EWR 6 (2007), Nr. 2 (März/April 2007)

Matthias D. Witte / Uwe Sander (Hrsg.)
Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion
(Soziale Arbeit Aktuell)
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2006
(142 S.; ISBN 3-8340-0033-7; 13,00 EUR)
Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion Das vorliegende Buch steht in einem engen Zusammenhang mit dem von den beiden Herausgebern ebenfalls kürzlich veröffentlichten Reader „Erziehungsresistent? Problemjugendliche als besondere Herausforderung für die Jugendhilfe“[1], in dem der Aufsatz von D. Villányi und M. D. Witte (29-47) bereits erschienen ist. Dieser äußerliche Zusammenhang wird in der Sache insofern nachvollziehbar, als die Herausgeber intensivpädagogische Auslandsprojekte als eine Antwort auf jene Jugendliche verstehen, die sie als „herausragende Einzelfälle hoher Dissozialität und Unangepasstheit“ beschreiben und für die „die Hoffnung besteht, dass diese Jugendlichen durch eine in-tensive Betreuung im Ausland in die gesellschaftliche Normalität (re)integriert werden können“ (7).

Das Buch stellt sich einen hohen Anspruch. Ausgehend von der zutreffenden Beobachtung, dass „der pädagogische Betreuungsprozess eines Problemjugendlichen im Ausland (…) sich bis zum heutigen Tag nicht nur dem (sachlich-kompetenten) Urteil der Öffentlichkeit, sondern auch immer noch der Wissenschaft (entzieht)“ (11), wollen die Herausgeber „über eine (selbst)kritische Reflexion und kontroverse Diskussion mit Autoren aus Wissenschaft und Praxis Anregungen und Impulse für weitere Auseinandersetzungen liefern“ (11).

Gemessen an diesem (!) Anspruch erweist sich die Lektüre der Beiträge als eine Enttäuschung. Denn die von den Herausgebern zu Recht beklagte „Intransparenz der pädagogischen Prozesse innerhalb des Auslandssettings“ (10) kann keiner der Beiträge in dem Band auflösen. Im Mittelpunkt stehen stattdessen andere Themen:

Chr. Schrapper nimmt eine historisch-systematische Einordnung der jüngeren Debatte um Aus-landsprojekte in dem Kontext Erziehungshilfe vor (17-28). Eine zumindest theoretische Annä-herung an die Ansprüche des Bandes wird in dem schon erwähnten Beitrag von D. Villányi und M. D. Witte geleistet (29-47). In Ermangelung tragfähiger empirischer Daten unternehmen sie den Versuch einer Systematisierung des vorliegenden Forschungs- und Diskussionsstandes. In einem zweiten Schritt entwerfen sie auf dieser Basis ein Phasenmodell von Auslandsbetreuungen, um wenigstens eine Annäherung an die Prozessstruktur dieser Maßnahmen erzielen zu können. Im Anschluss daran wagt Chr. Kohner-Kahler einen ebenso überraschenden wie zwischendurch verwirrenden Versuch, Auslandsprojekte einer historisch-machttheoretisch angelegten Diskursanalyse unter Zuhilfenahme von Kategorien der psychoanalytischen Pädagogik zu unterziehen (48- 66) – wobei das Ganze, angesichts des gewählten methodischen Vorgehens nicht allzu überraschend, in der dann nicht mehr so „provokanten Frage“ mündet, „inwieweit die Verschickung einer antisozialen Jugend in gar ferne Kontinente unter der Maßgabe einer erwünschten Resozialisierung der Tradition der Deportation von Sträflingen (…) nicht bereits gefährlich nahe kommt“ (65).

Der Beitrag von P. Tautorat präsentiert sehr gedrängt ausgewählte Ergebnisse ihrer bislang nur als pdf-Datei zugänglichen Promotion [2], in der sie die Auswirkungen eines intensivpädagogischen Auslandsprojektes auf die Lebensbewältigungsstrategien junger Erwachsener empirisch untersuchte (67-82). Der Beitrag enthält interessante Thesen, wie z.B. jene, dass „für ein Gelingen einer intensivpädagogischen Maßnahme, die in der überwiegenden Zahl der Fälle in der Adoleszenzkrise initiiert wird, die Schaffung des Sozialraumes einer diffusen Sozialbeziehung unabdingbar ist“ (78).

