EWR 5 (2006), Nr. 2 (März/April 2006)

Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten

Ulrich Otto / Petra Bauer (Hrsg.)
Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten
(Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung, Bd. 11 und 12). (Bd. I und II als Gesamtwerk im Schuber)
Tübingen: dgvt-Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie) 2005
(1120 S.; ISBN 3-87159-600-0; 64,00 EUR)
Ulrich Otto / Petra Bauer (Hrsg.)
Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten
Soziale Netzwerke in Lebenslauf- und Lebenslagenperspektive (Band I)
Tübingen: dgvt-Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie) 2005
(647 S.; ISBN 3-87159-611-6; 37,00 EUR)
Petra Bauer / Ulrich Otto (Hrsg.)
Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten
Instrumentelle Netzwerke in Steuerung- und Kooperationsperspektive (Band II)
Tübingen: dgvt-Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie) 2005
(449 S.; ISBN 3-87159-612-4; 29,00 EUR)
Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten Zielsetzung und Zielgruppen
Die beiden Bände, die sich als interdisziplinäre Sicht auf die Förderung sozialer Netzwerke verstehen, erscheinen als Band 11 und 12 innerhalb der Reihe „Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung“, herausgegeben von Bernd Röhrle/Gert Sommer (Marburg). Ulrich Otto als Herausgeber von Band 11 und damit des ersten Bandes „Soziale Netzwerke in Lebenslauf- und Lebenslagenperspektive“ ist Professor für Sozialmanagement am Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich – Schiller – Universität Jena und Petra Bauer, die für Band 12 der genannten Reihe und damit den zweiten Band „Instrumentelle Netzwerke in Steuerungs- und Kooperationsperspektive“ verantwortlich zeichnet, ist wissenschaftliche Assistentin an der Freien Universität Berlin. Der Doppelband wird von den Herausgebern selbst als eine Zwischenbilanz gewertet, die eine realistische Sicht aufzeigen ebenso wie Grenzen der Netzwerkintervention verdeutlichen soll.

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen und Inhalte
Das Kompendium der Netzwerkforschung, so kann man diese beiden Bände ohne eine vorgreifende Wertung vornehmen zu wollen, durchaus benennen, verfolgt im ersten Band zwei inhaltliche Hauptziele: Es werden einerseits die Grundlagen der Netzwerkforschung für die Intervention und die Förderung aus übergreifender Perspektive beleuchtet und es werden andererseits Netzwerke und Netzwerkintervention über den Lebenslauf und die Lebenslagen hinweg bestimmt. Im zweiten Band dagegen geht es um institutionelle Netzwerke, genauer um Netzwerkmanagement und Kooperation. Die eher mikrosoziologische Sicht von Band eins wird durch eine verstärkt makrosoziologische im zweiten Band ergänzt.

Band I
Vier Artikel, die übergreifende disziplinäre Perspektiven von sozialen Netzwerken thematisieren, stehen zu Beginn des ersten Bandes. Annelinde Eggert-Schmid Noerr beschäftigt sich aus soziologischer Perspektive mit dem Zusammenhang zwischen Netzwerkstrukturen und Ich – Identität. Wesentlich erscheint mir ihr Verweis auf die systemtheoretische Aussicht, die davon bestimmt wird, dass es heute nicht mehr nur darum geht, sich in mehrere Identitäten zu zerlegen, um den Umweltbedingungen zu genügen, sondern um Spaltungen in verschiedene Lebensstile, die nebeneinander her laufen und sich noch nicht einmal zu einer partikulären Einheit fügen müssen.

Der nächste Beitrag von Frieder R. Lang thematisiert, in welcher Weise die Gestaltung sozialer Netzwerke bei veränderten Lebensereignissen oder Statuspassagen zur Stabilisierung bzw. Entwicklung des Individuums im Lebenslauf beiträgt. Aus motivationspsychologischer Sicht sind Netze, die über den Lebenslauf hinweg auch auf- bzw. abgebaut werden, das Ergebnis des Zusammenhangs zwischen Bedürfnissen und Opportunitäten, die sich dynamisch verändern und den gegebenen Bedingungen immer wieder neu angepasst werden müssen.

