EWR 4 (2005), Nr. 5 (September/Oktober 2005)

Marianne Krüger-Potratz
Interkulturelle Bildung
Eine Einführung. (Lernen für Europa; Band 10)
Münster: Waxmann 2005
(303 S.; ISBN 3-8309-1484-9; 19,90 EUR)
Interkulturelle Bildung Seit 1990, als Auernheimer seine „Einführung in die interkulturelle Erziehung“ veröffentlichte, erschienen mehrere Einführungen in den Arbeits- und Forschungsbereich Interkulturelle Bildung. Auch Krüger-Potratz legt mit ihrer neuen Publikation „Interkulturelle Bildung“ eine weitere Einführung, wie bereits der Untertitel des Buches unterstreicht, vor. Es stellt sich daher die Frage, ob es sich lediglich um eine additive Ergänzung zu den bereits vorliegenden handelt oder ob ein anderer, ein neuer Zugang zu diesem Bereich gewählt wird.

Die Einführung ist als Arbeitsbuch konzipiert. Vor allem die zahlreichen Abbildungen, Tabellen und Textauszüge, die für dieses Buch zusammengestellt wurden, sind als Arbeitsgrundlage sehr hilfreich. Auch die Aufgaben, die jedes Kapitel sinnvoll beenden, zeigen weitere mögliche Arbeitsschritte auf. Allerdings sind die im Anhang formulierten „Lösungsvorschläge bzw. -hinweise“ zu diesen Aufgaben nicht immer optimal, da sie zum Teil sehr offen formuliert sind („Sie können zusätzlich Texte heranziehen…“). Das Buch bietet noch zwei weitere wichtige Hilfen an: Zum einen ein ebenfalls im Anhang befindliches umfangreiches Glossar und zum anderen eine ausführliche Literaturliste, in der die „empfohlene Literatur“ mit einem Sternchen markiert ist, was eine erste Auswahl und damit den Einstieg in die Literatur sehr erleichtert.

Bereits die Inhaltsübersicht lässt erkennen: Krüger-Potratz möchte nicht nur eine weitere Einführung vorlegen, vielmehr zeigt sie unterschiedliche „Ordnungs- und Orientierungshilfen“ für die konkrete Arbeit im „Feld“ auf. Im ersten Kapitel erläutert sie den aktuellen Stand der Diskussion, indem sie u. a. die Notwendigkeit von Interkultureller Bildung und Erziehung darlegt und unterschiedliche Bezeichnungen kritisch reflektiert. Bereits zu Beginn des Buches hält sie als ein erstes Fazit fest, dass „es weder das Konzept noch die 'Rezepte' für eine Interkulturelle Bildung und Erziehung gibt“. Vielmehr sei Interkulturelle Bildung eine „Entwicklungsaufgabe“.

Neun Punkte, über die ihrer Ansicht nach in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion Übereinstimmung herrsche, zählt sie auf. Dazu gehört beispielsweise, dass Interkulturelle und Europäische Bildung nicht voneinander zu trennen sind, aber auch, dass diese kein gesondertes (Unterrichts-) Fach ist. Denn Interkulturelle Bildung und Erziehung „bedeutet also vorrangig nicht neue bzw. zusätzliche Inhalte und Methoden, sondern die kritische Überprüfung der bisherigen Inhalte und Methoden, sowie die Überprüfung und Veränderung von Einstellungen, Denk- und Wahrnehmungsmustern, von Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten, professionellen Routinen usw.“

Vor allem die letzten beiden Kapitel (sechs und sieben) können in Bezug zu dieser eingeforderten eigenen Überprüfung und Veränderung gelesen werden. Unter der Überschrift „Orientierung im Feld“ werden hier vor allem Fragen zur Fachterminologie diskutiert, da „Sprache als 'soziales Werkzeug'“ verstanden werden kann. Mit Hilfe von verschiedenen Begriffsfeldern macht Krüger-Potratz dies deutlich. Begriffe wie beispielsweise Ausländer, Gastarbeiter, Asylant, ausländisch, Einwanderung oder Kultur und Rasse werden in ihrer Begrifflichkeit hinterfragt. Auch die zahlreich abgedruckten Diagramme und Bilder veranschaulichen eindrucksvoll die „versteckten“ Botschaften, die in diesen oft enthalten sind.

