EWR 5 (2006), Nr. 1 (Januar/Februar 2006)

Kinderlandverschickung im Nationalsozialismus – Eine Sammelbesprechung

Erich Maylahn
Alphotel Gaflei
Das KLV-Lager 93 im Fürstentum Liechtenstein (Dokumente und Berichte zur Erweiterten Kinderlandverschickung 1940-1945. Bd. 4)
Bochum/Freiburg: projekt verlag 2005
(215 S.; ISBN 3-897733-125-X; 15,00 EUR)
Fritz Steiner
Innsbrucker Kinderlandverschickung
KLV-Lager in Tirol (Dokumente und Berichte zur Erweiterten Kinderlandverschickung. Bd. 5)
Bochum/Freiburg: projekt verlag 2005
(248 S.; ISBN 3-89733-127-6; 17,00 EUR)
Eduard Füller
Kinderlandverschickung
Münsters Schulen in Oberbayern 1943 bis 1945 (Kleine Schriften aus dem Stadtarchiv Münster. Bd. 7)
Münster: Ardey-Verlag 2004
(206 S.; ISBN 3-87023-184-X; 13,90 EUR)
Helmut Engelbrecht
Lagerschulen
Schule unter Einfluss von Krieg und Vertreibung. Bildungsnotstand durch Kriegsereignisse, Kriegserfordernisse und Kriegsfolgen in Österreich
Wien: öbv&hpt Verlag 2004
(264 S.; ISBN 3-209-04699-9; 23,80 EUR)
Alphotel Gaflei Innsbrucker Kinderlandverschickung Kinderlandverschickung Lagerschulen Das (bildungs-)historische Interesse an der Erweiterten Kinderlandverschickung (KLV) ist anscheinend nach wie vor ungebrochen. Dies zeigt sich u.a. an den vier zuletzt in kurzen Abständen erschienenen Darstellungen, die im Folgenden besprochen werden sollen. Deren Autoren beschäftigen sich in recht unterschiedlicher Form sowie mit recht unterschiedlichem Ertrag mit dieser vermeintlichen Rettungsaktion für die vom alliierten „Bombenterror“ bedrohten Kinder und Jugendlichen in deutschen und österreichischen Städten:

(I) Alphotel Gaflei
Mit den Bänden 4 und 5 setzt die Dokumentations-Arbeitsgemeinschaft KLV e.V. [1] ihre Reihe zur Geschichte der KLV fort, wobei sich hier der Blick jeweils auf Lager richtet, die sich außerhalb des Reichsgebietes befanden, nämlich in Liechtenstein und Österreich. Bemerkenswert ist hierbei die Entdeckung von Erich Maylahn, der dem nicht näher verifizierten Hinweis von Gerhard Dabel [2] nachging, dass es auch in Liechtenstein ein KLV-Lager gegeben habe. Maylahn fand während umfangreicher Recherchen heraus, dass in der Tat vom Sommer 1943 bis Februar 1944 in der Nähe von Vaduz ein KLV-Lager für eine ca. 59-köpfige Gruppe von Schülern unter der Leitung des Lehrers Omar Bockemühl existierte. Dabei handelte es sich um Essener Volksschüler, die in einem KLV-Lager in Tirol bereits Aufnahme gefunden hatten. Als dieses aufgelöst werden musste (die Gründe bleiben offen), kam es zur Neueinrichtung des KLV-Lagers 93 im Kurhotel Gaflei in Liechtenstein.

