EWR 4 (2005), Nr. 1 (Januar/Februar 2005)

Andreas Kraas
Lehrerlager 1932 – 1945
Politische Funktion und pädagogische Gestaltung
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004
(368 Seiten; ISBN 3-7815-1347-5; 29,80 )
Lehrerlager 1932 – 1945 Die von Andreas Kraas vorgelegte Publikation, zugleich eine Dissertation an der humanwissenschaftlichen Fakultät in Potsdam, kann eine Forschungslücke zur Situation der Lehrerinnen und Lehrer im Nationalsozialismus schließen. Umfang, Konzeption und Erfolg dessen, was allgemein nationalsozialistische Schulung, "Umschulung" – in der Sprache des Erziehungsministers Bernhard Rust "Überholung" – genannt wurde, sind bisher nicht systematisch bearbeitet. Hinter den genannten Begriffen steht ein komplexer Sachverhalt, in dem sich Anteile der staatlich kontrollierten, fachlichen Lehrerfortbildung und Anteile politischer "Umschulung" in Form politischer Indoktrination und Kontrolle überlagern. Dieses Konglomerat aus reststaatlichen Maßnahmen und Initiativen von Partei sowie NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) fasst Andreas Kraas unter dem (nicht ganz passenden) Begriff "Lehrerlager" zusammen. Damit wird bereits deutlich: Es gab beides, einen Strang des kontinuierlichen Interesses an einer fachlichen, nicht nur politisch geprägten Lehrerfortbildung, andererseits den massiven Versuch, das Gesamt der Lehrerschaft für die imperialen und rassepolitischen Ziele der nationalsozialistischen Politik zu gewinnen.

Aus der bisherigen Forschung ist zwar bekannt, dass sich etwa 25-30% der Lehrerschaft unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 der NSDAP anschlossen, wie sich die weitere Form der Anpassung vollzog, ist allerdings unbekannt. Dazu existierten bisher lediglich unsystematische Hinweise, so darauf, dass die teilweise in den Sommerferien angesetzten Lager nicht ohne Widerspruch von den verbeamteten Lehrerinnen und Lehrern akzeptiert wurden. Fraglich war, wer die Lehrerlager organisierte, wer die Kosten trug usw. Alles das sind Fragen, welche die von Andreas Kraas jetzt vorgelegte Publikation relativ schlüssig beantworten kann.

Die Darstellung setzt bei den Formen des "Freiwilligen Arbeitsdienstes" (FAD) der Jahre 1930-1933 ein, um das besondere Engagement der überwiegend arbeitslosen "Junglehrer" in dieser Form der Lagererziehung Jugendlicher herauszustellen. Den Hauptteil der Darstellung bildet das Kapitel "Lehrerlager 1933 – 1945: Strukturen, Institutionen, Konzepte". Es ist in sechs Unterkapitel gegliedert, die teils chronologisch, teils systematisch angelegt sind. Wehrsport- und Arbeitsdienstlager Jugendlicher, in denen "Junglehrer" Führungsaufgaben übernahmen, stellten das Grundmuster zur Verfügung, an dem der NSLB nach der Konsolidierung und "Übernahme" der Vereine des Deutschen Lehrervereines (DLV), d.h. Ende 1933, anknüpfen konnte. Dieses geschah besonders effektiv in den Ländern des Reiches, in denen NSLB-Funktionäre zugleich staatliche Macht besaßen, so zum Beispiel Fritz Wächtler, seit 1932 Volksbildungsminister in Thüringen und ab 1935 Vorsitzender des NSLB. Kraas kann zeigen, dass in der "Thüringischen Staatsschule für Führertum und Politik" in Egendorf bis 1935 allein über 4600 Volksschullehrer (ca. 85%) von der "Umschulung" in "Lagern" erfasst wurden, eine singuläre "Erfolgsquote". In der gleichen Phase tritt mit der Bildung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) und der Ernennung Bernhard Rusts zum Reichserziehungsminister eine neue Kraft auf, die sich vor allem auf die Tradition der Bürokratie des mit dem REM zusammengelegten preußischen Kultusministeriums stützt. Bis 1936 überlagern sich daher uneinheitliche Formen und verschiedene Initiativen. Der von Rust ausgesprochene Wunsch, möglichst schnell möglichst alle Lehrkräfte wie einen Antriebsmotor zu "überholen", führte – so Kraas – zu verschiedenen Experimenten wie dem singulären "Massenlager", dem Sommer-Zeltlager Heringsdorf im Juni/Juli 1936 an der Ostsee, an dem 7000 Lehrerinnen und Lehrer teilnahmen, die sich aber offenbar größtenteils gegen Ende entzogen, so dass selbst der Bericht der NSLB-Gauwaltung davon sprach, dass die Zelte gegen Ende des Zeltlagers "bedenklich leer" gewesen seien (vgl. 77).

Eindrucksvoll gelingt es Kraas in nächsten Schritt, die Maßnahmen des Reichserziehungsministeriums und des Zentralinstitutes für Erziehung und Unterricht (ZI) herauszuarbeiten. Dabei wird besonders der grundlegende und bisher weitgehend unterschätzte Konflikt zwischen REM und NSLB deutlich. Die Vorstellungen von politischer Massenschulung und "Lager-Erziehung" begannen scharf auseinander zu gehen und das bisher in der Forschung für schwach erachtete REM wies den NSLB deutlich in Grenzen. Die ersten Markierungen setzten bereits die Beamten des noch preußischen Kultusministeriums, des Vorläufers des REM, indem sie im März 1934 zwei Erlasse herausgaben, welche die Beurlaubungen für Schulungen des NSLB einschränkten. Im nächsten Zug wurde dem NSLB die Kostenübernahme auferlegt, wodurch sich sein Spielraum deutlich verengte. Trotz mehrfacher Versuche zur Aussprache zwischen REM und NSLB ließen sich die Konflikte nicht still stellen, sie endeten erst mit der "Stillegung", d.h. Funktionsauflösung des NSLB als Organisation im Jahre 1943.

