EWR 4 (2005), Nr. 4 (Juli/August 2005)

Rudolf W. Keck / Uwe Sandfuchs / Bernd Feige (Hrsg.)
Wörterbuch Schulpädagogik
Ein Nachschlagewerk für Studium und Schulpraxis
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004
(542 S.; ISBN 3-7815-1172-3; 24,80 EUR)
Wörterbuch Schulpädagogik Nach der Erstausgabe 1994 erschien 2004 die völlig überarbeitete Fassung des Wörterbuches Schulpädagogik von Keck, Sandfuchs und Feige. Das „Nachschlagewerk für Studium und Schulpraxis“ richtet sich sowohl an Studierende und Referendare als auch an bereits in der Praxis tätige Lehrkräfte. Angesichts der aktuell geforderten stärkeren Konzentration auf die Erziehungswissenschaft als Berufswissenschaft von Lehrerinnen und Lehrern kann dieses Buch mit einem wachsenden Interesse bei der Zielgruppe rechnen [1].

Dem Anspruch der Autoren, „mehr als nur erste Auskunft“ zu geben (7), wird die ausführliche, den Kontext des jeweiligen Begriffes umfassende Erklärung der einzelnen Stichworte vollkommen gerecht. Für Studierende ermöglicht die auf „Aktualität des Forschungsstandes“ (ebd.) orientierte Ausgabe einen Zugang zu den wichtigsten Gegenstandsbereichen der Schulpädagogik. Das Buch bildet in der Auswahl der Begriffe das von Rudolf W. Keck auf den Seiten 425-426 erläuterte wissenschaftliche Verständnis von den Problemkreisen der Schulpädagogik gut ab. Dazu gehören „Probleme der Allgemeinen Didaktik in Verbindung mit den Fachdidaktiken, Aspekte einer Allgemeinbildung, Probleme der Unterrichtsmethodik, die Besonderheiten der Erziehung in der Institution Schule gegenüber anderen Erziehungsformen im Kindes- und Jugendalter, Selektions- und Förderungsprobleme von Schülern einzelner Schularten, Probleme des Schulaufbaus und der Schulorganisation, das Zusammenwirken der verschiedenen Erziehungsprozesse an einer Schule zur Erreichung der Erziehungsziele, die Verbindung der Schulerziehung mit der Erziehung durch die Erziehungsberechtigten, schulhistorische Bildungsforschung, vergleichende Schulforschung usw.“ (425f.).

Das Wörterbuch eignet sich als Arbeitsgrundlage für Vorlesungen und Seminare. Ein Blick auf im Internet veröffentlichte Literaturhinweise zeigt, dass bereits die Erstausgabe von Dozentinnen und Dozenten der Lehrerbildung als Grundlagenliteratur rege empfohlen wird. Darüber hinaus wird es sicherlich auch als Repetitorium für Examensprüfungen dankbar angenommen werden. An jedes Stichwort schließen sich Literaturhinweise an, die den Zugang zu weiterführender und vertiefender Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Themen erleichtern. Nicht zuletzt kann das Wörterbuch Schulpädagogik bereits in der Praxis tätigen Lehrkräften helfen, trotz Belastungen des Schulalltags den Anschluss an aktuelle schulpädagogische Diskussionen nicht zu verlieren und Anregungen zur individuellen Weiterbildung aufzunehmen, denn traditionell, so zeigen viele Studien, beschäftigen sie sich nur in geringem Umfang mit aktueller wissenschaftlicher Literatur in ihrer Berufswissenschaft [2].

Welches Wissen, welche Fähigkeiten brauchen zukünftige und bereits tätige Lehrkräfte? Welche Bildungsstandards sollten erreicht werden? Fragen, die nicht erst nach PISA und den in zahlreichen Publikationen und öffentlichen Diskussionen beklagten Mängeln in der deutschen Lehrerbildung und im Schulwesen auf der Tagesordnung stehen. Mit der Auswahl der Stichwörter aus den Bereichen „Erziehung“, „Unterricht“ und „Institution Schule“ in Verbindung mit Begriffen aus den Nachbardisziplinen Pädagogische Psychologie, Soziologie sowie den Fachdidaktiken stellen sich die Autoren diesen Problemen. Sie legen ein umfangreiches Werk vor, das dem gegenwärtigen Stand der Diskussion um Standards in der Lehrerbildung entspricht. Das verdeutlichen insbesondere neu aufgenommene Begriffe wie z. B. Belastungen im Lehrerberuf, Bildungsstandards, Ganztagsschule, Computer in der Schule, Eine-Welt-Erziehung, Eigenverantwortung der Schule, Europäische Dimension im Bildungswesen, Kompetenzmodelle, Konstruktivismus, lebenslanges Lernen, Mediation, Stationenlernen, Planspiel oder Schulprogramm.