Die Geschichte dieses Lagers möchte Maylahn in seiner Darstellung dokumentieren. Dabei lässt er sich unter Berufung auf Leopold von Ranke von dem (umstrittenen) Motto leiten, dass „eine zeitgeschichtliche Arbeit die Vergangenheit nicht richten oder die Gegenwart nicht belehren soll“, sondern nur zu zeigen hat, „wie es eigentlich gewesen ist“ (10). Die strikte Orientierung an diesem Motto spiegelt sich darin wider, dass der Autor beinahe vollständig auf einen darstellenden Teil verzichtet und stattdessen eine Vielzahl von Quellen auflistet. Lediglich am Anfang (19-22) bemüht er sich, die Zusammenhänge zu klären, die die Regierung des neutralen Fürstentums dazu gebracht haben könnten, ein KLV-Lager auf ihrem Hoheitsgebiet zuzulassen. Doch viel mehr als Hinweise auf ein nicht genau zu datierendes Abendessen bei Baldur von Schirach, bei dem die zukünftige Fürstin von Liechtenstein ihre Beteiligung an Maßnahmen zum Schutz der deutschen Jugend zugesagt habe, sowie auf die Neujahrsbotschaft von Fürst Franz Josef II. an die Liechtensteiner Bevölkerung vom Dezember 1942, in der dieser von einer noch engeren Gestaltung der „altgewohnten freundschaftlichen Beziehungen auf den verschiedensten Gebieten“ zwischen Liechtenstein und dem Deutschen Reich spricht, findet sich bei Maylahn hierzu nicht (21).

Was folgt, ist eine Aneinanderreihung von unterschiedlich ausführlichen Zitaten aus zeitgenössischen Briefen, Tagebüchern, Akten oder Zeitungen, die Wiedergabe von Aussagen, die ehemalige Schüler bzw. die Kinder des Lagerleiters in Interviews zu dieser Zeit tätigten, sowie der Abdruck von zeitgenössischen Fotos und ähnlichen Dokumenten. Mit Hilfe dieser weitgehend völlig unkommentierten Quellen soll einerseits die Phase bis zum Bezug des Lagers in Liechtenstein skizziert (22-58) und andererseits das Leben im Lager in seinen unterschiedlichen Facetten dokumentiert werden (59-159). Ein Anhang mit näheren Angaben zu einzelnen Personen, einer Auflistung von Einträgen in so genannte ‚Erinnerungsbücher’ sowie einer Wiedergabe von Briefen, die in der Nachkriegszeit unter den früheren Klassenkameraden geschrieben wurden, vervollständigt den Band.

Mit dieser Quellensammlung hat Erich Maylahn sicherlich ein schönes Erinnerungsbuch für ehemalige KLV-Schüler vorgelegt, die sich – sofern sie zum Kreis der Lagerschüler im Alphotel zählten – zu einem großen Teil gerne an das Lagerleben in den Bergen zurückerinnern oder aber – sofern sie nicht zu diesem Kreis gehören – diese Erinnerungen mit denen an die eigene KLV-Zeit vergleichen können. Gefragt werden muss jedoch auch nach dem Erkenntniswert eines solchen Buches für wissenschaftliche Fragestellungen. Sicherlich lässt sich mit den Quellen in mancherlei Hinsicht weiterarbeiten, sofern man sich zuvor quellenkritisch vor allem mit den zeitgenössischen Briefen und den Interviewaussagen auseinandergesetzt hat. Maylahn macht es sich hier sehr einfach, indem er lediglich lapidar bemerkt, dass die „eingefügten Erinnerungen der Zeitzeugen […] naturgemäß den Gegebenheiten der ‚Oral History’“ unterlägen, was sie jedoch „nicht weniger interessant“ mache (58).

Liest man die damaligen Briefe der Jungen an ihre Eltern, so findet sich in diesen fast ausschließlich eine positive und unkritische Darstellung der KLV-Zeit. Zumeist wird über gutes Essen, herrliche Natur, abenteuerliche Erlebnisse, einen vorbildlichen Lagerleiter und eine freundliche Aufnahme durch die einheimische Bevölkerung berichtet. Gleichzeitig lassen die Briefe jedoch auch zahlreiche Hinweise auf eine gelungene Einbindung in die nationalsozialistische Weltanschauung erkennen, die in den heutigen Erinnerungen allzu gerne und allzu leicht ausgeblendet werden. Unter dem fragwürdigen Bezug auf Ranke verweigert sich der Autor der notwendigen Auseinandersetzung mit diesen Aspekten der KLV-Sozialisation ebenso wie der Beschäftigung mit der gerade in diesem Fall deutlich erkennbaren Absicht des NS-Staates, mit Hilfe der uniformierten Schülerschaft auch in einem angrenzenden neutralen Land Präsenz zu zeigen [3]. Von einem wissenschaftlich ernst zu nehmenden Buch zur KLV wäre dies aber doch zu erwarten.

