EWR 5 (2006), Nr. 5 (September/Oktober 2006)

Doris Lemmermöhle / Stefanie Große / Antje Schellack / Renate Putschbach
Passagen und Passantinnen
Biographisches Lernen junger Frauen. Eine Längsschnittstudie
Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2006
(326 S.; ISBN 3-8309-1495-4; 29,90 EUR)
Passagen und Passantinnen Qualitative Forschung hat Konjunktur, vor allem im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung. Das kann man an der wachsenden Anzahl der Handbücher und Lexika sowie Einführungen zu den Themen ‚Gender Studies‘ und ‚Feministische Wissenschaft‘ beobachten. Sie ist dadurch ausgezeichnet, dass sie theoretische Reflexion und empirische Arbeit verbindet und die Kategorie Geschlecht unter methodischem wie auch methodologischem Gesichtspunkt fasst.

Längsschnittstudien sind jedoch äußerst selten zu finden, was auch die Autorinnen in Ihrem Vorwort betonen. Warum ist das so? Längsschnittstudien werfen spezifische Probleme auf: Einerseits stellen sie für Forschende eine große Herausforderung, was Zeit, Ressourcen, Konsequenz bei der Verfolgung eines definierten Ziels, aber auch was die Auswahl des methodischen Settings betrifft, dar. Andererseits erfordern Längsschnittstudien auch von den Beforschten ein vergleichsweise großes Engagement, für einen längeren Zeitraum zur Verfügung zu stehen und den Forschenden – sogar mehrmals – Einblick in das eigene Leben zu gewähren, mit dem Ziel, Prozesse – hier vor allem biographische Lernprozesse – empirisch fassbar zu machen.

Die hier vorgestellte Studie untersucht über 14 Jahre hinweg die Lebenswelten zuerst jugendlicher, dann erwachsener Frauen. Studien, die mit einmaligen Interviews und somit nur einem Ausschnitt aus dem Leben von Beforschten zu einem bestimmten Zeitpunkt operieren, können zwar auch Einblicke gewähren, jedoch nur Momentaufnahmen kreieren und keine Auskunft über längerfristige Orientierungen, Lebensplanung und biographische Lernprozesse geben. Doch genau das ist das Ziel dieser Studie, nicht nur Statuspassagen aufzuzeigen und sie zu untersuchen, sondern statuspassagenbezogene Lernprozesse zu thematisieren. Das ist für eine pädagogische Perspektive und daran anschließende Schlussfolgerungen von entscheidender Bedeutung und daher von besonderem Interesse, da hier Material zu finden ist, das eine mögliche Grundlage für die Konzeption neuer oder Modifikation bestehender (Erwachsenen-) Bildungsangebote darstellt.

Das Grundkonzept dieser Arbeit eignet sich für biographische Forschung besonders gut, weil drei Ansatzpunkte miteinander verknüpft werden, die es möglich machen, biographische Lernprozesse empirisch zu erfassen: das Passagenkonzept, das Strukturkonzept sowie die Rolle biographischen Lernens in Form des Aufweises von statuspassagenbezogenen Lernprozessen. Passagen sind als jene Orte im Leben gemeint, an denen sich strukturelle Bedingungen besonders gut zeigen, weil sie durch bestimmte Regeln, Anforderungen, Entscheidungen und Ressourcen gekennzeichnet sind. Die Biographie von Individuen ist vom Durchschreiten der Statuspassagen in gewisser Weise gerahmt.

Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie richtet sich auf Handlungsorientierungen junger Frauen und möchte Kontinuität sowie Wandel in den Erzählungen sichtbar machen. Es geht einerseits um Lebensentscheidungen und andererseits um biographische Lernprozesse, die im empirischen Material nachgewiesen werden. Dahinter steckt die These, dass sich jene Momente im Durchlaufen der Statuspassagen ‚Ausbildung‘, ‚Berufswahl‘, ‚Berufseinmündung‘, ‚Partnerschaft‘ und ‚Familie‘ herauskristallisieren und eben dort dann auch aufgewiesen werden können. Ziel der Forscherinnen war es auch, biographische Weichenstellungen in einer sehr sensiblen Weise zu erheben, sie gleichsam nachzuvollziehen und zu verstehen. Der Fokus richtet sich dabei auf die in den Statuspassagen zum Vorschein kommenden Strukturen, die das Handeln der Akteurinnen ermöglichen, leiten, aber dieses auch begrenzen.

