EWR 2 (2003), Nr. 1 (Januar 2003)

Jürgen Reyer
Kleine Geschichte der Sozialpädagogik
Individuum und Gemeinschaft in der Pädagogik der Moderne
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2002
(336 Seiten; ISBN 3-89676-432-2; 20,00 EUR)
Kleine Geschichte der Sozialpädagogik Je mehr sich die Handlungsfelder Sozialer Arbeit ausdehnen und differenzieren, desto undeutlicher ist geworden, ob "Soziale Arbeit" mehr ist als ein Sammelbegriff für höchst unterschiedliche, lediglich durch das Sozialgesetzbuch und eine neokorporatistische Trägerstruktur zusammengehaltene personbezogene Dienstleistungen. Dies muss die Sozialpädagogik als traditionelle Bezugsdisziplin besonders beunruhigen; seit geraumer Zeit fragt sie sich daher nach ihrer "disziplinären Identität".

Bei den Bemühungen, den Wissenschaftsstatus der Sozialpädagogik auszuweisen, spielen die Untersuchungen historisch arbeitender Sozialpädagoginnen und -pädagogen eine wichtige Rolle. Auch Jürgen Reyer gehört zu ihnen; seit Anfang der 80er Jahre hat er wichtige Arbeiten zur Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung und der Wohlfahrtspflege publiziert.

Reyers "Kleine Geschichte der Sozialpädagogik" ist keine Geschichte der Sozialen Arbeit, sondern eine Genealogie der sozialpädagogischen Denkform in systematischer Absicht. Sie ist freilich auch keine Geschichte von Sozialpädagogik als Wissenschaft. Der Autor zeichnet vielmehr in disziplinübergreifender Betrachtungsweise eine rund 150jährige Auseinandersetzung nach, deren Focus das Problem der sozialen Integration des frei gesetzten, modernen Individuums bildet. "Sozialpädagogik" meint bei Reyer einen theoretischen Zugang zum Problem von Erziehung und Bildung in den Modernisierungsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit seinen Anfängen reformuliert "sozial"-pädagogisches Denken die Frage nach der Vervollkommnung der Natur des Menschen als Frage nach dem Verhältnis von Vergesellschaftung und Individuierung; Schlüsselbegriff ist "Gemeinschaft" als Begriff für den sozialen Ort, an dem die individualisierten Subjekte auf neue Art eingebunden werden. In ihrer institutionellen Gestalt als Subdisziplin, so Reyers zentraler Vorwurf, habe die Sozialpädagogik dieses Spannungsverhältnis auf die Problematik einer berufsförmigen Normalisierung abweichenden Verhaltens verkürzt: Sie habe ihre Theoriegeschichte "verdrängt", um als Praxiswissenschaft gesellschaftlich zu reüssieren.

Der Autor entwickelt seinen Gedankengang in vier Schritten:

(1) Zunächst rekonstruiert Reyer die Frage nach dem "Sozialen" als Kontext des sozialpädagogischen Problems. Reyer betont, dass "Sozialpädagogik" nicht als Reflexion auf Hilfen für pauperisierte Erwachsene und verwahrloste Kinder und Jugendliche entstanden sei, sondern als Problematisierung der naturrechtlichen Konzeptionen des Individuums.

(2) Das sozialpädagogische Theorieproblem ist Thema im zweiten Argumentationsschritt. Es hat den Emanzipationsanspruch des modernen Individuums im Kontext des Integrationsproblems der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zum Gegenstand. Reyer stellt unterschiedliche Vermittlungsfiguren zwischen Individuum und Gesellschaft von Pestalozzi bis Stirner vor. Hier arbeitet er materialreich und konstruierend zugleich die "innere gedankliche Gestalt" sozialpädagogischen Denkens, den Theoriebegriff von Sozialpädagogik heraus.

