EWR 2 (2003), Nr. 6 (November/Dezember 2003)

Meike G. Werner
Moderne in der Provinz
Kulturelle Experimente im Fin de Siècle Jena
Göttingen: Wallstein Verlag 2003
(368 Seiten; ISBN 3-89244-594-X; 24,00 EUR)
Moderne in der Provinz Paris und Berlin, Wien, Budapest oder Prag – dies sind die geläufigen Namen jener Metropolen, an deren Beispiel gemeinhin exemplifiziert zu werden pflegt, was unter Moderne und Modernität um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert zu fassen sei. In der einschlägigen Forschung sind hierzu in den vergangenen zwei Dezenien beeindruckende Studien und Analysen vorgestellt worden[1]. Mit der Fokussierung der kulturellen Moderne auf die Metropolen wurde aber zugleich stets auch ein Bild vom Rest der Welt als Provinz etabliert, in welcher der Traditionalismus, die kleinbürgerliche Behäbigkeit, die Beschränkung der Horizonte, die Kultivierung des Reaktionären vorherrschen sollte – oder in dem man (a contrario) die Provinz zur Idylle einer noch heilen Welt stilisierte. Doch spätestens seit den lokalkulturellen Untersuchungen z. B. über Marburg und Heidelberg, Darmstadt (Mathildenhöhe) und Dresden (Hellerau) oder Worpswede weiß man, dass die Differenz von Moderne und Tradition mit der von Metropole und Provinz nicht identisch gewesen ist. Ja, man registriert sogar einen "Aufstand der Provinz" gegen die arrogant-dogmatischen Vorgaben des Modernen durch die Berliner, Wiener oder Pariser Avantgarden mit der Intention, den eigenen und gewichtigen Beitrag der "Moderne in der Provinz" zu unterstreichen.

In dieser Perspektive – methodisch den "Cultural Studies" verpflichtet, denen sie eine "kulturtopographische Hermeneutik" (Nicolaus Sombart) entnimmt - wendet sich die an der Vanderbilt-University (Nashville, USA) lehrende Historikerin und Germanistin Meike G. Werner dem "modernen Jena" zu. Die vorliegende Studie, die 1995 der Yale-University als Dissertation vorgelegen hat, beansprucht nicht, "eine umfassende Darstllung Jenas im Fin de Siècle" (24) zu geben, sondern konzentriert sich im wesentlichen auf drei Aspekte, die die Autorin als typisch für das moderne Jena ansieht: Den 1904 von Leipzig nach Jena übersiedelten Kulturverlag von Eugen Diederichs, die Freistudentische Vereinigung an der Landesuniversität Jena in ihrer besonderen Verbindung zum sogenannten "Serakreis" und das Werk der Dichterin Helene Voigt-Diederichs, der Ehefrau von Eugen Diederichs. Man muss freilich sehen, dass diese Themenfelder, insbesondere die Geschichte des Eugen Diederichs Verlages, in den letzten Jahren (auch unter Mitwirkung der Autorin) in einer Reihe von Publikationen bereits in aufschlussreicher Breite und zum Teil auch beeindruckender Tiefe bearbeitet worden sind[2]. Die vorliegende Monografie gewinnt ihre Bedeutung daher insbesondere in Hinsicht auf die Zusammenführung verstreuter Teilthemen und im konzentrierenden Blick auf den Zentraltopos "Moderne in der Provinz".

