EWR 8 (2009), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sammelrezension
Jugendhilfe und Schule im Kontext von Ganztagsbildung

Ulrich Deinet / Maria Icking (Hrsg.)
Jugendhilfe und Schule
Analysen und Konzepte für die kommunale Kooperation
Opladen: Budrich 2006
(260 S.; ISBN 3-86649-012-7; 24,90 EUR)
Angelika Henschel / Rolf Krüger / Christof Schmitt / Waldemar Stange (Hrsg.)
Jugendhilfe und Schule
Handbuch für eine gelingende Kooperation
Wiesbaden: VS Verlag 2008
(780 S.; ISBN 978-3-531-15289-9; 59,90 EUR)
Thomas Coelen / Hans-Uwe Otto (Hrsg.)
Grundbegriffe Ganztagsbildung
Das Handbuch
Wiesbaden: VS Verlag 2008
(990 S.; ISBN 978-3-531-15367-4; 59,90 EUR)
Jugendhilfe und Schule Jugendhilfe und Schule Grundbegriffe Ganztagsbildung Die drei im Folgenden besprochenen Sammelbände dokumentieren ein wieder neu aufgekommenes Interesse an Kooperationen von Jugendhilfe und Schule. Die Anlässe für die Intensivierung des Diskurses um Jugendhilfe und Schule sind auf mehreren Ebenen zu finden: Auf gesellschaftskritischer Ebene gaben Befunde aus der Bildungsforschung (PISA, IGLU, TIMSS etc.) den Anlass, Ungerechtigkeiten im Schulwesen zu thematisieren und sich auf die Suche nach neuen Lösungen zu machen. Der infolge der grossen Öffentlichkeitswirksamkeit der PISA-Ergebnisse entstandene politische Handlungsdruck forderte die Schule sowie insbesondere auch die Jugendhilfe dazu heraus, sich auch auf konkreter bildungspolitischer Ebene Gehör zu verschaffen, um sich in sich abzeichnenden Schulreformen möglichst attraktiv zu verorten. Neben dieser bildungs-politischen und der gesellschaftskritischen Ebene stellt sich zudem auf fachlicher Ebene die Frage danach, wie Kooperationen von Jugendhilfe und Schule konzeptionell und praktisch gestaltet werden. So gesehen ist die Intensivierung des Diskurses zu diesem Thema auch ein Ausdruck von Professionalisierungsbestrebungen hinsichtlich der Entwicklung innovativer Praxen auf der Grundlage neuer Reflexionen, Konzepte und Strukturen.

Die drei zur Diskussion stehenden Sammelbände bedienen diese Ebenen unterschiedlich ausführlich und präsentieren damit auch je eigene Buch-Konzeptionen, mit denen sie sich für unterschiedliche Zielgruppen attraktiv machen.

Der Sammelband „Jugendhilfe und Schule. Analysen und Konzepte für die kommunale Kooperation“ von Ulrich Deinet und Maria Icking widmet sich vorrangig Fragen zur Konzept- und Praxisentwicklung, ohne dabei jedoch grundlegende Reflexionen zum Thema gänzlich auszublenden. Die Herausgeber betonen in ihrer Einleitung, dass sie mit ihrem Sammelband nicht den Anspruch erheben, das Kooperationsfeld von Jugendhilfe und Schule im vollen Umfang abzubilden und zu diskutieren. Vielmehr ist es ihnen ein Anliegen, anhand exemplarischer Beispiele Wege zur Konzeptentwicklung und innovativen Praxis aufzuzeigen. Der Sammelband richtet sich damit auch vorrangig an Fachkräfte aus Jugendhilfe und Schule, die mit der Entwicklung und Steuerung von Kooperationen beauftragt sind sowie in zweiter Linie an Fachpersonen, die in diesen Kooperationen arbeiten. Der Sammelband besteht aus insgesamt 5 Kapiteln mit je drei Artikeln. Vor dem Hintergrund einer für notwendig erachteten und ausführlich diskutierten argumentierten „Erweiterung des Bildungsbegriffs“ (8) werden im ersten Kapitel „Grundlagen“ für Kooperationen skizziert. Dies geschieht anhand dreier Artikel zum praxisleitenden Bildungs- und Erziehungsbegriff sowie zum Konzept sozialraumorientierter Kooperationen. Die daran anschließenden vier Kapitel greifen unterschiedliche Kooperationsanlässe und Institutionalisierungsformen von Jugendhilfe und Schule auf. In Kapitel 2 werden unter dem Titel „Jugendarbeit und Schule“ anhand dreier Beiträge Fragen zum Beitrag der Jugendarbeit zur Gestaltung von Ganztagsschulen thematisiert. Kapitel 3 trägt die Überschrift „Soziale Arbeit an Schulen“ und thematisiert mit der Schulsozialarbeit und den Schulstationen zwei unterschiedliche Praxisformen sowie mit einem Beitrag zum Thema „Elternarbeit“ ein Querschnittsthema. Das Kapitel 4 thematisiert Fragen der „Berufsorientierung und des Übergangs in den Beruf“ als besondere Herausforderung für Kooperationen von Jugendhilfe, Schule und Wirtschaft. Im abschliessenden Kapitel 5 geht es um „Kommunale Strukturen und Planungskonzepte“, für die ausgehend von empirischen Befunden in Verbindung mit sozialräumlichen Ansätzen Perspektiven für die kommunale Jugendhilfeplanung und Schulentwicklung aufgezeigt werden. Die abschliessende Vision einer „Zukunftsschule im Wohnquartier“ von Gaby Grimm verdeutlicht noch einmal, wie groß gegenwärtige Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe sowohl für die Schule als auch für die Jugendhilfe derzeit noch sind, um gelingende Kooperationen aufzubauen und zur weiteren (Planungs-)Institution wie z.B. zur Stadtplanung zu etablieren. Das charakteristische Innovationspotenzial dieses Sammelbandes besteht in dem durchgängigen Bezug zu sozialräumlichen Ansätzen, wodurch die vielfältige Verwendung dieser Ansätze deutlich wird.

