EWR 3 (2004), Nr. 5 (September/Oktober 2004)

Vera Moser
Konstruktion und Kritik
Sonderpädagogik als Disziplin
Opladen: Verlag für Sozialwissenschaften 2003
(172 Seiten; ISBN 3-8100-3794-X; 14,90 EUR)
Konstruktion und Kritik Mit der Veröffentlichung ihrer Habilitationsschrift unter dem Titel "Konstruktion und Kritik" legt Vera Moser eine umfassende Rekonstruktion der "Sonderpädagogik als Disziplin" – so auch der Untertitel - vor, mit der gleichzeitig Anschluss an den neueren erziehungswissenschaftlichen Diskurs zur theoretischen Selbstverständigung geleistet und die Kontur der Sonderpädagogik als erziehungswissenschaftlicher Teildisziplin erhellt wird.

Die Verfasserin nimmt ihre Darstellung aus einer systemtheoretischen Perspektive heraus vor. Mit dieser Blickrichtung möchte sie vermeiden, dass die Sonderpädagogik sich ausschließlich aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus wahrnimmt und sich somit nur im Blick auf "selbst kommunizierte Erwartungen und Aufgaben" präsentiert. Vielmehr geht es der Verfasserin im Anschluss an Luhmanns systemtheoretische Kritik an der Pädagogik darum, die Effekte des Systems Sonderpädagogik zu berücksichtigen – nämlich die Erzeugung von Differenz durch Selektion bzw. Exklusion. Mit einer solchen Fokussierung lasse sich die obsolete, jedoch immer noch dominante anthropologische Begründung der Sonderpädagogik überwinden.

Gleichwohl will die Verfasserin über die Orientierung an einer systemtheoretischer Sicht hinaus die für die Pädagogik unverzichtbare normative Perspektive (Ethik) ebenfalls berücksichtigen, indem sie an die Kritische Erziehungswissenschaft anschließt. Den Nachweis darüber, dass eine solche doppelte Orientierung tatsächlich aufrecht und durchgehalten werden kann, muss die Verfasserin freilich eher schuldig bleiben: Die beanspruchte wechselseitige Orientierung (vgl. 12), die bis in die Titelgebung "Konstruktion und Kritik" programmatisch angekündigt wird, führt letztlich zu einer eher durchgängig sozialkonstruktivistisch akzentuierten Argumentationslinie mit gelegentlichen Ausblicken aus Sicht der Kritischen Theorie. Doch die umfassende Problemsicht auf die Sonderpädagogik als Disziplin, die aus dieser Perspektive heraus erfolgt, entschädigt für dieses nur fragmentarisch eingelöste Versprechen, das sicherlich so auch kaum hätte eingelöst werden können - nebenbei bemerkt handelt es sich bei einem solchen Vorhaben um ein Unternehmen, das bereits Siegfried Bernfeld mit seinem "Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung" (1925) nicht durchhalten konnte. Doch gelingt es Vera Moser ausgezeichnet, zentrale Problempunkte innerhalb der Begründung der Sonderpädagogik als einer Disziplin pointiert heraus zu arbeiten. In vier Kapiteln – überschrieben mit: "Der Behinderungsbegriff in der Sonderpädagogik" (Kapitel 2), "Ethische Argumentation" (Kapitel 3), "Das Dialogische – ein sonderpädagogisches Handlungsmodell?" (Kapitel 4) und "Erziehung und Bildung in der sonderpädagogischen Theorie" (Kapitel 5) - legt sie zentrale Probleme und Dilemmata der bisherigen sonderpädagogischen Begründungsversuche frei und unterzieht sie einer beeindruckend scharfsinnigen Analyse.

Die trotz vielfältiger Distanzierungsversuche innerhalb der Sonderpädagogik immer noch zentrale Kategorie "Behinderung" wird von Moser einerseits in Blick auf die für die Disziplin identitätsstiftende Funktion thematisiert, andererseits wird jedoch auch insbesondere ihre exkludierende Wirkung (defizitäre Sicht etc.) kritisch hervorgehoben.

