EWR 5 (2006), Nr. 1 (Januar/Februar 2006)

Jan Weisser
Behinderung, Ungleichheit, Bildung
Eine Theorie der Behinderung
Bielefeld: transcript-Verlag 2005
(112 S.; ISBN 3-89942-297-X; 12,80 EUR)
Behinderung, Ungleichheit, Bildung Weniger ist oft mehr. Auf nur knapp 100 Seiten hat Jan Weisser einen faszinierenden differenztheoretischen Entwurf vorgelegt, der die Sonderpädagogik auf theoretischem Terrain neu positioniert: Ausgehend von der Kritik der bisherigen Theorieangebote verortet sich Weisser innerhalb der Disabilty Studies und entwickelt eine differenzierte Analytik von behindert/nicht-behindert. Was beinhaltet nun diese neu gewonnene Theorieposition?

„Eine Theorie sagt nicht, was Behinderung ist, sondern sie macht einen Vorschlag, wie Behinderungen als soziale Erfahrungen zu beobachten sind [...]. Es handelt sich also nicht um den Versuch einer Definition und den Aufbau einer Klassifikation, sondern um die Konstruktion einer Analytik, die es erlaubt, Wahrnehmungs- und Wissenspraxen im Feld der Behinderung zu rekonstruieren und über die Rekonstruktion die aktuelle Informationslage zu verbessern“ (8).

Zugleich kommt dabei auch der Selbstbeobachtung eine große Rolle zu, die gewissermaßen wissenssoziologisch aufgeklärt ist. Weisser hat in diesem Zusammenhang eine performative Theorie der Behinderung entwickelt und nimmt theoretische Bezüge im Überschneidungsbereich von Cultural Studies und Disability Studies auf, in dem Verhandlungsformen, Praxen sowie Repräsentationen und Wissensformationen bevorzugter Gegenstand der Analyse sind. Performativ meint in diesem Zusammenhang, „dass die Theorie die Art und Weise beschreibt, wie etwas gesagt, gemacht oder getan wird respektive wie etwas geschieht oder ‚geht’“ (23).

Weisser definiert Behinderung in diesem Kontext folgendermaßen: „Eine Behinderung ist die Feststellung, dass etwas nicht geht, von dem man erwartet, dass es geht.“ Mit dieser Formel lassen sich Unterscheidungen auf der Beobachterseite vielfach durchdeklinieren. In Kritik geraten damit zum einen der Hauptmodus der Thematisierung von Behinderung im Erziehungssystem und zum anderen die Rolle der Sonderpädagogik darin. Entlang der drei relevanten Hauptachsen Behinderung, Ungleichheit und Bildung entwickelt Weisser seine Position einer akausalen Theorie, die vor allem systemtheoretisch inspiriert ist und einen erkenntniskritischen Blick auf die Erzeugung von „Wahrheiten“ und Wissen hat.

Damit ändern sich der sowohl Gebrauchswert als auch der Leistungsbereich der Theorie. Sonderpädagogik erscheint nun nicht mehr – wie im Hauptstrom der Disziplin vertreten – als Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Behinderung, sondern als „Entdeckungs- und Bearbeitungszusammenhang von Behinderung in Bildungsprozessen“ (77). So kann das wirkmächtige historische Dispositiv der Sonderpädagogik erkannt, kritisiert und überwunden werden, indem mit der und durch die vorgeschlagene Theorieposition der Prozess der Wissensgewinnung und -produktion beobachtet wird. Die performative Theorie der Behinderung installiert in dieser Hinsicht „systematisch Reflexivität in die gegenwärtige Diskurslage, weil sie akausal verfährt und folglich Kausalbehauptungen analysieren und kontrollieren kann. Die Frage, was man konkret tun soll, ist dann eine Frage der Informiertheit und der (institutionellen) Diskursposition“ (30).

