EWR 10 (2011), Nr. 5 (September/Oktober)

Promotionskolleg Kinder und Kindheiten im Spannungsfeld gesellschaftlicher Modernisierung (Hrsg.)
Kindheitsbilder und die Akteure generationaler Arrangements
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
(172 S.; ISBN 978-3- 5311-7691-8; 29,95 EUR)
Kindheitsbilder und die Akteure generationaler Arrangements Der sozialwissenschaftliche Blick betrachtet seit Beginn der 1990er Jahre das Kind als kompetenten Akteur und interessiert sich für kindliche Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster. Kinder sind zunehmend als eigene gesellschaftliche Gruppe im Fokus sozialwissenschaftlicher Forschung und durch die Unterscheidung zwischen Kindern und Kindheit werden im Rahmen des theoretischen Konzepts von Kindheit Formen sozialer und generationaler Ordnung generiert, die untersuchen, „was Kinder zu Kindern macht“ [1], d.h. wie sich über Strukturmerkmale der gesellschaftlichen Verhältnisse Vorstellungen von Kindern und von Kindheit relational herstellen. Diese gesellschaftlich erzeugten Deutungen von Kindern und Kindheiten sind Gegenstand kindheitstheoretischer Diskurse.

Der vorliegende Band enthält neun Beiträge und ist entstanden im Promotionskolleg „Kinder und Kindheit im Spannungsfeld gesellschaftlicher Modernisierungen. Normative Muster und Lebenslagen, sozialpädagogische und sozialpolitische Interventionen mit den Forschungsschwerpunkten Partizipation von Kindern, Kinderrechte und Kinderpolitik. Bildung in früher Kindheit und Institutionalisierung von Kindern“ der Bergischen Universität Wuppertal und der Universität Kassel. Die vorgestellten Forschungsprojekte sind in ihren thematischen Bezügen und ihren methodisch-methodologischen Zugängen sehr verschieden angelegt. Als gemeinsames Element wird beansprucht, „empirische Analysen mit differenztheoretischen Annahmen der generationalen Ordnung und wissenssoziologische Debatten um eine neue Kinder- und Kindheitsforschung“ zu verbinden (13).

Im ersten Beitrag untersucht A. Hein über die Wissenssoziologische Diskursanalyse nach R. Keller die Wissensbestände der neuen soziologischen Kindheitsforschung. Dabei stellt sie die Frage nach den gesellschaftlichen und vor allem politischen Einbettungen dieses Wissens (30). Die Autorin vergleicht in ihrer Argumentationslinie die Wissensordnung der neuen Kindheitsforschung mit der Diskursivierung der wohlfahrtsstaatlichen Verfasstheit, um die Korrelation zwischen der wohlfahrtsstaatlichen Ordnung und Ökonomie und dem „Spezialdiskurs“ der neuen Kindheitsforschung über Kinder und Kindheit zu belegen. Aufgrund des Charakters des Aufsatzes als Beitrag in einem Sammelband ist der Autorin voll zuzustimmen, dass die Darstellung zur wohlfahrtsstaatlichen Ordnung etwas zu holzschnittartig geraten ist (26), um die Argumentation im Text ausreichend unterrichtet nachzuvollziehen. Vielmehr kann es eher um erste Einblicke gehen.

Im nächsten Beitrag geht R. Fürstenau der Frage nach, wie sich in Kinderäußerungen durch Bezugnahme auf den Entwicklungsgedanken die generationale Ordnung herstellt. Der Ausgangspunkt ihrer empirischen Untersuchung, Kindheit als Entwicklungskindheit zu interpretieren, manifestiert sich im Stimulus einer Gruppendiskussion mit Kindern einer dritten und vierten Klasse in der Eingangsfrage: „Was sind das denn so für Sachen, die ihr lernt, wo ihr sagt, dass die ganz wichtig für euch sind?“ Es zeigt sich in ihren bisherigen Ergebnissen, dass die befragten Kinder ihre eigene Entwicklung im Spannungsfeld von normativ festgelegten Rollenerwartungen zwischen Herkunft und Zukunft entlang einer generationalen Ordnung verorten. Weiterhin scheinen kindliche Auffassungen von Entwicklung aus dem bisher vorliegenden Material milieuabhängig. Insofern darf man auf die kontrastierenden Fallbeispiele gespannt sein, die im Rahmen des weiteren Dissertationsverfahrens durch R. Fürstenau aufgeschlossen werden und die die bisher eher theoretisch ausgerichtete Debatte um Kinder und Kindheiten empirisch unterlegen werden.

