EWR 5 (2006), Nr. 3 (Mai/Juni 2006)

Sabine Ader
Was leitet den Blick?
Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe
Weinheim, München: Juventa 2005
(272 S.; ISBN 3-7799-1616-9; 22,50 EUR)
Was leitet den Blick? Die Frage, auf welche Weise Mitarbeiterinnen der Jugendämter zu ihren Entscheidungen über notwendige Interventionen und richtige Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen kommen sollten, ist in verschiedenen Veröffentlichungen zur sozialpädagogischen Diagnostik in den letzten Jahren wiederholt diskutiert worden [1]. Wie die sozialpädagogischen Fachkräfte jedoch tatsächlich zu ihren Entscheidungen kommen und welche Fehlerquellen in der Blickrichtung der beteiligten Institutionen verborgen sind, darüber hat es bisher erst wenige Untersuchungen gegeben [2]. Diese Frage nach den realen Deutungen und Bearbeitungen eines „Falles“ wird aber überall dort besonders relevant, wo Entscheidungen über Hilfeangebote nicht zur Lösung, sondern möglicherweise zur Verschärfung der Probleme von Kindern beigetragen haben.

Die Dissertation von Sabine Ader richtet ihren eigenen forschenden Blick daher genau auf die Fälle, die von der Jugendhilfe selbst als „schwierig“ gesehen werden, auf sog. „Jugendhilfekarrieren“, auf Kinder und Jugendliche, die über Jahre verschiedene Hilfen erhielten und denen trotzdem nicht geholfen werden konnte. Die Autorin fasst damit die Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojektes zusammen, das in einem Großstadtjugendamt in Nordrhein-Westfalen die sozialpädagogischen Fachkräfte bei der Bearbeitung solcher – insgesamt elf – „schwierigen“ Fälle beobachtete und deren Geschichte rekonstruierte.

Methodisch geht Ader dabei andere Wege als bisherige Evaluationsstudien in diesem Bereich, indem sie weder psychosoziale Belastungsfaktoren des „Symptomträgers“ aufzählt, noch biographische Studien betreibt , sondern das Hilfesystem selbst einer kritischen Revision unterzieht, mit der Vermutung, dass dieses System selbst zur „Vervielfachung von sozialen Problemlagen“ beitragen kann (27). Dazu wertet die Autorin nicht nur die entsprechenden Fallakten aus, sondern auch Protokolle und Evaluationsbögen von „Fallkonsultationen“, in denen sie gemeinsam mit einem Forschungsteam und den Professionellen im Jugendamt eine Interpretation der Fälle vornahm.

Dieses qualitative methodische Vorgehen begründet Sabine Ader mit einem Forschungsansatz, der in den 70er Jahren unter dem Namen „Aktionsforschung“ eine Zeit lang populär war und den sie auf Kurt Lewin und seine Feldtheorie zurückführt. Sie erklärt damit ihre Absicht, die Akteure in den Handlungsfeldern nicht lediglich beobachten und als Expertin beurteilen zu wollen, sondern mit ihnen gemeinsam an einer Verbesserung der Praxis zu arbeiten – Ader ordnet ihre Arbeit darüber hinaus der „rekonstruktiven Sozialpädagogik“ zu, die ihre Schlüsse in Anlehnung an Fritz Schützes Fallanalyen aus einer nachträglichen Bestandsaufnahme und Deutung beziehen möchte.

Einleitend geht Ader auf die Debatte zur sozialpädagogischen bzw. psychosozialen Diagnostik ein und stellt die aktuellen Auseinandersetzungslinien vor, die zwischen den Vertretern und Befürwortern des Diagnostikbegriffes und seiner Kritiker bestehen. Letztere befürworten den Begriff des Fallverstehens, da in ihren Augen mit Diagnostik stets ein medizinisches und letzten Endes stigmatisierendes Deutungsmuster gewählt würde. Ader stellt die unterschiedlichen Ansätze, den psychologisch-klassifikatorischen, den biographisch-rekonstruktiven und den gruppenorientiert-inszenierenden dar und schließt sich für ihre Fallinterpretation dem letzteren an. Sie begründet dies damit, dass sozialpädagogisches Handeln immer an Institutionen gebunden, mehrdeutig und komplex sowie auf (Selbst-) Bildungsprozesse gerichtet sei. Eine reine Orientierung an der Biographie oder an den psychosozialen Belastungsfaktoren verkenne die Rahmung der Hilfen durch Rechtsansprüche einerseits und das Gebundensein an reale Ressourcen vor Ort andererseits.