Im einzelnen wird der Behinderungsbegriff zunächst im Blick auf die disziplinäre "Semantik" untersucht, die hieraus erwächst: Sonderpädagogik wird begriffen als durch den Behinderungsbegriff konturierte Disziplin, die ihren Gegenstandsbereich an der Klientel ausgerichtet hat. Die Rekonstruktion der Disziplin setzt nun an dieser "Semantik" als einer Selbstbeschreibung der Disziplin an. Der Behinderungsbegriff fungiert wesentlich als Bestandteil der Semantik des Subsystems Sonderpädagogik.

Im Unterschied zur allgemeinen Erziehungswissenschaft, die als Disziplin durch den Bildungsbegriff bestimmt wird, liefert - so Vera Moser - der an der Klientel festgemachte Behinderungsbegriff den Zuschnitt für die Sonderpädagogik als Disziplin. In einem solchen Selbstverständnis und mit einer dementsprechenden anthropologischen Begründung der Sonderpädagogik als Disziplin werde eine Erfassung systembezogener Differenzierungsprozesse ausgeblendet bzw. individualistisch verzerrt: gesellschaftliche Exklusionsprozesse werden den einzelnen Individuen zugerechnet, um diese weiterhin pädagogisch behandeln zu können.

Dieser Entwicklung der Disziplin ist – so die These von Moser - die Ausdifferenzierung einer entsprechenden Profession vorausgegangen. Die Etablierung der Heilpädagogik und Sonderpädagogik als Profession habe wesentlich dazu beigetragen, sich an der gemeinsamen Klientel auszurichten und sich auf den Erziehungsbegriff zu konzentrieren (im Gegensatz zur allgemeinen Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft, in der der Bildungsbegriff fokussiert wird). Moser verweist auf historische Belege für diese Entwicklung. Sie zeigt, dass Sonderpädagogik vorwiegend auf einzelne Personen - nicht auf Gruppen - ausgerichtet ist und mit ihrer Betonung von "Zuwendung" und "Menschwerdung" ihre gesellschaftliche Funktion – nämlich Selektion – nicht wahrnehmen konnte. Auch die Versuche, von den traditionellen Argumentationslinien der Semantik abzuweichen, so zum Beispiel die Orientierung an sozialisations- und handlungsorientierten Ansätzen (Stigmatheorie und Identitätstheorie), erweisen sich letztendlich ebenfalls als anthropologisch verortet – also nicht als Alternative. Da die anthropologische Sicht eine soziale Konstruktion des Subjektes ausblendet bzw. verdeckt, muss diese traditionelle Fundierung der Disziplin (57) von Moser in Frage gestellt werden. Gemäß Luhmanns Ansatz müssten vielmehr Erziehung und Selektion gleichermaßen erfasst werden. Kernaussage der von Moser vorgenommenen Analyse der sonderpädagogischen Semantik ist: die Disziplin kann den Funktionsaspekt des Bildungssystems (Selektion) nicht erfassen, so lange sie der anthropologischen Sicht (Person) verhaftet bleibt.

Nach dieser Thematisierung des Behinderungsbegriffes (1) greift Moser im weiteren die folgenden Begründungsfiguren der "semantischen Traditionen" der Sonderpädagogik auf: ethische Begründungen der Sonderpädagogik (2), zentrale Orientierung am Dialogischen (3) und Akzentuierung des Begriffes Erziehung versus Bildung (4).

Nach einer umfassenden Skizze gegenwärtiger erziehungswissenschaftlicher Reflexionen zum Wandel des Stellenwertes von Ethik - nämlich von einer ehemals ethischen Fundierung der Pädagogik insgesamt hin zu einem Stellenwert, der Ethik nur noch als ein Teilgebiet der Erziehungswissenschaft aufweist oder ihr die Funktion einer Handlungsorientierung für die Profession zuweist – lässt sich nach Moser als Fazit formulieren, dass Ethik ihre konstituierende Kraft für die Fundierung der Erziehungswissenschaft als Disziplin verloren habe. Ethik kann dementsprechend und trotz aller derzeit in der sonderpädagogischen Diskussion noch aufrechterhaltenen Ansprüche nicht mehr als einheitsstiftende Figur der Sonderpädagogik als wissenschaftlicher Disziplin fungieren.

