EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Alfred Schäfer/Michael Wimmer (Hrsg.)
Tradition und Kontingenz
Münster: Waxmann 2004
(223 S.; ISBN 3-8309-1392-3; 19,90 )
Tradition und Kontingenz Alfred Schäfer und Michael Wimmer eröffnen mit dem Band "Tradition und Kontingenz" eine neue Buchreihe beim Waxmann-Verlag. Die Reihe heißt "Grenzüberschreitungen. Pädagogik und Kulturwissenschaften" und ist eine Fortsetzung der bislang im Verlag Leske & Budrich erschienen Dokumentationen interdisziplinärer Tagungen von 1998-2003. Das Ziel der Reihe nennen die Herausgeber im Reihenvorwort: "Mit Grenzüberschreitungen sollen hier nun verschiedene interdisziplinäre Bemühungen bezeichnet werden, nach den Erschütterungen im Feld der Geistes-, Kultur-, Erziehungs- und Sozialwissenschaften und dem Verlust von einheitsstiftenden Metadiskursen in einen post-kolonialen Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen und Diskursen zu treten." Das Anliegen ist wichtig.

In ihrer Einleitung zeigen Schäfer und Wimmer, dass Tradition und Kontingenz in "einem verschlungenen Verhältnis" stehen, dass Kontingenz keineswegs erst auftritt, nachdem Traditionen an Wirkungsmacht verloren haben, sondern in der Moderne andere Strategien zum Umgang mit Kontingenz in Erscheinung treten, die nicht notwendig Kontingenz bewältigend wirken, wie es Traditionen rückblickend oft scheinen. Leider verzichten die Herausgeber darauf, die Beiträge des Bandes in das angestrebte dialogische Verhältnis zu setzen, das sich während der dem Band zugrunde liegenden Tagung wahrscheinlich eingestellt hat, kaum aber bei späterer Lektüre.

"Diesseits von Relativismus und Universalismus" markiert Norbert Ricken "Kontingenz als Thema und Form kritischer Reflexion" – und zwar anhand von vier als Fragen formulierten Gedanken: 1. Wofür spricht, wer von Kontingenz spricht? 2. Worauf aber lässt sich ein, wer auf Kontingenz setzt? 3. Wie also nähert sich, wer von Kontingenz seinen Ausgang nimmt? Und 4.: Was sieht wer anders, wer in Kontingenz seinen Einsatz markiert? Im ersten Abschnitt nutzt Ricken Tom Tykwers Film "Lola rennt" (D 1998), um zu verdeutlichen, dass, wer von Kontingenz spricht, nicht zwangsläufig "Freiheit und Sinn negiert" (33), sondern diese "allererst als ‚Gefühl für Entscheidung‘ und antastbare Einmaligkeit geweckt" werden. Diese Pädagogik des Films funktioniert besonders gut, weil es sich um einen doch recht konventionell gebauten Film handelt, der "Andersmöglichkeiten" zeigt, ohne Kontingenz fühlbar zu machen. Der Vergleich zu Jean-Luc Godards "Week-end" (F 1968) z.B. verdeutlichte den Unterschied zwischen drei Andersmöglichkeiten, die man im Falle von "Lola rennt" nacheinander zu sehen bekommt, und der Anstrengung anders sehen zu lernen, zu der Godard auffordert. Sie würde viel besser zu der gegen Ende des dritten Gedankens formulierten Kritik Rickens passen: "Kritikpotenzial sehe ich insbesondere in der Differenzwahrnehmung, die vor jeder Hierarchisierung der jeweiligen Pole der Differenz schützt und solchermaßen etablierte Ordnungen auch als ‚Figurationen der Macht’ erkennbar macht, ohne aber durch Kritik einen Ausstieg aus eben dieser Macht erträumen zu können. […] Kritik in theoretischer Hinsicht hieße dann, Neutralisierungen wie Positivierungen aufzubrechen und durch epistemische wie praxeologische Rahmungen differentiell auslegen zu lernen, indem Perspektivität und jeweilige praktische Situierung markiert werden, darin den diskursiven Verschiebungen und jeweiligen Umschriften der Differenzen zu folgen und durchgängig den vielfältigen Versuchen der Schließung von Unbestimmtheit bzw. Tilgung der Differenzialität zu widerstehen" (44f.). Die Möglichkeiten des Anders-Sehens skizziert Ricken anhand von drei Problemen – dem des Wissens, dem menschlicher Subjektivität und dem pluraler Sozialität – als vierten Gedanken. Unter der zweiten Leitfrage führt Ricken fundiert durch die Geschichte des Kontingenzbegriffs.

