EWR 14 (2015), Nr. 3 (Mai/Juni)

John Demos
The Heathen School
A Story of Hope and Betrayal in the Age of the Early Republic
New York / NY: Vintage Books 2014
(368 S.; ISBN 978-0-6797-8112-7; 12,95 EUR)
The Heathen School „[...] they were poised in the threshold of a new project, whose aim was nothing less than to save the world“ – mit diesem Worten umreißt der amerikanische Historiker John Demos den Plan des American Board of Commissioners for Foreign Missions in Cornwall, CT, im Jahr 1816 eine Schule zu gründen, um „Heiden“ aus den verschiedensten Ländern Bildung und damit den Zugang zum christlichen Glauben zu ermöglichen (43). Diese Schüler sollten, so die Hoffnung der Gründer, ihr Wissen zurück in ihre Herkunftsländer und -regionen tragen. Insgesamt 95 Schüler aus so unterschiedlichen Ländern wie Hawaii, China, Indien, Portugal und Mexiko und Vertreter verschiedener Stämme der amerikanischen Ureinwohner besuchten die Schule bis zu ihrem Niedergang im Jahr 1827. In der Aushandlung der Ziele der Schule, so zeigt uns Demos, trifft Millenialismus auf eine frühe Spielart des American Exceptionalism, das Westwardmovement auf eine sich globalisierende Wirtschaft, Gleichheitspostulate auf Rassismus und Paternalismus.

Das Buch besteht aus einem Prolog und vier großen Sektionen („Beginnings“, „Ascent“, „Crisis“, „Finale“), die den Aufstieg und Fall der „Heathen School“ nachzeichnen. Jede dieser Sektionen unterteilt sich wiederum in drei Teile: eine Einführung in einen Aspekt des historischen Hintergrunds, eine Beschreibung der Geschichte der Schule, der Schüler und ihrer Unterstützer in der jeweiligen Phase und eine Beschreibung eines Besuchs des Autors an einem für die Geschichte relevanten Ort.

Während die Beschreibung der Geschichte der Schule das Herzstück der Sektionen ausmacht, muss Demos doch große Bewunderung für die Einführungskapitel gezollt werden. Auf nur zehn bis fünfzehn Seiten umreißt er die Globalisierung der Wirtschaft der USA nach der Revolution (9–15), den Zusammenhang von Mission und Millenialismus (57–65), die Geschichte gemischter Ehen zwischen „weißen“ Siedlern und Native Americans (129–142), und die Geschichte der Anfänge der Vertreibung der Native Americans von ihren angestammten Territorien (209–218). Auch wenn sich einige Defizite in der Schwerpunktsetzung dieser einleitenden Kapitel zeigen (s. u.), muss dem Autor doch Respekt gezollt werden, wie er in wenigen Zeilen eine Basis für die nachfolgenden Kapitel schafft.

Auf diese einführenden Seiten folgen die Kapitel zur Geschichte der Schule. Zunächst macht Demos uns mit den Anfängen der Schule und mit ihrem berühmtesten Schüler, dem Hawaiianer Obookiah, vertraut. Dessen Schicksal wird Ausgangspunkt und Gründungsgrund für die „Heathen School“ – ein Baustein, so der millenialistische Glaube der Zeit, in der Bekehrung der „heidnischen Stämme“ und der Herbeiführung der Wiederkunft Christi (16–43). Der zweite Teil befasst sich mit der Hochphase der Schule. Hier ist die Zustimmung zur Missionierung der „heidnischen Stämme“ auf amerikanischem Boden am größten, die Schule von Skandalen noch unbefleckt und die Energie und der Idealismus der Gründer und Unterstützer auf ihrem Höhepunkt. Erste Absolventen der Schule werden nach Hawaii entsandt, um dort ihre missionarische Arbeit zu tun. Das Projekt scheint ein Erfolg (66–118). Das dritte Kapitel zeichnet den Niedergang der öffentlichen Zustimmung und damit auch der von Spenden abhängigen Schule nach. Die Heirat zweier Schüler mit Frauen aus dem Ort wird zum Skandal. Rassistische Theorien, die an der Fähigkeit anderer „Rassen“ zu Bildung und Glauben zweifeln, gewinnen an Boden und die Schulleitung vor Ort scheitert an den disziplinarischen und pädagogischen Aufgaben, die sie sich selbst gesetzt hat (129–142). Das letzte Kapitel befasst sich zum einen mit dem endgültigen Niedergang der Schule und zum anderen mit dem Schicksal zweier Schüler der Cherokee Nation, die zu Anführern ihres Volkes und wichtigen politischen Verhandlungspartner der Regierung in Washington im Zuge der Umsiedlungsprogramme der Native Americans in den1830ern wurden (219–265).