Der Grad der Überarbeitung von Begriffen, die bereits in der ersten Ausgabe zu finden sind, reicht von wörtlicher Übernahme (z. B. Chancengleichheit, Fundamentum), wörtlicher Übernahme mit Ergänzung neuerer Literatur (z. B. Disziplin, Erziehungsmittel, Projektunterricht), vollständiger Textüberarbeitung (z. B. Lehrerangst, Rechtsextremismus, Frontalunterricht) bis zu vollkommen neuen Texten, die von neuen Autoren verfasst wurden (z. B. Intelligenz, Schulaufsicht, Geschlechtererziehung in der Schule).

Die Verbindung mit den Nachbarwissenschaften kann als deutliches Qualitätsmerkmal des Wörterbuches hervorgehoben werden. Kritisch angemerkt sei jedoch, dass durch die Kooperation von Autoren verschiedener Disziplinen bei der Bearbeitung einzelner Begriffe aktuelle Fachdiskussionen noch besser hätten Berücksichtigung finden können. So wird beispielsweise der Begriff „Schulsozialarbeit“ überwiegend historisch behandelt. Neuere Forschungsergebnisse zur Ausgestaltung der Schulsozialarbeit in der heutigen Schule sowie zu den Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe werden vermisst. Auch bei dem Begriff „Lernen“ kann die Synthese verschiedener Sichtweisen der Nachbardisziplinen Pädagogik und Psychologie nicht vollständig überzeugen. Diesen komplexen Begriff in einem Wörterbuch relativ kurz zu erläutern, stellt sicherlich ein Problem dar. Angesichts dieser Schwierigkeit fällt auf, dass die behavioristischen Lerntheorien im Gegensatz zu kognitiven Lerntheorien relativ umfangreich erläutert werden. Die kognitive Wende wird benannt, jedoch erfolgt kein Hinweis auf Banduras sozial-kognitive Lerntheorie oder auf Problemlösetheorien. Neben der Würdigung der Arbeiten von Gagné hätte eine kurze Skizzierung der Auffassungen weiterer „Klassiker“ der Unterrichtsforschung wie z. B. Ausubel und Bruner den Text bereichert.

Obwohl angesichts der in dem Wörterbuch behandelten 380 Stichwörter der Wunsch nach weiterer Ergänzung wohl nur eine Sache des persönlichen Ermessens sein kann, sollen zumindest aus der Sicht der Rezensentin Begriffe genannt werden, deren Aufnahme in das Buch eine willkommene Erweiterung gewesen wäre:

  • Kommunikation als wesentliche Grundlage des Lehrerberufes;
  • Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler (Sie werden in den anthropologischen und soziokulturellen Voraussetzungen erläutert, jedoch gerade hier von Studienanfänger vermutlich nicht gefunden!);
  • Diagnostik (Diagnose der Lernvoraussetzungen und der Lernprozesse – eine der Kernaufgaben der Lehrkräfte);
  • Evaluation (Der Begriff wird bei „Autonomie von Schule“ erwähnt, jedoch nicht in einem eigenständigen Artikel behandelt);
  • Bildungsforschung (Studierende und Lehrkräfte sollten wissen, mit welchen Methoden wissenschaftliche Theorien ihrer Berufswissenschaft erarbeitet werden);
  • Burnout (Der Begriff könnte im Zusammenhang mit Belastungen im Lehrerberuf erläutert werden oder besser noch als eigenständiger Begriff aufgenommen werden).


Das Layout wurde im Vergleich zur Erstausgabe nur leicht verändert, allerdings tragen größere Zeilenabstände, kursiv gedruckte Literaturangaben sowie die Angabe des jeweiligen Begriffes in der Kopfzeile deutlich zur Verbesserung der Orientierung der Nutzer bei.

Das Wörterbuch Schulpädagogik stellt insgesamt ein wichtiges Nachschlagewerk dar, das gewinnbringend in der pädagogischen Arbeit genutzt werden kann. Es ist zu wünschen, dass es in möglichst vielen Bücherschränken von Pädagoginnen und Pädagogen als eines der Standardwerke seinen Platz findet.

[1] Kultusministerkonferenz der Länder (2004): Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften (Beschluss der KMK vom 16.12.2004). URL:http://www.kmk.org/doc/beschl/standards_...

[2] Rebel, K.: Wissen – Eine mitunter vernachlässigte Dimension bei der Schulfach- und Schulentwicklung. In: Pädagogisches Handeln 4 (2000), Heft 3, S. 7-21.

Evelyn Gaßmann (Rostock)
Zur Zitierweise der Rezension:
Evelyn Gaßmann: Rezension von: Keck, Rudolf W. / Sandfuchs, Uwe / Feige, Bernd (Hg.): Wörterbuch Schulpädagogik, Ein Nachschlagewerk für Studium und Schulpraxis, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78151172.html