Im Beitrag von Franz J. Neyer geht es aus einer transaktionalen Fokussierung um die Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und sozialem Netzwerk. Er beschreibt nachvollziehbar und praxisrelevant, wie sich die Persönlichkeit in Besonderheit ihrer dauerhaften psychologischen Eigenschaften in Abgrenzung zu anderen entwickelt und zeichnet diese nach dem Fünf – Faktoren – Modell (Extraversion, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit) in Abhängigkeit von sozialen Beziehungen nach. Ein sehr gelungener Beitrag, in dem auch heraus gearbeitet wird, dass Persönlichkeitseinflüsse auf soziale Netzwerke stärker wirken als umgekehrt.

Ulrich Otto greift theorie- und interventionsbezogene Anschlussstellen zu benachbarten disziplinären Konzepten auf, die letztlich verdeutlichen sollen, wie wichtig soziale Unterstützung in Netzwerken ist. Der Autor selbst betont, dass die Auswahl der theoretischen Ansätze weder vollständig noch systematisch zusammengestellt sei. Leider kommt das beim Leser genau so an: Die Theorien sind wie so oft in der Sozialen Arbeit wenig fundiert, ohne wirklich zu einem Fokus zu gelangen. Außerdem, was ist das Anliegen dieses Diskurses, wenn theoretische Ansätze hinsichtlich der Netzwerkforschung nicht weiter entwickelt werden? Eine außerordentlich relevante Quintessenz findet sich auf der vorletzten Seite klein gedruckt: „Bemühungen, … bleiben unvollständig, solange der ökonomische Kontext als Ensemble von baulichen, kulturellen und ökonomischen Einheiten nicht hinreichend berücksichtigt wird“ (117).

Die folgenden Beiträge beziehen sich auf Netzwerkförderung aus übergreifender Perspektive, wobei die soziale Unterstützung als die wichtigste funktionale Dimension von Netzwerkbeziehungen im Mittelpunkt steht. Frank Nestmann formuliert nach einer kurzen Rekonstruktion der sozialen Netzwerkforschung geeignete Anforderungen an die Interventionspraxis. Anwendungsorientiert wird verdeutlicht, dass sich Netzwerkintervention immer mehrerer Strategien und Methoden auf differenzierten Zielebenen bedienen muss.

Der Mobilisierung sozialer Unterstützung ist der Beitrag von Thomas Klauer und Markus Winkeler verpflichtet. Nach der Klärung theoretischer Begrifflichkeiten (soziale Unterstützung/Hilfesuchen u.a.) folgen ausgewählte empirische Befunde, die zu Perspektiven der Intervention dem Mobilisierungstraining, weitergeführt werden. Kritisch wird angemerkt, dass es in gängigen Trainingsprogrammen kaum Bezüge zur Bewältigung von Stress- und Krisensituationen gäbe (172).

Der Aufsatz von Sören Petermann beschäftigt sich aus der Binnenperspektive mit dem egozentrischen Netzwerk und untersucht, welche Beziehungen mehrfache, multiplexe Unterstützung leisten. Es ist meines Erachtens einer der besten Beiträge im Band, weil er sehr gut strukturiert anwendungsbereites Wissen zur Verfügung stellt.

Der zweite Teil des ersten Bandes unterliegt einer doppelten Bestimmung: einer lebenslaufbezogenen Perspektive – hier geht es um Netzwerke in differenzierten Lebensphasen, wobei das Alter eine dominierende Rolle spielt und einer im Umgang mit spezifischen Lebenslagen und Lebenslaufereignissen (Krankheit, Verwitwung etc.).