Heike Lorenz, Vorsitzende des Bundesverbandes Erlebnispädagogik e.V., kommentiert zunächst die neuen Vorgaben des SGB VIII, um dann Standards für gelingende Auslandsprojekte vorzustellen (85-101). Aufschlussreich für die Fachdiskussion sind die Daten einer Befragung des Verbandes aus den Jahren 2004/2005, die die Autorin vorstellt. Demnach wurden am 30.06.2005 496 Kinder und Jugendliche durch Mitgliedseinrichtungen des Bundesverbandes intensivpädagogisch betreut (92).

Den rechtlichen Fragen widmet sich auch der Beitrag von B. Klippstein (102-118), der aufgrund seiner Systematik fast schon Handbuchcharakter hat. Auf der Basis einer Fallgeschichte geht N. Niemeyer den unterschiedlichen Perspektiven der Eltern und des Jugendamtes nach, um dann konzeptionelle Grundlagen und strukturelle Standards für intensivpädagogische Maßnahmen zu formulieren (119-132).

Im letzten Beitrag des Bandes unternimmt F. Kröner eine kritische Bilanz der bisherigen Praxis der Auslandsprojekte (133-140). Sein Ergebnis ist zwiespältig: „Die Probleme der deutschen intensivpädagogischen Auslandsprojekte sind selbst gemacht und alle durchaus lösbar“ (139). Bei aller Kritik an der vorherrschenden Praxis müsse allerdings auch festgehalten werden, „dass die Alternativen noch schlechter bzw. nicht vorhanden sind“ (138). Die Fachpraxis sei deshalb aufgefordert, mehr Qualität zu bieten. Sollte die Trägerlandschaft „diese Diskussion und letztendlich die gesetzlichen Regelungen ignorieren und weitermachen wie bisher, wäre es tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit, wann Schluss ist – nicht wegen der Erfolglosigkeit der Methode, son-dern auf Grund der mangelnden Umsetzung in der Praxis“ (139).

Man sieht: Die Beiträge des Bandes bewegen sich im konzeptionellen und programmatischen Raum, beschreiben rechtliche, fachliche und institutionelle Voraussetzungen und unternehmen wenigstens punktuell Schritte in Richtung Evaluation der Angebote – wenn auch allein aus der ex-post-Perspektive. Transparenz der pädagogischen Prozesse ist auf diesem Weg wenig wahrscheinlich. Dass der Band trotzdem lesenswert ist, liegt nicht nur an seiner Aktualität – insofern ist die Einbettung in die Reihe „Soziale Arbeit Aktuell“ angemessen –, sondern auch an den Herausforderungen, die die Beiträge sichtbar machen. Fast ist man geneigt zu sagen: Wieder einmal muss man irritiert zur Kenntnis nehmen, dass es die Kinder- und Jugendhilfe zweifellos mit guten Absichten schafft, mit eingreifenden Maßnahmen massiv in die Biographie der betroffenen Kinder und Jugendlichen einzugreifen, ohne über verlässliches Wissen über die Grenzen und Möglichkeit dieser Maßnahmen, ihre innere Prozesslogik und ihre Erfolgsaussichten zu verfügen. Damit markiert der Band ein Forschungs- und Wissensdesiderat, das schleunigst überwunden werden sollte.

[1] Vgl. die Besprechung von Sandra Menk dieses Bandes in EWR 5 (2006), Nr. 6 November/Dezember; URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83400080.ht...).
[2] Die Promotion ist verfügbar über: https://eldorado.uni-dortmund.de/dspace/bitstream/2003/2911/1/Tautoratunt.pdf )
Christian Lüders (München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christian Lüders: Rezension von: Witte, Matthias Dr. / Sander, Uwe (Hg.): Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion, (Soziale Arbeit Aktuell). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 2 (Veröffentlicht am 28.03.2007), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83400033.html