EWR 2 (2003), Nr. 4 (Juli/August 2003)

Christel Adick / Wolfgang Mehnert / Thea Christiani
Deutsche Missions- und Kolonialpädagogik in Dokumenten
Eine kommentierte Quellensammlung aus den Afrikabeständen deutschsprachiger Archive 1884-1914
Frankfurt/M. / London: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation 2001
(485 Seiten; ISBN 3-88939-237-7; 39,00 EUR)
In letzter Zeit kann die deutsche pädagogische Historiografie sich über die Veröffentlichung zahlreicher Quellenausgaben mit Anmerkungen freuen. Das gilt nicht nur für sehr aktuelle Forschungsthemen wie die Reformpädagogik [1], sondern auch für eher vernachlässigte Bereiche wie die Geschichte der Missions- und Kolonialpädagogik.

Zu diesem Bereich erschien 2001 die oben genannte Ausgabe. Sie vermittelt, auf der Grundlage von oft schwer zugänglichen Dokumenten (insgesamt 175) in evangelischen, katholischen und staatlichen Archiven, eine Einsicht sowohl in das Bildungswesen als auch die Schulpraxis der Afrikaner in den ehemaligen deutschen Kolonien (Togo, Kamerun, Südwestafrika und Ostafrika) – ein Studienbereich, über den die beiden Herausgeber jeweils gesondert eine lange Zeit arbeiteten. Dies geschieht unter anderem anhand politischer Programme, ehemaliger Programme, von Finanzierungsberichten, Briefen, Tagebuchnotizen und anderen Egodokumenten.

In der Einführung wird gezeigt, dass dieses Thema in der deutschen Erziehungswissenschaft insgesamt wenig zur Sprache gebracht worden war. Abgesehen von den übrigens nicht sehr zahlreich besuchten Workshops innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Unterrichtswissenschaft 1992 wurde dieses Thema laut den Herausgebern bislang kaum behandelt (wobei sie natürlich den ISCHE-Kongress [International Standing Conference for the History of Education], der 1993 in Lissabon abgehalten wurde und aus dem eine mehrsprachige Themennummer von Paedagogica Historica sowie eine portugiesisch-spanische Monografie hervorgingen, außer Acht lassen [2]).

Dennoch ist der hier erschlossene Bereich ihrer Meinung nach zur Erforschung der aktuelleren pädagogischen Prozesse im Rahmen der fortdauernden Modernisierung und Globalisierung äußerst relevant und lehrreich. Das gilt beispielsweise für die Wahl der Standardsprache unter den Bedingungen der Kolonialherrschaft, aber auch für weniger auf der Hand liegende Dinge wie den Mädchenunterricht, die Berufsausbildung usw. – Dinge, die gegenwärtig auch international im Mittelpunkt der kolonialen pädagogischen Historiografie stehen. In diesem Kontext ist es bedauerlich, dass man sich bei dieser Ausgabe kaum bemühte, eine echt vergleichende Perspektive zu entwickeln (beispielsweise hinsichtlich der Wahl der Unterrichtssprache [3]), auch wenn in den diversen Teileinführungen zu den thematisch angeordneten Quellen durchaus der Versuch gemacht wurde, die deutsch-afrikanischen Kolonien einander gegenüberzustellen. Trotzdem ist der Quellenband m.E. gut zu gebrauchen für Forschung und Lehre, insbesondere für Seminararbeiten, die den festgestellten Mangel an Interesse für Missions- und Kolonialpädagogik vielleicht mildern können



[1] Vgl. D. Benner & H. Kemper, Quellentexte zur Theorie und Geschichte der Reformpädagogik, 2 Bd., Weinheim, Beltz - Deutscher Studien Verlag, 2000-2001.
[2] A. Nóvoa, M. Depaepe & E.V. Johanningmeier (Eds.), The Colonial Experience in Education. Historical Issues and Perspectives, Gent, C.S.H.P., 1995 (Supplementary Series Paedagogica Historica, vol. I); A. Nóvoa, M. Depaepe, E.V. Johanningmeier & D. Soto Arango (Eds.), Para uma história da educação colonial / Hacia una historia de la educación colonial, Porto / Lisboa, Sociedade portuguesa de ciéncias da educação / Educa, 1996.
[3] Vgl. in diesem Bereich: M. Depaepe, J. Briffaerts, P. Kita Kyenkenge Masandi & H. Vinck, Manuels et chansons scolaires au Congo Belge, Leuven, Presses Universitaires de Louvain, 2003.
Marc Depaepe (Leuven)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marc Depaepe: Rezension von: Adick, Christel / Mehnert, Wolfgang / Christiani, Thea: Deutsche Missions- und Kolonialpädagogik in Dokumenten, Eine kommentierte Quellensammlung aus den Afrikabeständen deutschsprachiger Archive 1884-1914, Frankfurt/M. / London: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation 2001. In: EWR 2 (2003), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.08.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/88939237.html