EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Hans-Ulrich Grunder (Hrsg.)
Dynamiken von Integration und Ausschluss in der Schweiz
Zürich: Seismo 2009
(260 S.; ISBN 978-3-03777-076-4; 26,00 EUR)
Dynamiken von Integration und Ausschluss in der Schweiz Die gesellschaftliche Integration von Menschen stellt gewissermaßen die unhintergehbare Bedingung moderner Vergesellschaftungsprozesse dar: Was die Gesellschaft in ihrem Innersten zusammenhält, beschäftigt Sozial- wie Geisteswissenschaftler und mit dieser Thematik geht die Auseinandersetzung um Prozesse der Ausgrenzung von sozialer wie politischer Teilhabe einher. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um sozialstaatliche Transformationen und sozialpolitische Aktivierungsstrategien ist die Intention des vorliegenden Buches wichtiger denn je: Der Band liefert den „Versuch einer Synthese“ (9) der unterschiedlichen Forschungsprojekte im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP51 des Schweizer Nationalfonds und versucht deren Ergebnisse gleichsam in einem umfassenden theoretischen Interpretationsrahmen zu verorten.

Michel Vuille verweist im Vorwort auf den theoretischen Rahmen, welcher dem Programm zugrunde gelegt wird: „Jede Gesellschaft schafft kontinuierlich Integration und Ausschluss“ (9). Diese Prämisse ist gleichzeitig eines der dargestellten Hauptresultate, nämlich dass jedes normative gesellschaftliche System gleichzeitig Integration und Ausschluss verursacht. Die beiden Begriffe sollen damit nicht vorgängig definiert, sondern vielmehr in ihrer interdependenten Beziehung aufrechterhalten und für die unterschiedlichen Forschungsprojekte fruchtbar gemacht werden. Hans-Ulrich Grunder, Herausgeber des Buches und Präsident der Leitungsgruppe des NFP51, stellt in der Einleitung einen theoretischen Rahmen dar, indem er das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft innerhalb eines doppelseitigen Lernprozesses einbettet: Hierbei wird unterschieden in Sozialisations-, Enkulturations- und Personalisationsprozesse (20). Damit wird der Auseinandersetzung um Integration und Ausschluss eine pädagogisierende Theorieperspektive unterlegt, welche auch im Folgenden prägend bleibt.

Das Buch ist in vier Teile strukturiert, in dem erstens Michel Vuille die Ergebnisse der Forschungsprojekte entsprechend der knappen Platzverhältnisse darstellt und sodann eine theoretische Interpretationsfolie liefert. Der zweite Teil umfasst die knapp gehaltene exemplarische Darstellung von Forschungsprojekten, eine Diskussion des Integrationsbegriffs und die Verortung der vorgestellten Projekte innerhalb dieser Überlegungen. Der bilanzierende dritte Teil stellt seitens Hans-Ulrich Grunder und der wissenschaftlichen Projektmitarbeiterin Laura von Mandach die Erträge aus den Projekten dar und in einem Beitrag von Martine Brunschwig Graf wird auf den möglichen politischen Beitrag für die Integration in der Schweiz hingewiesen. Der vierte Teil befasst sich mittels zweier Beträge von Walter Leimgruber und Ruth Dreifuss mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Forschung und Politik.

Der von Michel Vuille herausgearbeitete „Versuch einer Interpretation“ (57) umfasst unterschiedliche theoretische Bezüge, in welchen die Schwerpunkte der Projekte angesiedelt und plausibilisiert werden: Integration und Ausschluss wird um die Kategorie des „Dazwischen-Seins“ erweitert und damit wird verdeutlicht, „dass es sich um ein normatives Spannungsfeld handelt, mit dem der Einzelne – wenigstens für eine gewisse Zeitspanne – konfrontiert ist“ (59). Als zweite theoretische Referenz wird Axel Honneths Anerkennungsparadigma als Grundlegung menschlicher Beziehungen und Konflikte gelegt. Soziale Bindung wird drittens bezüglich der Legitimation von Diskursen, auf der Ebene von Institutionen und der betroffenen Personen differenziert (61f.). Die von Robert Castel ausgeführte Individualisierung der Ungleichheit wird viertens ins Feld geführt. Die Verknüpfung dieser unterschiedlichen theoretischen Referenzen bleibt unklar, wie auch die nachfolgende Synthese der Projekte nicht systematisch vor dem Hintergrund der dargestellten Theorien geleistet wird. So wirkt dieses zentrale Kapitel des Buches letztlich etwas unabgeschlossen.

Dieter Thomä stellt als Außenstehender das Programm und die einzelnen Projekte ins Licht einer allgemeinen Theorie und liefert damit eine – wenn auch streitbare – theoretische Einbettung in den wissenschaftlichen Diskurs: Eine Gewichtung der horizontalen Differenzierung entlang der beispielhaften Kriterien Zentrum / Rand oder innen / aussen wird der vertikalen und entsprechend klassen- oder schichttheoretisch orientierten Differenzierung gegenübergestellt und mit dem Anspruch versehen, sich damit analytisch von gesellschaftlichen Homogenitätsvorstellungen zu verabschieden. Damit geraten aber gerade die Unterdrückungsprozesse aus dem Blick, respektive die zunehmende soziale Ungleichheit als deren Ursprung.