In den Kapiteln zwei, drei und vier werden unterschiedliche „Ordnungen des Feldes“ differenziert vorgestellt. Verständlich kritisiert sie den von den meisten Autoren unternommenen „Versuch, sich chronologisch der 'kurzen Geschichte' der Interkulturellen Bildung zu vergewissern“. Die chronologische Darstellung, die eine Einteilung von Phasen vornimmt, im Sinne von „von der Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik“, findet sich, wie Krüger-Potratz an Texten belegt, in zahlreichen Publikationen. Sie wendet ein, dass die chronologischen Darstellungen den Eindruck aufkommen ließen, dass ein „etappenförmiger Entwicklungsablauf“ auszumachen wäre. Dabei werde häufig eine „Fortschrittgeschichte“ suggeriert, die so nicht auszumachen sei. Krüger-Potratz beleuchtet ausführlich die „Problematik der Periodisierung“. Darin ist auch ein Exkurs eingebettet, der die „lange Vergangenheit“ der Interkulturellen Bildung aufzeigt (Kapitel 3). Denn der oft angeführte Zuzug von Kindern aus so genannten Gastarbeiterfamilien wird allzu schnell als Beginn von sprachlicher, ethnischer, nationaler und kultureller Heterogenität festgesetzt, obwohl, wie Autorin verdeutlicht, diese Heterogenität nicht auf das 20. Jahrhundert zu begrenzen ist. An den vier „Differenzlinien“, - Staatsangehörigkeit, Ethnizität, Sprache und Kultur -, erläutert sie die „Differenz und Gleichheit in der Geschichte des nationalen Bildungswesen“. Anschaulich werden ihre Ausführungen insbesondere auch durch die vielen Zitate, die in den Text eingebunden sind.

Neben den chronologischen Darstellungen finden sich häufig synchrone Beschreibungen und Systematisierungen, die von Ansätzen, Programmen und Konzepten ausgehen. Diese werden im vierten Kapitel vorgestellt und reflektiert. Auch dieses Kapitel zeichnet sich durch eine Fülle von Textauszügen, Diagrammen etc. aus, die eine breite Basis für Diskussionen zulassen, zumal stets Unklarheiten und Kontroversen mit in den Blick genommen werden.

Nachdem verschiedene Ordnungsversuche in ihrer Nichttragfähigkeit dargestellt wurden, bietet Krüger-Potratz im fünften Kapitel eine andere „Ordnung des Feldes“ an: Interkulturelle Bildung könnte als „Diskursraum“ verstanden werden, was auch den Vorteil hätte, keine zeitliche Ordnung vornehmen zu müssen. Dies erscheint plausibel und nach rund 170 Seiten ist man zudem erfreut, eine Möglichkeit angeboten zu bekommen, die von der Autorin als tragfähig angesehen wird. Umso mehr verwundert es, dass diese neue Sichtweise nur sehr kurz, auf lediglich zehn Seiten erläutert wird. In dem abschließenden Fazit des Kapitels fügt die Autorin dafür selbst eine Erklärung an. Der Versuch einer „Ordnung des Feldes“ nach Diskursen sei „in der Fachdiskussion noch nicht hinreichend ausformuliert“ und zudem sei noch Forschungsbedarf vorhanden.

In die eigene selbstständige „Orientierung im Feld“, die folgerichtig am Ende einer Einführung erreicht sein sollte, entlässt das letzte Kapitel, das „Literaturlage und Studierhilfen“ zusammenfassend darstellt. Auch in diesem Kapitel zeigt Krüger-Potratz, dass eine Einführung nicht nur eine Auflistung von Daten, Fakten und Literaturhinweisen sein muss. Die Studierhilfen sind stets in den Kontext eingebettet. Sinnvoll ist zudem der kurze einführende Überblick über die „Entwicklung der Literaturlage“, der den Studierhilfen vorangestellt ist. Neben weiteren Einführungen, Fachlexika, Handbüchern und Zeitschriften in Printform werden u. a. einige E-Mail-Newsletter, Internet-Zeitschriften, Internet-Portale und internationale Datenbanken aufgeführt und kommentiert.

Der Band stellt eine erfreuliche Variante innerhalb der mittlerweile zahlreich gewordenen Menge der Einführungen in die Interkulturelle Bildung dar. Insbesondere für Studierende bietet dieses Buch einen guten Einstieg in die Interkulturelle Bildung. Vor allem da die Autorin in ihren Ausführungen Kontroversen stets deutlich herausarbeitet und zudem kennzeichnet, welche gedanklichen Wege innerhalb der Fachdisziplin noch gegangen werden sollten.



Eva Gläser (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Eva Gläser: Rezension von: Krüger-Potratz, Marianne: Neu rezensizertes Buch, Interkulturelle Bildung. Eine Einführung. (Lernen für Europa; Band 10) Münster: Waxmann 2005. In: EWR 4 (2005), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091484.html