EWR 5 (2006), Nr. 3 (Mai/Juni 2006)

Karin Beher / Hans Haenisch / Claudia Hermens / Reinhard Liebig / Gabriele Nordt / Uwe Schulz
Offene Ganztagsschule im Primarbereich
Begleitstudie zu Einführung, Zielsetzung und Umsetzungsprozessen in Nordrhein-Westfalen
Weinheim, München: Juventa 2005
(216 S.; ISBN 3-7799-1684-3; 14,50 EUR)
Offene Ganztagsschule im Primarbereich Das Buch „Offene Ganztagsschule im Primarbereich“ von Beher u.a. stellt die Ergebnisse einer Pilotstudie zur Einführung, Zielsetzung und Umsetzung der offenen Ganztagsschule (im Folgenden OGS) in Nordrhein-Westfalen vor. Die Studie zielt dabei darauf ab, „eine Standortbestimmung und Dokumentation erster Erfahrungen von Schulen auf dem Weg zur OGS und zum gemeinsam gestalteten Ganztag“ (11) vorzunehmen. Hiermit ist das Ziel verbunden, die Umsetzungschancen des Konzepts „offene Ganztagsschule im Primarbereich NRW“ einzuschätzen und entsprechende Entwicklungserfordernisse abzuleiten.

Als Pilotstudie einer größeren Hauptuntersuchung, die in den Schuljahren 2005-2007 durchgeführt wird, konzentriert sich die Studie auf zwei zentrale Fragen: Zum einen soll geklärt werden, ob es den an der Untersuchung beteiligten 24 Grundschulen gelungen ist, ein pädagogisches Konzept umzusetzen, „das Elemente von Bildung, Erziehung und Betreuung“ (12) vereint. Zum anderen werden die für eine derartige Umstrukturierung notwendigen Kooperationsprozesse zwischen den unterschiedlichen Professionen (Lehrer/innen, Erzieher/innen) genauer beleuchtet.

Das Buch selbst gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils eigenständig gelesen werden können und inhaltlich kaum aufeinander aufbauen. Dies ermöglicht es dem „eiligen Leser“ schnelle Antworten auf einzelne interessierende Bereiche der Gesamtthematik zu erhalten:

Im ersten Kapitel erläutern die Autoren zunächst die mit der Einführung der offenen Ganztagsschule in NRW verbundenen Zielsetzungen. Zentrale Ziele aus Sicht der Landesregierung sind dabei u.a. den Eltern von Grundschulkindern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, einen Beitrag zur Verbesserung der Chancengleichheit durch individuelle Förderung zu leisten und ein integriertes Ganztagsangebot in der Grundschule anzubieten, das durch das Prinzip der Offenheit und Freiwilligkeit der Teilnahme von Seiten der Kinder und Eltern gekennzeichnet ist (vgl. 11). Mit der Einführung der OGS soll sowohl ein quantitativer Ausbau ganztägiger Betreuungsplätze im Primarbereich erreicht, als auch eine veränderte „Lernkultur“ in den einzelnen Schulen installiert werden. Diese soll sich u.a. dadurch auszeichnen, dass der Alltag in den OGS in Zukunft nicht in eine Zweiteilung von vormittags Schule und nachmittags Betreuung zerfällt.

Ausgehend von diesen Zielen beschreiben die Autoren die Zielsetzungen ihrer Untersuchung, die sich im Wesentlichen auf die Begleitung des Umsetzungsprozesses in den Schulen und die Einschätzung der weiteren Entwicklungschancen beschränkt. Methodisch nähern sie sich diesem Ziel über leitfadengestützte Gruppendiskussionen mit Schlüsselpersonen an. Als solche wählen sie zum einen Personen auf der Steuerungsebene (z.B. Schulleitungen, Leitungen der kooperierten Jugendhilfe bzw. Sportverbände) und zum anderen Personen auf der Ausführungsebene (hierzu gehören jene Fachkräfte, die mit der pädagogischen Begleitung der Kinder betreut sind, wie z.B. Erzieher/innen, Übungsleiter/innen, Lehrer/innen) aus.

Insgesamt wurden 172 Gruppendiskussionen in 24 Grundschulen geführt. Die Grundschulen selbst wurden auf der Basis recht unterschiedlicher Kriterien (Siedlungstyp, bereits vorhanden Erfahrungen mit Betreuungsformen im Primarbereich, Sozialstruktur, Anteil an Migrantenkindern etc.) ausgewählt und verteilen sich über die fünf Regierungsbezirke in NRW. Im Schnitt waren an diesen Schulen knapp ein Fünftel der Kinder für den offenen Ganztag angemeldet. Zusätzlich zur Befragung der an der Umsetzung der OGS Beteiligten, wurde eine Akzeptanzbefragung derjenigen Eltern durchgeführt, deren Kinder am Ganztagsangebot teilnahmen. Die Befragungen selbst wurden von Februar bis April 2004 durchgeführt, zu einer Zeit also, in der sich die meisten Schulen noch in der Erprobungs- und Konsolidierungsphase befanden.