Im Beitrag von S. Schutter wird – anhand eines Bundesverfassungsurteils zu „heimlichen Vaterschaftstests“ – die Materialität von Kindheit untersucht und der Zusammenhang zwischen Abstammung und Identität eines Menschen diskutiert. Aus der Perspektive der konstruktivistischen Geschlechtersoziologie analysiert die Autorin das Begründungsmuster einer gerichtlichen Entscheidungspraxis. Darin verliert das Kind als genetische „Teilkopie“ seine Handlungsfunktion (67) und wird zum Bezugspunkt väterlicher Identitätsfindung.

A. Bandt geht in ihrem Beitrag der Thematisierung von politischem Bewusstsein bei Grundschulkindern nach. Ausgehend von der These, dass Kinder im Grundschulalter bereits politisch orientiert sind und sich zur Gesellschaft verhalten, untersucht sie die Konstitutionsbedingungen kindlicher Subjektivität. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand räumt die Autorin dem Schuleintritt des Kindes mit dem Bezug auf Leontjew eine besondere Bedeutung für die Subjektentwicklung ein (80), da hiermit „die Rahmenbedingungen der kindlichen Entwicklung als Schulanfänger über den privaten Familienzusammenhang hinausgehen“ (81). Hier ist m.E. jedoch ebenfalls zu reflektieren, inwieweit unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels und der damit verbundenen zunehmenden Anerkennung frühkindlicher Bildungsprozesse im Rahmen öffentlicher Erziehung für bereits unter Dreijährige und eines boomenden kommerziellen Bildungssektors, Schule es tatsächlich (noch) vermag, Kindern „vielleicht erstmals das Gefühl (zu geben – Einschub S.O.), mit einer ernsthaften Sache beschäftigt zu sein“ (80).

D. Zito bereichert die gegenwärtige sozialwissenschaftliche Debatte um Kind- und Kindheitsbilder mit einem Beitrag zum Phänomen der Kindersoldaten. Die Autorin verdeutlicht über eine gesellschaftskritische Beschreibung die Aktualität des Phänomens als Gegenentwurf zu kulturell geprägten Kindheitsvorstellungen eines Bildungsmoratoriums westlichen Zuschnitts. Die Autorin rückt den Einsatz von Kindersoldaten in einen größeren politischen Kontext und arbeitet unter Berücksichtigung struktureller Faktoren heraus, dass Kindersoldaten nicht als Opfer gesellschaftlicher Zustände zu sehen sind, sondern als Akteure. Insofern kann sie zeigen, dass eine kinderrechtsorientierte Politik zum einen an gesellschaftlichen Strukturen ansetzen muss, um zum anderen Kinder als Subjekte anzuerkennen, die ihre Gesellschaft mitgestalten.

Ch. Piontek fragt im Rahmen eines qualitativen Forschungsdesigns, „wie Kinder aus (Nach-) Trennungs- und Scheidungsfamilien ihre Mobilität zwischen den Eltern oder anderen Sorgeberechtigten erfahren und bewältigen“ (106). Dazu interpretiert er formal- und inhaltsanalytisch eine Sequenz aus dem Transkriptionsmaterial eines Fallbeispiels. Die Transparenz seines interpretativen Vorgehens im Auswertungsverfahren kann hier für diejenigen Leser/innen von Interesse sein, die ähnliche empirisch angelegte Forschungs- bzw. Qualifikationsvorhaben verwirklichen. Im Fallbeispiel verdeutlicht sich als ein Ergebnis seiner Arbeit das Dilemma des mobilen Kindes, da es im Sinne eines normativen Bildes von Familie gleichzeitig immer auch beim abwesenden Elternteil sein will (117).

