EWR 5 (2006), Nr. 1 (Januar/Februar 2006)

Hermann Giesecke
Wie lernt man Werte?
Grundlagen der Sozialerziehung
Weinheim, München: Juventa 2005
(208 S.; ISBN 3-7799-1721-1; 13,00 EUR)
Wie lernt man Werte? Giesecke macht ein sensibles pädagogisches Thema zum Gegenstand seiner Ausführungen. Diese sind nicht als „moralische und metaphysische Aufrüstung der Pädagogen“ gedacht. Vielmehr beschränkt sich der emeritierte Pädagogik-Professor auf die Handlungsperspektive, „also auf das, was pädagogisch tatsächlich veranstaltet werden kann“. Doch ist es kein didaktisches Methodenbuch, wie der Titel verstanden werden könnte. Gieseckes pädagogische Reflexionen setzen „unten“ an, die Ausgangslage ist folgende: „Werte und Normen lernt das Kind über weite Strecken ohne Einwirkung von Pädagogen durch Sozialisation im Rahmen sozialer Teilhabe. Worin besteht aber dann die besondere und vielleicht sogar unverzichtbare Aufgabe von Pädagogen? Die übergeordnete Frage jedenfalls müsste lauten: Wo, also an welchen sozialen Orten, lernt das Kind welche Werte und Normen auf welche Weise und mit welcher Wirkung?“ (11f.).

Giesecke wählt exemplarisch die Familie und die Schule als solche sozialen Orte. Während in der Familie eher Werteerziehung erfolgt, spielt in der Schule Wertebildung eine wichtige Rolle. Hier wie da werden Werte aber vor allem dadurch gelernt, „dass persönliche Bestrebungen auf Grenzen – nämlich auf Regeln und Normen – stoßen und sich daran abarbeiten müssen“ (12). Solche Regeln und Normen thematisiert der Autor aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen am eingängigen Beispiel „Fußballspielen“ und kommt von hier aus auf weitere (wichtigere) Regeln und Normen des Lebens.

Ernüchternd sind Gieseckes Feststellungen zur Familie, die in der Öffentlichkeit und in der pädagogischen Literatur als der angeblich einflussreichste soziale Ort für die Werteerziehung gehandelt wird. Es gibt nicht die Familie an sich, sondern immer nur die singuläre Familie, in der ein Individuum heranwächst. Doch existiert Familie nicht allein zum Zwecke der Kindererziehung. Sie stellt auch den Lebensmittelpunkt der beteiligten Erwachsenen dar – wenn das vergessen wird und sich das Leben allein um das Kind dreht, gibt es Probleme, die bis zur Auflösung der Familie führen können. Wenn Familie jedoch funktioniert, dann könnte sie doch einen wesentlichen Beitrag zur Ausbildung von Werten erbringen, in der Funktion als Generationengemeinschaft, ebenso als Haushaltgemeinschaft und als Interpretationsgemeinschaft. Im letztgenannten Sinne regen sie das Kind durch Gespräche zum Nachdenken an und erzeugen mit Hilfe entsprechender Deutungsmuster einen Sinn für Verhaltensregeln und Werte.

Die Schule bekommt von Giesecke keine Glanznoten für ihren Beitrag zur Sozialerziehung. Sie sei heute ein durchweg zweckgebundener Ort (95), Lehrer und Pädagogen seien Funktionäre (92) und die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern sei in Bezug auf Wertevermittlung stark professionalisiert: „In ihrem Unterricht lehrt die Schule keine Werte, sie übt deren Reflexion, indem sie den Schülern Zugang zu dafür angemessenen Stoffen verschafft. Das Ergebnis ist folglich prinzipiell offen“ (136).

Insgesamt gesehen fällt Gieseckes Bilanzierung für Eltern und mehr noch für Pädagogen recht mager aus, wenn er festhält: „Die Möglichkeiten erfolgreicher pädagogischer Eingriffe bleiben also bescheiden. Sie sind nur noch als Interventionen in auch ohne sie ablaufende sozialisatorische Entwicklungen zu verstehen. [...] Wegen dieser Beschränkung ist es besonders wichtig, die tatsächlichen Chancen dafür genau zu analysieren, Erziehung also als eine Kunst des Möglichen zu verstehen“ (180f.). Der in der öffentlichen Diskussion vielbeschworene Werteverlust, so stellt Giesecke weiter fest, werde in entsprechenden empirischen Untersuchungen keinesfalls bestätigt. Die statistischen Größen, in denen der Wertewandel präsentiert wird, sagen zum einen nichts über individuelle Wertentwicklungen aus, noch geben sie Informationen über die Ursachen. Dementsprechend könnten aus diesen Angaben auch keine unmittelbaren Anleitungen für das pädagogische Handeln erwachsen (vgl. 51).