Zu Beginn dieses zweiten Teiles stehen drei Artikel über wichtige Zusammenhänge zwischen Familien- und Netzwerkforschung. Anna Brake führt den Begriff des „Mehrgenerationennetzwerkes“ ein und konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Großeltern und ihren Enkeln. Ein klar formulierter Aufsatz, der einen sehr guten Überblick gibt und konzentriert in seinen Ausführungen ist. Es folgt ein Artikel von Martin Grünendahl und Mike Martin, die ihren Schwerpunkt auf die innerfamiliären Generationsbeziehungen und zwar auf die der Eltern und Kinder lenken. Kritisch ist anzumerken, warum a) auf Ergebnisse einer Studie, die von 1994 bis 1996 stattfand, zurückgegriffen wird und b) wieder die Differenzen zwischen Ost und West bemüht werden und das 16 Jahre nach der Vereinigung. Es wäre gerade in Forschungspublikationen angebracht, nach Jahren expliziter getrennter Betrachtung endlich gesamtdeutsche Befunde vorzustellen. Der dritte Aufsatz von Regina Soremski ist der Familiensolidarität insgesamt gewidmet. Eine Schlussfolgerung scheint mir zentral zu sein: Affektive Netzwerke mit starken Verbindungen z.B. in der Kernfamilie bedienen eher die Sozialisationsfunktion; instrumentelle Netzwerke fördern die gesellschaftliche Integration (291).

Wünschenswert, weil logischer, wäre gewesen, wenn vor den beiden Aufsätzen ein klärendes Kapitel über die so oft aber divers diskutierten Begrifflichkeiten zur „Generation“ gestanden hätte und danach der Aufsatz zu Eltern und Kindern, gefolgt von Großeltern und Enkeln. Leider werden beide Ebenen der Generation auch in den Ausführungen immer wieder einerseits nicht stringent getrennt und andererseits doppelt verwendet.

In den folgenden elf Artikeln geht es um Konzepte von sozialen Netzwerken in lebenslagenspezifischen Konstellationen. Fünf sind dem Jugend- und Erwachsenenalter, sechs der Lebensphase des Alters gewidmet.

Axel Pohl, Barbara Stauber und Andreas Walther befassen sich mit informellen Netzwerken beim Statusübergang von der Ausbildung in die Arbeit. Forschungsbasis sind Übergangserfahrungen von 33 befragten Männern und Frauen, eine recht schmale Grundlage. Überhaupt sind die Ausführungen trotz wörtlicher Beispielzitate zu wenig stringent und teilweise auch redundant.

Wolf Rainer Wendt fokussiert seine Ausführungen auf die Vernetzung von Eltern und hier speziell auf Unterstützungsbeziehungen rund um den Kindergarten. In einem für meine Begriffe zu breit angelegten Artikel folgt eine erwartbare Quintessenz: Die Selbstaktivität gegenseitiger Unterstützungen, wie sie im Kindergarten unter Eltern gut situierter Herkunft besteht, macht eine direkte Sozialarbeit nachgerade überflüssig (346).

Der folgende Beitrag von Renate Höfer und Florian Straus verschreibt sich dem Elterntalk, einer neuen, im Vergleich zu institutionellen Ansätzen alltagsnahen Elternarbeit. Gerade an den letzten beiden Aufsätzen, aber auch anderen, wird trotz interessanter Details deutlich, dass der Gesamtrahmen für eine wissenschaftliche Publikation überschritten ist. Hier werden eher marginale Themen aufgegriffen, die dazu führen, dass dieser Band eben weit über 600 Seiten umfasst.
Mit dem Thema „Eine städtische Unterklasse?“ ist der Beitrag von Jörg Rössel und Michael Hölscher überschrieben, der soziale Netzwerke räumlich konzentrierter und benachteiligter Bevölkerungsgruppen untersucht. Die Resultate sind nicht überraschend: Das Einkommen hat zwar einen Einfluss auf die Struktur sozialer Netzwerke, dennoch sind Alter, Lebensform und Bildung stärker determinierende Variablen.

Dem Zusammenhang zwischen einer chronischen Erkrankung – Diabetes mellitus – und dem sozialen Unterstützungsnetzwerk als Literaturübersicht ist der Beitrag von Martina Eller, Andreas Mielck und Rüdiger Landgraf gewidmet. Als ein Hauptergebnis der Recherchen kann gelten, dass das soziale Umfeld die Realisierung der Therapie und das dibabetesspezifische Selbstmanagement des Betroffenen stärkt.

