörtern in ihrem Beitrag zur Konstituierung und Umsetzung eines Subjektbezugs der AdressatInnenforschung schwerpunktmäßig die Frage nach Geschlechterkonstruktionen und -differenzen. Marian Bitzan, Eberhard Bolay und Hans Thiersch schließen die Debatte zur AdressatInnenorientierung mit einem eigenen Beitrag ab. Die Übernahme des Buchtitels als Überschrift für den eigenen Beitrag markiert, dass hier eine theoretische verdichtende Perspektive zum Thema der AdressatInnenforschung angelegt ist. Subjektbezug wird als strukturelles Charakteristikum der Sozialen Arbeit und gleichsam als kritisches Korrektiv institutionalisierter Prozesse hervorgehoben. Der zweite Teil verdichtet die empirische Vielfältigkeit in einigen Bereichen ohne hier eine eindeutige Bestimmung dessen leisten zu können und zu wollen, was denn AdressatInnenforschung und AdressatInnenbezug in der Sozialen Arbeit sein soll und sein kann. Vielmehr werden Dimensionierungen der Reichweite, notwendige Fragen und mögliche Gefahren von einem Subjektbezug ausgelotet. Damit laden die Beiträge zu etwas sehr Bedeutsamen ein: neue Fragen zu stellen.

Die Bedeutung der vorliegenden Publikation kann auf mehreren Ebenen gesehen werden. Es handelt sich um eine sozialpädagogische Publikation, in der empirische Beiträge eine besondere und exponierte Bedeutung einnehmen. Dies ist insofern zu betonen, da sich die Soziale Arbeit im Vergleich zu anderen Disziplinen schwer tut, sich als empirische forschende Fachgesellschaft zu exponieren. Auch wenn bei einigen der vorliegenden Studien sicherlich über methodische Fragen und methodologische Grundsatzoptionen nachgedacht werden kann, so täuscht dies nicht darüber hinweg, dass sich hier eine Publikation explizit über empirisch gesättigte Beobachtungen in eine Fachdebatte einbringt, ohne auf theoretische und gesellschaftskritische Erörterungen zu verzichten. Die inhaltliche Perspektive des vorliegenden Buches kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der oftmals beschworene AdressatInnen- und Subjektbezug von Sozialer Arbeit findet hier eine wichtige wissenschaftliche Konkretisierung und fordert weitere Forschungen und theoretische Begriffsbildungen heraus. Eine zentrale Idee, die sich durch viele der Beiträge durchzieht, ist besonders hervorzuheben: die Beobachtung, dass das Gelingen von Dienstleistungen stärker von den AdressatInnen abhängig ist als vermutet. Das vorliegende Buch kann in diesem Sinne als wichtiger Beitrag gewertet werden, der gegenwärtigen Dominanz ökonomisierender Debatten zur Organisationsentwicklungen eine notwendige Gegenperspektive zu eröffnen. Die „Stimme der Adressaten“ ernst zu nehmen, beinhaltet die Chance einer sinnvollen NutzerInnenorientierung und kritische Perspektive auf institutionalisierte Prozesse gleichermaßen.
Andreas Hanses (Bremen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Hanses: Rezension von: Bitzan, Maria / Bolay, Eberhard / Thiersch, Hans (Hg.): Die Stimme der Adressaten, Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Weinheim, München: Juventa 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991222.html