EWR 4 (2005), Nr. 5 (September/Oktober 2005)

Markus Krebs
Georg Kerschensteiner im internationalen pädagogischen Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004
(131 S.; ISBN 3-7815-1362-9; 17,00 EUR)
Georg Kerschensteiner im internationalen pädagogischen Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kerschensteiners Wirken und Werk beschäftigt seit Generationen Pädagoginnen und Pädagogen. Herrschte zu Beginn eine lediglich apologetische Sicht vor, kräftig gefördert von einer reformpädagogischen und geisteswissenschaftlichen Geschichtsschreibung, so wandelte sich die Rezeption seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bereits Theodor Wilhelm untertitelte im Jahre 1957 seine Darstellung des bayrischen Pädagogen mit „Vermächtnis und Verhängnis“ [1]. Damit wurden bereits explizit kritische Auseinandersetzungen, wie sie vormals von Herbartianern und Hugo Gaudig, sozialistischen Pädagoginnen und Pädagogen wie Anna Siemsen und Robert Seidel, aber auch von Georg Reichwein und Theodor Litt erfolgten, erneut aufgegriffen. Kerschensteiner war ein umtriebiger Mensch, der Konfrontationen initiierte und sich vielen stellte. Gerade die nüchterne Analyse und Kontextualisierung ermöglicht hierbei, Umfeld, geistige Entwicklungen und Auseinandersetzungen von (nicht nur prominenten) Pädagogen in einem neuen Lichte zu sehen und Mythen zu entzaubern.

Insofern ist es zu begrüßen, dass Markus Krebs in der vorliegenden Veröffentlichung der Frage nachgeht, ob Kerschensteiner ein internationaler Pädagoge war und ob seine Ansätze im Ausland wahr- und angenommen wurden, schließlich gar – so der Klappentext - welche Länder er beeinflusst habe.

Um es gleich vorwegzunehmen: die Arbeit enttäuscht. Sie stützt sich auf eine knappe biographische Skizze, konzentriert sich dann auf Auslandspublikationen und Arbeiten über das Ausland, Besuche von ausländischen Gästen in München und ausgewählte Briefkorrespondenzen und Reisen Kerschensteiners ins Ausland, die quantitativ und qualitativ ausgewertet werden. Einige nützliche Übersichten (38-48) ergeben ein Profil, nach dem Kerschensteiner vorwiegend vor dem Ersten Weltkrieg international aktiv war und entsprechend rezipiert wurde. Zwecks Informationsbeschaffung für sein heimisches Konzept der beruflichen Fortbildungsschule und weiterführender Reformen reiste er zunächst in die benachbarten Länder, so etwa in die Schweiz und später nach Frankreich, anschließend wird auch seine Ausrichtung auf England und die USA deutlich.

Die so benannte qualitative Analyse (49-92) reiht im Wesentlichen in chronologischer Folge Vorwörter und Veröffentlichungen gerafft wiedergebend auf, ergänzt um einige Hinweise des Verfassers, ohne dass ein systematischer Zugriff ersichtlich wird.

Die Quellenauswahl beruht nicht auf allen möglichen für diese Fragestellung zugänglichen Grundlagen: es wurde beispielsweise nur ein kleiner Teil der Briefe einbezogen. Anstatt sich direkt in München das Kerschensteiner-Archiv vorzunehmen, wurde lediglich auf eine Privatsammlung eines Kerschensteiner-Experten und auf Vorhandenes in einem Forschungsprojekt zurückgegriffen. Angesichts beschränkter zeitlicher und finanzieller Ressourcen könnte man dies insofern nachvollziehen, wenn das Fazit der Studie dementsprechend vorsichtig ausfallen würde. Doch hier wird Kerschensteiner aufgrund einer Vielzahl von Kontakten und Reisen als internationaler Pädagoge charakterisiert. Vor allem im Zeitraum von 1907 bis 1914 seien die institutionellen Neuerungen auf reges Interesse gestoßen, während seine Bildungstheorie „weniger“ angekommen sei. Dies mag ja stimmig sein. Doch ist man aufgrund höherer Reiseaktivität internationaler als jemand, der sich nur spärlich an ausländische Kolleginnen und Kollegen wendet?

Hier offenbart sich eine konzeptionelle Schwäche der Arbeit: nirgends wird Internationalität als solche näher bestimmt. Gerade Kerschensteiner war zwar einerseits anglophil, andererseits ließ er sich im Verlaufe des Ersten Weltkriegs zu einem Nationalismus sondergleichen hinreißen. Trotz seines Kontakts mit Michael Sadler war England für ihn in politischer Hinsicht ein gefährlicher Gegner. Davon findet sich in dieser Arbeit keine Spur! Insofern erschließt sich aus einer solch beschränkten Wahrnehmung eine zweite Schwäche: der fehlende Bezug zur Sekundärliteratur neueren Datums! [2] Mangelnde Informiertheit über bereits bestehende Forschung trägt dann dazu bei, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Klassikern und die Frage, was sie uns denn heute zu sagen haben bzw. warum es sich bei Kerschensteiner um „einen immer noch aktuellen Pädagogen“ (oder vielleicht doch nicht) handelt, nicht fortgeführt wird. Eigentlich schade.


[1] Wilhelm, Theodor (1957): Die Pädagogik Kerschensteiners: Vermächtnis und Verhängnis. Stuttgart.

[2] Stratmann, Karlwilhelm (1992): "Zeit der Gärung und Zersetzung" - Arbeiterjugend im Kaiserreich zwischen Schule und Beruf. Zur berufspädagogischen Analyse einer Epoche im Umbruch. Weinheim.
Gonon, Philipp (2002): Georg Kerschensteiner – Begriff der Arbeitsschule (Hrsg. v. Dieter-Jürgen Löwisch: Werkinterpretationen pädagogischer Klassiker). Darmstadt.
Gonon, Philipp (1998): Das internationale Argument in der Bildungsreform. Bern.



Philipp Gonon (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Philipp Gonon: Rezension von: ,: Neu rezensizertes Buch, : . In: EWR 4 (2005), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78151362.html