(3) Im Mittelpunkt der Reyer’schen Darstellung steht der Zeitraum von 1880 bis 1933. Zunächst geht er im dritten Argumentationsschritt hinter die Nohl’sche Konstruktion einer "Reformpädagogik" zurück, um sichtbar machen zu können, dass sich in den vielfältigen "Bewegungspädagogiken" der Jahrhundertwende das sozialpädagogische Problem durch die unterschiedlichen Ausformungen des Prinzips gemeinschaftlicher Erziehung hindurch manifestiert. "Sozialpädagogik" wurde zum Leitmotiv der Überwindung einer auf das Dual von Lehrer und Schüler verengten Pädagogik.

(4) Im Blick auf den Wissenschaftsstatus von Pädagogik fungierte "Sozialpädagogik" in dieser Zeit, so Reyers erste These bei seinem vierten Argumentationsschritt, als Leitbegriff eines Theorieverbundes zur sozial- und kulturwissenschaftlichen Modernisierung der Pädagogik. Reyer zeichnet die Umrisse des "sozialpädagogischen Theorieverbundes" vom Spät-Herbartianismus ausgehend über Natorps Sozialphilosophie der Erziehung und die evolutionistischen Anfänge der Sozialpsychologie bis hin zur soziologischen und psychologischen Milieukunde und Kinder- und Jugendkunde nach. Nicht zuletzt interpretiert er Diltheys geisteswissenschaftliche Vermittlung von Individuum und Gesellschaft im Horizont einer sozial- und kulturwissenschaftliche Modernisierung der Pädagogik und verdeutlicht mit einem Exkurs zu Durkheim und Dewey den internationalen Kontext der deutschen Debatten. Dieser Theorieverbund ist eine Konstruktion Reyers, denn er hat sich nie als solcher artikuliert; aber Reyer vermag seine Elemente der Integrationsproblematik des modernen Individuums als gemeinsamem Thema zuzuordnen. Dabei rücken die nicht-pädagogischen "Miterzieher" in den Blick und zwingen zu einer Erweiterung des Erziehungsbegriffs. Der Gemeinschaftsbegriff inflationiert und wird ebenso als Phantasma traditionaler Sozialformen konkret wie als Entwurf moderner Balancen von Individuum und Gesellschaft.

Nach dem Ersten Weltkrieg differenziert sich dieser "sozialpädagogische Theorieverbund" aus. Reyer stellt u.a. die pädagogische Soziologie und Psychologie, aber auch die Völkische Pädagogik dar, macht die sozialpädagogische Theoriegestalt in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik sichtbar und geht ausführlich und prägnant auf die Fürsorgewissenschaft ein. Die zweite These, die Reyer in diesem zentralen vierten Argumentationsschritt formuliert, lautet, dass in der "Diversifizierung" des Theorieverbundes die organisierende Fragestellung verloren ging. Herman Nohl habe die Leerstelle mit den Intentionen einer von ihm fingierten "sozialpädagogischen Bewegung" gefüllt und diese der Kinder- und Jugendfürsorge des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes von 1924 konzeptionell unterlegt. Mit diesem Theorieputsch verwandelte Nohl die Spannungsverhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft zum pädagogischen Bezug im Kontext öffentlicher Erziehung. Damit war Sozialpädagogik als Theoriebegriff verloren; Sozialpädagogik wurde zu einem Sammelbegriff für die Objektbereiche der Kinder- und Jugendfürsorge, der schon im Nationalsozialismus die Rechte des Individuums an die vorgeblich höherwertigen Rechte der Volksgemeinschaft verriet. Der Preis für den professionspolitischen Erfolg war hoch: Hilfe und Kontrolle bildeten anstelle von Erziehung und Bildung den Bezugsrahmen der nun konstituierten Subdisziplin Sozialpädagogik.