Ulrich Otto beginnt mit zwei Artikeln zum Thema Lebenslauf und Lebenslagen im Alter und der Pflege. In beiden Texten analysiert er demografische Entwicklungen unter netzwerkbezogenen Gesichtspunkten. Es wird eine Vielzahl von empirischen Befunden aus differenzierten Studien über die Entwicklung des Netzwerkes im Alter zusammengestellt. Allerdings veralten diese Daten sehr schnell und demzufolge sind sie für eine wissenschaftliche Publikation immer ein Handicap. Hilfreich sind am Ende des zweiten Beitrages die Perspektiven, die mit Blick auf die Aufgaben der Pflege auf der Makro- Ebene zusammengefasst werden.

Es folgt ein Beitrag von Jan H. Marbach, der sich mit der Problematik des Aktionsraumes im höheren Lebensalter auseinandersetzt. Nach einer Klärung des Begriffes, der für die Anlage der Publikation fast zu umfänglich erscheint, wird auf eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes „Lebensführung alter Menschen“ von 1993 zurückgegriffen und die Ergebnisse thematisch aufgearbeitet. Die Schwerpunkte der Intervention zur Schaffung von tragfähigen Netzwerken liegen insbesondere auf drei Ebenen: 1. auf der direkten Förderung vorhandener Netzwerke, 2. Schaffung künstlicher Netzwerke und 3. Verknüpfung professioneller und nicht-professioneller Netzwerke.

Einen interessanten Überblick über Netzwerkveränderungen nach Verwitwung geben die Ausführungen von Betina Holstein. Sie untersucht in Abhängigkeit von bestimmten Orientierungsmustern in der Freizeit das spezifische Verhalten von drei festgelegten Gruppen (Individualisten, Individualisierte und Umfeldbezogene).

Einer besonderen Form von Netzwerken bedarf die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Roland Schmidt untersucht den Zusammenhang von Angehörigenarbeit in der vollstationären Pflege und der Begleitung dieser Personengruppe. Es ist ein fachlich sehr versierter Beitrag, der nicht wie so viele vorher mit einem allzu akademisierten, oft anglistischen Sprachgebrauch aufwartet, sondern ohne jegliche Redundanz auf wesentliche Entwicklungen, auch rechtlicher Einschränkungen, eingeht.

Im letzten Aufsatz des ersten Bandes von Martin Pinquart und Silvia Sörensen werden auf Grundlage einer von ihnen durchgeführten Metaanalyse die Belastungen evaluiert, denen pflegende Angehörige in ihrer Arbeit ausgesetzt sind. Psychosoziale Interventionen, um Angehörige in der Pflege zu entlasten, sind auf zwei Wegen denkbar: Maßnahmen, die das Ausmaß objektiver Stressoren reduzieren sowie Interventionen, die die Fähigkeit des Pflegenden zum Umgang mit Stressoren erhöhen sollen.

Band II
Im zweiten Band mit weiteren mehr als 450 Seiten liegt der Schwerpunkt auf institutionellen Netzwerken aus der Steuerungs- und Kooperationsperspektive. Einleitende Überlegungen in die Thematik übernimmt die Herausgeberin dieses Bandes, Petra Bauer. Ihr geht es um die Klärung zentraler Begrifflichkeiten. Insbesondere der Netzwerkbegriff hat eine völlig neue Bedeutung erlangt – weg von der Klientenperspektive hin zur Steuerung und Entwicklung unter Effizienzgesichtspunkten.

Der folgende erste Teil des zweiten Bandes umfasst Themen, die sich mit übergreifenden Aspekten des Netzwerkmanagements auseinandersetzen. Adalbert Evers beginnt mit einer gesellschaftstheoretischen Perspektive, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, dem Zusammenhang zwischen Netzwerkarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Er plädiert für weiter reichende Bemühungen von Einrichtungen und Organisationen, die sich im Umfeld vernetzen müssten, damit bürgerschaftliche Ressourcen erschlossen werden können.