Vor diesem Hintergrund untersucht Moser nun die ethischen Begründungsversuche der Sonderpädagogik und stellt fest, dass hier "weitgehend ... Tugendlehren... aus dem Feld der Berufsethik in die Disziplin transportiert und von daher auch als disziplinäres Spezifikum ausgewiesen" (82) werden - also letztlich die ethische Perspektive auf die Person des Handelnden bezogen bleibt – anstatt auf die Ebene einer Professionstheorie transformiert zu werden. In diesem Kontext bleiben dann auch zentrale Probleme wie beispielsweise die Stellvertreterschaft versus Selbstbestimmung letztlich ungeklärt.

Die in der Sonderpädagogik praktizierten Versuche, einen Ausweg aus der Begründungsproblematik in Form von Handlungstheorien einzuschlagen, führten jedoch ebenfalls nicht zu einer angemessenen professionstheoretischen Argumentation, sondern erneut zu anthropologischen Begründungen, wie am Beispiel der zentralen Begründungsfigur des "Dialogischen" (Kap. 4) ausgeführt wird. Sonderpädagogik versperrt sich mit Bezug auf "das Dialogische" eine eigene Professionalisierung: denn in der bisherigen pädagogischen Tradition dürfe bzw. könne "das Dialogische" in seiner Unbestimmbarkeit nicht näher bestimmt werden.

Eine weitere semantische Tradition der Sonderpädagogik liegt – so arbeitet Moser heraus – darin, nicht den Bildungsbegriff, sondern den Erziehungsbegriff zu favorisieren (Kap. 5).

Demgegenüber hebt Moser in ihrem Sinne die wenigen sonderpädagogischen Ansätze hervor (vor allem von Hajo Jakobs und Ursula Stinkes), bei denen der aktuelle bildungstheoretische Diskurs aufgegriffen und hieran angeschlossen wird: der klassische Subjektbegriff wird hier durch die Themen Intersubjektivität und Sozialität (127) abgelöst.

Gegenüber der bisherigen eher geisteswissenschaftlich orientierten Semantik der Disziplin nimmt Moser im 6. Kapitel einen Entwurf für eine Neukonstitution vor - aus sozialwissenschaftlicher und erziehungswissenschaftlicher Sicht versucht sie eine handlungstheoretische und eine bildungstheoretische Begründung vorzunehmen.

Der sozialwissenschaftliche Fokus greift das Problem von Inklusion und Exklusion auf, der bildungstheoretische Entwurf verzichtet auf anthropologische Prämissen und greift ethische Begründungen – im Anschluss an H. Jakobs und U. Stinkes - auf. Eine solche soziologische Aufklärung der Sonderpädagogik soll die traditionelle anthropologische Begründung der Disziplin ablösen.

Die von Vera Moser unternommene umfangreiche Rekonstruktion der Sonderpädagogik als wissenschaftlicher Disziplin aus einer dezidiert systemtheoretisch orientierten Sicht war bislang längst überfällig. In einigen Teilen mag diese Rekonstruktion vielleicht als "gewagt" erscheinen, doch ist sie durchweg als gelungen und als ein herausragender Beitrag zum Prozess der theoretischen Selbstverständigung der Sonderpädagogik als einer erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin zu bezeichnen. Auch wenn sie in einigen Passagen nur für Kenner der "Semantik" auf Anhieb zugänglich sein dürfte, so ist der Sonderpädagogik als Disziplin jedoch insgesamt zu wünschen, dass möglichst viele Sonderpädagogen aus der Profession diesen Weg der Reflexion entdecken und nachvollziehen.

Als Fazit lässt sich zusammenfassen: bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine groß angelegte und anspruchsvolle Skizze zur Rekonstruktion der Sonderpädagogik als Disziplin, die nun zu materieller Ausarbeitung und Ergänzung herausfordert. Ein Anfang ist gemacht, hinter den der Diskurs zur Begründung der Sonderpädagogik als einer Disziplin nicht mehr zurückfallen darf.
Karl-Ernst Ackermann ()
Zur Zitierweise der Rezension:
Karl-Ernst Ackermann: Rezension von: Moser, Vera: Konstruktion und Kritik, Sonderpädagogik als Disziplin, Opladen: Verlag für Sozialwissenschaften 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 5 (Veröffentlicht am 05.10.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/81003794.html