Individuen eignen sich Strukturen an, indem sie in einer vor-ausgelegten, strukturierten Welt handeln. AkteurInnen finden diese Strukturen vor und erfinden sie dabei zugleich neu. Diese Vermittlung zwischen Struktur und Handeln stellt das Ergebnis in Form von aufgewiesenen Aushandlungsmodi dar. Das zeigt sich daran, wie die Interviewpartnerinnen über die Zeit hinweg diese Statuspassagen durchlaufen, diese aber auch modifizieren und gestalten, „(…) an welchen institutionellen und normativen Vorgaben sie sich orientieren und was sie situations- und kontextbezogen beim Durchgang durch und Gestalten von Statuspassagen lernen (…)“ (12). Welche gesellschaftlichen und persönlichen Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und welche davon sie wie nützen, wird ebenfalls in den Blick gebracht.

Der erste große Teil stellt eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund des Forschungsvorhabens vor, indem Ansätze wie ‚Strukturtheorie‘, ‚Geschlechterverhältnisse‘ und ‚biographische Lernprozesse‘ diskutiert werden. Der zweite Teil widmet sich einer genauen Darstellung des gesamten Projektdesigns und methodischen Vorgehens, wie Erhebungsverfahren, Auswahl des Samples, Auswertungsverfahren bis hin zu Überlegungen bezüglich einer Methodentriangulation. Der daran anschließende vom Umfang her größte Teil widmet sich einer umfassenden Darstellung des empirischen Materials bezogen auf die Hauptfragestellung nach biographischen Lernprozessen junger Frauen. Im vorletzten Teil erfolgt eine Verknüpfung der empirischen Ergebnisse mit den zuvor dargestellten Theorieansätzen in Form einer Vermittlung zwischen Struktur und Handeln. Im letzten Teil wird als Ergebnis ein Bild junger Frauen entlang der definierten Statuspassagen heute entworfen, in welchem sie als Akteurinnen zwischen institutionellen Vorgaben, sozialen Milieus und kulturellen Zuweisungen typisiert werden.

Die Autorinnen wählen sehr interessante Verbindungen, um ihren Theoriehintergrund zu generieren. Als Erklärungsansatz wenden sie sich von einem das Handeln der Akteurinnen determinierenden Strukturbegriff zwar ab, wollen aber auch nicht die Logik der Rekonstruktion subjektiver Theorien übernehmen, sondern erachten für ihr Vorhaben die ‚Theorie der Strukturierung‘ (Giddens 1991, 1995) als zielführender. So greifen sie das Verständnis der Dualität von Struktur auf, um mithilfe dieses theoretischen Ansatzes in ihrem empirischen Material strukturelle Bedingungen auf der einen und das Handeln der Personen auf der anderen Seite erklärbar zu machen. Sie denken Handeln und Struktur „in einem wechselseitig aufeinander bezogenen Konstitutionszusammenhang“ (19) und begreifen die Interviewpartnerinnen als handelnde Akteurinnen, wenn sie versuchen, deren praktisches und diskursives Wissen zu explizieren.

Die Autorinnen interpretieren die biographische Bewegung von Frauen vor dem Hintergrund der Theorie reflexiver Modernisierung. Diese geht von gesellschaftlichen Prozessen aus, die eine Freisetzung aus traditionellen Werten, Normen und Biographiemustern bewirken und zu neuen Entscheidungsfindungen führen, die sich in den Passagen zeigen. Genau darum kann eine Studie, die Passagen, an denen sich solche Veränderungen zeigen lassen, untersucht, besonders aufschlussreich sein. Interessant ist, dass definierte Punkte, hier die Passagen, hergenommen werden, um durchgängige biographische Muster und somit Verläufe aufzuzeigen, da diese ja Anfang und Ende haben – vermutlich deshalb, weil in ihnen doch eine sozial integrierende Kraft vermutet wird.

Welche Umgangsweisen lassen sich mit diesen Phänomenen zwischen den Polen grenzenloser Autonomie (die man auch als Orientierungslosigkeit deuten kann) bis hin zu einer Neu-Orientierung finden? Fungiert die Kategorie Geschlecht in diesen Prozessen als Kampfzone?