Der von Angelika Henschel, Rolf Krüger, Christof Schmitt und Waldemar Stange herausgegebene Sammelband trägt ebenfalls den Titel „Jugendhilfe und Schule“, markiert jedoch bereits durch den Untertitel „Handbuch für gelingende Kooperation“ sowie durch den Umfang (780 Seiten) eine deutlich andere Konzeption, verbunden mit einem anderen Anspruch. Anlass für diesen Sammelband war das in Niedersachsen durchgeführte Präventions- und Integrationsprogramm PRINT, im Rahmen dessen unter anderem Kooperationen von Jugendhilfe und Schule intensiviert werden sollten, um abweichendem Verhalten von Mädchen und Jungen entgegenzuwirken. So stammt auch die überwiegende Anzahl der Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge entweder aus dem direkten Projektzusammenhang oder aber aus dem hochschulischen Umfeld der Universität Lüneburg, an der die wissenschaftliche Begleitung des Projekts angesiedelt war. Ein Blick auf die Arbeitsorte der Autorinnen und Autoren gibt einen weiteren wichtigen Hinweis für die Konzeption dieses Sammelbandes: Neben ausgewiesenen akademischen Expertinnen und Experten zur Thematik sind auch Fachkräfte aus der Praxis des Kooperationsfeldes von Jugendhilfe und Schule mit Beiträgen an diesem Sammelband beteiligt. Der Sammelband trägt dieser Vielfalt an Autorinnen und Autoren dadurch Rechnung, dass das gesamte Werk in drei grosse Teile untergliedert ist. Der erste Teil des Bandes ist mit „Grundlagen“ betitelt und enthält 14 wissenschaftliche Beiträge zu unterschiedlichen Themendimensionen wie z.B. dem Bildungsverständnis in der Sozialpädagogik (Hans Thiersch), der Ganztagsschule (Wolfgang Edelstein), der geschlechtergerechten Schule (Astrid Kaiser) und Fragen zur Partizipation im Kontext einer schulbezogenen Jugendhilfe (Franz Prüß). Als besonders gelungen ist für diesen Teil des Sammelbandes hervorzuheben, dass alle Autorinnen und Autoren ihre jeweiligen Themen immer wieder direkt auf Kooperationen von Jugendhilfe und Schule beziehen. So werden auch Themen wie z.B. Bildungsstandards (Reinhard Uhle) in ihrer Bedeutung für die Sozialpädagogik bzw. für Kooperationen von Jugendhilfe und Schule konkretisiert, wodurch diese grundlegenden Beiträge nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum interessant, verständlich und lesenswert sind.