(II) Innsbrucker Kinderlandverschickung
Einen ähnlich unbefriedigenden Eindruck hinterlässt das Buch des Österreichers Fritz Steiner, der sich der Innsbrucker Kinderlandverschickung widmet, die er selbst als Schüler miterlebt hat. Er fasst in dieser Darstellung die Ergebnisse seiner Dissertation zusammen, die sich laut Untertitel mit der NS-Sozialisation in Schule und HJ/BDM sowie mit den KLV-Lagern in Tirol beschäftigt, führt diese aber merkwürdigerweise im Literaturverzeichnis nicht an. Ähnlich wie bei Maylahn handelt es sich auch bei diesem Buch nicht um eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Untersuchung, sondern um eine Aneinanderreihung von Quellen sowie eine Aufzählung von Daten und Fakten. Die analytische Auseinandersetzung mit diesen zumindest teilweise aussagekräftigen Materialien bleibt den interessierten Leserinnen und Lesern überlassen, doch müssen diese sich zunächst durch die 250 Seiten hindurchquälen. Die wenig logische Systematik und die unkommentierte, zum Teil zusammenhanglos erscheinende Abfolge der Quellentexte macht das Lesen nicht gerade zum Vergnügen.

Quellenkritische Bemerkungen zu den zitierten offiziellen und privaten Briefen sucht man vergeblich. Zudem deutet der Autor unfreiwillig mehrfach an, dass ihm die Distanz zu seinem Forschungsgegenstand zu fehlen scheint. So lässt er einerseits des Öfteren seine persönliche Meinung zu den beschriebenen Vorgängen in den Text einfließen, indem er etwa die Leistungen der in den KLV-Lagern eingesetzten Frauen, von ihm als „Heimmütter“ bezeichnet, pauschal sehr positiv würdigt und ihnen bescheinigt, sie hätten „mit der Betreuung der Erkrankten, aber auch der Gesunden, Hervorragendes für die Kinder und Jugendlichen geleistet“ (41). Ein akzeptabler Beleg für diese Behauptung fehlt freilich ebenso wie ein weiterführender Gedanke, der sich mit der Rolle dieser Frauen ernsthaft auseinandersetzt. Diese Form subjektiver Bewertung findet ihren Höhepunkt in den unvermittelt einfließenden persönlichen Erinnerungen Steiners an sein eigenes KLV-Lager, in dem es „ihm und seinen Mitschülern sehr gut gefallen“ habe: das Essen war gut, die Unterbringung schön, man unternahm „viele Berg- und Schitouren“ und selbst das Ende des Lagers war vom Lagerleiter „bestens organisiert“ (101).

Vielleicht sollte man sogleich nach der Lektüre des Vorworts allzu hohe Erwartungen an das Buch von Fritz Steiner beiseite schieben. Dort verkündet er seine Absichten nämlich unumwunden: sein Beitrag soll „für die ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Erinnerung an diese Zeiten wach halten und den Nachwachsenden Einblick geben in ein Leben, das der Geschichte angehört“ (11). Natürlich gilt auch hier wie bei dem Buch von Maylahn, dass sich durchaus interessante Details zur KLV finden lassen. Ob sich dafür allein die Anschaffung lohnt, erscheint fraglich.

(III) Kinderlandverschickung
Eine völlig andere Herangehensweise an die Thematik findet sich bei Eduard Füller, einem ehemaligen Geschichtslehrer an einem Münsteraner Gymnasium, der eine mit seinen Schülern begonnene Untersuchung zu den KLV-Lagern der städtischen Schulen erweiterte und nun veröffentlichte. Selbstverständlich stützt auch er seine Forschungsarbeit auf zeitgenössische Berichte sowie Dokumente und führte Interviews mit ehemaligen Schülern, die über ihre Erfahrungen mit der KLV berichten. Im Unterschied zu Maylahn und Steiner macht er sich jedoch die Mühe, diese Quellen auszuwerten und unter Berücksichtigung der einschlägigen Literatur zu interpretieren. Dabei betont er gleich zu Anfang, dass er „nicht den Anspruch“ erhebt, „eine umfassende Darstellung der münsterischen KLV“ zu verfassen, sondern eine „Anregung für eine auf breiter Quellenbasis anzufertigende Untersuchung der KLV-Geschichte Münsters“ geben möchte (9).