Entscheidungsprozesse machen eine reflexiv organisierte Lebensplanung notwendig, um die eigene Biographie in die Hand zu nehmen und sie selbst zu gestalten. In diesem Sinne werden die Interviewpartnerinnen als biographische Akteurinnen verstanden. Nach dieser Klärung des Verhältnisses von Struktur und Handeln gehen die Autorinnen noch einen Schritt weiter, indem sie das Fehlen einer kritischen und geschlechterbezogenen Perspektive in Giddens Theorieansatz der Strukturierung problematisieren und Geschlecht als prozessuale Strukturkategorie einführen, um somit seine ‚Theorie der Strukturierung‘ zu erweitern und auszudifferenzieren.

Geschlechterverhältnisse, Statuspassagen und Institutionen werden in ihrer Konstitution aber auch ihrem Wandel und in ihren Verflechtungen in einem nächsten Abschnitt einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Statuspassagen übernehmen dabei eine zentrale Rolle. An deren individueller Ausgestaltung sollen die zuvor konstatierten strukturellen Eingebundenheiten der Protagonistinnen, aber auch ihre je individuellen Lösungen aufgezeigt werden. Die Logik, die dahinter liegt, sieht die Statuspassagen ‚Ausbildung‘, ‚Berufswahl‘ und ‚Familiengründung‘ als jene Kristallisationspunkte an, an denen Strukturen aufgewiesen, aber auch die Ausgestaltung des individuellen Umgangs damit als biographisches Lernen bei den einzelnen aufgezeigt werden kann. Genau an diesen Stellen wird strukturiertes Handeln rekonstruiert. Biographisches Lernen wird als Lernen aus Erfahrungen verstanden. Der Perspektivität sowie Eingebundenheit von biographischen Erzählungen wird insofern Rechnung getragen, dass auf die Konstruktion der eigenen Biographie im Verlauf des Interviews hingewiesen und dieser Umstand in die Interpretationen einbezogen sowie reflektiert wird.

Die Studie besteht aus einem bemerkenswerten Methodenmix, in welchem über 200 Interviews geführt wurden. Schriftliche Befragungen und ein Gruppeninterview sollten ebenfalls zur Beantwortung der Ausgangsfrage beitragen.

Die ersten 72 problemzentrierten Interviews wurden 1988 mit damals 13- bis 14jährigen Haupt-, Real- und Gesamtschülerinnen durchgeführt. Die zweite Interviewserie (ebenfalls 72 problemzentrierte Interviews) fand ein Jahr darauf nach dem Betriebspraktikum der Schülerinnen statt. Die dritte Erhebung lief 1992 – zum Thema der Berufsentscheidung – und die vierte – zu den Themen ‚Erwerbsarbeit‘, ‚Partnerschaft‘ und ‚Familie‘ – 1995, beide mit problemzentrierten Interviews. Für die fünfte Erhebung zu den selben Themen wie sechs Jahre zuvor, die 2001 stattfand, erklärten sich noch immer 17, der nunmehr zwischen 26- bzw. 27jährigen Frauen für ein biographisch-narratives Interview bereit.

Um dieser komplexen Fragestellung, die sich in vielfältigen Spannungsfeldern wie ‚Tradition und Wandel‘, ‚Subjekt und Struktur‘, ‚Statuspassagen und biographische Lernprozesse‘ bewegt, auf die Spur zu kommen, wurden in dieser Längsschnittstudie problemzentrierte mit biographisch-narrativen Interviews verknüpft. Durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden sollten die gewonnenen Daten aufschlussreicher interpretierbar sein. Die Autorinnen sprechen von einer Methodentriangulation, wobei dieser Begriff im Bereich der qualitativen Sozialforschung – zur Validierung qualitativer Daten – zurzeit sehr kontrovers diskutiert wird. In dem Bewusstsein, dass qualitative Forschung immer perspektivengebunden ist und somit Wirklichkeit nicht abbildet, sondern immer erst herstellt und (zumindest auch re-) konstruiert, ist der Einsatz von methodischer Triangulation eher als ein Weg zu umfassender und vielschichtiger Erkenntnis zu sehen, als eine Validierungsstrategie.