Der zweite Teil des Bandes trägt den Titel „Ausgewählte Problemstellungen“ und verweist damit bereits auf die Besonderheit des Kooperationsfeldes von Jugendhilfe und Schule, dass es eigentlich kaum jugendspezifische Probleme und Themen gibt, die nicht auf dieses Feld bezogen werden können bzw. keine Relevanz für dieses Themenfeld besitzen. Den Herausgeber/innen ist für dieses Kapitel jedoch eine attraktive Auswahl von Themen gelungen, die das breite Spektrum an Herausforderungen in diesem Arbeitsbereich dokumentieren. In diesem zweiten Teil des Sammelbandes finden sich insgesamt 11 wissenschaftliche Beiträge zu Themen wie z.B. Mobbing (Dan Olweus), geschlechterbewusste Gewaltprävention (Angelika Henschel), Kinderarmut (Christoph Butterwegge), Rechtsextremismus (Franz Josef Krafeld), Schuldistanzierung (Karlheinz Thimm) und Gender (Lotte Rose). Auch hier werden die ausgewählten Themen wieder direkt auf das Kooperationsfeld von Jugendhilfe und Schule bezogen und machen damit die jeweiligen Ausführungen insbesondere auch für die Praxis wertvoller und brauchbarer.

Im dritten Teil des Sammelbandes, der mit „Praxis gestalten“ überschrieben ist, beginnt die Durchmischung der Autorinnen und Autoren und es kommen nun auch Personen aus der Praxis zu Wort. Um die insgesamt 37 Beiträge in diesem dritten Teil zu ordnen, wurde eine weitere Untergliederung vorgenommen. Die beiden ersten Unterkapitel sind mit „Kooperation politisch und strukturell gestalten“ und „Instrumente der Kooperation und Qualitätssicherung“ bezeichnet und behandeln vorrangig Fragen auf konzeptioneller Ebene wie z.B. die Themen Jugendhilfeplanung, Übergang von der Schule in den Beruf, Kooperationsvereinbarungen, Projektmanagement, Vereinsgründung, Öffentlichkeitsarbeit, zivilrechtliche Haftungsrisiken und Qualitätsentwicklung. Zudem werden hier Ergebnisse aus dem zu Grunde liegenden PRINT-Projekt vorgestellt. Das abschliessende dritte Unterkapitel des dritten Teils trägt den Titel „Best Practice“ und vermittelt Einblicke in die Praxis. Entlang eines einheitlichen Rasters werden hier auf jeweils ca. 2-4 Seiten Praxisprojekte zu Themen wie „Wohlbefinden in der Schule“, „Berufsfahrplan“, „Zuspätkommer“ sowie Streitschlichtungsprogramme wie z.B. die „Konfliktlotsenausbildung“ dargestellt. Als besonders interessant ist an dieser hervorzuheben, dass die meisten Beiträge in diesem Unterkapitel in Ko-Produktion von je einer Lehrkraft und einer Fachperson aus der Jugendhilfe erstellt wurden und auch auf diese Weise die Kooperation zweier Professionen bekräftigt wird. Hier kommt somit die Praxis zu Wort. Bei der Lektüre dieser Beiträge stellt sich jedoch die Frage, ob sie als Einblicke in die Praxis verstanden werden sollen oder ob sich die Leser/innenschaft über diese Darstellungen auch konkrete Anleitungen für die eigene Praxis aneignen können soll. In Bezug auf die zweite Möglichkeit sind die Beiträge sicherlich etwas zu wenig ausführlich, da sie das jeweilige methodische Vorgehen häufig nur in Stichpunkten darstellen und nicht ausführlich erläutern. So gesehen können diese Beiträge der Praxis als systematisierte Einblicke in die Praxis verstanden und gewürdigt werden und der in der Praxis tätigen Leser/innenschaft werden hier sicherlich auch Ideen für die eigene Praxisgestaltung aufgezeigt. Wer jedoch konkrete Ausführungen und Anleitungen zu Handlungsmethoden sucht, wird hier wohl an einigen Stellen eine etwas ausführlichere Erörterung vermissen.

