EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

Matthias D. Witte / Uwe Sander (Hrsg.)
Erziehungsresistent?
Problemjugendliche als besondere Herausforderung für die Jugendhilfe
(Grundlagen der Sozialen Arbeit; Bd. 15)
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2006
(307 S.; ISBN 3-8340-0080-9; 19,80 EUR)
Erziehungsresistent? Immer wieder gerät das Hilfesystem mit den so genannten „Problemjugendlichen“ oder „besonders schwierigen Kindern und Jugendlichen“ an seine Grenzen und vielfach waren sie bereits Gegenstand in (Fach-)Zeitschriften, Büchern und im Fernsehen. Dabei ist der Begriff des „Problemjugendlichen“ dehnbar und auf mannigfaltige Weise zu verstehen. In diesem Buch wird in 15 Artikeln das ebenso breite Feld der Problemjugendlichen aufgemacht und der Umgang mit ihnen innerhalb Deutschlands, aber auch in anderen Ländern auf vielfältige Weise dargestellt und diskutiert.

In vier thematischen Bereichen wird der Umgang mit problematischen Kindern und Jugendlichen verdeutlicht. Einen umfassenden und ausführlichen Überblick geben die drei einführenden Artikel zum Umgang mit Problemjugendlichen in Deutschland:

Die Autoren Dirk Villányi und Matthias D. Witte wählen den historischen Zugang zum Thema und geben einen gut aufbereiteten und kurzweilig zu lesenden Überblick vom Umgang mit schwierigen Heranwachsenden vom Mittelalter bis heute. Spannend und eigentümlich, denn zu Beginn einer jeden Epoche wird dabei die „Geschichte“ des „Problemjugendlichen“ Andreas B. erzählt. Nicht die Jugendlichen, sondern das System der Jugendhilfe selbst, wird anschließend von Nicole Rosenbauer als „Problemfall“ dargestellt und scharf kritisiert. Sie plädiert für eine Flexibilisierung der Hilfen im Sinne der sozialpädagogischen Kompetenz, veränderte Rahmenbedingungen eingehen zu können, ohne dabei der Gefahr der Orientierungslosigkeit zu unterliegen. Wichtig ist m. E. vor allem der Beitrag von Regina Rätz-Heinisch, weil er vermittelt, dass auch Problemjugendliche etwas lernen, was ihnen eher selten unterstellt wird. Sie lernen nur nicht immer das, was sie nach Meinung der Erwachsenen lernen sollen. Informelle Formen des Lernens, nämlich das Lernen aus Erfahrung, Lernen als interaktionistischer Austausch und das biografische Lernen wird hier dem Leser (wieder) in Erinnerung gerufen und liefert neuen Stoff für Diskussionen.

Den thematischen Bereich des internationalen Umgangs von Problemjugendlichen decken zwei Artikel ab. Während Holger Ziegler die englischen Interventionspraktiken seit den 1960er Jahren eng verknüpft mit der herrschenden Politik darstellt, geben die Autoren Edith Maud und Stefan Schnurr einen umfassenden Überblick über das heterogene schweizerische Jugendhilfe-System.

Wie Problemjugendliche in der medialen Öffentlichkeit wahrgenommen und dargestellt werden, zeigen Michael Walter und Christian von Wolffersdorff im dritten Themenblock. Bedenkenswert ist hierbei vor allem die Botschaft, dass die Gesellschaft durch ihr Verhalten, nämlich der Gier und Lust auf Sensation, die Eigendynamik der Berichterstattung maßgeblich beeinflusst und hierfür ein hohes Maß an Verantwortung trägt. Das Volk will mit Spannung und Thrill versorgt werden, was „Monsterkids“ und jugendliche Sexualstraftäter liefern. So sind „bad news“ auch immer „good news“ und eine sachlich fundierte Berichterstattung fällt zunehmend schwer.

Der vierte und letzte Themenbereich ist mit „Orte der Hilfe?“ überschrieben und bildet mit sieben Artikeln den Schwerpunkt des Sammelbandes. Dabei werden unterschiedliche Settings möglicher Hilfestellung – von der Straße, Kinder- und Jugendpsychiatrie, ambulante und freiheitsentziehende Maßnahmen bis hin zu Auslandsprojekten – auf sehr verschiedene Weise vorgestellt. Zu finden sind anschaulich gestaltete Berichte mit Praxischarakter und eher theoretisch geleitete Aufsätze. So breit das Feld der Problemjugendlichen, so breit auch die möglichen Formen des Umgangs mit ihnen.

Vielfach wird in den Beiträgen darauf hingewiesen, dass die so genannten Problemjugendlichen sich nicht nur dadurch auszeichnen, dass sie der Gesellschaft Probleme machen, sondern dass sie Probleme haben, die die Gesellschaft ihnen macht. Der Perspektivwechsel ist somit vollzogen und immer wieder sollte der Blick auch auf die Beteiligten gerichtet und erweitert werden, die bei der Entstehung und Kultivierung der Problemjugendlichen erhebliche Verantwortung tragen. Paradox, denn es sind genau die Systeme und Institutionen bei der Entstehung der Problemjugendlichen beteiligt und mitverantwortlich, die auch Unterstützung, Betreuung, Therapie und Hilfe für diese anbieten. Sie stellen zugleich Gift und Gegengift dar.

Das Buch richtet sich an Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Hochschullehrer und Studierende. Es enthält eine Fülle von Anregungen, Informationen und Beiträgen, die zur Diskussion einladen und leistet somit einen guten Beitrag zur bestehenden Auseinandersetzung im Umgang mit schwierigen Heranwachsenden.
Sandra Menk (Koblenz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sandra Menk: Rezension von: Witte, Matthias D. / Sander, Uwe (Hg.): Erziehungsresistent?, Problemjugendliche als besondere Herausforderung für die Jugendhilfe (Grundlagen derSozialen Arbeit; Bd. 15). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/83400080.html