G. Voigts wendet sich einem bisher unzureichend beleuchteten Feld der Sozialwissenschaft zu – den Jugendverbänden als dem entscheidenden Akteur in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Autorin untersucht quantitativ und qualitativ die Alterskonstruktion in der Arbeit mit Kindern. Im Beitrag stellt sie als erste Ergebnisse ihrer Untersuchung vor, dass sich drei Typen von Verbandsmustern zum Umgang mit Altersdefinitionen aufzeigen lassen und dass der Zugang zu den Zielgruppen in der Arbeit mit den Kindern in der Verbandsarbeit auf unterschiedliche Ebenen immer wieder neu verhandelt wird und auch werden muss (136).

I. Hutschenreuter arbeitet in ihrem Forschungsvorhaben das Kinderbild heraus, welches die Aushandlungsprozesse zwischen Kindern und Erwachsenen im Kontext einer Sitzung des Schülerparlaments in einer Grundschule bestimmt (141). Damit beleuchtet sie ebenfalls eine weitgehend empirische Leerstelle im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschung. I. Hutschenreuter zeigt auf der Grundlage eines ethnografischen Protokolls die strukturierende Funktion des Bildes vom potentiell gefährlichen Kind, welche es den Kindern im Setting des Schülerparlaments erschwert, in Aushandlungsprozesse mit Erwachsenen zu treten (154). Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, dass Partizipationsprozesse in der Schule nicht losgelöst von den durch schulische Ordnung strukturierten Settings gedacht werden können.

Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von B. Lochner, die in ihrer Untersuchung die Qualifikation der Mitarbeiter/innen in Kindertagesstätten in den Zusammenhang zu den Strukturmerkmalen der Einrichtung und den Anforderungen in der konkreten Praxis setzt. Mit ihrem Forschungsvorhaben reagiert sie auf die Problematik unterschiedlicher Qualifizierungsniveaus in der kindheitspädagogischen Praxis, welche sich aufgrund von gegenwärtig drei parallelen Ausbildungsniveaus (Hochschul-, Fachschul-und Berufsfachschulniveau) und eines gleichzeitigen bevorstehenden Fachkräftemangels unter der Bedingung eines Kostendrucks für die Träger zukünftig noch verschärfen wird. Über die Darstellung des Forschungsstandes verdeutlicht sie den Nachholbedarf der Forschung, berufliche Praxis differenzierter zu betrachten und die bisher weitgehende Vernachlässigung der Kinderperspektive einzuholen (168f).

Der Band richtet sich an Promovierende, Studierende und Lehrende und ermöglicht ein in weiten Teilen aufschlussreiches und anregendes Bild verschieden angelegter aktueller Forschungsprojekte der Kinder- und Kindheitsforschung von Nachwuchswissenschaftler/innen. Ein etwas sorgfältigeres Lektorat hätte einigen Beiträgen sicher gut getan, um durch Vermeidung von Tippfehlern den Leser/innen die Lektüre zu erleichtern.

Insgesamt verschaffen die Autor/innen dem/der Leser/in einen schnellen Einstieg in ihre Forschungsvorhaben. Sie verdeutlichen innerhalb der Ergebnisvorstellungen den eigenen Beitrag und den weiteren Forschungsbedarf zu den Konstruktionen vom Kind und von Kindheit im Rahmen generationaler Arrangements. Insgesamt regt der Band zum Weiterlesen und Diskutieren an und liefert Ansatzpunkte, um über eigene (geplante oder laufende) Forschungsvorhaben inspiriert nachzudenken. Abschließend ist der Band als lesenswert einzuschätzen. Einige Beiträge eignen sich als Readertexte für Lehrveranstaltungen zur Kinder- und Kindheitsforschung sowie als Diskussionsanregungen in Forschungswerkstätten sowie Colloquien.

[1] Honig, M.-S.: Das Kind in der Kindheitsforschung. Gegenstandskonstitution in den Childhood Studies. In: Honig, M.-S. (Hrsg.): Ordnungen der Kindheit. Problemstellungen und Perspektiven der Kindheitsforschung. Weinheim/München: Juventa 2009, 25-51.
Sylvia Oehlmann (Hildesheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sylvia Oehlmann: Rezension von: Modernisierung, Promotionskolleg Kinder und Kindheiten im Spannungsfeld gesellschaftlicher (Hg.): Kindheitsbilder und die Akteure generationaler Arrangements. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011. In: EWR 10 (2011), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/9783+53117691.html