Diese Bescheidenheit erscheint fehl am Platze, denn es gelingt Füller in dem gut 150 Seiten umfassenden darstellenden Teil, dem ein 50-seitiger „Dokumentarischer Anhang“ folgt, trotz der Kürze eine sehr anschauliche und viele Aspekte berührende Studie. Nach einem kurzen allgemein-historischen Abriss der KLV, der die Entwicklung dieser Einrichtung beschreibt, aber mit der Zurückdrängung des elterlichen Erziehungseinflusses auch eine ihrer zentralen Absichten benennt, geht es im zweiten Kapitel um die Vorbereitungen zur Durchführung der KLV im „NS-Gau Westfalen-Nord“, zu dem auch Münster gehörte. Die folgenden Kapitel beschäftigen sich dann am Beispiel der Münsteraner Schulen mit den organisatorischen Rahmenbedingungen in den Lagern, die nahezu ausnahmslos in Bayern lagen, der Gestaltung der nichtschulischen Bereiche des Lagerlebens und den Auseinandersetzungen zwischen (katholischer) Kirche und NS-Staat, bevor Kapitel 6 die Situation in den einzelnen KLV-Lagern der Schulen beschreibt. Den Abschluss bildet die Darstellung der chaotischen Zustände bei der Auflösung der Lager und der Rückführung der Kinder und Jugendlichen in ihre Heimat.

Auch wenn Füller mit diesem Aufbau keine neuen Akzente setzt, finden sich doch innerhalb seiner Untersuchung mehrere interessante Themengebiete, die von einer bloßen Skizzierung der Erlebniswelt der Jugendlichen abrücken und andere Aspekte der KLV berühren. So erfährt beispielsweise die zögerliche Haltung vieler Eltern Beachtung, die davor zurückschreckten, ihre Kinder aus dem Haus zu geben und einer mit Misstrauen bedachten HJ zu überantworten. Die Propagandamaschinerie, die zur Überzeugung dieser Eltern sogleich angeworfen wurde, findet bei Füller ebenso Erwähnung wie der administrative und moralische Druck, mit dem die Eltern gefügig gemacht werden sollten (vgl. 19ff. und 122ff.). Dazu gehörte u.a. der Plan, den Eltern, die ihre Kinder nicht in ein KLV-Lager geben wollten, die Lebensmittelkarten zu sperren, wozu es jedoch aufgrund der damit ausgelösten Unruhe in der Bevölkerung nicht kam (124f.). Des Weiteren findet die gerade im katholischen Münster zu beobachtende strikte Haltung der Kirche gegen die KLV in Kapitel 5 die gebührende Beachtung. Die berechtigte Sorge, dass in den Lagern nur noch eine sehr eingeschränkte christliche Betreuung der Heranwachsenden möglich sein würde, führte nicht nur beim bekannt kritischen – wenn auch nicht unumstrittenen – Bischof Graf von Galen zu deutlichen und offenen Worten, mit denen er den Eltern nahe legte, auf die Teilnahme an der Verschickung zu verzichten (65ff.). Die hier nur mehr oder weniger angedeuteten Streitereien verdienten in der Tat eine ausführlichere Zuwendung.

Ein weiteres Verdienst der Studie von Füller ist es, darauf hin zu weisen, dass das Lagerleben keineswegs immer idyllisch und reibungslos verlief. Die Kompetenzrangeleien zwischen der Lagerleitung, die in den Händen der Lehrkräfte lag, und der HJ, die in Person der jugendlichen und im Laufe des Krieges immer jünger werdenden Lagermannschaftsführer für die außerschulische Betreuung der Schülerschar zuständig war, konnten zu ernsthaften Konflikten bis hin zu Denunziationen von Lehrkräften führen, wofür Füller anschauliche Beispiele gibt (vgl. 77ff., 96ff. und 106ff.). Zudem betont er, dass auf organisatorischer Ebene längst nicht alles reibungslos funktionierte, was zu problematischen Lebensbedingungen in den Lagern führen konnte (91ff. und 118ff.), und dass das Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung durchaus nicht immer harmonisch und spannungsfrei blieb (61ff.).