Welch intensivem Quellenstudium dieses Buch zu verdanken ist, zeigt ein Blick in die Fußnoten. Demos wohnt nur 40 Meilen entfernt von Cornwall, CT, dem Ort des Geschehens. Der Weg in die Archive war daher für den emeritierten Professor der ebenfalls in Connecticut befindlichen Yale University nicht weit und er hat die Bestände intensiv genutzt. Während die Einführungskapitel auf die breite Forschungsliteratur der Periode verweisen, kommen die Kapitel zur Geschichte der Schule, ihrer Schüler und Unterstützer fast ohne Sekundärliteratur aus und stützen sich auf einen breiten Fundus von Korrespondenzen, Publikationen und Unterlagen der Schulverwaltung, die augenscheinlich erstmals einer historischen Analyse unterzogen wurden.

Die drei ersten Sektionen enden mit der Beschreibung einer Reise des Autors zu einem für die Geschichte der Schule zentralen Orts: nach Hawaii, nach Cornwall, C.T. und auf das Gebiet der Cherokee Nation. Diese Kapitel sind in der ersten Person erzählt, der Leser reist quasi mit Demos über gewundene Straßen auf Hawaii auf den Spuren des Schülers Obookiah (44–56), durchfährt die flachen Landschaften der ehemaligen Einflussgebiete der Cherokee, einer der Native American Tribes, die Schüler nach Cornwall entsandten (196-208) und steht mit ihm vor dem Wohnhaus des Schulleiters der „Heathen School“ in Cornwall, CT (119–128). Gerade für europäische Leser wandelt Demos mit diesen Beschreibungen nahe an der Grenze zum Kitsch, doch schafft er es, durch die stark personalisierte Beschreibung, dem Leser den Sinn dieser Reisen zu vermitteln: eine Suche nach Verständnis, eine Annäherung an die geographische wie kulturelle Distanz, die Schüler und Lehrer der „Heathen School“ im Umgang mit dem jeweils anderen zurückzulegen hatten.

Demos ist ein Historiker, der Geschichte als Geschichten erzählt und es darin zu großer Meisterschaft gebracht hat. Am Ende der Lektüre seines Buches hat man die Hawaianer Obookiah und Tamoree, die Cherokee John Ridge und Elias Boudinot und ihre Frauen Harriet Ruggles Gold und Sarah Northrup ebenso lebhaft und detailreich vor Augen, wie die Häuser, in denen sie lebten und die Straßen, über die sie gingen. Er nutzt die Vielstimmigkeit seiner Quellen wie literarische Kniffe, wechselt von historischer Analyse zu Tagebucheinträgen und offiziellen Dokumenten, wie Romanautoren von auktorialer zu personaler Erzählweise. Nie entsteht ein Bruch im Lesevergnügen, nie holpert es im Übergang von einem zum anderen.

Schon in den ersten Zeilen des Buches setzt er literarische Techniken ein, um Spannungsbögen zu bauen, die den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile des Buches tragen. In nur zehn Zeilen zitiert er den Bericht eines Bekannten zur „Heathen School“: die großen Hoffnungen; die ersten schnellen Erfolge; die Skandale; die Vorbilder und Anführer, die dieser Schule entspringen; Scheitern und Tod (3f). Der Leser weiß nun, was kommt und will doch so viel mehr wissen und die Lücken, die diese zehn Zeilen aufgetan haben, durch die Lektüre des Buches füllen.