Der gruppenorientiert-inszenierde Ansatz von Fallbearbeitung schlägt ein Durchspielen der Fallgeschichte mit verschiedenen Rollen vor und zwar innerhalb der kollegialen Beratung im Jugendamt. Dies soll ein szenisches Verstehen mit tiefenpsychologischem Hintergrund ermöglichen und über blinde Flecken (und tiefer verborgene, unbewusste Anteile) in der bisherigen Wahrnehmung und Blickrichtung aufklären. Die so gewonnen Blickrichtungen auf den Fall werden anschließend mit der aus der Aktenlage erkennbaren bisherigen Interpretation kontrastiert.

Im Hauptteil der Arbeit werden dann zwei besonders prägnanten Fallgeschichten auf diese Weise ausführlich dargestellt und interpretiert: erschütternde Lebensgeschichten, in denen beides Mal deutlich wird, wie eine für Kinder äußerst schädliche Familiendynamik (Scheidung, Gewalt, Missbrauch) das Hilfesystem mit gefangen hielt und teilweise instrumentalisierte, wie aber auch Chancen der Hilfe vertan wurden durch mangelnde Kooperation. Probleme wurden auf diese Weise nicht bearbeitet, sondern verlagert, z.B. von einem Stadtteil auf den nächsten, von einer Hilfeart oder einem Träger zum anderen.

Die Symptome der Kinder wurden als Probleme beschrieben (Schlagen, Bettnässen, Stehlen, Weglaufen), die dahinter liegenden Bedürfnisse zwar vermutet, aber nicht mit den Kindern und ihren Eltern kommuniziert; Alternativen wurden – zumindest in diesen gescheiterten Fällen – nicht gefunden.

Alle der elf bearbeiteten Fälle wiesen eine lange Betreuungsgeschichte mit bis zu 20 Stationen für ein 12jähriges Kind auf. Kooperationen der beteiligten Instanzen, also Jugendamt, Heim, Familie, Schule, Polizei, funktionierten gerade dann nicht mehr, wenn die Situationen eskalierten (z.B. mehrere Dienstahlsdelikte hintereinander). Jedes Einzelsystem reagierte dann nach der kurzfristigen Logik, die dem eigenen System Entlastung versprach. Starke unreflektierte normative Wertungen (die Mutter muss sich aber kümmern!) erschwerten darüber hinaus die Suche nach Alternativen.

Trauriges Fazit in den untersuchten Fällen ist, dass die Kinder Unzuverlässigkeit, Beliebigkeit, Kränkung und ambivalente Botschaften nicht nur in der Familie erlebten, sondern dass das Hilfesystem diese Erfahrungen fortsetzte (vgl. 227)

Ader schlägt abschließend ein „diagnostisches Fallverstehen“ vor, das nicht nur die Biographie (hier aber verstärkt auch die subjektiven Deutungen der Kinder und Eltern selbst), sondern auch den institutionellen Kontext und das methodisch geleitete Handeln der Professionellen in den Blick nehmen soll.

Das Buch stellt für alle, die mit Entscheidungsfragen der Jugendhilfe befasst sind und die Verantwortung für Lebensschicksale von Kindern ernst nehmen wollen, eine große Hilfe dar, indem es zeigt, mit welchen Methoden der sozialpädagogische Blick geweitet, geschärft und gerichtet werden kann – nicht nur auf Chancen, sondern auch auf Gefahren bei der Hilfeleistung.


[1] Heiner, Maja (2004): Diagnostik und Diagnosen in der Sozialen Arbeit – ein Handbuch. Frankfurt a. M.

[2] Schrapper, Christian (1987): Welche Hilfe ist die richtige? Historische und empirische Studien zur Gestaltung sozialpädagogischer Entscheidungen im Jugendamt. Frankfurt a. M.
Carola Kuhlmann (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carola Kuhlmann: Rezension von: Ader, Sabine: Was leitet den Blick?, Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe. Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 3 (Veröffentlicht am 30.05.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991616.html