Insgesamt spart Giesecke in seinen Ausführungen Kritik keineswegs aus. Die Schelte ist vielerorts heftig, an anderen Stellen wiederum bleibt sie pauschal (z.B. gegen „die Schulpädagogik“; 91). Manche Äußerungen scheinen aber auch unangebracht und fragwürdig zu sein. Auffällig ist, dass Giesecke stets Muslime als Beispiel wählt, wenn es ihm darum geht, einen moralischen Gegenpol zu christlich gesinnten Bürgern aufzuzeigen – diese Polarisierung ist mitunter überstrapaziert (z.B. 112).

In vielen Punkten kann ich dem Autor nur zustimmen und bin dankbar für die nüchternen Zeilen (Siehe hierzu auch das Zitat am Ende der Rezension!). Manche Behauptungen aber bleiben gerade in dem bilanzierenden Kapitel 7 ob ihrer pauschalen Zusammenfassung fragwürdig und stehen so auch im Widerspruch zu den vorab gegebenen anders lautenden und differenzierteren Ausführungen. So etwa, wenn Giesecke resümiert, die traditionellen sozialen Milieus seien verschwunden und wirkungslos geworden (vgl. 193). An anderer Stelle überschätzt er meines Erachtens die Wirkung der Massenmedien, wenn er schreibt: „Die allen gemeinsame Kultur und deren grundlegende Werte verbreiten vor allem die Massenmedien – möglicherweise mit größerer Wirkung als alle Erziehungseinrichtungen zusammen“ (194).

Wenn auch das Thema keineswegs neu ist, das Giesecke hier behandelt, findet sich in dem auf jeden Fall lesenswerten Buch viel Material, das zur Diskussion und auch zu kritischen Überlegungen anregt. Für Pädagogik-Studierende ist es empfehlenswert als allgemeiner Einführungsband. Gleichermaßen spannend dürfte der Text für Eltern und Lehrer sein. Der Autor klärt über Erziehungszusammenhänge in Theorie, Geschichte und Praxis auf – und das in einer leicht verständlichen Sprache und mit guten Beispielen.

Abschließend möchte ich eine Passage zitieren, die ich hervorhebenswert finde, weil sie dem interessierten Leser die Augen öffnen kann und sich aus dem Beispiel so vieles ableiten ließe, wenn die Diskussion über Werteerziehung (oder auch ganz allgemein über Erziehung) in der Öffentlichkeit und auch in pädagogischen Gremien ernsthaft wäre. Solche Klarstellungen wie die hier von Giesecke vorgebrachten sind in der pädagogischen Literatur selten so deutlich. Der Ausschnitt stammt aus dem Kapitel über die Veränderungen im Generationenverhältnis.

„Im überlieferten pädagogischen Verständnis geschieht die Übertragung von Werten und Normen im so genannten Erziehungsverhältnis, nämlich in Richtung von den Alten auf die Jungen – nicht nur in den pädagogischen Feldern wie Familie und Schule, sondern im gesellschaftlichen Leben und in der Öffentlichkeit überhaupt. Die Alten kennen die Regeln des erwachsenen Lebens und bringen sie den Jungen bei. Aber schon ein oberflächlicher Blick in den Alltag lehrt uns, dass diese Tradition immer mehr an Gültigkeit verloren hat. In der Öffentlichkeit der Straße und Plätze gibt es kaum noch Einwirkungen von Erwachsenen auf Kinder und Jugendliche, wenn diese sich etwa ungebührlich benehmen; die Generationen leben hier nebeneinander her, notfalls wird die Polizei zu Hilfe gerufen. Wenn ich früher als Kind einen Schwächeren auf offener Straße brutal verprügelt hätte, hätte ich mir mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem zufällig vorbeikommenden Erwachsenen eine Ohrfeige eingehandelt – verbunden möglicherweise mit dem erzieherisch gemeinten Hinweis: ‚So ist das, wenn man von einem Stärkeren verprügelt wird.’ Heute würde dieser Helfer vermutlich mit Erfolg verklagt – woran die Väter meiner Generation nicht einmal gedacht hätten. Erst wenn Straftaten begangen werden, erfolgen Reaktionen z.B. der Jugendhilfe, es sei denn die Eltern beantragen von sich aus Erziehungshilfe beim Jugendamt. [...] Diesseits der Legalität sind Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit kaum noch Schranken gesetzt, ist eine erzieherische Intervention Erwachsener auch nicht mehr erwünscht. Entschwunden ist damit auch ein für die ganze Gesellschaft geltendes Leitbild davon, was dem Alter und Reifestand von Kindern und Jugendlichen gemäß sei und was nicht. Deshalb – das ist die Kehrseite – können Kinder in der Öffentlichkeit auch nicht mehr mit selbstverständlichem Schutz durch Erwachsene rechnen, weil und insofern das Schützen sich gegen andere Personen richten müsste. Eine entsprechende Verantwortung wird auch nicht mehr erwartet“ (79f.).
René Börrnert (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
René Börrnert: Rezension von: Giesecke, Hermann: Wie lernt man Werte? Grundlagen der Sozialerziehung. Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 1 (Veröffentlicht am 13.02.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991721.html