EWR 1 (2002), Nr. 3 (Juli 2002)

Winfried Noack
Sozialpädagogik
Ein Lehrbuch
Freiburg i. Br.: Lambertus Verlag 2001
(435 Seiten; ISBN 3-7841-13335-4; 24,60 EUR)
Sozialpädagogik Seit einiger Zeit ist innerhalb der Publikationslandschaft zur Sozialen Arbeit der Trend zum Handbuch, Lexikon oder Wörterbuch unübersehbar. Es werden – je nach Perspektive – ressourcenangulierend oder -schonend nahestehende oder nicht 'übergehbare' FachkollegInnen eingeladen, den aktuellen Stand der Sozialen Arbeit insgesamt oder den einzelner Handlungsfelder aus disziplin- und professionsbezogener Perspektive zu beleuchten. Wenn diese Vorhaben gelingen, bieten sie gut systematisierte Einführungen, die unterschiedliche Diagnosen und Positionen, Zugänge und Perspektiven diskursiv zu einem Gesamtbild synthetisieren. Vor diesem Hintergrund lässt der Titel von Wilfried Noack, Professor für Sozialwesen und Angewandte Theologie an der Theologischen Hochschule Friedensau, aufhorchen. Er provoziert Neugierde und die Frage, wie ein solch disparater Gegenstand wie die Sozialpädagogik monografisch 'in den Griff' zu bekommen ist.

Das Lehrbuch – so der nicht minder ambitionierte Untertitel – gliedert sich in fünf Kapitel: Nach einer Einleitung stellt der Autor im zweiten Kapitel unter dem Titel 'Methoden der Sozialpädagogik' die gegenwärtig seiner Ansicht nach festzustellenden Tendenzen innerhalb der Methodendiskussion summarisch dar, um anschließend im dritten Kapitel den wohlbekannten Panoramaweg von Einzelfallhilfe, soziale Gruppenarbeit und soziale Gemeinwesenarbeit abzuschreiten. Das umfangreichste Kapitel ist das vierte. Es widmet sich den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Sozialpädagogik. Im abschließenden Kapitel wird nochmals ausführlicher auf die 'sozialpädagogische Netzwerkarbeit' eingegangen.

Ein – gemäß der Zielvorgabe Lehrbuch wünschenswertes – weitergehend didaktisiertes Layout (Hervorhebung von Definitionen und Fallbeispielen, Nennung und Kommentierung grundlegender Literatur, Personen- und Stichwortverzeichnis) sucht die interessierte und um Orientierung bemühte Leserschaft – das Buch wendet sich vornehmlich an Studierende – vergebens. Irritationen – so ist zu vermuten – wird auch der bisweilen zwischen verdichteter Theorierezeption, eingänglich gehaltener Handlungsfeldbeschreibung, zum Teil etwas antiquiert anmutender Alltagsnarration – zum Thema Alltagsästhetik im Jugendhaus: 'Auf den Tischen liegen schöne Decken, auf denen Blumen, brennende Kerzen, Schalen mit Obst und Gebäck, weiße Porzellantassen für Tee usw. stehen' (S. 157) – und normativ angelegtem Rezeptbuchstil – 'Zur alltagsästhetischen Bildung gehört, dass jedes Treffen einen Kreativteil einschließt. Dabei ist auf Variabilität zu achten' (ebd.) – oszillierende Duktus hervorrufen.

Es sind jedoch nicht nur stilistische und formale Anmerkungen kritisch vorzunehmen. Statt unterschiedliche theoretische Zugänge zu referieren und zu diskutieren, werden sowohl in den grundlagentheoretischen Eingangs- als auch in den Methodenkapiteln z.T. antagonistische sozialwissenschaftliche wie sozialpädagogische Begrifflichkeiten und theoretische Versatzstücke zu einem eklektizistischen Patchwork mit dem Ziel zusammengestellt, eine 'theorieintegrierende Mehrebenenanalyse' auszubreiten, die 'die makrosoziale Systemtheorie, die mesosoziale Analyse der Lebens- und Alltagswelt, die Netzwerkkonzeption, die Empowermentaxiome und die mikrosoziale phänomenologische Methode miteinander integriert' (S. 27). Dieses Vorhaben bleibt letztlich jedoch theoretisch und methodisch undurchsichtig sowie in der Darstellung und Materialauswahl hochgradig selektiv.

Dies wirkt sich auch auf die zu Grunde gelegte Gliederung aus. So wird bspw. die 'Freizeit- und Erlebnispädagogik' als ein eigenständiges Arbeitsfeld der Sozialpädagogik ausgewiesen, findet sich jedoch im Feld der 'Jugendarbeit' als ein methodisch-konzeptioneller Zugang unter anderen wieder. Dagegen werden traditionelle Bereiche der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit wie die politische Bildung, der Kinder- und Jugendschutz sowie geschlechtsspezifische, interkulturelle sowie mobile und aufsuchende methodische Zugänge übergangen. Auch theoretische Entwürfe wie bspw. die subjektorientierte Jugendarbeit oder die 'Wiederentdeckung' des pädagogischen Bezugs bleiben unerwähnt.

Darüber hinaus sind einige grundlegende Leerstellen aufzuführen. Weder wird gesondert auf die rechtlichen noch auf die institutions- und trägerspezifischen Grundlagen der Sozialpädagogik eingegangen, erscheint die Sozialpädagogik jenseits ihrer jüngsten Bemühungen um die Rekonstruktion ihrer 'Klassiker' merkwürdig geschichtslos – und entpolitisiert –, sucht man Bezüge auf Autoren wie Nohl oder Mollenhauer vergebens, bleiben Seitenblicke auf aktuelle Publikationen zu Handlungsfeldern und Methoden der Sozialen Arbeit aus. Und obwohl die Sozialpädagogik als Reflexionswissenschaft hervorgehoben wird, sind Verweise auf aktuelle Entwicklungen rekonstruktiver Sozialpädagogik und sozialpädagogischer Forschung nicht zu finden.

Mehr noch: Einer der prägendsten Diskurse Sozialer Arbeit der letzten Jahrzehnte, die Frage nach der Professionalisierbarkeit sozialpädagogischen Handelns, der Inbeziehungsetzung von Theorie und Praxis, Fragen der Ausbildung und der nach der disziplinären Heimat werden nicht thematisiert und problematisiert. Statt dessen 'erschließt sich uns die Sozialpädagogik als ein wissenschaftliches Fach mit spezifischer Professionalität und angesammelten Wissensvorrat' (S. 17). Professionalität wird hier – so bleibt zu vermuten – unbekümmert mit Verberuflichung und Expertentum gleichgesetzt, die zunächst angedeutete reflexive Selbstvergewisserung ad absurdum geführt.

Insgesamt entsteht der Eindruck einer falschen Etikettierung. Mit dieser Publikation wurde nicht ein Lehrbuch zur Sozialpädagogik vorgelegt, sondern ein materialreich, jedoch auch mit etlichen redundanten Schleifen unterfütterter, bisweilen durchaus anregend und erfrischend zu lesender Entwurf einer systemtheoretisch legitimierten konzeptionellen Begründung der Sozialpädagogik als Netzwerkarbeit mit punktueller erlebnispädagogischer Schwerpunktsetzung.
Ernst-Uwe Küster (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ernst-Uwe Küster: Rezension von: Noack, Winfried: Sozialpädagogik, Ein Lehrbuch, Freiburg i. Br.: Lambertus Verlag 2001. In: EWR 1 (2002), Nr. 3 (Veröffentlicht am 01.07.2002), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/784113335.html