EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Achim Menges
Literarische Bildung und gesellschaftliche Modernisierung
Eine Untersuchung über Funktionen der Literatur in der Bildungsarbeit
Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2004
(202 S.; ISBN 3-7815-1320-3; 27,00 EUR)
Literarische Bildung und gesellschaftliche Modernisierung Menges Dissertation ist eine rein theoretische Abhandlung. Der Autor verfolgt nicht die Absicht, ein umfassendes didaktisches Konzept mit dem Anspruch der Vermittlung von literarischer Bildung zu erarbeiten. Es geht vielmehr darum, "gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen hervorzuheben, die für die Bestimmung der Rahmenbedingungen literarischer Bildungsarbeit in der Erwachsenenbildung und der an diese zu stellenden Anforderungen unter dem Aspekt der Modernisierung relevant sind" (8). Menges Blick richtet sich auf die Erwachsenenbildung in Deutschland (BRD) ab 1945.

Grob betrachtet erörtert Menges in seiner Studie (1) die gesellschaftliche Modernisierung in Deutschland, (2) den Wandel literaturdidaktischer Konzepte in der Erwachsenenbildung, (3) individuelle, institutionelle, ästhetische und mediale Aspekte gesellschaftlicher Modernisierung als Faktoren der Didaktik und der Konzeptentwicklung in der außerschulischen Bildungsarbeit, die in Überlegungen zum Thema "Kompetenzerwerb und Potentiale der Literatur" einfließen. Im Blickpunkt steht die Frage, "ob der Umgang mit Literatur heute noch Kompetenzen vermittelt, die vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels von Bedeutung sind". Zudem richtet sich der Fokus auf "die Vermittlung von Fähigkeiten, die für die Bewältigung von Modernisierungsauswirkungen Relevanz haben."

Zu (1): Die gesellschaftliche Modernisierung in Deutschland diskutiert Menge auf der Grundlage des Ansatzes von U. Beck ("Risikogesellschaft"), wobei er die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf gesellschaftliche Gruppen und auf Individuen betrachtet. Wesentliche Konsequenz des Wandels für das Individuum sei – egal, ob man den Wandel positiv oder negativ bewertet – die Notwendigkeit neuer Kompetenzen. Sie dienen der Begrenzung/Vermeidung von Risiken und der Eröffnung neuer Chancen. Die Bestimmung solcher Kompetenzen, die laut Menges durch den Umgang mit Literatur (in Bildungssituationen) zu gewinnen sind (z.B. "Reflexionsfähigkeit"), ist wesentliches Ziel der Studie. Im letzten Teil der Arbeit (s. Punkt 3) geht der Autor explizit darauf ein.

Zu (2): Bezugnehmend auf das Drei-Phasen Modell von G. Schulze ("Erlebnisgesellschaft") betrachtet Menge den Wandel der literaturdidaktischen Konzepte in der deutschen Erwachsenenbildung seit 1945. Er unterteilt dabei drei Phasen, (a) "Re-Organisation der Erwachsenenbildung" (bis in die 60er Jahre), (b) Realistische Wende (60/70er Jahre) und (c) "’Neue Unübersichtlichkeit’ und Pluralisierung" (80er Jahre). Menges analysiert mit Hilfe einer quantitativen Auswertung von Arbeitsplänen verschiedener Volkshochschulen, dass das Angebot an diesen Einrichtungen "deutlich von Prozessen gesellschaftlichen Wandels ergriffen ist" (54). Das Angebot an literarischer Bildung führt in der Erwachsenenbildung ein "Schattendasein", heißt es an gleicher Stelle. Die Pluralisierung der gegenwärtigen Praxis interpretiert Menges im Kontext von Funktionsverlust und Funktionswandel. Die Postulierung von Bildungszielen werde aufgegeben: "Man begnügt sich damit, nur noch für Literatur gewinnen zu wollen. Didaktische Begründungen des literarischen Tuns in der Erwachsenenbildung sind kaum zu erkennen. Offensichtlich geht es darum, die Kapazität auf niedrigem Niveau halten zu können und vom noch vorhandenen Distinktionswert der Literatur zu partizipieren" (59).