Es ist sicher kein Zufall, dass Weisser die Herleitung dieser Theorie anbahnt mit einem kleinen Fallbeispiel aus seiner Arbeit und der Begegnung mit einem jungen Mann, Lukas, der von Dritten als (geistig) behindert bezeichnet werden würde. Dies aus dem Grund, weil sich eine Differenz zwischen Fähigkeit und Verhaltenserwartung ergeben kann, eben ein Unterschied, der Unterschiede macht und in einer Feststellung mündet, dass etwas nicht geht, von dem man erwartet, dass es geht. Von da aus gelangt Weisser zu dem wichtigen erkenntniskritischen Aspekt der Arbeit mit ‚Irritationen‘. Überhaupt erscheint „Behinderung“ als eine Irritation im Bildungsprozess und kann vor diesem Hintergrund als „Analysator von Bildung“ im Kontext von Ungleichheit und Differenzgebrauch gesehen werden.

In diesem Sinne wird die Irritation als eigentlicher, weil auslösender Moment der Wissensbildung angesprochen. Behinderung wird aus dieser Perspektive als eine Erfahrung verstanden, die sich aus Konflikten zwischen Fähigkeiten und Erwartungen ergibt und die zunächst als Irritation auftritt und sich dann durch Wiederholung verfestigt. Aber Irritationen lassen sich aus der Position des Wahrnehmenden nicht steuern, bringen ihn gleichwohl aber als Subjekt ins Spiel. So wie im Beispiel zwischen Lukas und dem Autor. Er positioniert sich und sieht die Differenz zwischen sich und Lukas, zwischen Verhaltenserwartung und Fähigkeit. Nun kommt es – um eine analytische Position zu gewinnen – darauf an, zu beobachten, wann, wo, wozu und von wem die Differenz eingesetzt wird und was es bedeutet, dass sie eingesetzt wird. In Rede steht der Differenzgebrauch.

Das bedeutet zweierlei: Zum einen, dass die Irritation an sich selbst wahrgenommen wird, und zum anderen, dass die Modi der Beschreibung und Bearbeitung der Irritation als durchkreuzter Verhaltenserwartung beobachtet und befragt werden. Der zweite Zugang ist für die Analyse institutionalisierter Bildungsprozesse relevant. Da die Sonderpädagogik als historisch gewachsenes Dispositiv zur Beobachtung und Bewältigung von Behinderung bislang nicht über die Beobachtung und Behandlung von Behinderungen im und des Systems hinausgekommen ist, geht es Weisser nun vor allem um die Gewinnung einer reflexiven Perspektive zweiter Ordnung:

„Es geht nicht um die Definition des Speziellen, sondern darum, das Entstehen und die Praxen der Spezifikation zu beobachten und in Behandlungsformen zu übersetzen. Ihre Aufgabe besteht [...] im reflexiven Gebrauch der Differenz von Behinderung/Nichtbehinderung im Horizont von (Un-)Gleichheit. [...] Damit wird die naturalisierte Selbstbeschreibung im Erziehungssystem, wonach Erfolg über individuelle Leistung und Misserfolg über individuelle Förderung respektive Sondermaßnahmen zu verbuchen sei, als historischer Modus der (Un-) Gleichheitsbewältigung im Erziehungssystem beschreibbar“ (78).

Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, Lernprobleme und -behinderungen als gesellschaftlich erzeugte Barrieren zu sehen und als Analysatoren des Systems in Gebrauch zu nehmen. Auf diese Weise steht die Frage zur Klärung an, wie man nicht behindert wird.

Dieser überaus gelungenen und inspirierenden Einführung in die Denkweisen und in die Theoriepolitik der Disability Studies ist eine umfangreiche Leserschaft zu wünschen, die sich nachhaltig irritieren lässt.
Sven Sauter (Hagen/Frankfurt am Main)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sven Sauter: Rezension von: Weisser, Jan: Behinderung, Ungleichheit, Bildung, Eine Theorie der Behinderung. Bielefeld: transcript-Verlag 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 1 (Veröffentlicht am 13.02.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/89942297.html