EWR 5 (2006), Nr. 2 (März/April 2006)

Christian Rittelmeyer
Über die ästhetische Erziehung des Menschen
Eine Einführung in Friedrich Schillers pädagogische Anthropologie
Weinheim, München: Juventa 2005
(231 S.; ISBN 3-7799-1725-4; 17,50 EUR)
Über die ästhetische Erziehung des Menschen Mit diesem Buch möchte Christian Rittelmeyer heutigen Lesern die Schillerschen Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen nahe bringen und darüber hinaus die seines Erachtens pädagogische Tragweite des Werkes für gegenwärtige Erziehungsaufgaben verdeutlichen. Der erste Teil widmet sich einer Zusammenfassung der Briefe, diskutiert einige schwierige Stellen und strebt eine Einführung in Schillers pädagogische Anthropologie an. Im zweiten Teil führt Rittelmeyer in Kants Theorie des ästhetischen Urteilsvermögens ein.

Teil 1
Auf fast siebzig Seiten fasst Rittelmeyer die Briefe in Stichpunkten zusammen und fügt diesen Anmerkungen bei. Dabei bemerkt er einleitend, dass jede Zusammenfassung den Originaltext interpretiere, was besonders bei den Briefen als problematisch angesehen werden könne, da diese, wie er feststellt, „bei jeder erneuten Lektüre andere Facetten, Lesearten und Gegenwartsbezüge entdecken“ (9) lassen. So kann dieses erste Kapitel auch nur als Leseanregung neben dem Originaltext dienen. Bei den Anmerkungen könnte man die teilweise fehlenden Quellenangaben bemängeln. Bspw. wird auf Seite 26 ohne Werkangabe auf Kant verwiesen. Bei fehlenden Quellenangaben lassen sich missverständliche Sätze wie: „Die im Begriff der ‚luxurierenden Einbildungskraft’ angesprochene ‚Einbildungskraft’ ist nach Kant und Schiller das Vermögen, die sinnliche Mannigfaltigkeit als Einheit wahrzunehmen (...).“ (37) schwer nachvollziehen. Unerkenntlich ist, ob Rittelmeyer selbst den Begriff „luxurierend“ einführt, ob dieser ein tragender Begriff Schillers ist (er taucht tatsächlich einmalig im sechsten Brief auf) oder ob sowohl Schiller als auch Kant mit diesem Begriff hantieren. Ohne Quellenangaben sucht man dann auch vergeblich in den Schillerschen Briefen nach der „architektonischen“ und „sympathetischen“ Schönheit, die jener laut Rittelmeyer unterscheide (vgl. 60).

Gelegentlich hätte ich an einigen Stellen nähere Erläuterungen erwartet. Etwa wenn Rittelmeyer, ohne Beispiele zu nennen, konstatiert, Schiller wende sich gegen „die Idolisierung des Nutzens, die ein Merkmal seiner Zeit war, die aber auch unsere Gesellschaft wieder prägt“ (23) oder dass man unter anderem am Beispiele sogenannter „Moralisten“ studieren könne, dass vernünftige Moral im „Oberstübchen“ noch keine Gewähr dafür sei, dass nach diesen auch faktisch gehandelt werde (vgl. 24). Unverständlich bleibt an dieser Stelle für mich, auf wen er sich mit den „Moralisten“ bezieht.

Verwirrend sind unpräzise Wiedergaben. So schreibt Rittelmeyer: „Erst die Ausbildung der Totalität dieser Eigenschaften in den einzelnen Individuen macht es von den Menschen her möglich, vom Staat der Not (Naturstaat) zum ‚Staat der Freiheit’ (Vernunftstaat) überzugehen“ (37). Der Begriff Vernunftstaat kommt kein einziges Mal in den Briefen vor (wie schon erwähnt, wären Quellenangaben hilfreich gewesen). Des Weiteren wird besonders im dritten Brief Schillers deutlich, warum die Vokabel Vernunftstaat niemals mit der Idee des „Staates der Freiheit“ in Verbindung gesetzt werden darf. Denn durch eine völlige Aufhebung des Naturstaates durch die Vernunft gerate die menschliche Existenz in Gefahr [1].