Im zweiten Kapitel werden die Ergebnisse einer ersten Struktur- und Profilanalyse vorgestellt, indem z.B. die mit der Einführung der OGS von Schulseite verbundenen Förderziele benannt, äußere Kennzeichen des offenen Ganztags (wie z.B. die Charakteristik der teilnehmenden Gruppen, die zeitliche Organisation des Ganztagsangebots oder die Finanzierung desselben) beschrieben und das Personal, die Angebote und die Kooperationsstrukturen charakterisiert werden. Dabei zeigte sich, dass mit der Einführung der OGS von den Beteiligten sowohl mit der Steuerungs- als auch der Ausführungseben anspruchsvolle Ziele verbunden werden (wie z.B. die schul- und unterrichtsbezogene Förderung der Schüler sowie eine Förderung der motorischen und Wahrnehmungskompetenzen der Schüler), zugleich aber die Mehrheit der Schulen diese Ziele im klassischen „additiven“ Modell (vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung) und nicht in dem von der Landesregierung favorisierten integrativen Modell umsetzt. Insofern wird der Unterrichtvormittag weitgehend von Lehrer/innen bestritten, während sich am Nachmittag Erzieher/innen um die Hausaufgabenhilfe und die Freizeitangebote kümmern.

Im dritten Kapitel zeigt sich bei der Frage nach den Zielvorstellungen, dass diese zwar in beiden befragten Gruppen (Steuerungs- und Ausführungsebene) weitgehend übereinstimmen, in wichtigen Detailfragen jedoch unterschiedliche Sichtweisen vorhanden sind, die sich – meiner Meinung nach – auf die Struktur des „additiven“ Modells zurückführen lassen. So legen z.B. die Befragten der Steuerungsebene ihr Hauptaugenmerk auf das Handlungsfeld „Hausaufgabenbetreuung“, während dies für die Befragten der Ausführungsebene nur ein Feld unter vielen darstellt. Da die mit der Hausaufgabenhilfe beauftragten Personen in der Regel nicht am Unterricht in der Klasse teilnehmen und in einigen Schulen die Gruppen relativ groß sind, lässt sich eine auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder abgestimmte Hausaufgabenbetreuung – wie sie z.B. von der Landesregierung intendiert wird – kaum durchführen.

Im vierten Kapitel richten die Autoren ihren Blick auf die Gestaltung der Startphase und benennen dabei neben den Problemen und Schwierigkeiten des Anfangs auch die Bedingungen, die zu einem guten Start des ganztägigen Angebotes beitragen. Hier zeigt sich, dass die Umstellung auf einen Ganztagsbetrieb in jenen Schulen gut gelingt, in denen u.a. entsprechend qualifiziertes Personal eingestellt wurde, Schulleitung und Kollegium das Projekt unterstützen, ein inhaltliches Konzept vorlag, die Eltern entsprechend informiert waren und ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Dass auch bereits vorhandene Kooperationsstrukturen zwischen Schulen, außerschulischen Anbietern von Freizeitangeboten sowie Vertretern der Jugendhilfe und der Kommunen hilfreich für ein gutes Gelingen bei der Einführung der OGS waren, wird in Kapitel fünf näher ausgeführt.

Die sich in der Startphase bereits abzeichnenden Veränderungen sind Thema des sechsten Kapitels. Hier lässt sich festhalten, dass durch die Einführung einer ganztägigen Betreuung vor allem eine positivere Anbindung der Kinder an die Schule, eine Verbesserung der sozialen Beziehungen und Kompetenzen sowie allgemein ein Rückgang problematischen Verhaltens erreicht wurde. Unterrichtsbezogen zeigt der Ganztag insofern Wirkung, als dass die Kinder regelmäßig ihre Hausaufgaben erledigt haben und nun das Arbeiten für die Lehrer/innen einfacher wird. Ob es zu einer Veränderung der Unterrichtsgewohnheiten und zu der von der Landesregierung intendierten „veränderten Lernkultur“ gekommen ist, geht aus diesem Kapitel jedoch nicht hervor.