Bis hierhin ist die Arbeit mit einer hoch informativen, überaus detailreichen, durch starke Thesen strukturierten, sehr gelehrten Führung durch ein Museum zu vergleichen. Im abschließenden Kapitel formuliert Reyer dann die Pointe seiner Untersuchung. Er vertritt die These, dass in der Verdrängung von "Sozialpädagogik" als Theoriebegriff der Erziehungswissenschaft Ursache und Grund dafür zu sehen sind, dass die akademische Sozialpädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg keine disziplinäre Identität entwickelt hat. Dafür macht der Autor "Nohls Enkel" Klaus Mollenhauer und Hans Thiersch persönlich verantwortlich. Mollenhauer wird dabei wie ein Verräter behandelt, der es besser wusste, während Thiersch verhöhnt wird, dass er es nicht besser wisse.

Diese unglaublichen Entgleisungen bringen das ganze Unternehmen in Misskredit und machen es schwer, einen klaren Blick für seinen Ertrag und seine Grenzen zu behalten.

(1) Reyers Buch ist zuerst eine Archäologie sozialpädagogischen Denkens. Das ist dem Autor eindrucksvoll gelungen; er hat aber auch eine Geisterarmee von zweitklassigen Sinndeutern zur Sprache gebracht, die zu Recht vergessen sind. Mich hat Reyers Nachweis beeindruckt, wie bruchlos der Nationalsozialismus an eine Gemeinschaftsrhetorik aus dem Zentrum kultureller Eliten anschließen konnte. Ob Reyers Deutungen immer zutreffend sind, muss angesichts der Selektivität seines Zugriffs im Einzelnen gewiss geprüft werden. Unterschlagen hat er aber die Traditionen angelsächsischer Sozialphilosophie und Sozialwissenschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere nach der "realistischen Wendung" rezipiert wurden. Kein Wort findet sich beispielsweise über Mollenhauers Rezeption von Peirce, Mead und Goffman, geschweige denn über seine intensiven Versuche, der Sozialisationsforschung eine bildungstheoretische Lesart abzugewinnen.

(2) Es bleibt unklar, ob Reyer eine kognitive Identität der Sozialpädagogik als erziehungswissenschaftlicher Bereichsdisziplin einfordert, oder ob er eine eigenständige sozialpädagogische Problemstellung nachweisen will. Jedenfalls gehen die beiden Intentionen nicht ineinander auf.

Reyers Material gibt Hinweise darauf, dass das "sozialpädagogische Theorieproblem" jenseits der nationalen und disziplinären Grenzen deutscher Pädagogik schon im 19. Jahrhundert in einer paradigmatischen Bestimmtheit und Klarheit gefasst und bearbeitet wurde, an die erst die moderne Erziehungswissenschaft wieder anschließen konnte. Warum also nicht gleich Durkheim und Simmel (aber auch Schleiermacher und Dilthey) lesen? Eine der entscheidenden Leistungen der Kritischen Erziehungswissenschaft und einer Sozialpädagogik a la Mollenhauer in den 70er Jahren war die Erschließung internationaler, sozialwissenschaftlicher Theorien und Befunde.

Es kann letztlich nicht überzeugen, die Entwicklung der Sozialpädagogik als erziehungswissenschaftliche Disziplin nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere nach der Einführung des Diplomstudiengangs Erziehungswissenschaft, als Folge der theoriepolitischen Verschwörung eines Einzelnen darzustellen. Ist die Diversifizierung des sozialpädagogischen Theorieverbundes nach dem Ersten Weltkrieg nicht ein ganz normaler Vorgang fachwissenschaftlicher Differenzierung, in der sich eine "ganzheitliche" Betrachtungsweise auflöst? Und fügt sich auf diesem Hintergrund Nohls Versuch, Sozialpädagogik als Theorie der Erziehungsfürsorge zu konstituieren, nicht als Theorie eines gesellschaftlichen Funktionssystems (wenn auch mit untauglichen Mitteln) in das Projekt der "Modernisierung von Pädagogik" ein?