Ab dem elften Brief vereinfachen die Anmerkungen den Umgang mit dem Originaltext erheblich, so bspw. wenn Rittelmeyer knapp und leicht nachvollziehbar Schillers anthropologische Überlegungen vom Menschen als Person und als Zustand wiedergibt, das Konzept des Form-, Stoff und Spieltriebes erklärt, aber auch graphisch vermittelt und darüber hinaus eingängige Beispiele wie Zitate anderer Philosophen einfließen lässt. Eine weitere Hilfe wäre allerdings gewesen, hätte Rittelmeyer die wesentlichen Begriffe (wie Formtrieb, schmelzende Schönheit...) noch einmal zusammengefasst dargestellt, wie es auf Seite 85 mit den Vokabeln „Bestimmbarkeit bzw. Bestimmung“ erfolgt ist.

Das zweite Kapitel widmet sich den Schwierigkeiten, die besonders heutigen Lesern bei der Auseinandersetzung mit dem Originaltext entgegentreten können. Der Autor kommt zu den nicht wirklich überraschenden Erkenntnissen,

  • dass der Text poetische Metaphern enthält und mit anspruchsvoller philosophischer Diktion, die selbst für Zeitgenossen schwer verständlich gewesen sei, geschrieben sei. Diese Feststellung bestätigend, geht Rittelmeyer auf den sich nahezu anfeindenden Briefwechsel Fichtes und Schillers ein;
  • dass Begriffe und Denkformen verwendet werden, die heutigen Lesern nicht geläufig sind;
  • dass Schiller Begriffe unpräzise verwende;
  • dass man sich in die Briefe einarbeiten müsse und erst nach der vollständigen Lektüre sich Antworten auf Fragen, die sich in den ersten Briefen stellten, ergäben;
  • dass Schillers antagonistisches Denken eine Verständnisbarriere darstellen könnte;
  • dass, für ein besseres Verständnis, sowohl die anderen Werke Schillers, die sich mit Ästhetik auseinander setzten, berücksichtigt werden sollten, als auch deren Bezüge zum philosophischen und literarischen Diskurs seiner Zeit (Gerade weil dieses Hintergrundverständnis so wichtig sei, hätte ich in einer Einführung, eben die philosophischen Grundproblematiken des 18.Jahrhunderts, auf die Schiller in seinen Briefen Antworten sucht, gerne detaillierter dargestellt gesehen).


Das dritte Kapitel wendet sich Schillers pädagogischer Anthropologie zu. Hier wird seiner Forderung, dass es keinen anderen Weg gäbe, den Menschen vernünftig zu machen, als ihn zuvor ästhetisch werden zu lassen (23. Brief), nachgegangen. Rittelmeyer verbindet nun recht eingängige Beispiele mit markanten, diese These untermauernden Zitaten aus den Briefen. Zunächst kompliziert erscheinende Stellen des Originaltextes werden durch diese jedermann bekannten Alltagsphänomene (insbesondere wird auf das kindliche Spiel eingegangen) einleuchtend vereinfacht.

Im folgenden Kapitel geht Rittelmeyer der sprachlichen Verwendung des „Spiels“ nach, gewährt uns einen knappen historischen Überblick über Kinderspiele und den gesellschaftlichen Umgang mit denselben. Auf viereinhalb Seiten greift er psychologische Theorien über das kindliche Spiel auf. Danach versucht er auf phänomenologischem Wege die Spezifik des Symbolspiels zu ergründen. Hierzu bedient er sich des recht stereotypen, wahrscheinlich fiktiven Beispiels: Ein Mädchen spielt mit Puppen. Im Anschluss nimmt der Autor den Spielbegriff Schillers auf und versucht diesen anhand des genannten und weiterer Beispiele zu verdeutlichen (Mit dieser nun erläuterten Definition des Spiels, können „Spiele“ am Spielautomaten, das Fußballspiel, Lernspiele etc. nun begründet von dem Spielbegriff Schillers abgegrenzt werden).

Teil 2
Der zweite Teil des Buches ist betitelt mit: „Die Ästhetik Kants als Vorbild für den Schönheitsbegriff Schillers“. Einleitend erfahren wir im ersten Kapitel von den drei Kritiken, werden dann aber weggeleitet zu einer möglichen Systematik verschiedene Theorien der Ästhetik einordnen zu können und erfahren, was eine Theorie der Ästhetik leisten sollte. Schließlich kehren wir zurück: Prägnant wird erklärt, was Kant unter Erkenntnisvermögen, Urteilskraft, und Einbildungskraft versteht und unter welchen Bedingungen wir von ästhetischen Urteilen sprechen können und wieso das „Lebensgefühl“ mit diesen verbunden sei.