Die Differenziertheit der Darstellung findet eine Fortsetzung in den Schlussbemerkungen. Hier weist Füller einerseits nicht zu Unrecht darauf hin, dass die Zahl der Todesopfer, die die Bombenangriffe gefordert hatten, ohne die Evakuierung der Kinder und Jugendlichen sicherlich größer geworden wäre. Andererseits macht er deutlich, dass die KLV wie „jede Art von Fürsorge“ im NS-Staat „unter dem Primat des Rassismus“ stand. Er betont, dass „die ganze Aktion der Kinderlandverschickung von rassischen und erbbiologischen Selektionskriterien bestimmt“ war (146). Nachdem Juden ohnehin vom Schulbesuch ausgeschlossen waren, wurden neben anderen „nicht versendungsfähigen“ Kindern und Jugendlichen (z.B. geistig Behinderte oder als ‚asozial’ Bezeichnete) auch so genannte „Mischlinge ersten Grades“ nicht in die KLV aufgenommen. Deren Schicksal war dem angeblich so fürsorglichen System gleichgültig. Gleichzeitig betont Füller erneut das Hauptziel der KLV, „die Manipulation und weltanschauliche Indoktrinierung der Kinder und Jugendlichen im Sinne der NS-Ideologie unter Ausschluss von Elternhaus und Kirche“, deren Wirksamkeit er bereits im Darstellungsteil nachweisen konnte: Nicht wenige Heranwachsende stellten sich noch im KLV-Lager für eine Verwendung im Kriegsdienst oder im „Werwolf“ zur Verfügung (93ff.).

Lediglich in einem Punkt soll der Untersuchung von Füller vorsichtig widersprochen werden. Die Sicherheit, mit der er die Lehrkräfte, die in der KLV tätig waren, trotz ihrer überwiegenden Parteimitgliedschaft gegen den Vorwurf einer Mitarbeit an der weltanschaulichen Beeinflussung der Schüler in Schutz nimmt, basiert auf einer für solche Festlegungen nicht ausreichenden Quellenbasis. Hier sollte in der Tat die Hoffnung des Autors auf weitere Forschungen erfüllt werden.

(IV) Lagerschulen
Andere, über die reine Betrachtung der KLV hinausgehende Akzente setzt Helmut Engelbrecht, der als ausgewiesener Experte der Geschichte des österreichischen Bildungswesens bezeichnet werden darf [4]. Unter dem Titel ‚Lagerschulen’ erweitert er den Untersuchungsgegenstand und geht neben den KLV-Lagern auf österreichischem Boden auch auf die Unterrichtung der so genannten Flakhelfer sowie auf Lagerschulen für Umsiedler und Flüchtlinge in der Kriegszeit bzw. für ‚displaced persons’ und Vertriebene in der Nachkriegszeit ein. Nachdem er in den ersten beiden Kapiteln die Entwicklung des österreichischen Schulwesens vor und nach dem Anschluss an das Deutsche Reich zusammenfassend beschreibt, schafft er im dritten Kapitel die Grundlage für eine vergleichende Betrachtung der genannten, in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlichen Einrichtungen, indem er den Begriff ‚Lagerschule’ definiert. Dazu betont er „das Behelfsmäßige, Veränderbare und Provisorische“ als prägendes Element des Lagers sowie die Tatsache, dass sowohl in den KLV-Lagern als auch in „den militärischen Unterkünften der Luftwaffenhelfer und den Schulbaracken in den Lagern der Vertriebenen“ der „Raum, in dem der Unterricht abgehalten wurde, ursprünglich nicht für diese Aufgabe bestimmt und auch nur wenig dafür geeignet war“ (44). Schule war somit in all diesen Lagerformen nur noch „ein Anhang, der nicht immer voll zu seinen Rechten kam, manchmal sogar ziemlich verkümmerte“ (ebd.).