Jenseits dieser insgesamt als attraktiv für die Praxis zu bezeichnenden und auch für Lehre und Weiterbildung gut nutzbaren Zusammenstellung von Beiträgen hinterlässt der Sammelband von Henschel et. al. jedoch hinsichtlich eines Aspektes auch noch einen Eindruck, der zum kritischen Nachdenken anregen sollte: Zählt man einmal die Beiträge aus den ersten beiden Teilen des Sammelbandes zusammen, so kommt man auf die stattliche Anzahl von insgesamt 47 wissenschaftlichen Beiträgen in diesen beiden Teilen des Buches. Interessanterweise sind davon jedoch nur 12 von Frauen verfasst, wovon sich wiederum 5 Frauen explizit mit der Thematik Geschlechtergerechtigkeit bzw. Gender befassen, während jedoch keiner der männlichen Autoren diese Thematik in den Titel seines Beitrags aufgenommen hat. Umso interessanter wird dieses Geschlechterverhältnis der Autor/innenschaft, wenn zum Vergleich das Kapitel „Best Practice“ herangezogen wird, in dem 16 Artikel enthalten sind, von denen 14 von Frauen (mit-)verfasst wurden. Kritisch pointiert zugespitzt lässt sich damit an den Sammelband, jedoch auch an das gesamte Wissenschafts- und Praxisfeld von Jugendhilfe und Schule die Frage stellen, ob sich hierin ein gesellschaftliches Geschlechterverhältnis widerspiegelt, das dokumentiert, dass vorrangig Männer von hohen gesellschaftlichen Positionen aus die Vorgaben für Arbeitsplätze mit niedrigerer gesellschaftlicher Anerkennung formulieren und die Ausführung dieser Vorgaben auf den Arbeitsplätzen mit niedrigerer gesellschaftlicher Anerkennung wiederum Angelegenheit von Frauen ist.

Der dritte zur Diskussion stehende Sammelband ist von Thomas Coelen und Hans-Uwe Otto und trägt den Titel „Grundbegriffe Ganztagsbildung“ mit dem wichtigen Untertitel „Das Handbuch“. Wichtig ist dieser Untertitel, da die beiden Herausgeber bereits im Jahr 2004 einen weniger umfangreichen Sammelband mit dem nahezu identischen Titel „Grundbegriffe der Ganztagsbildung“ herausgegeben haben.

Das nun vorliegende Handbuch markiert mit der Wahl des Titels bereits einen etwas anderen Zugang zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule: Nicht von der Kooperation an sich ausgehend wird überlegt, welche theoretischen Bezugspunkte, Konzepte und Arbeitsweisen für solche Kooperationen notwendig sind, sondern von der Idee der Ganztagsbildung ausgehend wird gefragt, wie sich das einleitend begründete Vorhaben der Ganztagsbildung durch Kooperationen von Jugendhilfe und Schule realisieren lässt. Der grosse Vorteil dieses Ansatzes besteht darin, dass von der Idee der Ganztagsbildung ausgehend Kooperationen von Jugendhilfe und Schule sowie weiteren Institutionen zunächst einmal reflektiert begründet und anschliessend auf ein Ziel hin bezogen entsprechend gestaltet werden können, ohne sich dabei affirmativ einer vorgegebenen institutionellen Struktur zu unterwerfen. Zudem betonen die Herausgeber, dass mit dem Ansatz der Ganztagsbildung auch angestrebt wird, traditionelle Konfliktlinien zwischen Schul- und Sozialpädagogik zu überwinden, indem in einem neuen, gemeinsam geteilten Rahmen Zuständigkeiten und Themenbearbeitungen neu und produktiv ausgehandelt, aufgeteilt bzw. kooperativ gestaltet werden. In dem Sammelband kommen daher Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Themenfeldern und Disziplinen zu Worte, um auf diese Weise kooperative Verständigungsprozesse zu leisten.