Weil sich die Autorin (ihren bisherigen Arbeitschwerpunkten folgend) im Grunde genommen auf die Beschäftigung mit dem Kulturverlag Diederichs beschränkt (auch die Kapitel über Helene Voigt-Diederichs, den Serakreis und die Freistudenten werden immer wieder an die zwischen 1904 und 1914 sich wandelnde Programmatik und die zahlreichen Einzelaktivitäten Eugen Diederichs‘ zurückgebunden), werden in einem gesonderten Kapitel (S. 30-62) die Personen, Vereine und Einrichtungen, die Jena um1900 herum beeinflusst und zum Teil in ihrer "Weltgeltung" bestimmt haben, in einem abwechslungsreichen Panorama vorgestellt. Werner hält hierbei das Disparate einerseits mit dem Bourdieuschen Denkmodell des "intellektuellen Kräftefeldes", andererseits mit dem gelungenen Bild des "kreativen Milieus" (Brix/Janik) zusammen: Vor dem Hintergrund der von dem "Unternehmer-Professor" Ernst Abbe ins Leben gerufenen "Zeiss-Stiftung" (fortschrittliche betriebliche Sozialpolitik in Verbindung mit vielfältiger Förderung kommunaler Kultureinrichtungen) passieren der Jenaer Kunstverein, der Neoidealismus Rudolf Euckens, der Monismus Ernst Haeckels als "Säkulare ‚Gegenreligion‘", die Pädagogik Wilhelm Reins, die Frauenbewegung und das Frauenstudium an der Universität Jena, schließlich auch einer der geselligen Mittelpunkte Jenas – das Haus des Verlegers Gustav Fischer und seiner Frau Minna Des Arts-Fischer – sowie der junge Herman Nohl Revue. Diederichs, der 1904 mit Verlag und Familie von Leipzig nach Jena übersiedelte, fasste all dies und sein intendiertes Gegenprogramm in der ihm eigenen emphatischen Weise zusammen: Jena sei der "geistige Mittelpunkt Deutschlands" und er betrachtete daher seine eigentümliche Aufgabe darin, von Jena und seinem Verlag aus, "Wege zu einer neuen deutschen Kultur" (62) zu weisen.

Dem Verlagsprogramm, der Person Eugen Diederichs und seinen vielfältigen Initiativen widmet sich die Autorin im umfangreichsten Kapitel der Studie (63-193). Ausgangspunkt war Diederichs stets die Suche nach dem "neuen Menschen", der "neuen Kultur", den "neuen Werten". Prägnant fasst die Autorin zusammen: So "bündelte Diederichs auf der Grundlage seines breiter angelegten Kulturbegriffs alle denkbaren praktischen Reformbewegungen und intellektuellen Denkstile in Literatur, Religion, Philosophie und Geschichte, die die wilhelminische Lebenswelt (..) ‚neumystisch‘, ‚neuidealistisch‘ und ‚neuromantisch‘ zu transzendieren versprachen" (68). Er schreckte vor dem Pathos "einer kulturellen Reichsgründung", die programmatisch auf eine schöpferische Umformung der Gegenwart zulaufen sollte und sich dabei vornehmlich auf Nietzsches Kulturkritik berief, nicht zurück. Nietzsches "souveränes Subjekt", der Kulturschaffende als "starke Persönlichkeit" sollte an einer Ästhetisierung der Lebenswelt mitwirken und musst daher modernekritisch an eine Entdifferenzierung von Wissenschaft, Moral und Kunst appellieren. Auf dieser Linie lagen sowohl Diederichs‘ Jenaer kommunalpolitisch-ästhetische Einmischungen (Streit um das Bismarck-Denkmal, den Heimatschutz, die Schiller-Gedächtnis-Ausstellung, das Abbe-Denkmal), wie sein Einsatz für die lebensreformerischen Aktivitäten der "Körperkultur" und des Ausdruckstanzes. Gleichsam gebündelt wurden alle diese Praktiken (denen stets Verlagspublikationen korrespondierten) in der Programmatik der "Festkultur", die expressis verbis gegen bildungsbürgerliche Formen der Feier gerichtet war und das "Dionysische" intendierte. Eine Steigerung dieser Dimension der Verlagspolitik muss man dann in der "Neuen Religion" erblicken, die Diederichs zu einem "eigenständigen Programmpunkt" erhob.