Die nun folgende Untersuchung der einzelnen Lagerschulformen beginnt mit den KLV-Lagern. Die Überschrift „Lager als Schule“ deutet das Verständnis Engelbrechts von der KLV bereits an. Das Lager an sich war eine Art Schule, auch wenn der eigentliche schulische Unterricht nur einen kleinen Teil des komplexen Lagerlebens ausmachte. Entsprechend widmet sich der Autor in diesem Kapitel ausführlich und differenziert den unterschiedlichsten Aspekten der KLV und setzt dabei ähnliche Schwerpunkte wie Eduard Füller. Die Betrachtung der schulischen Arbeit im Lager beschränkt er auf sieben von insgesamt 82 Seiten. Dabei hält Engelbrecht fest, dass der Unterricht aus unterschiedlichsten Gründen nicht annähernd das Niveau halten konnte, das für eine normale schulische Situation galt. Der Leistungsabfall der Schülerinnen und Schüler war beträchtlich, doch wurden diesbezügliche Bedenken der Lehrkräfte häufig mit dem Hinweis auf die Notwendigkeiten des Krieges beiseite gewischt (69). Zeugnisse und somit den üblichen Versetzungsvorgang gab es ohnehin nicht mehr, stattdessen wurden „Leistungsbescheinigungen“ ausgestellt, die weniger die Unterrichtsleistungen als die Einsatzbereitschaft und den Leistungswillen der Schüler in den Vordergrund stellten (65).

In einer völlig anderen Situation fanden sich diejenigen Jugendlichen wieder, die seit Anfang 1943 aus ihrem Schulalltag herausgerissen und als Luftwaffenhelfer bei der Flugabwehr eingesetzt wurden. Dabei handelte es sich überwiegend um Schüler der höheren und mittleren Schulen im Alter von ca. 15-17 Jahren, die nun einerseits als eine Art ‚Kindersoldaten’ – Rolf Schörken spricht von „junge[n] Kombattanten“ [5] – in lebensgefährliche Gefechte verwickelt werden konnten, die aber andererseits auch weiterhin beschult werden sollten, nicht zuletzt, um die Eltern zu beruhigen und den Schein eines staatlichen Bildungsinteresses zu wahren. Nachdem Engelbrecht auch hier zunächst eine historische Abhandlung zu dieser Einrichtung gibt und dabei u.a. auf deren Organisation sowie die Ausbildung und die Einsatzgebiete der Flakhelfer eingeht (129-143), widmet er sich auf den Seiten 144-155 der vorgesehenen Beschulung der Jugendlichen.

Die Planungen, die eine wöchentliche Unterrichtszeit von 18 Stunden in den wichtigsten Fächern (Deutsch, Mathematik, Physik, Chemie, Geschichte, Erdkunde, Latein, je nach Schulart in unterschiedlicher Gewichtung) vorsahen, mussten der Realität in den Gefechtsstellungen schon bald geopfert werden. Je weiter der Krieg voranschritt und je stärker die Luftangriffe ausfielen, desto weniger konnte ein auch nur annähernd befriedigender Unterricht durchgeführt werden. Trotz der anerkennenswerten Bemühungen der Schulen und vor allem der Lehrkräfte, die den zum Teil beschwerlichen Weg in die Stellungen auf sich nahmen, dabei aber aufgrund ihres Alters schon körperlich häufig überfordert waren, sank der Stellenwert des Lernens „bedenklich“. Für die Schüler, „die ihre Heimat zu verteidigen glaubten und auch den Tod zu fürchten hatten“, wurde die Schule „zu etwas ganz Nebensächlichem“ (150). Der abschließenden Feststellung Engelbrechts, dass die Wissenslücken den Schülern in der Nachkriegszeit häufig Nachteile einbrachten, bleibt nur noch hinzuzufügen, dass die Grenzerfahrungen in den Kampfhandlungen bei den Jugendlichen nicht nur zu einer frühen „Selbstständigkeit und Reife“ führten, sondern auch zu Traumata, die viele bis heute nicht verarbeitet haben [6].