Der Sprachstil des Buches erinnert an Twain und Melville, und wie bewusst sich Demos dieser Vorbilder, der Aneignung des Sprachstils und der Erzeugung von Erzählatmosphäre ist, zeigt sich im wahrsten Sinne bis zur letzten Seite des Buches. Hier findet sich eine Anmerkung zur verwendeten Type. Die Schriftart „Minion“, heißt es hier, „combines the classic characteristics of old-style faces with the full complement of weights required for modern typesetting.“

Diese Art Geschichte zu schreiben bringt jedoch auch Beschränkungen mit sich. Demos ist so fasziniert von seinen Protagonisten und dem Projekt der „Heathen School“, dass er der Analyse und historischen Einordnung ihrer Situation oftmals nicht ausreichend Raum gibt. So schwebt die Frage nach der Spielart des American Exceptionalism in dieser Zeit, der Nutzbarmachung dieses Konzept durch die Befürworter und Gegner der Missionierung und den Konsequenzen für die zu Missionierenden über allem. Demos streift dies jedoch nur. Er verweist auf die aus seiner Sicht weitgehend positive moralische und politische Führungsrolle der USA und auf den „extraordinary three-way encounter“ zwischen Native Americans, Europäern und Afrikanern (5). An dieser Stelle schreibt er weiter: „And this was only the beginning. The magnetic force of our national project has continued to draw into our midst people of every stripe and condition.“ Eine kritische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des American Exceptionalism fehlt weitgehend – auch eine Einordnung der unterschiedlichen Einwanderungsgründe bleibt er schuldig, selbst im Falle der African-Americans, deren Präsenz auf amerikanischem Boden dem Sklavenhandel geschuldet ist und die die „magnetic force“ der USA auf ganz andere Weise zu spüren bekamen. Auch in den Fußnoten ist der Verweis auf Forschungsergebnisse zu diesem Thema spärlich und lückenhaft (4–5, 57–66, 271).

Ähnlich verhält es sich mit seiner Behandlung der Geschichte der Native Americans und der Besiedlung und Kolonialisierung Hawaiis. Die Vertreibungen und Verfolgungen dieser Zeit bleiben nicht unerwähnt, werden aber nur gestreift, in die Fußnoten verbannt oder – und dies ist einem derartig literarisch versierten Autor nicht zu verzeihen – in den ersten drei Sektionen im Wortsinne in Klammern verbannt (z. B.: 67, 132–134, 137f), in einen „Afterthought“, einen in Klammern eingefügten Kommentar. Demos verwendet dieses Stilmittel auch an anderer Stelle, um Quellen zu kommentieren und zu ergänzen. Bei diesem fundamental bedeutsamen Thema bekommt diese Vorgehensweise jedoch einen schalen Beigeschmack. In der letzten Sektion berichtete Demos etwas ausführlicher vom „Trail of Tears“, dem Prozess der Vertreibung der Cherokee Nation (253f). Derartigen Verweisen auf das durch Siedlungsentwicklungen und missionarische Maßnahmen hervorgerufene Leid hätte der Autor auch in den vorangegangenen Kapiteln Raum geben sollen. Diese analytischen und inhaltlichen Lücken lassen den Leser ratlos zurück.

Trotz dieser Einschränkungen ist „The Heathen School“ ein sehr empfehlenswertes Buch und eine Geschichte, die zu erzählen lohnt. Zeigt sie doch an einem kleinen Beispiel in einer ebenso kleinen Stadt in Connecticut den Anspruch des American Exceptionialism, mit immer wieder neuen und mit großer Vehemenz verkündeten Methoden, Ansichten und gerade auch pädagogischen Mitteln die Welt zu retten, in seiner frühen Ausprägung.
Anne Overbeck (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Overbeck: Rezension von: Demos, John: The Heathen School, A Story of Hope and Betrayal in the Age of the Early Republic. New York / NY: Vintage Books 2014. In: EWR 14 (2015), Nr. 3 (Veröffentlicht am 11.06.2015), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978067978112.html