Der Sammelband ist in folgende 5 Kapitel gegliedert: Kapitel 1: Adressaten, Kategorien und Prozesse; Kapitel 2: Anlässe, Themen und Handlungsfelder; Kapitel 3: Lernwelten, Organisationen und Perspektiven; Kapitel 4: Personal, Professionen und Teams; Kapitel 5: Theorien, Evaluationen und Planungen. Es sind insgesamt 97 wissenschaftliche Fachartikel enthalten, die den Umfang zu berücksichtigender Themen im Kontext von Ganztagsbildung eindrucksvoll abbilden. Die Artikel umfassen je ca. 10 Seiten und bieten somit gute Übersichten und Einführungen in relevante Aspekte. Hier zeigt sich jedoch auch die Problematik, dass es zwar einige Themen gibt, die sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Begründungen und Aktualitäten als besonders relevant für das Vorhaben „Ganztagsbildung“ erweisen, es jedoch wohl kaum Themen für die Phase des Aufwachsens und Erwachsenwerdens gibt, die im Kontext von Ganztagsbildung keine Rolle spielen. Entsprechend umfangreich ist auch hier die Wahl der Inhalte ausgefallen. Es werden aktuelle Herausforderungen wie z.B. zu den Themen „Heterogenität“ (Nadia Kutscher), „Gender und Koedukation“ (Gerd Stecklina, Anke Spies), „Ethnie und Migration“ (Isabell Diehm) und „Internet Communities“ (Winfried Marotzki) sowie Fragen nach der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (Karin Böllert), dem „Demographischen Wandel“ (Ludwig Stecher, Sabine Maschke) und „Partizipation“ (Franz Bettmer) erörtert. Ein zentrales Thema ist immer wieder die Frage nach den unterschiedlichen Lern- und Bildungsorten, deren Qualität sowie die Möglichkeit der Vernetzung und Kooperation. Ein besonders hervorzuhebender Teil des Sammelbandes ist das Kapitel 3.2, in dem zunächst die Kinder- und Jugendhilfe anhand einiger Beiträge skizziert wird und im Anschluss daran ausführlich schulische Kontexte, Fragen und Herausforderungen dargestellt werden. Damit gelingt es in diesem Sammelband im Vergleich zu den beiden zuvor dargestellten Sammelbänden am ausführlichsten, Kooperationsvoraussetzungen und -interessen auch auf schulischer Seite in den Blick zu nehmen. Dies scheint im Diskurs um Jugendhilfe und Schule von hoher Bedeutung zu sein, da dieser Diskurs vorrangig von Seiten der Jugendhilfe bzw. der Sozialpädagogik geführt wird, wodurch z.B. auch solche Eindrücke entstehen können, dass sich die Jugendhilfe diesbezüglich erst etablieren und legitimieren muss, dass sich die Jugendhilfe über disziplinäre Grenzen hinweg ungerechtfertigterweise über schulische Angelegenheiten prononciert oder dass sich die Schulpädagogik nicht für Kooperationen mit der Jugendhilfe interessiert. Eine wie hier von Coelen/Otto vorgenommene Zusammenführung sozial- und schulpädagogischer Themendimensionen ist vor diesem Hintergrund sicherlich ein wertvoller Beitrag, um Diskussions- und Ideenstränge zusammenzuführen und für Kooperationen nutzbar zu machen.
Ein weiterer, bisher in diesem Umfang noch nicht vorliegender Überblick ist die in Kapitel 4 dargestellte Übersicht über das Personal, das die angestrebte Ganztagsbildung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Qualifikationen gestalten soll. Thematisiert werden hier „Erzieherinnen“ (Anke König), die „Lehrerbildung“ (Christian Kraler), „Diplom-Pädagogen und Sozialpädagogen“ (Werner Thole, Jens Pothmann) sowie „Ehrenamtliche und Honorarkräfte“ (Wibke Riekmann). Auch damit liefert dieser Sammelband eine besondere Leistung, denn das Streben nach Ganztagsbildung stellt zum einen die Ausbildungsgänge vor neue Herausforderungen, zum anderen stellt sich für die beteiligten Institutionen die Frage, welche Praxis vor dem Hintergrund welcher Qualifikation geleistet werden kann oder anders herum, welche Herausforderung welche Qualifikation des Personals erfordert. Somit wird mit diesem Blick auf das Personal auch die Gesamtkonzeption des Sammelbandes abgerundet, indem Herausforderungen und Aufgaben anhand zahlreicher thematischer Beiträge aufgezeigt werden und entsprechende Qualifikationsanforderungen an das Personal damit begründet werden können.

Die drei vorgestellten Sammelbände erweisen sich alle drei auf je spezifische Weise als lesens- und empfehlenswert. Wer sich Einblick in sozialräumlich orientierte Steuerungsprozesse, Konzeptentwicklung und Praxis verschaffen möchte, ist mit dem Sammelband von Deinet/Icking bestens beraten. Wer ein ausführliches Handbuch sucht, bekommt mit dem Sammelband von Henschel et. al. ein Werk, dass zum einen grundlegende theoretische und konzeptionelle Fragestellungen thematisiert und darüber hinaus auch für die Leser/innenschaft aus der Praxis inspirierend sein dürfte. Der Sammelband von Coelen/Otto ist auf fachlicher Ebene mit dem Ausgangshorizont der Ganztagsbildung sicherlich wegweisend und dürfte sich ohne Frage als Standardwerk etablieren.
Florian Baier (Basel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Florian Baier: Rezension von: Deinet, Ulrich / Icking, Maria (Hg.): Jugendhilfe und Schule, Analysen und Konzepte für die kommunale Kooperation. Opladen: Budrich 2006. In: EWR 8 (2009), Nr. 1 (Veröffentlicht am 04.02.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/86649012.html