In Anlehnung an Settings der Übergangsforschung werden die Statuspassagen ‚Berufsfindung‘, ‚Berufseinmündung‘, ‚Berufsausbildung‘ und ‚Erwerbsarbeit‘ in Verbindung mit ‚Partnerschaft‘ auch in ihrer Konsistenz als Schnittpunkt im Querschnitt untersucht. Hier werden in diesen Übergangssituationen die Relevanz von normativen bzw. institutionellen Vorgaben und die Ressourcen der Interviewpartnerinnen bzw. die Nutzung dieser für die Konstruktion eigener Biographien aufgezeigt. Bei der Auswertung dieser Menge an Daten gehen die Forscherinnen nach dem Konzept der ‚Grounded Theory‘ (Glaser, Strauss 1967) vor. Im Wesentlichen bedeutet das, dass über das Material keine aus Theorien abgeleiteten Kategorien gestülpt werden, sondern in einem prozesshaften Vorgehen die Kategorien aus dem Material entwickelt und in Auseinandersetzung mit neuem Material auch stets ausdifferenziert und weiterentwickelt werden. Ziel ist eine gegenseitige Befruchtung und Durchdringung von empirischem Material und Theorie bzw. Theoriegenerierung. Ein weiteres, sehr erfreuliches Detail – in empirischen Studien leider selten eingestanden – ist die Thematisierung und Reflexion methodischer sowie methodologischer Probleme, die sich während des Forschungsprozesses aufgetan haben.

Den umfangreichsten und spannendsten Teil stellt nun die Darstellung der Ergebnisse in Form von sechs Einzelfallanalysen dar. Die Erzählungen der jungen Frauen sind im Nachhinein rekonstruierte Erfahrungen und bestehen „(…) aus konstruktiven Leistungen der Interviewten, mit denen diese – insbesondere im biographisch-narrativen Interview – ihre Erfahrungen ordnen und ihnen bilanzierend Sinn verleihen“ (83). Aber auch die Position der Forscherinnen, deren Interpretationen und Konstruktionen spielen im Forschungsprozess eine wesentliche Rolle. Die Autorinnen sprechen in diesem Zusammenhang von „theoretischer Sensibilität“ und meinen eine Mischung aus zugrunde liegenden theoretischen Konzepten, heuristischer Einstellung und trotzdem Offenheit gegenüber dem Material. Sensibilisierende Konzepte und Methoden sind bspw. ‚Grounded Theory‘ (nach Glaser, Strauß), ‚strukturelle Beschreibung‘ (nach Schütze) und ‚Fallrekonstruktionen‘ (nach Rosenthal). Sie wollen schließlich ein Bild davon geben, wie junge Frauen ihre biographischen Konstruktionen und Handlungsorientierungen gestalten und im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen und biographischen Ressourcen verorten.

Was sind die Schlussfolgerungen und Konsequenzen der Auswertung der empirischen Ergebnisse? Obwohl mit genauen Interpretationen von Einzelfallanalysen gearbeitet wird, werden die Ergebnisse auf eine allgemeine Ebene gehoben und somit dem Anspruch einer Längsschnittstudie – Rekonstruktion biographischer Lernprozesse in Bezug zu Statuspassagen – gerecht. Dabei sprechen sich die Autorinnen gegen eine Typisierung auf der Ebene der einzelnen Statuspassagen aus, denn die Konzepte der Interviewpartnerinnen sind situations- bzw. kontextbezogen, unterscheiden sich voneinander und vor allem zu den verschiedenen Erhebungszeitpunkten deutlich.

Eine sehr spannende Strategie die Ergebnisse vergleichend darzustellen, besteht darin – sich auf den zugrunde gelegten Theoriehintergrund der ‚Theorie der Strukturierung‘ beziehend – die Umgangsweisen oder Aushandlungsmodi der Interviewpartnerinnen zwischen Struktur und Handeln zu positionieren. Als Ergebnis präsentiert sich ein Tableau, auf dem sieben Aushandlungsmodi anhand von fünf Kategorien – ‚Selbstkonstruktion‘, ‚Wirklichkeitskonstruktion‘, ‚Handlungsorientierung‘, ‚biographisches Lernen‘ und ‚Strukturen‘/‚Vorgaben‘ – entfaltet werden. Die zweite Ebene der Darstellung entwirft Lernprozesstypen, die eine Verbindung zwischen Vermittlung und Aushandlung als Lernprozesse verorten. Auch hier veranschaulichen graphische Darstellungen sehr gut verschiedene Lernprozesstypen im Durchlaufen der herangezogenen Statuspassagen.