Der Beitrag von Herbert Schubert setzt sich mit der Frage auseinander, wie Akteursnetzwerke im Sozialraum aufgebaut und organisiert werden können und welche Fach- und Methodenkompetenzen dazu erforderlich sind. Die Abhandlung dient der Klärung, was auf methodischer Ebene an instrumentellen Umsetzungsschritten notwendig ist, um Netzwerke zu managen (98).

Der Aufsatz von Tilly Miller soll verdeutlichen, wie über Netzwerkmanagement und -steuerung deren Funktionsfähigkeit optimiert werden kann. Gerade unter dem monetären Druck Sozialer Arbeit ist ein kompetentes Netzwerkmanagement erforderlich.

Über 40 Seiten wird die Netzwerkentwicklung von Susanne Weber als Lernprozess in fünf Gestaltungsschritten unter der Berücksichtigung verschiedener Gesichtspunkte (funktional, sozial etc.) thematisiert. Ein Beitrag, der Kürzung verdient hätte, weil viele Schritte aus Gruppenanalyseverfahren bekannt sind.

Ein konzentrierter Artikel von Holger Spieckermann ist der Evaluation von Netzwerken gewidmet. Erfahrungen aus zwei EU- Gemeinschaftsinitiativen wurden ausgewertet, wobei bemerkt wird, dass auf ein Standardrepertoire an Indikatoren zur Evaluation von Netzwerken nicht zurückgegriffen werden kann (195).

Im zweiten Teil des Bandes thematisieren fünf Beiträge auf konkrete Projekte und Handlungsfelder strukturelle, organisatorische und kommunikative Aspekte des Netzwerkmanagements. Im Einzelnen sind das die Beiträge von:

  • Eric van Santen & Mike Seckinger zu Fallstricken im Beziehungsgeflecht, wo es um das Doppelleben interinstitutioneller Netzwerke geht.
  • Michael Wissert zu Netzwerkarbeit in „unabhängigen“ Case – Management – Stellen;
  • Kurt P. Bierschock zur Vernetzung und Kooperation im Bezug auf familienbildende Maßnahmen im ländlichen Raum;
  • Jörg Ernst beschreibt die Arbeit mit MigrantInnen und
  • Ewald Johannes Brunner setzt sich mit der Implementation eines institutionellen Netzwerks auseinander.


Der dritte Teil des zweiten Bandes hat dann wieder wie bereits im Band I das Alter als zentralen Schwerpunkt zum Inhalt. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen Fragen der Gestaltung der Schnittstelle zwischen professionellen und sozialen Netzwerken.

Sehr kritisch, aber konstruktiv beleuchtet Peter Zeman die Altenpflegearrangements und verdeutlicht, dass durch die partielle Deprofessionalisierung pflegerischer Laien, die auf Basis eines oft unreflektierten Lebensweltbezugs handeln, eine ernst zu nehmende Verdrehung resultieren könnte –professionelle Lebensweltdistanz kann unprofessionelle Distanzlosigkeit werden (329).

Stefan Blüher & Manfred Stosberg greifen erneut empirische Befunde zur Perspektive pflegender Angehöriger und professioneller Pflegekräfte auf und sie bewegen sich dabei im seit der Einführung der Pflegeversicherung bereits oft thematisierten Spannungsfeld zwischen „Menschlichkeit“ und „Markt“ (366).

Abschließend folgen noch zwei weitere Aufsätze einmal von Josefine Heusinger & Monika Klünder zur Bedeutung professionell Pflegender für die Netzwerkentwicklung älterer Menschen und zum anderen von Astrid Hedtke-Becker & Rosemarie Hoevels zur Unterstützung chronisch Kranker und deren multiprofessionellen Überleitung in ein Akutkrankenhaus.

