EWR 1 (2002), Nr. 2 (April/Mai 2002)

Pierre Bourdieu
Wie die Kultur zum Bauern kommt
Über Bildung, Klassen und Erziehung
Hamburg: VSA-Verlag 2001 2001
(207 Seiten; ISBN 3-87975-803-4; 18,90 EUR)
Wie die Kultur zum Bauern kommt Von der Aktualität der Bildungsforschung Pierre Bourdieus

Das Geschäft der Bücherproduktion ist angesichts der diesen Markt beeinflussenden Interessensschwankungen des Publikums durch aktuelle Ereignisse nahezu unwägbar. Doch die von Margareta Steinrücke herausgegebene Textsammlung aus dem Werk Pierre Bourdieus zum Thema Bildung, Schule und Politik hat das Glück, ungeplant an der Schnittstelle zweier aktueller Ereignisse auf den Mark zu kommen, die der Publikation einen besonderen Wert verleiht: Einerseits erleben wir in der Bundesrepublik Deutschland eine durch die Pisa-Studie angestoßene hitzige Bildungsdebatte (und das im Wahljahr), andererseits – es mag zynisch klingen, ist aber keineswegs so gemeint – ist der Verfasser der Texte wenige Monate nach dem Erscheinen des Buches verstorben (24.01.02), so dass es ungewollt zu einer Werkretrospektive gerät.

Diesen überraschenden Ansprüchen, Teil einer aktuellen öffentlichen Debatte zu sein und gleichzeitig eine Hommage, genügt das Buch mühelos. Es ist eine gelungene systematische Textsammlung der Schriften Bourdieus und gleichzeitig eine wertvolle Erinnerung an seine – wahrscheinlich vielen im geisteswissenschaftlichen Bereich Beschäftigten – bekannten Positionen, die er schon Ende der 60er Jahre erhob und im weiteren Forschungsprozess bis zuletzt weiter spezifizierte: Die von der Bildungsreform propagierte Chancengleichheit ist eine Illusion; die Mechanismen des Bildungssystems sind selektiv; der Zusammenhang von Bildungsabschluss und Schichtzugehörigkeit ist trotz aller Eingriffe ins Bildungssystem empirisch nachweisbar; die Inflation der Bildungstitel höhlt das Vertrauen ins Bildungssystem aus, da es keine Garantie mehr für berufliche Sicherheit bei gleichzeitigem Anstieg der Anforderung an die Ausbildung übernimmt.

Die Textsammlung, die in die thematischen Abschnitte "Schule und soziale Ungleichheit", "Kulturelles Kapital und kulturelle Praxis" und "Pädagogik und Politik" gegliedert ist, scheint ein idealer Reader der wichtigsten Texte Bourdieus zur Bildung zu sein. Dabei zielt der Aufbau des Buches darauf, die Soziologie Bourdieus pädagogisch zu interpretieren (ein Angebot, das er selber macht). Dies alles fließt in dem Begriff der "rationalen Pädagogik" zusammen, die ihre Forschung als Offenlegung der den Bildungsprozess beeinflussenden oder gar behindernden Einflüsse versteht, sich politisch engagiert, um den Hauptzielen der Bildung (Gleichheit und Emanzipation) den Weg zu ebnen, und ihre Ausbildungsziele für Pädagogen überdenkt.

Und so gelungen die posthume Aufbereitung des Bildungsdiskurses Bourdieus ist, so wichtig erscheint sein Beitrag im Lichte der Debatte, die die Pisa-Studie ausgelöst hat und die zuweilen durch den Versuch der radikalen Ökonomisierung des Bildungssystems an Engführungen leidet. Wie sein gesamtes Schaffen ist auch die Bildungsthematik gekoppelt an die Frage nach den "Basisstrukturen der Gesellschaft", die wirksam sind. Dadurch wird die ängstlich auf kurzfristige Arbeitsmarktentwicklungen blickende Debatte über Qualität der Schulen in Deutschland um den Beitrag der Wissenschaft zu dem Thema bereichert.

Das Buch ist durch die kurze aber sehr prägnante Einführung für Einsteiger ins Denken Bourdieus genauso geeignet wie für Kenner seiner Arbeiten, die eine übersichtliche Sammlung seiner Texte zum Thema Bildung bislang zusammenzustellen versäumt haben. Der antikapitalistische Grundton seines Gesamtwerkes wird durch die Entscheidung der Autorin, sich auf Texte Bourdieus zum Zusammenhang von Bildung, Schule und Politik zu konzentrieren, noch verstärkt. Aber Bourdieus Verweise auf die Möglichkeiten der Pädagogik, diesen Zusammenhang positiv zu gestalten, machen die Sammlung zu einer erziehungswissenschaftlichen Literatur, die in die aktuelle Bildungsdebatte eingreift und einen Blick auf bereits geführte Bildungsdiskurse anmahnt.
Oliver Peters (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Oliver Peters: Rezension von: Bourdieu, Pierre: Wie die Kultur zum Bauern kommt, Über Bildung, Klassen und Erziehung, Hamburg: VSA-Verlag 2001 2001. In: EWR 1 (2002), Nr. 2 (Veröffentlicht am 00.04.2002), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/87975803.html