Es ist sicher nicht unproblematisch, die Lagerschulen der nationalsozialistischen Diktatur und die des besetzten Österreichs der Nachkriegszeit in einer gemeinsamen Publikation zu behandeln. Die Nationalsozialisten entschieden sich bewusst für die Lagererziehung, die Lagerbeschulung in den Flüchtlingslagern war eher aus der Notsituation heraus entstanden. Dennoch ist die Beantwortung der Frage, „ob und wie damals für die schulische Ausbildung der geflüchteten oder vertriebenen Kinder und Jugendlichen gesorgt wurde“ (159), für die bildungshistorische Forschung von Interesse, lässt sich doch daran nicht zuletzt die Intensität erkennen, mit der die Integration von Fremden in eine bestehende Gesellschaft betrieben wird. Da Engelbrecht im Vorwort zudem betont, dass es ihm darum geht, die „Auswirkungen des nationalsozialistischen Ungeistes, des Zweiten Weltkrieges und der dadurch ausgelösten Reaktionen der Siegermächte für den Bildungsbereich deutlich“ zu machen, wird der Aufbau seiner Untersuchung nachvollziehbar (5).

Auch in diesem Kapitel findet sich zunächst eine historische Betrachtung der Situation im Nachkriegsösterreich unter besonderer Berücksichtigung der Probleme, die der immense Zustrom an Flüchtlingen mit sich brachte. Als Vorstufe betrachtet Engelbrecht dabei die „von Hitler angeordneten Umsiedlungen von Volksdeutschen in das deutsche Reich“ (164) sowie die Evakuierungsmaßnahmen, die mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee zu großen Flüchtlingsströmen führten. Bereits hier traten große Schwierigkeiten bei der Beschulung der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen auf, die sich in der Nachkriegszeit noch verschärfen sollten. Ohne hier weiter auf die breit ausgeführten Details eingehen zu können – so lässt allein der Mangel an Räumen, Materialien, Lehrkräften etc. sowie die äußerst kritischen Lebensumstände, unter denen die Flüchtlinge zu leiden hatten, erahnen, wie schwer es war, einen einigermaßen zufriedenstellenden Unterricht sicher zu stellen – kann man festhalten, dass die Lagerschule auch hier nicht mehr als ein Provisorium war.

Zusammenfassend kann nur noch einmal betont werden, dass die Beschäftigung mit der KLV keineswegs als abgeschlossen betrachtet werden kann. Will man die Ziele und Absichten des NS-Staates, die sich mit dieser sehr aufwändigen und kostenintensiven Maßnahme verbanden, wirklich verstehen, reicht es jedoch nicht, lediglich Quellenmaterial zu präsentieren. Die Auseinandersetzung mit diesen Quellen ist gefragt, und wie diese vonstatten gehen kann, haben die Studien von Füller und Engelbrecht gezeigt. Die von beiden geäußerte Aufforderung, ihre Arbeiten als Anregung für weitere Forschungen wahrzunehmen, kann nur unterstützt werden.

[1] Loeffelmeier, Rüdiger: Rezension von: Bandur, Renate: Meine KLV-Lagerzeit 1941, Briefe und Dokumente, Bochum/Freiburg: projekt verlag 2004. Braumann, Georg: Evangelische Kirche und Erweiterte Kinderlandverschickung, Bochum/Freiburg: projekt verlag 2004. Maylahn, Erich: Auflistung der KLV-Lager, Bochum/Freiburg: projekt verlag . Vonjahr, Heinz: Kinderlandverschickung, Kasseler Schulen 1943-1945, Kassel: Winfried Jenior 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 3 (Veröffentlicht am 20.05.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/89733119.ht...
[2] Dabel, Gerhard (1981): Die erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-1945. Freiburg.
[3] Vgl.: Scholtz, Harald (1985): Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985, S. 172.
[4] Engelbrecht ist u.a. Verfasser des fünfbändigen Werks ‚Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Erziehung und Unterricht auf dem Boden Österreichs.’, das bereits 1988 in einer Gesamtausgabe vorlag.
[5] Schörken, Rolf (2000): Sozialisation inmitten des Zusammenbruchs. Der Kriegseinsatz von 15- und 16-jährigen Schülern bei der deutschen Luftabwehr (1943-1945). In: Dahlmann, Dittmar (Hg.): Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Paderborn u.a.
[6] Vgl. Hübner-Funk, Sibylle (1998): Loyalität und Verblendung. Hitlers Garanten der Zukunft als Träger der zweiten deutschen Demokratie. Potsdam
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin/Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Kinderlandverschickung im Nationalsozialismus – Eine Sammelbesprechung. In: EWR 5 (2006), Nr. 1 (Veröffentlicht am 13.02.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/897733125.html