Andrea Liesner schließt sich an Rickens Eingangsformel "Kontingenz boomt" an, nimmt aber eine gesellschaftskritische Position ein, aus der sie für "Bildung unter Bedingungen einer radikalen Unbestimmtheit" (59) eintritt. Den Ausgangspunkt ihres Beitrag bildet die Analyse eines 12-Punkte-Programms des Arbeitsstabes 'Forum Bildung', den sie als paradigmatisch für die Legitimation der Rede vom lebenslangen Lernen annimmt. Weil aber nicht nur die Kontingenz, sondern auch das Selbst Konjunktur hat, wendet sich Liesner in einem zweiten Schritt dem pädagogischen Identitätsdiskurs zu. Im dritten Abschnitt "Wie ein Problem zur Lösung wird" (so auch der Titel des Beitrags) fasst sie schließlich die bisherigen Erträge zusammen: "Im Diskurs über das lebenslange Lernen und in der pädagogischen Identitätsdiskussion nimmt das Bemühen um Sicherheit also einen zentralen Rang ein" (76). Liesner fragt, ob die Kontingenzverleugnung in eine Kontingenzergebenheit umgeschlagen ist, hinter der sich aber nur wieder "eine neue Variante des Verleugnens" (78) verbirgt, weil sie "auf Prämissen fußt, die unbefragt Sicherheit und damit vorformierte Antworten auf das Wie und Warum des Handelns vermitteln". Dadurch wird dann das Problem zur Lösung. Auf der Strecke bleiben Komplexität und argumentative Begründung. Die Autorin plädiert im vierten Abschnitt für "ein Wachhalten des Problems, dass der Antagonismus von Freiheit und Sicherheit bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat" (81) und dafür "dass pädagogisches Denken zum theoretischen Sperrgut würde gegenüber einer hybrid entgrenzten und damit in hohem Maße politisch instrumentalisierbaren Vorstellung von erziehungswissenschaftlicher Interdisziplinarität" (83). Ob diese Zuspitzung auch auf den Band selbst zutrifft, ließe sich diskutieren. Die Diskussion des Sinns von Interdisziplinarität wäre ein gutes Beispiel dafür, dass Drittes nur zwischen Polen, Antagonismen oder Dualismen schwebt – und auch nur so lange, bis es sich gesetzt hat. So assoziiere ich mit der "Chance" auf Bildung, die Liesner in den "Risiken eines gedanklichen Vorgehens ohne Gehhilfen, im Sich-Aussetzen der Gefahr des Aneckens, Sich-Verlaufens und auch Stürzens" (84) sieht, bei aller Sympathie für ihren Ansatz auch den kurzen Bildungsweg des Seiltänzers in der 6. Vorrede zu Nietzsches Zarathustra. "Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra [dem gestürzten Seiltänzer], das gibt es Alles nicht, wovon du sprichst: es gibt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: Fürchte nun nichts mehr!" Jenseits von "Orientierungslosigkeit oder metaphysische[m] Sinnverlust" (84) bliebe ein Leben, das – bei aller Kritik – geführt werden will.

Bernhard Streck unterzieht den modernen Traditionsbegriff der Kritik und kommt zum Schluss, dass das "Projekt Moderne und sein Schatten, die Tradition" (152) für kulturhistorische Rekonstruktionen entbehrlich seien, wenn man erstmal begriffen habe, dass Kultur "nie fertig, sondern immer in Arbeit" und kein Fortschritt in ihrer Entwicklung zu erkennen sei.

Außerdem versammelt der Band Beiträge von Burkhard Liebsch, der die Zusammenhänge von Tradition und Gedächtnis untersucht, von Gabriele Diewald zum Sprachwandel und von Alfred Schäfer, der Transformationsprozesse von Tradition und Kontingenz am Beispiel eines zum Christentum konvertierten Dogon darlegt. Thanos Lipowatz führt den Begriff der "Allonomie" in den Diskurs über pädagogische Paradoxa ein. Yvonne Ehrenspeck verfolgt die Kontingenz durch die Medientheorien der Moderne und Rudi Visker kritisiert Richard Rorty.

Der Band steht in der Tradition erziehungswissenschaftlicher Tagungsbände, die die Kontingenz ihrer Beiträge nicht verschleiern. Das hätte ich mir – wohlwissend darum, als Herausgeber von Sammelbänden im Glashaus zu sitzen – besonders im Hinblick auf das eingangs formulierte wichtige Anliegen des Bandes anders gewünscht.
Olaf Sanders (Köln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Olaf Sanders: Rezension von: Schäfer, Alfred / Wimmer, Michael (Hg.): Tradition und Kontingenz, Waxmann: Münster 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091392.html