Zu (3): Mit Blick auf "Persönlichkeitskompetenz", als deren Teilkompetenzen hier "Erfahrungskompetenz", "Ambiguitätskompetenz im Kontext des Rollenhandelns", "Reflexionsfähigkeit" und "Zeitkompetenz" definiert werden, stellt Menges die Frage, "ob der Umgang mit Literatur in der außerschulischen Erwachsenbildung dienlich ist, solche Kompetenzen zu erwerben bzw. zu verfestigen." Unabhängig von Genre und Epoche beschreibt Menges das Potential von literarischen Texten und exemplifiziert das an vier Lernfeldern. Er spricht sich – konsequenterweise – für einen Umgang mit Literatur aus, der am Erwerb bzw. an der Verfestigung der geschilderten Kompetenzen orientiert ist. Der gegenwärtigen Praxis literarischer Bildung würde der Autor dementsprechend stärker Elemente entgegensetzten, "die ein reflexives Umgehen mit literarischen Texten fördert und Modernisierungsgesichtspunkte einbezieht" (188).

Insgesamt ist der Text stilistisch sehr gut verfasst. Die theoretischen Bezüge erscheinen plausibel. Formal gesehen hätten eine bessere Gliederung und mehr Hervorhebungen das Lesen erleichtert. Da auch Register und Kopfzeilen fehlen, muss sich der Leser mitten in den langen Textblöcken immer wieder am Inhaltsverzeichnis orientieren – das kann stellenweise verwirren, zumal ein ausführlicher "Wegweiser" für die Argumentation in der Einleitung fehlt.

Die Arbeit hat einen eindeutig theoretischen Anspruch und wird diesem gerecht. Somit ist es konsequent, wenn sich der praktische Bezug als Ausblick auf einer Seite erschöpft (188f.). Es ist durchaus beachtlich, welche bedeutsame Rolle "der Literatur" hier zugesprochen wird. Mehrfach habe ich mich jedoch gefragt, welche Literatur zur Ausbildung bestimmter Kompetenzen herangezogen werden könnte. Menges gibt nur einen konkreten Hinweis: im Abschnitt "Erfahrungskompetenz" (152f.), bezieht er sich auf "Homo Faber" von M. Frisch.

Wenn nicht der Anspruch darin begründet liegt, ein Konzept zu liefern, so ließe sich der innovative Beitrag der Dissertation in der Aktualität des Unternehmens vermuten. Doch hier zeigt sich der Autor zurückhaltend. Die neueste eingearbeitete Publikation (lediglich eine Aufsatzsammlung!) ist von 2001, alle weiteren Titel sind um Jahre älter, vieles stammt aus den 1980er Jahren. Die Formulierungen "aktuelle Diskussion" (11) oder "aktuellste Studie" (15 – die zitierte Studie ist sogar von 1993) wirken daher absurd. Menges spricht sich sogar explizit gegen die Aufarbeitung neuer Quellen aus, da diese nicht systematisch reflektiert werden könnten und den Autor "beim gegenwärtigen Stand der Forschung vor nicht zu bewältigende Aufgaben stellen würde" (8). Er unternimmt daher nicht einmal den Versuch einer Besprechung von wirklich aktuellen Publikationen. Dagegen sind die Theorien von Beck und Schulze ausführlich paraphrasiert. Wenngleich sie Ansatzpunkt für Menges Überlegungen bilden, sinkt das Niveau der Arbeit bei solcher Langatmigkeit. Dass zu diesen Theorien bereits ausreichend Sekundärliteratur vorliegt, muss an dieser Stelle wohl nicht belegt werden.

Beim Lesen schlich sich bei mir immer wieder der Verdacht ein, die vorliegende Abhandlung ist im Grunde eine ältere Studienarbeit, die überarbeitet werden sollte. Hätte der Autor dies als Imperativ verstanden und umgesetzt, wäre der bereits selbst zugeschriebene, aber nicht realistische Status der Arbeit, nämlich aktuell zu sein, tatsächlich erfüllt. "Argumentativ steht die Untersuchung quer zu gängigen Interpretationen der Ergebnisse der PISA-Studie und kann sicherlich im Rahmen der Bildungsdiskussion bislang im Hintergrund gebliebene Perspektiven ins Recht setzen." Dieser Aussage (Rückseite) ist zuzustimmen. Insgesamt gesehen aber wäre meines Erachtens eine Zusammenfassung der Überlegungen in der Länge eines Zeitschriftenaufsatzes dankenswerter gewesen.
René Börrnert (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
René Börrnert: Rezension von: Menges, Achim: Literarische Bildung und gesellschaftliche Modernisierung, Eine Untersuchung über Funktionen der Literatur in der Bildungsarbeit, Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78151320.html