Das zweite Kapitel widmet sich der Frage: „Beruht die Kunstkritik auf ‚ästhetischen Begriffen’?“ Dabei wird leider nicht definiert, was Rittelmeyer unter „ästhetischen Begriffen“ versteht – somit wird bei der weiteren Lektüre nicht sofort ersichtlicht, welchem Zwecke sie dienen soll. Rittelmeyer meint mittels dieser Frage ein vorläufiges Gegenargument dem von Kant postulierten wesentlichen Merkmal des ästhetischen Urteils – die Begriffslosigkeit – entwickeln zu können. Denn – so seine Argumentation – sind die Urteile von Kunstkritikern nicht bestimmend, verfügen sie nicht über Begriffe des Ästhetischen? Mit dieser Frage verwirrt er eher, als das er aufklärt. In der Logik Kants kann es keine ästhetischen Begriffe geben, so viel haben wir bis dahin gelernt und nun möchte der Autor, das eben so einleuchtende Konstrukt menschlicher Erkenntnisfähigkeit mit der Frage, was Kunstkritiker denn machen, wenn sie kritisieren, überrumpeln? Der Leser ahnt schon, dass das nicht gut gehen kann und ist erleichtert, wenn am Ende doch bestätigt wird, dass der Kunstkritiker ein Hinweiser ist, kein Bestimmer – ästhetisch zu urteilen bleibt eine subjektive Eigenschaft. Weiter geht Rittelmeyer der Frage nach, was Künstler im Akt des Schaffens erleben und ob politische Kunstwerke wie Picassos Guernica, also ein zweckverfolgendes Kunstwerk, als ästhetische angesehen werden könne.

Das nachfolgende Kapitel möchte ästhetische Phänomene von nicht-ästhetischen abgrenzen. Hier wird das Vorhergesagte mittels verschiedener Beispiele immer wieder verdeutlicht. So geht Rittelmeyer auf das „Naturschöne“, die Alltagsästhetik (Werbung, Mode) ein und fragt ob ein „Reiz“ und „Rührung“ auslösendes Kunstwerk oder Werke, die eine Absicht verfolgen, ästhetisch seien.

Zuletzt weist Rittelmeyer noch eine anschaulich kommentierte Literaturliste vor. Studierenden (bzw. Personen mit knappen finanziellen Ressourcen) hätte man noch den Hinweis geben können, dass die Briefe auch im Internet nachzulesen sind (bspw. unter http://gutenberg.spiegel.de/schiller/erz...).

Abschließend lässt sich feststellen: Dem Anspruch die pädagogische Tragweite des Werkes für gegenwärtige Erziehungsaufgaben zu entschlüsseln, ist Rittelmeyer nicht gerecht geworden. Sein Buch mag zwar zum besseren Verständnis der Briefe beitragen, da er komplizierte Briefpassagen durch eingängige Beispiel gut zu „übersetzen“ vermag, es mag darüber auch als Anregung dienen, sich über Kunst Gedanken zu machen; doch welche Konsequenzen die Briefe für pädagogisches Handeln haben, wird nur schemenhaft im Nachwort erklärt.

[1]„Sie [die Vernunft] nimmt dem Menschen etwas, das er wirklich besitzt, und ohne welches er nichts besitzt, und weist ihn dafür an etwas an, das er besitzen könnte und sollte; und hätte sie zuviel auf ihn gerechnet, so würde sie ihm für eine Menschheit, die ihm noch mangelt und unbeschadet seiner Existenz mangeln kann, auch selbst die Mittel zur Tierheit entrissen haben, die doch die Bedingung seiner Menschheit ist. Ehe er Zeit gehabt hätte, sich mit seinem Willen an dem Gesetz fest zu halten, hätte sie unter seinen Füßen die Leiter der Natur weggezogen.
Das große Bedenken also ist, daß die physische Gesellschaft in der Zeit keinen Augenblick aufhören darf, indem die moralische in der Idee sich bildet, daß um der Würde des Menschen willen seine Existenz nicht in Gefahr geraten darf.“ (Schiller, F.: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Hier: Dritter Brief. Siehe auch http://gutenberg.spiegel.de/schiller/erz...)
Anna van der Meulen (Bad Tölz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anna van der Meulen: Rezension von: Rittelmeyer, Christian: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Eine Einführung in Friedrich Schillers pädagogische Anthropologie. Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 2 (Veröffentlicht am 04.04.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991725.html