EWR 3 (2004), Nr. 1 (Januar/Februar 2004)

Volker Fröhlich, Ursula Stenger (Hrsg.)
Das Unsichtbare sichtbar machen
Bildungsprozesse und Subjektgenese durch Bilder und Geschichten
Weinheim/München: Juventa 2003
(279 Seiten; ISBN 3-7799-1260-0; 23,50 EUR)
Der Titel ist anspruchsvoll. Geht es doch darum, durch Bilder und Geschichten deutlich zu machen, welcher bildende Wert in ihnen verborgen ist. Anders ausgedrückt geht es um die Frage "nach den Prozessen, in denen das Selbst des Menschen sich konstituiert" (S. 17). Das Buch bietet dazu gemäß seiner Gliederung vier Zugänge, und zwar über:

  • Bild-Theorien,
  • Selbstthematisierung durch Bilder und Geschichten,
  • Kindliche Subjektgenese durch Bilder und Geschichten,
  • die kulturell-historische Dimension von (Selbst-) Bildern.

Für die Besprechung greife ich aus den vier Bereichen jeweils einen Aufsatz oder einige Thesen heraus.

Zu 1. Hier werden theoretische Zugänge von der Anthropologie und Psychoanalyse versucht. Johannes Bilstein arbeitet in seinem Aufsatz "Symbol – Metapher – Bild" heraus, dass Sprache, Zeichen, Bilder nicht direkte Wiedergabe einer Wirklichkeit/Wahrheit im Sinne eines Urbild-/Abbildverhältnisses sind, sondern einer Differenzerfahrung. Dadurch gewinnen die Bilder ein Stück eigenen Lebens. Ob man das als "Seinszuwachs" (Gadamer), als "Wunde" (Kamper) oder als "Riss" (Didi-Hubermann) deutet, die "ikonische Differenz", die sich aus dem Abstand der Bilder zur Wirklichkeit ergibt, fordert unser Nachdenken heraus. – Das göttliche Gebot "Du sollst Dir kein Bildnis machen" – nämlich von Gott, von der Wahrheit, wird von Bilstein anthropologisch umgedeutet: "Wir können nur leben, indem ’wir’ uns ein Bildnis machen – von uns selbst oder von unseren Nachbarn und Gegenübern" (S. 30). Hier muss man kritisch anmerken, dass es sich dabei nur um vorläufige Bilder handeln kann, die immer wieder überprüft und revidiert werden müssen.

Zu 2. Die Selbstthematisierung durch Bilder und Geschichten wird an den Lebensläufen und Selbstbildnissen zweier Künstler exemplifiziert, an Marc Chagall und Käthe Kollwitz. Theodor Schulze hat das Phänomen des sich selbst malenden Künstlers am Beispiel Chagalls ausgeführt. Im Spiegel betrachtet er sich als ein bekanntes und fremdes Gegenüber, und zwar als Objekt. Zugleich aber "weiß er um sein Innen-sein, seine Gefühle und Gedanken, während er sich von außen sieht. Und er weiß um sein Ich-sein, seine Möglichkeiten und Erwartungen und seine Fähigkeit zur Reflexion" (S. 188). Der Maler steht beim Anfertigen eines Selbstbildnisses also immer wieder vor der Frage, wie er sich selbst sieht und begreift und wie er das ins Bild umsetzt. Aus der Lebenswelt entnimmt er seine Motive. Aber mit seinen malerischen Mitteln und seiner produktiven Phantasie schafft er die eigene Welt des Bildes. Im Selbstportrait seine Welt.

Zu 3. Subjektgenese.

Ursula Stenger hat in ihrem Aufsatz "Bild-Erfahrungen" den Prozess der Subjektgenese mit Hilfe von Bildern nachvollzogen. Erfahrungen mit Bildern oder auch ästhetische Erfahrungen machen, heißt nicht, eine vorhandene Welt im Bild zu reproduzieren, "sondern den Entstehungsprozess von Ich und Welt, der sich im Bilden von Bildern vollzieht, zu folgen" (S. 190).

Zu 4. Zur Verdeutlichung der kulturell-historischen Situation von Bildern, die das Unsichtbare sichtbar machen, beziehe ich mich auf den Beitrag von Michael Parmentier über "Das hidden curriculum der ‚Schule von Ahten’".

Raffael hatte 1508 von Papst Julius II. den Auftrag erhalten, die Stanza della Segnatura so auszumalen, dass der Raum die Wirklichkeit und Gültigkeit der göttlichen Offenbarung und die herausragende Position der christlichen Statthalter auf Erden verkündet. Das tat er mit der sogenannten Disputa, einem Fresko, auf das der Blick beim Eintreten in den Raum trifft. Auf der gegenüberliegenden Wand aber gestaltete er die sogenannte "Schule von Athen" mit den antiken Wissenschaftlern und Philosophen, Platon und Aristoteles im Zentrum. Dieses Fresko gilt heute als eines der berühmtesten Werke Raffaels. Damals hat sicher die Disputa den Papst und die Zeitgenossen überzeugt und die Schule von Athen, und mit ihr die griechische Philosopie als Vorläuferin des Christentums interpretiert. Damals war aber gerade Amerika entdeckt worden. Und uns scheint, dass Raffael mit seiner Schule von Athen den herrschaftsfreien wissenschaftlich philosophischen Dialog, den er in Florenz kennenlernte, als die zukunftsweisende Denkart bildlich gestaltete. Die Disputa dagegen zeigt das überholte Modell der Erkenntnis durch Offenbarung.

Das Buch versammelt Aufsätze, die interessante Perspektiven aufweisen. Die angeführten Beispiele machen jedoch deutlich, dass derjenige, der mit Bildern und Geschichten das Unsichtbare sichtbar machen will, ein gebildeter und urteilsfähiger Mensch sein muss, der etwas von Bildern, Metaphern, indirekter Mitteilung verstehen muss. Das Unsichtbare aber kann nur berührt, nicht gefasst werden. Wenn Dilthey recht hat, dass wir Menschen alle die gleiche Struktur der Seele besitzen, kann das, was von den schöpferischen Individuen auf der Grundlage eigenen Erlebens Ausdruck, Gestalt gewann, im umgekehrten Prozess des Verstehens wieder zum Leben erweckt werden, wenngleich nicht deckungsgleich.
Fritz Böversen (Wuppertal)
Zur Zitierweise der Rezension:
Fritz Böversen: Rezension von: Stenger, Volker Fröhlich, Ursula (Hg.): Das Unsichtbare sichtbar machen, Bildungsprozesse und Subjektgenese durch Bilder und Geschichten, Weinheim/München: Juventa 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991260.html