Fazit
Nach gründlichem Studium der beiden Bände "Soziale Netzwerke in Lebenslauf- und Lebenslagenperspektive" und "Institutionelle Netzwerke in Steuerungs- und Kooperationsperspektive", die insgesamt 1120 Seiten umfassen, bleibt das Gefühl, dass die aufgegriffene Problematik beinahe unerschöpflich ist. In 38 Beiträgen (22 im ersten und 16 im zweiten Band) haben 48 Autorinnen und Autoren aus einer differenzierten interdisziplinären Sichtweise das, was an Studien, empirischen Arbeiten und Veröffentlichungen vorliegt, wissenschaftlich aufzuarbeiten versucht. Der eher offene Diskurs und die additive Herangehensweise der Erörterungen lassen sicher viele Fragen unbeantwortet, beleben aber die laufende Debatte und Auseinandersetzung fundiert und anregend.

Die Anmerkung der Herausgeber, ob es sich bei den beiden Bänden nun um eine "Zwischenbilanz" oder schon um ein "Handbuch" handelt, war für sie nicht so entscheidend - wichtiger dagegen war ihnen, inwiefern die Publikation dazu beitragen kann, die Diskussion weiter zu bündeln und voranzubringen" (Bauer/Otto Bd. I; 22). Letzteres ist ihnen unzweifelhaft gelungen. Es ist ein Kompendium der Vielseitigkeit und Komplexität eines Themas, das wissenschaftlich all zu oft aufgegriffen, aber nie in dieser hier vorgelegten Weise zusammengefasst wurde. Insofern trägt es zur Bereicherung der wissenschaftlichen Diskussion ganz unterschiedlicher Provenienz bei, wobei insbesondere die Profession der Sozialen Arbeit davon profitieren dürfte.

Dennoch bleiben Kritikpunkte, die nicht zu übersehen sind: Es erfolgt keine Definition von Ziel- bzw. Lesergruppen, wodurch auch die Bestimmung des Werkes selbst unklar bleiben muss. Die in manchen Aufsätzen vordergründig akademische Sprachgebung einerseits steht andererseits eher pragmatischen Artikeln so offensichtlich gegenüber, dass sowohl Studierende und wissenschaftlich Tätige angesprochen sind, ebenso aber Praktiker, die sich der täglichen Netzwerkarbeit verschrieben haben. Beide Lesergruppen aber können nicht von allen Ausführungen gleichermaßen profitieren.

Doppelungen, ja auch Redundanzen, sind bei diesem Umfang vorprogrammiert und deshalb ist es niemandem zu verdenken, wenn er inmitten dieser Ausführlichkeit genervt aufgibt. Leider ist die Publikation für mich als Handbuch untauglich, denn eine geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts von Fachwissen, das als Nachschlagewerk dienen kann, ist es nicht. Dazu fehlt zumindest ein Sachwortregister, wo der Leser die Chance hätte, eine ihn interessierende Thematik zu finden. Es fehlt trotz des Bemühens, das Thema sowohl mikro- als auch makrosoziologisch aufzuarbeiten, eine nachhaltige Stringenz in der Gliederung. Auch wenn die demographische Entwicklung eine bestimmte Konzentration auf alte Menschen gebietet, müssen nicht in beiden Bänden teilweise gleiche Tatbestände wie die der Netzwerkentwicklung im Alter bemüht werden. Die Gestaltung der abschließenden Abschnitte der einzelnen Kapitel ist teilweise verwirrend, einmal ist es ein Fazit, dann ein Ausblick und andererseits ein Resümee und manchmal gibt es überhaupt keine zusammenfassenden Überlegungen, die bei der Komplexität und der Differenziertheit der Sicht durchaus angebracht wäre.

Dennoch, die positive Einschätzung der beiden Bände inhaltlich, fachwissenschaftlich, auch von Seiten der Gestaltung her, überwiegt bei Weitem. Es lohnt sich für all jene, die spezifische Anregungen und eine breite Sicht bevorzugen und die, die für wissenschaftliche Auseinandersetzungen einen langen Atem haben.
Gisela Thiele (Zittau/Görlitz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Gisela Thiele: Rezension von: Otto, Ulrich / Bauer, Petra (Hg.): Mit Netzwerken professionell zusammenarbeiten, (Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung, Bd. 11 und 12). Tübingen: dgvt-Verlag (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie) 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 2 (Veröffentlicht am 04.04.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/87159600.html