(3) Das sozialpädagogische Problem, wie es Reyer als Problem des sozialen Ortes des doppelt freien Individuums der Moderne herausarbeitet, taugt zwar zur organisierenden Perspektive, um sich von kanonisierten Sichtweisen zu befreien. Aber es ist viel zu unspezifisch, um eine disziplinäre Identität oder gar ein Forschungsprogramm zu generieren. Reyer weist denn auch selbst u.a. auf die Sozialisationsforschung hin, die sich – zumal in Deutschland – weithin zu Recht als Bildungsforschung begreift. Warum nicht weiter gehen und fragen, in welcher Weise das "sozialpädagogische Problem" heute auch anderswo – z.B. in der Bildungssoziologie, der Kindheits-, Jugend- und Familienforschung, in der Biografie- und Lebenslaufforschung – aufgenommen wird?

Disziplinäre Identität wird in einer modernen Erfahrungswissenschaft durch empirische Forschung gestiftet. Auch die disziplinäre Identität von Sozialpädagogik lässt sich nicht dogmatisch bestimmen, sondern konstituiert sich in der problembezogenen Reflexion von Wissenschaftspraxis. Das entscheidende Problem für die disziplinäre Identität der Sozialpädagogik besteht m.E. in dem empiriefeindlichen Erbe einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die als "engagierte Reflexion" einen Forschungsansatz nicht von einem Gestaltungsansatz unterscheiden kann. Programmatik gibt es genug; was fehlt, ist eine radikal analytisch-deskriptive Einstellung gegenüber der Erziehungswirklichkeit als sozialer Tatsache. Ließe sich womöglich an "versäumte Chancen" (Tenorth) anknüpfen? Dazu freilich leistet Reyers Buch keinen Beitrag.

Die Frage ist also, wie eine gegenstandskonstituierende sozialpädagogische Problemstellung gefasst werden muss, die empirisch fruchtbar ist. Dazu formulierte Klaus Mollenhauer im Dezember 1997, ein gutes Vierteljahr vor seinem Tod: "Die Sozialpädagogik braucht, wie jede andere Wissenschaft auch, einen Gesichtspunkt, mit dessen Hilfe sie ihr Gegenstandsfeld konstruiert, ... Dieser Gesichtspunkt muß nicht den Namen ‚Erziehung’ tragen, aber er muß oder sollte aus dem problematisch gewordenen Umgang mit der heranwachsenden Generation innerhalb unserer Gesellschaft und Kultur gewonnen werden, denn keine andere Wissenschaft rückt dieses Thema in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit." Aufgabe wäre, quer zu den disziplinären Grenzen das empirische Wissen (oder Nicht-Wissen) darüber, wie institutionelle Praktiken pädagogischer Felder bewirken, was sie leisten, unter diesem Gesichtspunkt theoretisch aufzuarbeiten, um es systematisch ausbauen zu können. "Sozialpädagogik" – ein veralteter Ausdruck für ein hochaktuelles Forschungsfeld?

Reyer schlägt u.a. vor, an die Pädagogische Soziologie als Kernbestand sozialpädagogischer Theorie und Forschung wieder anzuschließen und in diesem Zusammenhang Aloys Fischer, Rudolf Lochner und Carl Weiss wiederzuentdecken. Er empfiehlt, Theodor Litt statt Nohl zu lesen und überrascht – sehr konsequent! – mit der Deutung von Dietrich Benners Buch "Allgemeine Pädagogik" als "Theoretische Sozialpädagogik". Er verteilt auch gute Zensuren an einige jüngere Sozialpädagogen (mit Ausnahme von Gertrud Bäumer, Henriette Schrader-Breymann und der abgekanzelten Juliane Jacobi wird in Reyers Buch übrigens keine Frau genannt), so dass der disziplinäre Anspruch der Sozialpädagogik am Ende des Buches doch nicht völlig aussichtslos erscheint. So fragt man sich: Was wäre für ein Buch entstanden, wenn der Autor seine Wut auf Klaus Mollenhauer und Hans Thiersch irgendwie anders hätte verarbeiten können?
Michael-Sebastian Honig (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michael-Sebastian Honig: Rezension von: Reyer, Jürgen: Kleine Geschichte der Sozialpädagogik, Individuum und Gemeinschaft in der Pädagogik der Moderne, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 1 (Veröffentlicht am 01.01.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/89676432.html