Zu den stärksten und innovativsten Passagen der vorliegenden Studie gehören m. E. die Ausführungen zu diesen "neureligiösen Bewegungen" und die Belege dafür, wie gerade der Diederichs Verlag zu deren herausragender Plattform im Wilhelminismus werden konnte (130ff.). Informativ sind sie auch deshalb, weil in ihnen der "Einbruch völkischen Denkens in das religiöse Verlagswesen" (141) in Verbindung mit einer Renaissance der Mystik um die Jahrhundertwende präzise nachgezeichnet wird. Wohl hält Diederichs Distanz gegenüber einem "völkischen Antisemitismus" (184), aber in seinem "Pangermanismus" (186) klingen unverhohlen elitistische Kritiken an der "degenerierten Masse" an. Im anschließenden Kapitel über Helene Voigt-Diederichs (S. 195-230) gelangen derartige Motive auf zwei Ebenen zum Durchbruch: Einerseits stilisiert Voigt-Diederichs in der "Heimatkunstbewegung" die "Zurückdrängung überfremdender Einflüsse" durch die Großstadt – bedient in ihrer Dichtung also gerade die im Moderne-Provinz-Diskurs verfestigten Vorurteile; andererseits verbindet sie das Heimatmotiv so eng und so spezifisch mit der "Mütterlichkeit", dass sie im Nationalsozialismus literarisch problemlos adaptiert werden konnte.

Im folgenden Kapitel wird das "junge Jena" am Beispiel der "Freistudenten" und des "Serakreises" detailliert dargestellt (S. 231-307). Dass es hierbei zu Wiederholungen vorangegangener Darstellungen kommt, ist nicht verwunderlich, wenn man das frühere Notat des Rezensenten erinnert, wonach das Buch sowohl im Kern wie im Ganzen eine weitere Studie zu Eugen Diederichs sei: Denn einerseits unterstreicht die Autorin als Jenaer Besonderheit im Moderne-Kontext die Verbindung von Freistudenten und "Serakreis", andererseits steigert sie dann diesen Bezug noch: "Die Jenaer Freistudentenschaft ist nicht zu denken ohne den prägenden Einfluss des Serakreises, deren spiritus rector und Choreograph Eugn Diederichs war" (276). Das Erstaunliche ist dann aber, wie die Autorin zu Recht betont, dass es in Jena am Beispiel von Freistudenten und "Serakreis" zu Überschneidungen in der Mitgliedschaft gekommen ist – obwohl die Programmatiken beider Intiativen von "schroffen Gegensätzen" gekennzeichnet waren. Insofern scheint Jena – und das mildert dann die Überraschung doch wieder – ein (provinzielles) Beispiel für die generellen Kennzeichnungen der Janusköpfigkeit der Moderne: Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit, Ambivalenz und Amorphes in einem und zugleich.

"Moderne in der Provinz" am Beispiel Jenas: Typisches im Untypischen; gleich und doch anders. Meike G. Werners Studie darf getrost als Kompendium der Themen und Gegenstände der "Fin de Siècle-Forschung" gelten; zugleich ist sie ein Exempel für solides kulturwissenschaftliches und bildungshistorisches Arbeiten (ein umfängliches Literatur- und ein detailliertes Personenverzeichnis runden dieses Urteil ab): In all diesen Hinsichten ein empfehlenswertes Buch.

Anmerkungen:

[1] Jüngstes Beispiel: Kunsthistorisches Museum Wien (KHM): Zeit des Aufbruchs. Budapest und Wien zwischen Historismus und Avantgarde (10. 02. bis 22.04.2003) (Ausstellungskatalog). Wien/Mailand 2003.
[2] Siehe vor allem E. Viehöfer: Der Verleger als Organisator. Eugen Diederichs und die bürgerlichen Reformbewegungen der Jahrhundertwende. Frankfurt a.M. 1988; G. Hübinger: Versammlungsort moderner Geister. Der Eugen Diederichs Verlag – Aufbruch ins Jahrhundert der Extreme. München 1996; Versammlungsort moderner Geister. Der Kulturverleger Eugen Diederichs und seine Anfänge in Jena 1904-1914. Katalogbuch zur Ausstellung im Romantikerhaus Jena 15. September bis 8. Dezember 1996. München 1996; J. H. Ulbricht/M. G. Werner: Romantik, Revolution und Reform. Der Eugen Diederichs Verlag im Epochenkontext 1900 – 1949. Göttingen 1999.
Andreas von Prondczynsky (Flensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas von Prondczynsky: Rezension von: Werner, Meike G.: Moderne in der Provinz, Kulturelle Experimente im Fin de Siècle Jena, Göttingen: Wallstein Verlag 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/89244594.html