Was die Arbeit von Kraas auszeichnet, sind zudem sehr gelungene Einzel- und Fallstudien, die methodisch differenzierte Formen der Anschauung in die Darstellung integrieren. So stellt er neben der Bedeutung des teilweise unabhängigen Zentralinstitutes für Erziehung und Unterricht in den unterschiedlichen Phasen der Konflikte besonders die Bedeutung und Arbeitsweise der Fichte-Schule in Essen-Kettwig als nationalpolitische Erziehungsanstalt der Rheinprovinz und des Amtes für Erzieher der NSDAP, Gau Essen, heraus (vgl. 97-202 u. 201-214).

Sein Gespür für das Detail zeigt sich, wenn er einen nicht untypischen Eklat erwähnt: Der Gauschulungsleiter aus Essen hatte in einem kurzfristig angesetzten Vortrag gesagt, wer noch an die Erbsünde glaube, gehöre an die Wand gestellt und sei am 30 Juni [1934, "Röhm-Putsch"] vergessen worden. Darauf "waren eine Reihe katholischer Lehrerinnen weinend hinausgegangen" (101).

Es ist einsichtig, dass die ministerielle Verwaltungsbürokratie mit solchen Äußerungen nicht unbedingt sympathisierte. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die Analyse zwar auf der Ebene der Ministerien und der Partei- und Organisationsleitungen einsetzt, aber jeweils den Gegenblick von unten einbezieht und die tatsächliche Wirkung untersucht. Dabei dringt Kraas bis zur Ebene der "Erfahrung" vor, wie sie sich in den "Lagerzeitungen" spiegelt, die am Ende der Schulungen von Teilnehmern angefertigt wurden. In einem abschließenden Teil fasst er das Fazit zur Lehrerforschung unter dem Stichwort der "Ambivalenz der Lagererfahrung", die sich aus Zustimmung und Unterordnung, aber auch fragendem Widerspruch, Distanz bewahrendem "Sie", statt des obligatorischen "Du", speiste. Die Berichte, in denen das Unterlaufen oder "Einnicken" bei den Vorträgen, die Stimmung in den Raucherzimmern, das schnell in den Mittelpunkt gerückte Skatspiel, die eilig in ein Café enteilenden weiblichen Teilnehmer, der häufig präsente Alkohol und der nächtliche Gaststättenbesuch erwähnt werden, machen die Grenzen der nationalsozialistischen Durchdringung manifest. Hier liegen eindeutig die Stärken der vorgelegten Arbeit.

Kritisch fallen lediglich Redundanzen auf, die durch den nicht durchgängig chronologischen Aufbau der Arbeit und ihre Gliederung bedingt sind. Auch sollte der politische (Kampf-)Begriff "Nazis" vermieden werden, stattdessen sollten jeweils die genaueren Angaben zur Mitgliedschaft in Partei- und Nebenorganisationen benannt werden.

Die bereits angedeutete Kritik an dem Titelbegriff "Lehrerlager" bedarf noch einer Erläuterung. Denn der Begriff assoziiert als Lagertyp im Kern das Feld- und Zeltlager, das einen sehr massiven Eingriff in die Lebens- und Alltagsgewohnheiten berufstätiger Lehrerinnen und Lehrer bedeutet hätte. Und es ist zweifellos auch so, dass hier und da Personen und Vorstellungen in Partei und NSLB existierten, die diesen Lagertyp favorisiert haben. Der Regelfall, das zeigen die Fallstudien zu Kettwig und Rankenheim, war allerdings die Unterbringung in Heimen mit Ein- und Mehrfachzimmern, Vorträgen jeweils am Vor- und Nachmittag, relativ viel, teilweise individuell gestalteter Freizeit, was paradoxerweise besonders für den Typ der späteren Ausleseschulung galt, allerdings auch Frühsport als Rest der Wehrerziehung, Fahnenappell und bisweilen sogenannte "Ausmärsche", die sich allerdings nach 1936 zunehmend verlieren. Mit anderen Worten: Je schwächer der Einfluss des NSLB wurde, besonders deutlich in der ministeriellen Durchsetzung der Fachinteressen im Rahmen der "Reform" des höheren Schulwesens mit dem Vorrang der englischen Sprache und der fachlichen Fortbildung (vgl. die Themenübersicht im Anhang, 345) – desto mehr näherte sich die Lehrer-"Umschulung" einer fachlich geprägten Lehrerfortbildung an. Dass dadurch das Bild – nicht unbedingt das der Person des Ministers und Gauleiters von Südhannover-Braunschweig, Bernhard Rust, - aber das der Bürokratie des REM eine veränderte Akzentuierung erhält, ist eine der wichtigen Nebenfolgen der Arbeit von Andreas Kraas. Zu wünschen wäre eine Einzelstudie, die zu den Abteilungen und Personen dieses Ministeriums das bisher verstreute Wissen zusammenfasst.
Wilfried Breyvogel (Essen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Wilfried Breyvogel: Rezension von: Kraas, Andreas: Lehrerlager 1932 – 1945, Politische Funktion und pädagogische Gestaltung, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 1 (Veröffentlicht am 31.01.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78151347.html