Carlo Knöpfel kritisiert eine zu ungenaue Verwendung des Integrationsbegriffs und liefert mit der Differenzierung in vier Formen des Zusammenlebens des Philosophen Hans Saner eine theoretische Grundlage, vor deren Hintergrund die vorgängig vorgestellten Projekte von Christian Imdorf, Anne Juhasz und Jakob Tanner eingebettet werden. Die dabei angewendete Differenzierung in Assimilation, Integration, Insertion und Koexistenz (150) geht von einer Kontinuität der Unterscheidung zwischen „wir“ und den „anderen“ aus, ohne hingegen die gesellschaftliche Bedingtheit dieser Differenzierung systematisch einzubeziehen.

Hans-Ulrich Grunder und Laura von Mandach setzen sich mit den Erträgen aus dem Programm auseinander. Interessant ist hierbei das Ergebnis zur Problematik, wenn Arbeit nicht mehr integriert, die ArbeitnehmerInnen aber an den prekären Arbeitsverhältnissen festhalten (165). Es scheint allerdings bei diesen Analysen in erster Linie von Arbeit als Lohnarbeit ausgegangen zu werden. Irritierend sind die Kurzfazite, welche jeweils am Ende der Unterkapitel formuliert werden und in denen eine Mischung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Forderungen zum Ausdruck kommt.

Martine Brunschwig Graf fordert in ihrem Beitrag die Programmverantwortlichen auf, das Programm nicht als abgeschlossen zu betrachten, sondern sich vielmehr mit der politischen Implementierung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auseinandersetzen.

Walter Leimgruber weist auf die Widersprüchlichkeit zwischen der aktuellen Wissenschaftspolitik hin, welche Forschung vor allem hinsichtlich der wissenschaftlichen Karriere innerhalb eines eingeschränkten Fachgebiets gewichtet, und der vorliegenden Forschung im Rahmen eines Programms, welche auch die Vermittlung von Resultaten gegenüber Politik und Öffentlichkeit beinhaltet.

Ruth Dreifuss, ehemalige Bundesrätin und Initiatorin des NFP51, formuliert in ihrem Beitrag dahingehend politische Erwartungen an die Forschung, dass das Forschungsprogramm erlebte oder vermutete Probleme zu identifizieren, zu analysieren und letztlich Lösungswege vorzuschlagen habe (197). Mit der Betonung des ambivalenten Charakters von Integration und der damit verbundenen Kritik an Sozialpolitikern wird der Artikel seitens der Autorin abgeschlossen.

Es lässt sich festhalten, dass das vorliegende Buch interessante und vielseitige Einblicke in den Stand der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung in der Schweiz ermöglicht. Mit der theoretischen Herangehensweise des Dazwischen-Seins und der Ambivalenz von Integration wird der Boden für eine Ideologiekritik an der Integrationsdebatte gelegt, indem darauf hingewiesen wird, dass „wohlgemeinte“ Integration systematische Benachteiligung und Diskriminierung zur Folge haben kann – wie das Beispiel der „Kinder der Landstrasse“ verdeutlicht.

Kritisch anzumerken ist, dass das Buch durchgehend versucht zwei Ansprüchen zu genügen: Einerseits soll es ein Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte sein, andererseits sollen politische Forderungen formuliert werden, wie das in den Beiträgen der politischen Exponenten expliziert wird. Dieser schwer zu leistende Spagat schlägt sich letztlich in einer fehlenden theoretischen Konsistenz der Argumentation nieder. Damit vermag der Text seinem eigenen Anspruch, einen umfassenden theoretischen Interpretationsrahmen zu liefern, nicht vollumfänglich gerecht zu werden.

Zu fragen wäre im Weiteren, ob nicht gerade eine an Klasse oder Schicht orientierte gesellschaftheoretische Bezugnahme einen derartigen Interpretationsrahmen ermöglicht hätte. Entsprechend müsste soziale Ungleichheit und der Ausschluss bestimmter Personen wieder verstärkt als Diskriminierung und systematische Benachteiligung vor dem Hintergrund von Machtprozessen betrachtet werden. Ausschluss von politischer und sozialer Teilhabe könnte entsprechend als Verhinderung direktdemokratischer Prozesse und als Reduktion der Möglichkeiten politischer Bestimmung und Einflussnahme gedeutet werden. In diesem Zusammenhang ließe sich Integration nicht nur als Frage des menschlichen Zusammenlebens (150), sondern vielmehr im Kontext der allgemeinen Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen diskutieren.
Tobias Studer (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tobias Studer: Rezension von: Grunder, Hans-Ulrich (Hg.): Dynamiken von Integration und Ausschluss in der Schweiz. Zürich: Seismo 26,0. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978303777076.html