Wie können nun die untersuchten jungen Frauen als Akteurinnen zwischen institutionellen Vorgaben, sozialen Milieus und kulturellen Zuweisungen verortet werden? Aus der Sicht dieser jungen Frauen lassen sich keine durchgängigen Orientierungen – weder auf Familien- noch auf Berufsorientierung bezogene – Muster erkennen. Das Durchlaufen der Statuspassagen wird als ständiges Um- und Weiterlernen erlebt, für dessen Gelingen – aus deren Sicht – hauptsächlich die eigenen Kompetenzen und die Flexibilität der Akteurinnen verantwortlich gemacht werden. Zwar nehmen alle jungen Frauen die Wahlfreiheiten der Moderne in Anspruch, stoßen jedoch an strukturelle Rahmenbedingungen, die Anpassung an Normen und Werte verlangen, was nicht immer – eigentlich nur in einem untersuchten Fall – konfliktlos verläuft. Gerade jene Grenzen und Konflikte sind Ansatzpunkte, eigenes Handeln zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Hier lassen sich biographische Lernprozesse nachweisen. Dort wird Lernen notwendig, wo es keine überkommenen Muster mehr gibt, wo Erfahrungen und Handeln in die ‚Krise‘ geraten.

Ein interessantes Ergebnis stellt die Verflechtung der Lebensläufe der interviewten jungen Frauen mit ihrer Herkunftsfamilie dar. Nach einer kurzen Phase der Distanzierung ist eine starke Beeinflussung von und eine sehr enge Verbindung zum Elternhaus sichtbar. Eine spannende Frage – vielleicht für eine Nachfolgestudie – wäre zu untersuchen, ob und in welcher Weise sich dieses Phänomen auch bei jungen Männern finden lässt.

Eine ganz andere Ebene der Ergebnisse betrifft die Auseinandersetzung mit aktuellen Gesellschaftstheorien insbesondere mit jenen, welche die Geschlechterproblematik thematisieren. In Auseinandersetzung mit dem empirischen Material ist im gesellschaftlichen Anforderungsmuster der ‚doppelten Lebensführung‘ von Frauen (Geißler, Oechsle 1996) nicht eine unbedingte und unhinterfragte Orientierungsfunktion zu finden. Auch der Tatsache, dass die gesellschaftstheoretisch gedachte Kategorie ‚Geschlecht‘ nicht länger wirksam ist, können die Autorinnen nicht zustimmen. In den zuvor angesprochenen konflikthaften Grenzerfahrungen der Interviewpartnerinnen sind Geschlechterverhältnisse, geschlechtscodierte Institutionen und geschlechtsspezifische Zuschreibungen als Hintergrundfolien durchaus wirksam – Geschlecht fungiert in diesen Prozessen als ‚Kampfzone‘. Die Kategorie ‚Geschlecht‘ erweist sich nach wie vor als eine der wirkmächtigsten Strukturkategorien, „(…) die in ihrer beschränkenden Wirkung für weibliche Biographien alle Lebensbereiche durchzieht und in ihnen fest verankert ist“ (308). Hier könnte sich die interessante Frage anschließen, welche Bedingungen bzw. Möglichkeiten an Aus- als auch an Weiterbildung vor allem jungen Frauen zur Verfügung stehen sollten, um diese Eingebundenheit ein Stück weit durchschaubarer zu machen und so die eigenen Grenzen schrittweise zu erweitern.

Mit dem Hintergrund der eigenen Erfahrung auf dem Gebiet der qualitativen Forschung sehe ich dieses Buch als bemerkenswertes Ergebnis eines langwierigen und in vielerlei Hinsicht interessanten Forschungsprozesses an, der einerseits sehr umfangreiches empirisches Material bereithält und andererseits viele ebenso interessante neue Fragen aufwirft, sowie zahlreiche Anknüpfungspunkte an andere laufende Forschungsvorhaben darstellt.
Eveline Christof (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Eveline Christof: Rezension von: Lemmermöhle, Doris / Große, Stefanie / Schellack, Antje / Putschbach, Renate: Passagen und Passantinnen, Biographisches Lernen junger Frauen. Eine Längsschnittstudie. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 5 (Veröffentlicht am 29.09.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83091495.html