Nachdem in Kapitel sieben die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammengefasst und zukünftige Entwicklungslinien skizziert wurden, gehen die Autoren im achten Kapitel auf die Sichtweise der Eltern ein und stellen die Ergebnisse der Elternbefragung vor. Demnach geben die meisten der insgesamt 486 befragten Eltern (= 43% Rücklauf)) an, dass ihre Kinder das Ganztagsangebot gern besuchen und sich die eigenen Erwartungen im Hinblick auf die ganztägige Betreuung durchaus erfüllt haben. Weniger zufrieden sind die Eltern jedoch mit der Hausaufgabenbetreuung, den Lern- und Förderangeboten sowie der personellen und räumlichen Ausstattung der OGS. Für den Besuch einer OGS sprechen aus Sicht der Eltern jedoch zwei Motivbündel: Zum einen werden solche Gründe genannt, die sich auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehen und z.B. die Verlässlichkeit und den Umfang der Betreuungszeit hervorheben, zum anderen wird aber auch betont, dass durch eine ganztägige Betreuung Vorteile für das Kind erwartet werden (z.B. Kontaktmöglichkeiten, Verbesserung der schulischen Leistungen). Ein Ganztagsangebot, so resümieren die Autoren letztlich, dass die Eltern zufrieden stellt, „scheint ein Angebot zu sein, dass sowohl hinsichtlich der Betreuungs- als auch der Förderaspekte ein hohes Qualitätsniveau zu realisieren versucht und immer beide Ausrichtungen gleichrangig fokussiert“ (208).

Das Buch beschreibt insgesamt den Einführungsprozess einer von „oben“ (in diesem Fall von der Landesregierung in NRW) initiierten Schulentwicklung durchaus detail- und kenntnisreich und stellt die dabei erzielten Ergebnisse weitgehend sachlich, jedoch ohne Einbindung in einen größeren theoretischen und/oder forschungsmethodischen Zusammenhang und ohne kritische Reflexion dar. Methodisch ist die Studie und die Präsentation der Ergebnisse so angelegt, wie die meisten Evaluationsstudien: konventionell und wenig innovativ. Auch wenn es sich bei der vorliegenden Studie um eine Prozessevaluation handelt, bei der insbesondere die Einführungsphase interessiert, hätte ich es methodisch transparenter gefunden, die verwendeten Instrumente (Leitfäden und Elternfragebogen) inhaltlich zu beschreiben. Ein Fußnotenverweis auf eine Veröffentlichung im Internet (wie z.B. auf S. 12) reicht meiner Ansicht hier nicht aus, sondern bedeutet für den Leser zusätzliche, lästige Recherchearbeit. Zudem erwarte ich auch bei Studien, für die – wie die Autoren betonen – wenig finanzielle und personelle Mittel zur Verfügung stehen, eine saubere Trennung von qualitativen und quantitativen Erhebungs- und Auswertungsverfahren. So werden z.B. mehrfach qualitativ erhobene Daten quantifiziert, indem z.B. von der „Mehrheit der Befragten“ (71) die Rede ist, um anschließend diese Behauptung mit einem Einzelbeitrag aus der Gruppendiskussion zu illustrieren. So wurden in der Studie die Chancen verspielt, die qualitative Daten vor allem im Hinblick auf die Darstellung von Einzelfallstudien bieten. Hier hätte es sich z.B. angeboten auf der Ebene von Einzelschulen gelingende und misslingende Umsetzungsprozesse genauer zu beschreiben. Hinsichtlich der quantitativen Elternstudie lässt sich bemerken, dass – neben der Intransparenz des Instruments – lediglich jene 20% der Eltern befragt wurden, die ihre Kinder am Ganztagsangebot teilnehmen lassen. Ein Vergleich mit Eltern, die ihre Kinder nicht zu diesem Angebot angemeldet haben, hätte bei einer Fragebogenumfrage nicht wesentlich mehr Aufwand bedeutet, aber vermutlich eine Reihe von wichtigen Anregungen für die Durchführung der Hauptstudie geboten.

Zudem lässt sich aus meiner Sicht bezogen auf den Untersuchungsgegenstand inhaltlich und theoretisch weiterhin kritisch anmerken, dass keine Einbindung des Konzeptes der Offenen Ganztagsschule in den Kontext der Diskussion um ganztägige Betreuungsformen erfolgt. Dass z.B. die Frage nach der Wirksamkeit ganztägiger Betreuung in der vorliegenden Studie ausgeklammert wurde, kann ich vor dem Hintergrund der erst vor kurzem erfolgten Einführung der OGS verstehen, für die Zukunft ist sie jedoch im Hinblick auf den allseits geforderten quantitativen und qualitativen Ausbau von Ganztagsangeboten enorm wichtig. Diese Frage hätten die Autoren zumindest in einem Ausblick auf die Hauptstudie anreißen müssen.

Fazit: Als Werkstattbericht hätte ich mir diese Studie durchaus vorstellen können, bei einer Buchveröffentlichung erwarte ich jedoch etwas mehr inhaltliche Analyse, statt der vorwiegend gewählten Deskription und deutlichere Schlussfolgerungen im Hinblick auf die zukünftigen Perspektiven der OGS in NRW.
Katja Koch (Göttingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Katja Koch: Rezension von: Beher, Karin / Haenisch, Hans / Hermens, Claudia / Liebig, Reinhard / Nordt, Gabriele / Schulz, Uwe: Offene Ganztagsschule im Primarbereich, Begleitstudie zu Einführung, Zielsetzung und Umsetzungsprozessen in Nordrhein-Westfalen. Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 3 (Veröffentlicht am 30.05.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991684.html